Anna hielt den Hörer noch immer ans Ohr, obwohl längst nur noch das monotone Freizeichen zu hören war. Maries Stimme hatte kaum zwei Sekunden durch die Leitung gedrungen, doch sie war unverkennbar gewesen. Nicht ruhig. Nicht freiwillig. „Anna! Glaub ihm nicht!“ Danach nichts mehr.
Ihre Anwältin reagierte zuerst. Sie nahm Annas Handy, auf dem die Aufnahme noch lief, speicherte die Datei und rief die Polizei zurück. Viktoria stand wie erstarrt neben dem Tisch.
„Er lebt“, flüsterte sie.
Anna drehte sich zu ihr. „Sie wussten es.“
„Nein.“
„Hören Sie auf.“
„Ich schwöre es.“
„Sie haben zwölf Jahre lang zugesehen, wie Alexander mich behandelt hat. Sie haben Reinhardt unter Druck gesetzt. Sie haben David verschwiegen. Und jetzt soll ich glauben, dass Sie ausgerechnet von Konrad nichts wussten?“
Viktoria sank auf einen Stuhl.
„Ich wusste, dass er nach seinem Verschwinden noch einige Jahre gelebt hat.“
Anna lachte fassungslos.
„Das nennen Sie nichts wissen?“
„Vor sieben Jahren kam ein Brief. Ohne Absender. Nur ein Satz in seiner Handschrift: Lass die Vergangenheit begraben.“
„Und Sie haben niemandem davon erzählt.“
„Ich hatte Angst.“
„Ihre Angst hat andere Menschen bezahlt.“
Viktoria hob den Blick. Der Satz traf sie sichtbar.
„Ja.“
Zum ersten Mal versuchte sie nicht, sich zu verteidigen.
Noch am Abend wurde die Aufnahme an die Ermittlungsbehörden übergeben. Die Telefonnummer des Festnetzanrufs war unterdrückt gewesen, doch die Polizei begann mit der technischen Auswertung. Die Metallkassette, Fotos und Briefe wurden sichergestellt.
Anna fuhr zurück nach Neukölln.
Elias und Jonas schliefen bereits.
Sie setzte sich zwischen ihre Betten und betrachtete sie lange. Dasselbe dunkle Haar. Unterschiedliche Gesichtszüge. Elias schmaler, Jonas mit dem kleinen Grübchen am Kinn, das Anna immer Alexander zugeschrieben hatte.
Plötzlich hasste sie sich dafür, überhaupt nach Ähnlichkeiten zu suchen.
Sie waren ihre Söhne.
Das war die einzige Wahrheit, die Konrad ihr nicht nehmen durfte.
Am nächsten Morgen kam der Anruf um 6:43 Uhr.
„Frau Keller? Kriminalhauptkommissarin Brandt.“
Anna setzte sich sofort auf.
„Marie?“
„Wir haben vermutlich den Ort identifiziert, von dem der Anruf kam.“
„Wo?“
„Eine ehemalige Privatklinik außerhalb Berlins.“
Anna schloss die Augen.
Natürlich.
„Ist Marie dort?“
„Das wissen wir noch nicht.“
„Und Konrad?“
„Bitte bleiben Sie mit Ihren Kindern an einem sicheren Ort.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
„Mehr kann ich Ihnen derzeit nicht sagen.“
Gegen zehn Uhr kam ihre Anwältin. Sie brachte eine weitere Nachricht mit.
Das Labor hatte auf gerichtliche Anfrage reagiert.
Es existierten noch Archivdaten zu Probe A und Probe B.
Anna konnte kaum sprechen.
„Welche gehört zu welchem Kind?“
„Das Labor hat die ursprüngliche Zuordnung nicht. Aber es gibt Ergebnisse.“
Sie legte zwei Seiten auf den Tisch.
„Beide Proben stammen genetisch von Ihnen.“
Anna nickte langsam.
„Und väterlicherseits?“
Die Anwältin zögerte.
„Die Profile unterscheiden sich.“
Anna starrte sie an.
„Was bedeutet das?“
„Dass die Proben nicht denselben biologischen Vater haben können.“
Stille.
Aus dem Kinderzimmer hörte man Jonas lachen. Elias sagte irgendetwas, dann fiel offenbar ein Spielzeug auf den Boden.
Anna blickte zur Tür.
„Zwillinge können verschiedene Väter haben?“
„Sehr selten, aber biologisch möglich“, sagte ihre Anwältin vorsichtig. „Allerdings erklärt das hier noch nicht, wie oder warum es passiert ist.“
Anna dachte an Konrads Satz.
Bevor sie deine Kinder waren.
„Alexander wusste es.“
„Vielleicht einen Teil.“
„David schrieb, Alexander habe nur das Ergebnis erhalten.“
Sie stand auf.
„Also wusste Alexander, dass einer der Jungen nicht sein biologischer Sohn ist.“
Die Anwältin sagte nichts.
Anna verstand plötzlich etwas anderes.
„Deshalb nur Elias.“
„Was?“
„Der Test vom 17. Februar. Alexander wusste bereits, was bei Jonas herauskommen würde. Also musste nur Elias erneut getestet werden.“
„Das wäre eine mögliche Erklärung.“
Anna dachte an neun Jahre zurück.
Alexander hatte beide Jungen äußerlich gleich behandelt. Zumindest hatte sie das geglaubt.
Aber kleine Dinge tauchten auf.
Alexander nahm Jonas häufiger mit zu Geschäftsterminen.
Elias sollte „härter“ werden.
Wenn Elias weinte, wurde Alexander besonders kalt.
Damals hatte Anna es für unterschiedliche Temperamente gehalten.
Jetzt fühlten sich diese Erinnerungen vergiftet an.
Ihr Telefon klingelte.
Alexander.
Sie wollte wegdrücken.
Dann nahm sie ab.
„Was?“
„Die Polizei war bei mir.“
„Gut.“
„Anna, du musst aufhören.“
„Nein.“
„Konrad ist gefährlich.“
„Und trotzdem hast du neun Jahre lang getan, was er wollte.“
Stille.
„Nicht alles.“
„Wessen Sohn ist Elias?“
Alexander atmete hörbar ein.
„Ich weiß es nicht.“
Anna schloss die Augen.
Sie hatte eine Lüge erwartet.
Doch seine Antwort klang erschreckend echt.
„Und Jonas?“
Lange Pause.
„Meiner.“
Anna musste sich setzen.
„Du wusstest es.“
„Seit ihrer Geburt.“
„Und du hast mir nichts gesagt.“
„Was hätte ich sagen sollen? Dass mein Vater während deiner Schwangerschaft Proben untersucht hatte und behauptete, eines der Kinder sei genetisch nicht meines?“
„Du hättest die Wahrheit sagen sollen!“
„Ich wusste nicht, was die Wahrheit war.“
„Aber du hast Elias heimlich testen lassen.“
„Weil ich etwas gefunden hatte.“
Anna verstummte.
„Was?“
„Davids alte Laborunterlagen.“
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
„Und?“
„Es gab eine mögliche Übereinstimmung.“
„Mit David?“
„Ja.“
Anna bekam kaum Luft.
„Dann ist Elias Davids Sohn.“
„Nein.“
Alexander sagte es sofort.
„Der Test vom Februar hat David ausgeschlossen.“
Alles hielt an.
„Was?“
„Elias ist nicht Davids Sohn.“
Anna verstand plötzlich Konrads Worte.
Keiner meiner Söhne ist die Frage.
„Wer dann?“
Alexander schwieg.
„Alexander!“
„Genau deshalb habe ich versucht, das Ergebnis löschen zu lassen.“
„Wer ist Elias’ Vater?“
„Das Labor meldete eine Verwandtschaft mit der Hartmann-Linie. Aber nicht zu mir und nicht zu David.“
Anna stand regungslos.
Es gab nur noch einen Namen.
„Konrad.“
Alexander antwortete nicht.
Das Schweigen genügte.
Anna wurde übel.
„Nein.“
„Ich weiß nicht, wie das möglich sein soll.“
„Du weißt genau, wie.“
„Nein!“
Zum ersten Mal hörte sie echte Panik in seiner Stimme.
„Ich wusste nichts von einem Eingriff vor der Schwangerschaft. Ich schwöre dir.“
Anna wollte ihm nicht glauben.
Doch David hatte geschrieben: Alexander glaubt, er habe nur das Ergebnis erhalten. Er weiß nicht, dass Konrad vorher eingegriffen hat.
„Warum hast du dann versucht, mich als instabil darzustellen?“
Alexander schwieg lange.
„Weil Konrad mich angerufen hat.“
„Wann?“
„Vor acht Monaten.“
Anna erstarrte.
„Er sagte, du würdest bald erfahren, was passiert ist. Er sagte, wenn du die Kinder bekommst und anfängst nachzuforschen, würde alles öffentlich.“
„Also wolltest du mir meine Kinder wegnehmen, um deine Familie zu schützen.“
„Ich wollte die Jungen schützen.“
„Vor wem?“
Alexander antwortete leise:
„Vor meinem Vater.“
Anna presste die Hand gegen die Stirn.
„Wo ist Marie?“
„Ich weiß es nicht.“
„Lüg mich nicht an.“
„Ich weiß es wirklich nicht. Aber Lorenz könnte es wissen.“
„Wo ist Lorenz?“
Pause.
„Wenn ich dir das sage, gehst du nicht hin.“
„Du stellst keine Bedingungen mehr.“
„Anna.“
„Wo?“
„Es gibt ein altes Verwaltungsgebäude der Klinik in Kleinmachnow.“
Bevor Anna antworten konnte, hörte sie draußen Reifen auf nassem Asphalt.
Ein Wagen hielt vor dem Haus.
Ihre Anwältin trat ans Fenster.
„Polizei.“
Anna legte auf.
Sekunden später klingelte es.
Kriminalhauptkommissarin Brandt stand vor der Tür.
Ihr Gesicht war ernst.
„Wir haben Marie Falk gefunden.“
Anna hielt sich am Türrahmen fest.
„Lebt sie?“
„Ja.“
Die Luft kehrte in ihre Lungen zurück.
„Wo ist sie?“
„Im Krankenhaus. Sie ist ansprechbar.“
„Was ist passiert?“
„Sie befand sich tatsächlich in der ehemaligen Klinik. Allerdings war sie nicht eingesperrt.“
Anna verstand nicht.
„Was?“
„Frau Falk ist freiwillig dorthin gegangen.“
„Aber am Telefon—“
„Sie wollte offenbar verhindern, dass Konrad Hartmann Ihnen bestimmte Informationen gibt.“
Anna starrte die Kommissarin an.
„Warum?“
Brandt zog einen versiegelten Beutel aus ihrer Tasche.
Darin lag eine kleine Speicherkarte.
„Frau Falk hat uns diese übergeben. Sie sagt, darauf befinde sich das Originalvideo, das Elias gesehen hat.“
„David?“
„Ja.“
„Von 2018?“
Brandt nickte.
„Wir haben die Metadaten vorläufig geprüft. Das Datum scheint authentisch.“
Anna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
David hatte seinen angeblichen Tod also mindestens zwei Jahre überlebt.
„Was sagt er auf dem Video?“
Brandt schwieg kurz.
„Das sollten Sie selbst sehen.“
Die Aufnahme begann mit einem roten Auto vor einer Lagerhalle.
Dann erschien David.
Älter als auf Viktorias Foto. Dünner. Nervös.
Alexander stand ihm gegenüber.
„Du kannst nicht ewig so tun, als wäre ich tot“, sagte David.
Alexander antwortete:
„Du wolltest verschwinden.“
„Vor Konrad. Nicht vor meinem eigenen Namen.“
David hielt einen Ordner hoch.
„Anna muss erfahren, was er getan hat.“
„Du wirst dich von meiner Familie fernhalten.“
„Deiner Familie?“
David lachte bitter.
„Du verstehst immer noch nicht, oder?“
Alexander schwieg.
David trat näher.
„Konrad hat dir gesagt, einer der Zwillinge sei nicht dein Sohn.“
Anna hielt den Atem an.
Auf dem Video wurde Alexanders Gesicht hart.
„Das weiß ich.“
David schüttelte den Kopf.
„Nein. Du weißt nur die Hälfte.“
Er öffnete den Ordner.
„Elias ist nicht dein Sohn. Aber er ist auch nicht meiner.“
Alexander starrte ihn an.
„Was redest du da?“
David sagte den nächsten Satz sehr langsam.
„Konrad hat bei Anna nicht nur einen Test durchgeführt.“
Kurze Stille.
„Er hat vor ihrer Schwangerschaft eine befruchtete Eizelle manipuliert und ihr unter falschen medizinischen Angaben übertragen lassen.“
Anna wich vom Bildschirm zurück.
Die Aufnahme lief weiter.
Alexander flüsterte:
„Wessen genetisches Material?“
David sah seinen Bruder an.
„Konrads.“
Das Bild fror plötzlich ein.
Nicht weil die Datei endete.
Brandt hatte pausiert.
„Es gibt noch sieben Minuten“, sagte sie.
Anna konnte kaum atmen.
„Warum stoppen Sie?“
Die Kommissarin sah sie ernst an.
„Weil der nächste Teil nicht mehr nur Ihre Familie betrifft.“
„Was bedeutet das?“
Brandt legte einen zweiten Ausdruck auf den Tisch.
Darauf standen siebzehn Nummern.
K-01 bis K-17.
K-17 war markiert.
Anna.
„Marie hat uns erklärt, was diese Kennzeichnungen bedeuten.“
Anna starrte auf die Liste.
„Patientinnen?“
„Ja.“
„Siebzehn?“
Brandt schüttelte den Kopf.
„Das ist nur die erste Liste.“
Sie zog eine weitere Seite hervor.
Darauf standen mehr als vierzig Kennnummern.
„David glaubte, dass Konrad Hartmann dasselbe Verfahren über Jahre hinweg bei mehreren Patientinnen durchgeführt hat.“
Anna konnte den Blick nicht von den Zahlen lösen.
Dann bemerkte sie neben einigen Kennnummern kleine handschriftliche Kreuze.
Neben K-17 standen zwei Namen.
Jonas Keller.
Elias Keller.
Aber Elias’ Name war rot eingekreist.
Daneben hatte jemand Jahre später einen Satz geschrieben:
Einziger bestätigter Erfolg.
Anna hob langsam den Blick.
„Erfolg wovon?“
Brandt antwortete nicht sofort.
„Das“, sagte sie schließlich, „ist offenbar das Geheimnis, für das David Hartmann bereit war, seinen eigenen Tod vorzutäuschen.“







No comments yet