Marie starrte auf das vergrößerte Gesicht auf Davids Telefon, bis die Konturen vor ihren Augen verschwammen. Gérard Beaumont. Der Mann, der vor fast drei Jahrzehnten den Tod eines vierjährigen Mädchens bestätigt hatte, stand gestern in Hamburg und hatte genau jener Frau eine Tür geöffnet, die dieses Mädchen möglicherweise geworden war.
„Er hat mich in dieses Flugzeug gelassen.“
Niemand widersprach.
Alexander nahm David das Telefon ab und betrachtete die Aufnahme erneut.
„Dann war es kein Versehen.“
„Zumindest nicht vollständig“, sagte David. „Sie sind tatsächlich zum falschen Gate gegangen. Aber der Zugang zu diesem Bereich hätte für Sie unmöglich sein müssen. Jemand hat die elektronische Sperre deaktiviert.“
Marie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Warum sollte Beaumont wollen, dass ich in Alexanders Flugzeug steige, wenn Claire gleichzeitig verhindern wollte, dass Alexander mich sieht?“
David sah zu Élodie.
„Genau das müssen wir herausfinden.“
Élodie setzte sich schwer auf einen Stuhl. Marie beobachtete sie. Seit der Name Gérard Beaumont gefallen war, wirkte die Frau nicht nur erschüttert.
Sie wirkte schuldig.
„Sie verschweigen mir etwas“, sagte Marie.
Élodie hob den Kopf.
„Marie—“
„Amélie.“
Das Wort kam scharf.
„Wenn Sie wirklich glauben, dass ich Ihre Tochter bin, nennen Sie mich nicht Marie, während Sie mir gleichzeitig die Wahrheit vorenthalten.“
Élodie schluckte.
„Amélie war dein Name.“
„Marie ist der Name, mit dem ich gelebt habe.“
Für einen Moment standen zwei Leben zwischen ihnen.
Dann zog Élodie langsam einen Umschlag aus ihrer Handtasche.
„Gérard Beaumont hat mich vor drei Monaten kontaktiert.“
Alexander richtete sich auf.
„Was?“
„Er sagte, Amélie könnte leben.“
Marie fühlte, wie ihre Finger kalt wurden.
„Und Sie haben mich nicht gesucht?“
„Doch. Heimlich.“
„Warum heimlich?“
Élodie sah zu Sophie, die erschöpft eingeschlafen war.
„Weil Gérard behauptete, jemand aus meiner eigenen Familie sei damals an deinem Verschwinden beteiligt gewesen.“
Marie sagte nichts.
Élodie öffnete den Umschlag. Darin lagen mehrere Fotos.
Marie vor einem Supermarkt in München.
Marie an einer Bushaltestelle.
Marie vor dem Haus einer Familie, für die sie gearbeitet hatte.
Sie nahm eines davon mit zitternden Fingern.
„Sie haben mich beobachten lassen.“
„Ich musste sicher sein.“
„Drei Monate lang?“
„Nach achtundzwanzig Jahren wollte ich nicht noch einmal glauben und wieder alles verlieren.“
Marie wollte wütend bleiben. Doch sie sah die Angst in Élodies Gesicht und konnte sie nicht vollständig hassen.
„Warum sind Sie heute zum Flughafen gekommen?“
„Weil ich gestern eine Nachricht bekommen habe.“
Élodie reichte David ihr Telefon.
Darauf stand nur:
Morgen kommt Amélie nach Paris. Wenn du sie noch einmal verlieren willst, vertraue Claire.
Kein Absender.
Alexander wurde still.
„Beaumont?“
„Ich weiß es nicht.“
David fotografierte die Nachricht.
„Wir prüfen die Nummer.“
Marie sah wieder zu den Überwachungsbildern.
„Vielleicht wollte Gérard, dass ich hierherkomme.“
„Oder jemand wollte, dass wir genau das glauben“, sagte David.
In diesem Moment kam die Ärztin herein. Sophie müsse über Nacht bleiben, erklärte sie. Ihr Zustand sei stabil, doch man wolle Herzfrequenz und Blutwerte überwachen.
Alexander nickte.
„Ich bleibe bei ihr.“
Marie griff automatisch nach ihrer Tasche.
„Dann fahre ich zum Flughafen und suche einen Flug nach München.“
Alexander sah sie an, als hätte sie etwas völlig Unverständliches gesagt.
„Sie wollen jetzt gehen?“
„Ich sollte gestern nach Hause.“
„Marie, jemand hat Sie überwacht.“
„Genau deshalb brauche ich Abstand.“
„Und wenn Beaumont in München auf Sie wartet?“
Sie schwieg.
Dieser Gedanke hatte sie noch nicht erreicht.
David trat näher.
„Ihre Wohnung wird bereits überprüft.“
„Sie haben was?“
„Nur von außen. Auf Herrn Falks Anweisung.“
Marie fuhr zu Alexander herum.
„Sie können nicht einfach mein Leben übernehmen.“
„Jemand hat meine Tochter unter Drogen gesetzt und Sie gezielt in mein Flugzeug gebracht. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sicherheitsfragen gerade nicht demokratisch abstimmen möchte.“
„Ich bin nicht Ihre Angestellte.“
„Das habe ich nicht behauptet.“
„Sie benehmen sich aber so.“
Ihre Blicke verhakten sich.
Dann erklang eine verschlafene Stimme.
„Nicht streiten.“
Beide drehten sich um.
Sophie hatte die Augen geöffnet.
Alexander ging sofort zu ihr.
Marie atmete langsam aus.
„Ich bleibe bis morgen“, sagte sie schließlich. „Wegen Sophie.“
Alexander nickte.
„Wegen Sophie.“
Doch in seinem Blick lag etwas, das Marie nicht einordnen wollte.
Später brachte David sie in ein kleines Apartment innerhalb der Klinik. Marie duschte, zog Kleidung an, die eine Mitarbeiterin besorgt hatte, und setzte sich ans Fenster. Paris glitzerte unter ihr.
Schlafen konnte sie nicht.
Stattdessen öffnete sie ihre Handtasche und nahm den Stoffhasen heraus.
Zum ersten Mal untersuchte sie ihn wirklich.
Das linke Ohr war grob vernäht. Katharina hatte immer behauptet, Marie selbst habe es als Kind zerrissen.
Marie strich über die Naht.
Dann bemerkte sie etwas.
Unter dem Stoff war eine harte Kante.
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Sie holte eine kleine Nagelschere aus dem Badezimmer und trennte vorsichtig zwei alte Stiche auf.
Etwas Metallisches fiel auf den Tisch.
Ein winziger Schlüssel.
Marie starrte ihn an.
Daran hing ein verblichenes Papieretikett.
Darauf standen nur zwei Zeichen:
L17.
Es klopfte.
Marie versteckte den Schlüssel instinktiv in ihrer Faust.
„Wer ist da?“
„Alexander.“
Sie öffnete.
Er sah müde aus. Keine Krawatte mehr, Hemdkragen offen.
„Sophie schläft.“
„Gut.“
„David hat etwas gefunden.“
Marie ließ ihn herein.
Alexander legte eine Kopie eines alten Polizeiberichts auf den Tisch.
„Der Unfall von 1998.“
Marie zwang sich, den Schlüssel nicht anzusehen.
„Was ist damit?“
„Das Auto, in dem Sie angeblich gestorben sind, gehörte nicht Ihren Eltern.“
„Wem dann?“
Alexander schob ihr die Seite hin.
Der registrierte Besitzer war Katharina Hoffmann.
Marie sank langsam auf den Stuhl.
„Meine Mutter.“
„Und noch etwas.“
Alexander deutete auf eine Zeile.
Katharina war damals nicht allein im Wagen gewesen. Ein Zeuge hatte zwei Erwachsene gesehen, bevor das Fahrzeug von der Straße abgekommen war.
Der Name des zweiten Erwachsenen war aus der Akte entfernt worden.
Marie betrachtete das geschwärzte Feld.
Dann öffnete sie langsam ihre Faust.
Alexander sah den kleinen Schlüssel.
„Woher haben Sie den?“
„Aus meinem Hasen.“
Er nahm das Etikett zwischen zwei Finger.
„L17.“
Plötzlich klingelte Maries Telefon.
Eine deutsche Nummer.
Unbekannt.
Sie nahm ab.
„Hallo?“
Zunächst hörte sie nur Atmen.
Dann die Stimme eines alten Mannes.
„Marie.“
Sie wurde vollkommen still.
„Wer ist da?“
„Wenn du wissen willst, warum Katharina dich mitgenommen hat, hör niemandem in Paris zu.“
Marie sah Alexander an.
„Gérard Beaumont?“
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
Dann sagte der Mann:
„Öffne Schließfach L17 im Gare du Nord. Katharina hat dort hinterlassen, was Élodie Laurent seit achtundzwanzig Jahren vor dir versteckt.“
Die Verbindung brach ab.







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