Marie hielt das Telefon noch am Ohr, obwohl längst nur noch Stille aus dem Lautsprecher kam. Alexander stand ihr gegenüber und beobachtete jede Veränderung in ihrem Gesicht. Der kleine Schlüssel lag zwischen ihnen auf dem Tisch, kaum größer als ihr kleiner Finger, und trotzdem hatte Marie plötzlich das Gefühl, dass dieses winzige Stück Metall schwerer wog als alles, was sie in den vergangenen Stunden erfahren hatte.
„Er wusste von dem Schlüssel“, sagte sie.
„Was genau hat er gesagt?“
Marie wiederholte den Anruf Wort für Wort. Als sie Élodies Namen erwähnte, wurde Alexanders Blick schmal.
„Sie gehen nicht allein zum Gare du Nord.“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich überhaupt gehe.“
„Sie werden gehen.“
Marie wollte widersprechen.
Konnte es aber nicht.
Natürlich würde sie gehen.
Katharina war tot. Wenn sie tatsächlich etwas hinterlassen hatte, war dieses Schließfach vielleicht die einzige Möglichkeit, ihre Seite der Geschichte zu hören.
„David kommt mit.“
„Nein.“
„Marie.“
„Wenn Beaumont mich beobachten lässt und plötzlich drei Sicherheitsleute auftauchen, erfahren wir vielleicht nie, was er wirklich will.“
Alexander verschränkte die Arme.
„Sie sind Kindermädchen, keine Ermittlerin.“
„Und Sie sind Milliardär, kein Polizist.“
Trotz der Situation sah er sie einen Moment fast amüsiert an.
„Sie sind erstaunlich anstrengend.“
„Das Kompliment gebe ich zurück.“
Eine Stunde später saßen sie trotzdem gemeinsam in einem unauffälligen Wagen. David fuhr. Zwei weitere Sicherheitskräfte hielten Abstand, ohne direkt bei ihnen zu bleiben. Sophie war unter ärztlicher Aufsicht geblieben.
Élodie wusste nichts von ihrem Ziel.
Darauf hatte Marie bestanden.
Am Gare du Nord herrschte bereits dichter Betrieb. Rollkoffer ratterten über den Boden, Lautsprecherdurchsagen vermischten sich mit Stimmen und Schritten. Marie fühlte sich merkwürdig klein zwischen all den Menschen.
David fand die alte Schließfachanlage in einem Seitenbereich.
L17 existierte tatsächlich.
Marie steckte den Schlüssel hinein.
Er passte.
Ihre Hand blieb auf dem Schloss liegen.
„Wenn ich das öffne“, flüsterte sie, „gibt es vielleicht kein Zurück mehr.“
Alexander stand dicht hinter ihr.
„Das gab es vermutlich schon nicht mehr, als Sie in mein Flugzeug gestiegen sind.“
Marie drehte den Schlüssel.
Das Schloss sprang auf.
Im Fach lag keine große Enthüllung. Kein Koffer voller Dokumente. Keine Fotosammlung.
Nur eine kleine graue Kassette und ein versiegelter Brief.
Auf dem Umschlag stand:
Für Marie. Nicht für Amélie.
Marie musste sich setzen.
Katharina hatte ihren Namen geschrieben.
Ihren wirklichen Namen – zumindest den Namen, unter dem Katharina sie gekannt hatte.
Sie öffnete den Brief.
Die Handschrift erkannte sie sofort.
Meine liebe Marie, wenn du das liest, hat die Vergangenheit dich gefunden. Ich bete, dass dieser Tag niemals kommt. Du wirst hören, dass ich dich gestohlen habe. Vielleicht wirst du mich dafür hassen. Aber bevor du entscheidest, wer ich für dich war, musst du wissen: Ich habe dich nicht aus diesem Haus gebracht, um dich deiner Mutter wegzunehmen. Ich habe dich weggebracht, weil jemand dich töten wollte.
Marie musste aufhören.
Ihre Augen brannten.
Alexander sagte nichts.
Sie las weiter.
In jener Nacht sollte ich mit dir zu einem Arzt fahren. Du warst benommen und konntest kaum stehen. Élodie sagte mir, du hättest Fieber. Doch kurz bevor wir losfuhren, hörte ich ein Gespräch im Arbeitszimmer. Jemand hatte dir absichtlich etwas gegeben. Ich wusste nicht, wem ich vertrauen konnte. Also fuhr ich nicht zum Arzt. Ich fuhr weg.
Marie presste die Hand vor den Mund.
Katharina hatte sie nicht entführt.
Zumindest behauptete sie das.
David deutete auf die Kassette.
„Vielleicht ist darauf das Gespräch.“
Neben den Schließfächern befand sich ein kleiner Wartungsraum. David organisierte über einen Mitarbeiter ein altes Abspielgerät. Minuten später saßen sie in einem abgeschlossenen Büro.
Marie legte die Kassette ein.
Zuerst rauschte es.
Dann hörte man Katharinas Stimme.
Jünger, aber unverkennbar.
„Wenn mir etwas passiert, soll jemand wissen, warum ich Amélie mitgenommen habe.“
Marie schloss die Augen.
Katharina erzählte vom Abend des 17. August 1998. Von Amélies plötzlicher Benommenheit. Von einem Streit hinter einer verschlossenen Tür.
Dann folgte ein Ausschnitt einer anderen Aufnahme.
Eine Männerstimme.
„Das Mädchen hat zu viel gesehen.“
Eine Frau antwortete.
Leise.
Auf Französisch.
Marie verstand nicht jedes Wort.
Alexander offenbar schon.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Was sagt sie?“, fragte Marie.
Er zögerte.
„Alexander.“
„Sie sagt: Wenn Amélie redet, verlieren wir alles.“
Marie blickte ihn an.
„Wer ist die Frau?“
„Ich weiß es nicht.“
Die Aufnahme lief weiter.
Dann sagte der Mann einen Namen.
Henri.
Élodie hatte gesagt, Henri Laurent sei Maries Vater.
Marie fühlte Übelkeit aufsteigen.
„Mein Vater?“
David schüttelte den Kopf.
„Wir wissen nicht, ob Henri spricht oder ob über ihn gesprochen wird.“
Dann brach die Aufnahme ab.
Auf der Kassette folgte Katharinas Stimme.
„Ich brachte Amélie zu meinem Auto. Gérard Beaumont fand uns auf der Landstraße. Ich dachte, er würde mich festnehmen.“
Marie hielt den Atem an.
„Aber er tat es nicht.“
Katharinas Stimme begann zu zittern.
„Er sagte mir, ich solle verschwinden. Er sagte, wenn ich zurückfahre, sei das Kind vor Sonnenaufgang tot.“
David und Alexander wechselten einen Blick.
Gérard hatte Katharina geholfen.
Marie verstand plötzlich noch weniger.
Die Aufnahme rauschte wieder.
„Der Unfall wurde inszeniert. Gérard versprach, Élodie zu sagen, Amélie sei tot. Es war die einzige Möglichkeit, die Suche zu beenden.“
Marie sprang auf.
„Dann hat Beaumont mich gerettet.“
„Vielleicht“, sagte David.
„Warum sollte er mich gestern in das Flugzeug lassen, wenn er mir schaden wollte?“
Alexander blieb skeptisch.
„Und warum hat er sich achtundzwanzig Jahre versteckt?“
Darauf hatte niemand eine Antwort.
Marie nahm den Brief wieder.
Ganz unten hatte Katharina noch etwas geschrieben.
Vertraue Gérard nicht vollständig. Er hat uns geholfen, aber nicht aus Güte. Er hatte selbst etwas zu verlieren.
Marie las den Satz zweimal.
Dann bemerkte sie auf der Rückseite des Briefes eine Adresse.
Saint-Cloud.
Das Haus auf dem alten Foto.
Darunter stand:
Kinderzimmer. Hinter der Wand mit den goldenen Sternen.
David griff nach seinem Telefon.
„Ich lasse das Haus überprüfen.“
„Nein“, sagte Marie sofort.
„Warum?“
„Weil ich zuerst mit Élodie sprechen will.“
Zurück in der Klinik fanden sie Élodie nicht im Wartebereich.
Alexander runzelte die Stirn.
„Wo ist sie?“
Eine Krankenschwester zeigte den Flur hinunter.
„Madame Laurent ist vor ungefähr zwanzig Minuten gegangen.“
Marie rief sie an.
Keine Antwort.
David versuchte es ebenfalls.
Dann klingelte sein eigenes Telefon.
Er hörte nur wenige Sekunden zu.
„Verstanden.“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Was ist?“, fragte Alexander.
„Unsere Leute haben Gérard Beaumont gefunden.“
Marie erstarrte.
„Wo?“
David sah sie an.
„Im Haus der Laurents in Saint-Cloud.“
„Dann fahren wir hin.“
„Es gibt noch etwas.“
David hielt ihr ein aktuelles Bild hin. Gérard stand vor dem weißen Haus aus Maries Erinnerungen.
Neben ihm stand Élodie.
Aber sie stritten nicht.
Élodie hielt Gérards Gesicht zwischen ihren Händen.
Und küsste ihn.
Marie starrte auf das Foto.
Alexander schwieg.
David vergrößerte den unteren Bildrand.
An Gérards Hals hing eine goldene Kette.
Daran befand sich ein kleiner Stern.
Das Gegenstück zu jenem Anhänger, von dem Élodie behauptet hatte, er habe Marie gehört.







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