Gérard stand vollkommen still. Für einen Mann, der fast drei Jahrzehnte mit Geheimnissen gelebt hatte, war es vielleicht das erste Mal, dass er keine vorbereitete Antwort mehr besaß. Élodie sah ihn an, und in ihrem Gesicht lag keine Liebe mehr, keine Erleichterung über das Wiedersehen, sondern eine alte Wut, die offenbar achtundzwanzig Jahre gebraucht hatte, um wieder an die Oberfläche zu kommen.
„Sag es ihr“, sagte sie.
Gérard senkte den Blick.
„Nicht hier.“
Marie lachte bitter.
„Diesen Satz kann ich langsam nicht mehr hören.“
Alexander hielt Sophie auf dem Arm. Das Mädchen hatte das Gesicht an seiner Schulter verborgen, doch Marie bemerkte, dass sie jedes Wort hörte.
„Wir bringen Sophie zuerst hinaus“, sagte Marie.
Alexander nickte.
David hatte inzwischen die alte Türsteuerung gefunden. Wenige Sekunden später sprang das Schloss auf. Zwei Sicherheitsleute warteten bereits draußen.
Alexander gab Sophie an David.
„Bring sie zur Klinik.“
Sophie klammerte sich an seinen Kragen.
„Papa, komm mit.“
Er küsste ihre Stirn.
„Ich komme sofort.“
Dann suchten ihre Augen Marie.
„Du auch.“
Marie strich ihr über die Wange.
„Ich komme.“
Erst nachdem Sophie verschwunden war, drehte Marie sich wieder zu Gérard.
„Jetzt.“
Gérard atmete tief ein.
„In jener Nacht wusste ich bereits, dass Victor Geld aus Laurent Holdings gestohlen hatte. Henri hatte mich heimlich gebeten, Beweise zu sammeln.“
„Und ich hatte ihn gesehen.“
„Ja.“
„Also wollte Victor mich beseitigen.“
„Victor wollte dich kontrollieren. Was er tatsächlich vorhatte, wusste ich damals nicht.“
Élodie trat vor.
„Hör auf, dich besser darzustellen, als du warst.“
Gérard sah sie an.
„Ich versuche nur—“
„Du hast entschieden, dass Amélie offiziell sterben musste.“
Marie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Gérard schwieg.
Das war Antwort genug.
„Warum?“
„Weil ich niemandem mehr vertraute.“
„Nicht einmal Élodie?“
Seine Augen verrieten ihn.
Marie verstand.
„Du dachtest, meine eigene Mutter könnte beteiligt sein.“
Élodie wandte sich ab.
Gérard nickte.
„Ich wusste, dass sie dir das Medikament gegeben hatte. Ich wusste nicht warum. Katharina hatte dich bereits aus dem Haus gebracht. Ich fand sie auf der Landstraße. In diesem Moment hatte ich zwei Möglichkeiten: dich zurückbringen oder verschwinden lassen.“
„Also hast du entschieden, dass ich tot sein soll.“
„Ich habe entschieden, dass du leben sollst.“
Marie trat dicht vor ihn.
„Und warum bist du nie zurückgekommen?“
Zum ersten Mal brach seine Stimme.
„Weil Victor etwas über mich wusste.“
„Was?“
Gérard sah zum Bildschirm.
„Ich hatte Beweise manipuliert.“
Alexander runzelte die Stirn.
„Für Victor?“
„Jahre zuvor. Ich war jung, verschuldet und dumm. Victor bezahlte mich, damit eine Untersuchung gegen Laurent Holdings eingestellt wurde. Als ich später gegen ihn arbeiten wollte, hatte er genug Material, um mich ins Gefängnis zu bringen.“
Marie begriff Katharinas Satz.
Er hat uns geholfen, aber nicht aus Güte. Er hatte selbst etwas zu verlieren.
„Du hast mich gerettet und gleichzeitig deinen eigenen Hals.“
Gérard nickte.
„Ja.“
Keine Rechtfertigung.
Das machte es fast schlimmer.
Plötzlich ertönte Victors Stimme wieder.
„Rührend.“
Marie sah zur Kamera.
„Zeigen Sie sich.“
„Warum sollte ich?“
„Weil Sie mich achtundzwanzig Jahre lang für tot erklärt haben und jetzt angeblich mein Schweigen wollen. Ich weiß kaum etwas. Wenn Sie mich wirklich fürchten würden, hätten Sie mich nicht hierhergebracht.“
Stille.
Alexander sah Marie an. Er verstand, was sie tat.
Sie provozierte Victor.
„Du warst schon als Kind klug“, sagte die Stimme.
„Und Sie waren offenbar schon damals feige.“
Ein Geräusch hinter ihnen.
Eine Seitentür öffnete sich.
Victor Laurent trat herein.
Er war Ende sechzig, elegant gekleidet, mit silbergrauem Haar. Nichts an ihm wirkte wie das Monster, das Marie erwartet hatte.
Das machte ihn gefährlicher.
„Da bist du also“, sagte er.
Marie sah ihn an.
Kein Wiedererkennen.
Nur Kälte.
Victor legte eine Mappe auf den Tisch.
„Du glaubst, es gehe um ein Erbe.“
„Geht es nicht?“
„Geld war nie das größte Problem.“
Er öffnete die Mappe.
Darin lagen aktuelle Geschäftsunterlagen.
Alexander trat näher.
„Was ist das?“
„Laurent Holdings steht kurz vor einer Fusion. Wenn Amélie offiziell lebt, wird Henris Testament aktiviert. Sämtliche Eigentumsverhältnisse werden überprüft.“
„Und Ihre alten Diebstähle kommen ans Licht“, sagte Marie.
Victor lächelte.
„Die sind verjährt. Mich interessiert etwas anderes.“
Er zog ein Dokument heraus.
Ein Abstammungsgutachten.
Marie sah ihren Namen.
Dann Gérards.
Biologische Vaterschaft: ausgeschlossen.
Gérard wurde kreidebleich.
„Das ist gefälscht.“
Victor legte ein zweites Blatt daneben.
„Dann wird dich dieses mehr interessieren.“
Darauf stand Henri Laurents Name.
Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft: 99,98 %.
Marie sah zu Élodie.
„Du hast gesagt, Gérard sei mein Vater.“
Élodie schüttelte den Kopf.
„Ich glaubte es.“
Victor lachte leise.
„Élodie hatte damals eine Affäre mit Gérard. Praktisch für alle Beteiligten, anzunehmen, Amélie sei sein Kind.“
Gérard nahm das Dokument.
Seine Hände zitterten.
„Woher hast du ihre DNA?“
„Aus den medizinischen Proben von 1998.“
Marie fühlte sich plötzlich leer.
Henri war also doch ihr Vater.
Der Mann, der sie geliebt hatte, war nicht nur auf dem Papier ihr Vater gewesen.
Victor trat näher.
„Und genau deshalb warst du gefährlich. Nicht als Zeugin. Als Erbin.“
„Sie wollten mich töten.“
Victor betrachtete sie lange.
„Nein.“
Marie runzelte die Stirn.
„Was?“
„Ich wollte, dass du verschwindest. Dein Tod hätte zu viele Fragen erzeugt.“
„Und Sophie?“
Sein Blick wurde härter.
„Claire hat eigenmächtig gehandelt.“
Alexander trat auf ihn zu.
„Wo ist Claire?“
Zum ersten Mal verschwand Victors Lächeln.
„Das würde ich ebenfalls gern wissen.“
Marie glaubte ihm nicht.
Dann hörte man draußen Sirenen.
Victor blickte zur Tür.
„Offenbar ist unsere Zeit vorbei.“
David erschien mit zwei Polizisten im Flur.
Victor machte keinen Fluchtversuch.
Stattdessen schob er Marie die Mappe zu.
„Lies die letzte Seite, bevor du entscheidest, wer dein Feind ist.“
David führte Victor hinaus.
Gérard folgte den Polizisten freiwillig. Seine damalige Beweismanipulation musste ebenfalls untersucht werden.
Élodie blieb zurück.
Marie konnte sie noch nicht ansehen.
Alexander stand neben ihr.
„Sie müssen das jetzt nicht lesen.“
„Doch.“
Sie blätterte zur letzten Seite.
Es war kein Geschäftsdokument.
Es war ein Brief von Henri.
Geschrieben drei Tage vor seinem Tod.
Falls Amélie jemals gefunden wird, darf sie Élodie nicht blind vertrauen. Victor trägt Schuld, aber nicht an allem. Élodie weiß, warum Katharina niemals zurückkehren konnte.
Marie las den Satz zweimal.
Dann sah sie zu ihrer Mutter.
Élodie hatte ebenfalls erkannt, was dort stand.
„Was meinte Henri damit?“
„Marie—“
„Warum konnte Katharina niemals zurückkommen?“
Élodie begann zu weinen.
„Weil ich sie darum gebeten habe.“
Marie erstarrte.
„Du hast gewusst, dass ich lebe?“
Élodie schüttelte heftig den Kopf.
„Nicht später. Nur in jener Nacht.“
„Erklär es.“
Élodie brauchte mehrere Sekunden.
„Ich gab Katharina Geld, neue Dokumente und eine Adresse in Deutschland. Ich sagte ihr, sie solle dich nehmen und niemals zurückkommen.“
Marie konnte kaum sprechen.
„Warum?“
Élodie sah sie an.
„Weil Victor nicht allein gehandelt hatte.“
„Wer noch?“
Élodie öffnete den Mund.
Da klingelte Alexanders Telefon.
David.
Alexander nahm ab.
„Ja?“
Seine Miene veränderte sich.
„Wann?“
Marie sah ihn an.
„Was ist passiert?“
Alexander legte langsam auf.
„Claire wurde gefunden.“
„Wo?“
„Am Bahnhof.“
„Und?“
Alexander blickte zuerst zu Élodie, dann zu Marie.
„Sie wollte Frankreich verlassen. In ihrer Tasche waren Bargeld, ein gefälschter Pass und eine Tonaufnahme.“
Élodie wurde blass.
„Welche Aufnahme?“
Alexander antwortete leise.
„Ein Gespräch zwischen Claire und Élodie. Von vor drei Monaten.“
Marie sah ihre Mutter an.
„Worüber?“
Alexander hielt ihren Blick.
„Darüber, was mit Ihnen geschehen soll, falls Sie tatsächlich Amélie Laurent sind.“







No comments yet