Alexander bewegte sich als Erster. Noch bevor irgendjemand etwas sagen konnte, war er bereits auf dem Weg zur Tür.
„David, Klinik. Kameras, Ausgänge, Personal. Alles.“
Seine Stimme war ruhig, beinahe erschreckend ruhig.
Marie kannte diese Art von Ruhe. Sie hatte sie bei Eltern erlebt, deren Kinder plötzlich nicht mehr atmeten, bei Müttern, die erst funktionierten und erst später zusammenbrachen. Alexander hatte Angst. So viel Angst, dass für Gefühle gerade kein Platz mehr blieb.
David telefonierte bereits.
„Die Klinik wurde vor zwölf Minuten alarmiert. Eine Pflegerin hat Sophie angeblich zu einer Untersuchung abgeholt.“
„Angeblich?“
„Die Frau arbeitet dort nicht.“
Alexander blieb stehen.
Für einen Moment sah Marie in seinem Gesicht etwas Dunkles aufflammen.
„Findet meine Tochter.“
Gérard trat hinzu.
„Wenn Victor dahintersteckt, wird er Sophie nicht sofort etwas antun.“
Alexander fuhr herum.
„Sie sollten sehr genau überlegen, was Sie als Nächstes sagen.“
„Victor braucht Kontrolle. Sophie ist Druckmittel.“
„Gegen wen?“
Gérard sah Marie an.
„Gegen Amélie.“
Marie spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Warum gegen mich?“
Gérard nahm das schwarze Notizbuch und schlug die letzten Seiten auf.
„Weil dieses Buch nicht nur Zahlungen dokumentiert.“
Zwischen zwei Seiten steckte ein gefaltetes Blatt. David zog es heraus.
Es war eine Kopie eines Testaments.
Henri Laurent.
Marie las ihren alten Namen bereits im ersten Absatz.
Amélie Laurent.
„Was ist das?“
Élodie setzte sich.
„Henris Testament.“
„Warum stehe ich darin?“
Élodie antwortete nicht.
Gérard tat es.
„Weil Henri trotz allem wusste, dass du nicht seine biologische Tochter warst. Für ihn hat das nie eine Rolle gespielt.“
Marie blickte wieder auf das Dokument.
Sollte Amélie Laurent lebend gefunden werden, sollte ihr ein großer Anteil an Laurent Holdings übertragen werden. Falls ihr Tod zweifelsfrei bestätigt würde, gingen diese Anteile an Victor Laurent.
Alexander verstand sofort.
„Deshalb musste sie 1998 sterben.“
„Auf dem Papier“, sagte Gérard.
Marie fühlte plötzlich keine Überraschung mehr. Nur Müdigkeit.
„Wo ist Henri?“
Stille.
Élodie hob den Blick.
„Er starb vor neun Jahren.“
Marie schluckte.
Noch ein Mensch aus einem Leben, den sie niemals kennenlernen konnte.
David bekam einen Anruf.
„Wir haben die Frau auf Kamera.“
Er hielt das Tablet hoch. Auf der Aufnahme war Sophie in einem Rollstuhl zu sehen, noch schwach von den Medikamenten. Eine Frau in Klinikuniform schob sie durch einen Versorgungsgang.
Marie trat näher.
„Zurück.“
David stoppte.
„Was?“
„Ihre Hand.“
Er vergrößerte das Bild.
Die Frau trug einen auffälligen Ring.
Alexander erkannte ihn sofort.
„Claire.“
Die Klinikuniform, die Maske und die hochgesteckten Haare hatten ihr Gesicht verborgen.
Doch der Ring war derselbe Diamantring, den Alexander ihr gegeben hatte.
„Sie hat Sophie selbst mitgenommen“, sagte Marie.
Alexander griff nach seinem Telefon.
„Ortung?“
„Ihr eigenes Telefon ist aus“, sagte David. „Aber Sophie trägt ihre Uhr.“
Alexander sah ihn an.
„Die Kinderuhr.“
David begann sofort zu tippen.
Sekunden später erschien ein Signal.
Es bewegte sich.
Richtung Westen.
„Fünfzehn Kilometer entfernt.“
Sie liefen zu den Fahrzeugen.
Marie wollte einsteigen, doch Alexander hielt sie zurück.
„Sie bleiben hier.“
„Nein.“
„Victor will Sie.“
„Und er hat Sophie.“
„Genau deshalb.“
Marie sah ihn direkt an.
„Ihre Tochter vertraut mir. Wenn sie Angst hat und mich hört, kann das den Unterschied machen.“
Alexander wollte widersprechen.
Dann erinnerte er sich offenbar daran, wie Sophie im Flugzeug Maries Finger festgehalten hatte.
Er öffnete die Tür.
„Sie bleiben neben mir.“
Der Konvoi fuhr los.
Das Signal führte sie nicht zu einem Versteck, sondern zu einem alten Gebäude am Rand von Saint-Cloud.
Élodie erkannte es sofort.
„Die alte Laurent-Klinik.“
Marie sah sie an.
„Klinik?“
„Eine private Kinderklinik. Mein Vater hat sie gegründet. Sie wurde vor zwanzig Jahren geschlossen.“
Gérard wurde blass.
„Victor hat dort 1998 den Arzt getroffen.“
Alexander sah zu David.
„Polizei?“
„Unterwegs.“
„Zu langsam.“
David ließ das Gelände umstellen.
Marie blieb dicht hinter Alexander, als sie durch einen Seiteneingang gingen. Im Inneren roch es nach Staub und Feuchtigkeit. Alte Türen standen offen. Ihre Schritte hallten durch die leeren Flure.
Dann hörte Marie etwas.
Ein Kind weinte.
„Sophie.“
Alexander wollte losrennen.
Marie hielt ihn fest.
„Warten Sie.“
Er sah sie an, als wäre sie verrückt.
„Wenn Claire dort ist und Angst hat, machen Sie es schlimmer.“
„Sie hat meine Tochter entführt.“
„Deshalb müssen wir Sophie zuerst herausbekommen.“
Marie ging langsam den Flur entlang.
„Sophie?“
Das Weinen verstummte.
„Marie?“
Die Stimme kam aus einem Zimmer.
Marie öffnete die Tür.
Sophie saß auf einem Bett.
Allein.
Alexander stürzte zu ihr.
„Papa!“
Er nahm sie in die Arme und hielt sie so fest, dass seine gesamte Kontrolle für einen Moment zusammenbrach.
Marie sah sich um.
„Wo ist Claire?“
Sophie zeigte auf eine zweite Tür.
„Sie ist gegangen, als der alte Mann kam.“
Marie erstarrte.
„Welcher alte Mann?“
Sophie wollte antworten.
Da fiel hinter ihnen die Tür ins Schloss.
David zog sofort sein Telefon.
Kein Signal.
Aus einem alten Lautsprecher an der Wand knackte es.
Dann ertönte eine Männerstimme.
„Amélie.“
Gérard wurde kreidebleich.
„Victor.“
Marie blickte zur Decke.
„Wo sind Sie?“
Ein leises Lachen.
„Du klingst deiner Mutter ähnlich.“
Alexander nahm Sophie auf den Arm.
„Wenn Sie etwas wollen, sprechen Sie mit mir.“
„Sie interessieren mich nicht, Herr Falk.“
„Sie haben meine Tochter entführt.“
„Claire hat Ihre Tochter gebracht. Ein Unterschied, den Ihre Anwälte sicher interessant finden werden.“
Marie spürte Wut.
„Was wollen Sie von mir?“
„Das, was mir seit achtundzwanzig Jahren gehört.“
„Die Firma?“
„Nein.“
Kurze Pause.
„Dein Schweigen.“
An der gegenüberliegenden Wand sprang plötzlich ein Bildschirm an.
Darauf erschien ein altes Video.
Datum: 17. August 1998.
Marie sah ein kleines Mädchen.
Sich selbst.
Amélie saß auf dem Boden eines Büros und hielt ihren Stoffhasen.
Im Hintergrund stritten zwei Männer.
Einer war jünger, aber eindeutig Gérard.
Den anderen kannte Marie nicht.
Élodie flüsterte:
„Victor.“
Dann erschien eine dritte Person im Bild.
Henri Laurent.
Marie trat näher an den Bildschirm.
Henri schrie Victor an.
„Du wirst das Konto zurückzahlen. Alles. Morgen erfährt der Vorstand davon.“
Victor packte ihn am Arm.
Das kleine Mädchen im Video stand auf.
Sie hatte alles gesehen.
Marie verstand.
„Ich war Zeugin.“
Gérard nickte langsam.
„Du hast gesehen, wie Victor Millionen aus der Firma gestohlen hat.“
Auf der Aufnahme bemerkte Victor plötzlich das Kind.
Sein Gesicht veränderte sich.
Dann endete das Video.
Der Lautsprecher knackte wieder.
„Du erinnerst dich jetzt.“
Marie sah zur Kamera.
„Teilweise.“
„Dann erinnerst du dich vielleicht auch daran, wer dir das Medikament gegeben hat.“
Ein Bild schoss durch ihren Kopf.
Ein Glas.
Eine Hand.
Ein goldener Ring.
Eine Frauenstimme.
Marie schwankte.
„Nein.“
Élodie trat zu ihr.
„Was siehst du?“
Marie blickte ihre Mutter an.
Der Ring.
Sie hatte ihn schon heute gesehen.
An Élodies Hand.
Derselbe alte Familienring.
Marie wich zurück.
„Du.“
Élodie wurde blass.
„Was?“
„Du hast mir das Glas gegeben.“
Gérard schüttelte sofort den Kopf.
„Marie, Erinnerung funktioniert nicht—“
„Ich sehe es!“
Élodie begann zu weinen.
„Ja.“
Alle verstummten.
Marie starrte sie an.
„Du hast mich sediert?“
Élodie schloss die Augen.
„Ich habe dir das Medikament gegeben.“
Maries Gesicht erstarrte.
Doch Élodie sprach weiter.
„Weil Henri mir gesagt hatte, wir müssten dich noch in derselben Nacht aus Frankreich bringen.“
„Warum?“
Élodie öffnete die Augen.
„Weil Victor nicht der Einzige war, vor dem wir Angst hatten.“
Der Lautsprecher knackte.
Victor lachte leise.
„Sehr gut, Élodie. Dann erzähl ihr endlich, wer damals wirklich entschieden hat, dass Amélie verschwinden musste.“
Élodie sah nicht zu Victor.
Sie sah Gérard an.
Und Marie begriff, noch bevor ihre Mutter etwas sagte, dass Gérards Geschichte über jene Nacht ebenfalls nicht vollständig gewesen war.







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