Unterhaltung

Ein Armes Kindermädchen Stieg Versehentlich In Den Privatjet Eines Milliardärs – Doch In Paris Erfuhr Sie, Dass Sie Seit 28 Jahren Für Tot Gehalten Wurde

Marie betrachtete das Foto so lange, dass David schließlich das Telefon senkte. Der Kuss war schlimm genug. Doch der kleine goldene Stern an Gérards Hals machte aus ihrer Verwirrung etwas anderes. Misstrauen hatte sie seit ihrer Landung begleitet. Jetzt begann sie zu begreifen, dass fast jeder Mensch um sie herum nur die Version der Vergangenheit erzählt hatte, die ihm selbst nützte.

„Élodie hat gesagt, das Gegenstück gehörte mir.“

„Vielleicht stimmt das“, sagte Alexander.

Marie sah ihn an.

„Und warum trägt Gérard es dann?“

Niemand antwortete.

Sie fuhren nach Saint-Cloud.

Das weiße Haus lag hinter hohen Mauern und alten Kastanienbäumen. Als das Tor aufglitt, bekam Marie kaum noch Luft. Sie war sicher, niemals bewusst hier gewesen zu sein, und trotzdem wusste sie, bevor sie es sehen konnte, dass hinter der Eingangshalle eine geschwungene Treppe nach links führen würde.

Sie stieg aus.

Lavendel wuchs neben den Stufen.

Wieder dieser Geruch.

Ein Bild blitzte in ihrem Kopf auf: kleine nackte Füße auf kaltem Stein, eine Frauenstimme, ein Mann, der hinter einer Tür schrie.

Marie griff an Alexanders Arm.

„Alles in Ordnung?“

„Nein.“

Sie ging trotzdem weiter.

Élodie und Gérard warteten im Salon.

Der ehemalige Ermittler war mittlerweile über siebzig. Sein Haar war fast vollständig weiß, doch Marie erkannte sofort das Gesicht aus der Überwachungsaufnahme.

„Sie“, sagte sie.

Gérard erhob sich.

„Marie.“

„Warum haben Sie mich in Hamburg in Alexanders Flugzeug gelassen?“

Élodie blickte überrascht zu ihm.

„Du warst in Hamburg?“

Gérard ignorierte sie.

„Weil ich keine andere Möglichkeit mehr hatte.“

„Wofür?“

„Dich nach Paris zu bringen.“

„Sie hätten mich anrufen können.“

Ein trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Und was hätte ich sagen sollen? Guten Tag, Sie heißen vielleicht Amélie, Ihre Mutter glaubt seit achtundzwanzig Jahren, Sie seien tot, und jemand beobachtet Sie?“

„Claire hat mich ebenfalls beobachtet.“

Bei diesem Namen veränderte sich Gérards Gesicht.

„Claire weiß nicht alles.“

Alexander trat vor.

„Sie hat meiner Tochter Medikamente gegeben.“

Gérard schloss kurz die Augen.

„Das hätte niemals passieren dürfen.“

Alexander packte ihn am Jackett.

„Was bedeutet das?“

David bewegte sich sofort, doch Marie hob die Hand.

Gérard sah Alexander direkt an.

„Claire glaubt, sie schützt ihre Familie.“

„Vor einem siebenjährigen Kind?“

„Vor dem, was Sophie gesehen hat.“

Alexander ließ ihn los.

„Was hat sie gesehen?“

„Dokumente über Marie.“

Marie trat näher.

„Warum hatte Claire diese Dokumente?“

Gérard schwieg.

Élodie antwortete stattdessen.

„Weil ich sie ihr gegeben habe.“

Marie drehte sich langsam zu ihr.

„Was?“

Élodie wirkte plötzlich älter.

„Claire wusste seit drei Monaten, dass du möglicherweise lebst.“

Alexander wurde blass.

„Sie wusste es, bevor sie mir den Heiratsantrag zugesagt hat?“

Élodie nickte.

„Ich brauchte jemanden, der Zugang zu deinem Sicherheitsapparat hatte. Ich wusste, dass Marie beobachtet wurde.“

„Sie haben meine Verlobte benutzt?“

„Claire hat freiwillig geholfen.“

Gérard lachte bitter.

„Am Anfang.“

Élodie sah ihn warnend an.

Marie bemerkte es.

„Was änderte sich?“

Gérard griff an die Kette und zog den goldenen Stern hervor.

„Claire fand heraus, was dieser Anhänger bedeutet.“

Marie trat näher.

„Dann erklären Sie es.“

Gérard öffnete den Verschluss und legte den Stern auf den Tisch. Auf der Rückseite war eine winzige Gravur.

A.G. – 1994

Nicht Amélie Laurent.

A.G.

„Wofür steht das G?“, fragte Marie.

Élodie begann zu weinen.

Gérard antwortete.

„Gérard.“

Der Raum wurde vollkommen still.

Marie verstand zuerst nicht.

Dann wollte sie es nicht verstehen.

„Nein.“

Élodie trat auf sie zu.

„Amélie—“

„Nein.“

Marie wich zurück.

„Henri Laurent war mein Vater.“

Élodie schüttelte langsam den Kopf.

„Henri hat dich großgezogen. Er hat dich geliebt.“

„Das habe ich nicht gefragt.“

Ihre Stimme brach.

„War Gérard mein Vater?“

Élodie schloss die Augen.

„Ja.“

Marie fühlte, als würde der Boden unter ihr kippen.

Achtundzwanzig Jahre hatte sie geglaubt, Katharina sei ihre Mutter gewesen. Seit wenigen Stunden sollte Élodie ihre Mutter sein. Henri Laurent war plötzlich ihr Vater gewesen.

Jetzt auch das nicht.

„Deshalb haben Sie Katharina geholfen“, sagte Marie zu Gérard.

Er nickte.

„Als ich begriff, dass du vergiftet worden warst, konnte ich dich nicht zurückbringen.“

„Und Sie haben meiner Mutter gesagt, ich sei tot.“

„Um dich zu schützen.“

Marie lachte bitter.

„Sie haben sie achtundzwanzig Jahre lang trauern lassen.“

Gérards Gesicht verzog sich.

„Das war der Preis.“

Marie hob die Hand.

„Sagen Sie das nie wieder.“

Sie drehte sich zu Élodie.

„Und der Kuss?“

Élodie sah zu Boden.

„Wir waren einmal miteinander verbunden. Lange bevor du geboren wurdest. Heute… ich hatte gerade erfahren, dass Gérard noch lebt. Ich dachte jahrelang, er sei verschwunden.“

Marie hatte keine Kraft mehr für diese Wahrheit.

Sie erinnerte sich an Katharinas Hinweis.

Kinderzimmer.

Goldene Sterne.

„Wo ist mein altes Zimmer?“

Élodie sah auf.

„Oben.“

Marie ging zur Treppe.

Sie wusste den Weg.

Das war das Erschreckendste.

Oben nahm sie den zweiten Flur, blieb vor einer weißen Tür stehen und öffnete sie.

Das Zimmer war renoviert worden, aber eine Wand war erhalten geblieben. Kleine verblasste goldene Sterne zogen sich über die Tapete.

Alexander und David kamen hinter ihr herein.

Marie klopfte die Wand ab.

Nichts.

Dann entdeckte sie nahe der Fußleiste einen Stern, der leicht hervorstand.

Sie drückte darauf.

Ein schmales Wandstück sprang auf.

Dahinter lag eine Metallkassette.

Élodie blieb in der Tür stehen.

„Ich wusste nichts davon.“

Marie öffnete sie.

Darin befanden sich Bankunterlagen, Fotografien und ein kleines schwarzes Notizbuch.

Auf dem ersten Foto war Henri Laurent.

Neben ihm stand eine junge Katharina Hoffmann.

Auf dem zweiten war Gérard.

Auf dem dritten Élodie.

Alle waren offenbar heimlich aufgenommen worden.

David nahm das Notizbuch.

„Das sind Zahlungen.“

Alexander sah über seine Schulter.

„An wen?“

David blätterte.

Mehrere Überweisungen aus dem Jahr 1998. Eine an einen Arzt. Eine an einen Polizeibeamten. Eine an eine Firma, die den angeblichen Unfallwagen später verschrottet hatte.

Immer derselbe Auftraggeber.

Laurent Holdings.

Marie sah Élodie an.

„Henri?“

Élodie wurde kreidebleich.

„Nein. Henri hatte damals keinen Zugriff auf dieses Konto.“

„Wer dann?“

Élodie trat langsam näher.

„Mein Bruder.“

Marie runzelte die Stirn.

Bis jetzt hatte niemand einen Bruder erwähnt.

„Wie heißt er?“

Élodie antwortete kaum hörbar.

„Victor.“

Gérard kam herein und sah das offene Notizbuch.

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

„Wir müssen hier weg.“

David drehte sich zu ihm.

„Warum?“

Gérard deutete auf die letzte Seite.

Dort stand eine Zahlung vom Vortag.

Diesmal nicht aus dem Jahr 1998.

Aktuell.

Empfängerin:

Claire Beaumont.

Alexander nahm das Buch.

Neben Claires Namen stand ein kurzer handschriftlicher Vermerk:

S.F. – Paris – vor der Bekanntgabe erledigen.

S.F.

Sophie Falk.

Alexander hob langsam den Blick.

In diesem Moment klingelte sein Telefon.

Die Klinik.

Er nahm sofort ab.

„Falk.“

Sein Gesicht veränderte sich innerhalb von Sekunden.

„Was meinen Sie damit, sie ist nicht in ihrem Zimmer?“

Marie spürte, wie ihr Herz stehen blieb.

Alexander hörte noch einen Moment zu.

Dann senkte er das Telefon.

„Sophie ist verschwunden.“

Gérard blickte auf die aktuelle Zahlung in dem Notizbuch.

„Dann weiß Victor jetzt, dass Amélie lebt.“

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