Matthias sagte zunächst nichts.
Sein Blick glitt von Lenas Gesicht zu ihrer Brust, dann zu dem kleinen Mädchen in seinen Armen. Für einen Moment erschien etwas in seinen Augen, das Lena bei einem Mann wie ihm nicht erwartet hatte.
Misstrauen.
Nicht gegenüber ihr allein.
Gegenüber der ganzen Welt.
„Woher wissen Sie, was sie braucht?“
Seine Stimme war ruhig, doch einer der Leibwächter verlagerte sofort sein Gewicht. Lena bemerkte die Bewegung aus dem Augenwinkel.
„Weil ich dieses Schreien kenne.“
„Sind Sie Ärztin?“
„Nein.“
Das Baby gab einen dünnen, erschöpften Laut von sich.
Lena schluckte.
„Ich war vor drei Monaten noch stillende Mutter.“
Matthias' Gesicht veränderte sich kaum, aber sein Blick blieb einen Augenblick länger auf ihr liegen.
„Wo ist Ihr Kind?“
Die Frage traf sie so hart, dass sie beinahe zurückwich.
„Meine Kinder sind tot.“
Niemand bewegte sich.
Selbst das gleichmäßige Dröhnen der Triebwerke schien plötzlich lauter.
Matthias sah sie an, und zum ersten Mal lag in seinem Gesicht nichts Bedrohliches. Nur das kurze Erkennen eines Schmerzes, den man nicht erklären musste.
Dann sah er auf seine Tochter hinunter.
„Und Sie können sie wirklich ernähren?“
Lena nickte.
„Wenn sie die Brust annimmt.“
Matthias zögerte noch zwei Sekunden.
Dann stand er auf.
Alle drei Leibwächter richteten sich gleichzeitig auf.
„Setzen Sie sich.“
Er deutete auf den breiten Ledersessel gegenüber.
Lena setzte sich mit weichen Knien. Matthias kam näher, doch bevor er ihr das Baby gab, blieb er stehen.
„Wenn ihr etwas passiert—“
Er beendete den Satz nicht.
Das musste er nicht.
Lena hob den Blick.
„Dann können Sie mir drohen, so viel Sie wollen. Aber wenn Sie noch länger warten, hilft ihr das nicht.“
Einer der Leibwächter sog hörbar Luft ein.
Matthias Wolf war offenbar kein Mann, den Menschen unterbrachen.
Doch statt wütend zu werden, sah er Lena mehrere Sekunden lang an.
Dann legte er ihr seine Tochter in die Arme.
Das Gewicht des Babys traf Lena wie eine Erinnerung.
Warm.
Leicht.
Lebendig.
Ihre Hände begannen sofort zu zittern.
Für einen schrecklichen Moment war sie wieder zu Hause, drei Monate zuvor, mit einem ihrer Söhne an der Brust und dem anderen schlafend neben ihr.
Sie hörte beinahe das kleine zufriedene Schmatzen.
Roch Babypuder.
Sah zwei winzige blaue Decken.
Dann blinzelte sie, und alles war verschwunden.
Das Mädchen in ihren Armen öffnete schwach den Mund.
„Ganz ruhig“, flüsterte Lena.
Ihre Stimme brach.
Sie drehte sich etwas von den Männern weg. Die Flugbegleiterin verstand sofort und brachte eine Decke, die sie diskret über Lenas Schulter legte.
Sekunden später suchte das Baby instinktiv.
Dann trank es.
Lena schloss die Augen.
Der erste kräftige Zug löste etwas in ihr aus, das sie seit der Beerdigung mit aller Gewalt unterdrückt hatte.
Tränen liefen ihr über die Wangen.
Sie machte keinen Laut.
Das Baby trank weiter.
Nicht hektisch.
Nicht panisch.
Einfach hungrig.
Nach wenigen Minuten entspannte sich der kleine Körper. Die winzigen Finger, die zuvor verkrampft gewesen waren, öffneten sich und legten sich gegen Lenas Haut.
Matthias stand direkt vor ihr.
Der gefährlichste Mann im Flugzeug sah aus, als hätte er vergessen, wie man atmete.
„Wie heißt sie?“, fragte Lena leise.
Eine Pause.
„Sofia.“
Lena blickte auf das Baby hinunter.
„Hallo, Sofia.“
Das Mädchen trank weiter.
Matthias wandte kurz den Kopf ab.
Lena hätte schwören können, dass er sich über die Augen strich.
Nach fast zwanzig Minuten ließ Sofia von selbst los.
Sie war eingeschlafen.
Lena richtete vorsichtig ihre Kleidung und reichte Matthias seine Tochter zurück.
Doch er nahm sie nicht sofort.
„Halten Sie sie noch.“
„Warum?“
„Weil sie seit zwei Tagen bei niemandem so ruhig war.“
Lena erstarrte.
„Seit zwei Tagen?“
Matthias' Kiefer spannte sich an.
„Ihre Mutter ist vor zwei Tagen gestorben.“
Jetzt verstand Lena.
Nicht alles.
Aber genug.
Sie sah Sofia an, und etwas in ihrer Brust zog sich zusammen.
„Deshalb verweigert sie die Flasche.“
Matthias nickte einmal.
„Meine Frau hat sie ausschließlich gestillt.“
„Wie alt ist sie?“
„Sieben Wochen.“
Lena schloss kurz die Augen.
Sieben Wochen.
Viel zu klein, um zu verstehen, warum der vertraute Geruch, die vertraute Stimme und die Nahrung plötzlich verschwunden waren.
„Sie brauchen so schnell wie möglich einen Kinderarzt und jemanden, der Ihnen hilft, sie an eine alternative Fütterung zu gewöhnen.“
„Darum fliegen wir nach Deutschland.“
Lena sah ihn überrascht an.
„Wir fliegen doch nach Frankfurt.“
„Nicht mehr.“
Die Worte ließen sie aufblicken.
Matthias ging zum Tisch, nahm sein Telefon und sagte etwas leise zu einem Mann in der vorderen Kabine.
Wenige Augenblicke später veränderte der Jet kaum merklich seine Flugrichtung.
Lena spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Was bedeutet das?“
Matthias antwortete nicht sofort.
Stattdessen setzte er sich ihr gegenüber.
Sofia schlief noch immer in Lenas Armen.
„Warum waren Sie auf diesem Flug?“
„Ich arbeite für die Familie Berger. Frau Berger hat mich als persönliche Assistentin für die Reise mitgenommen.“
Matthias sah zur geschlossenen Kabinentür.
„Die Bergers steigen nicht dort aus, wo wir landen.“
Lena spürte plötzlich Kälte.
„Wo landen wir?“
„Auf einem privaten Flugplatz.“
„Ich muss nach Hause.“
Sein Blick wurde wieder undurchdringlich.
„Heute Nacht nicht.“
Lena hielt Sofia automatisch fester.
„Herr Wolf, ich habe Ihnen geholfen. Das gibt Ihnen nicht das Recht, mich irgendwohin mitzunehmen.“
„Nein.“
„Dann lassen Sie mich in Frankfurt aussteigen.“
Matthias schwieg.
In diesem Moment vibrierte das Telefon eines Leibwächters.
Der Mann sah auf das Display.
Sein Gesicht veränderte sich.
Er ging zu Matthias und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Matthias' Blick wanderte sofort zu Lena.
Nicht zu Sofia.
Zu Lena.
„Was ist?“, fragte sie.
Matthias stand langsam auf.
„Jemand am Frankfurter Flughafen hat vor neun Minuten nach der Passagierliste dieses Fluges gefragt.“
Lena runzelte die Stirn.
„Was hat das mit mir zu tun?“
„Er hat nicht nach mir gefragt.“
Matthias nahm dem Leibwächter das Telefon ab und drehte den Bildschirm zu ihr.
Lena sah ein Foto.
Ihr eigenes Passfoto.
Darunter ihr vollständiger Name.
Lena Hoffmann.
Ihr Atem stockte.
„Wer hat das geschickt?“
„Das versuche ich gerade herauszufinden.“
„Ich kenne niemanden, der—“
„Frau Hoffmann.“
Matthias' Stimme war jetzt vollkommen ruhig.
Das machte sie noch beängstigender.
„Die Person wusste, dass Sie in meinem Flugzeug sitzen, bevor wir überhaupt gelandet sind.“
Lena blickte zur Kabinentür, als könnte Frankfurt irgendwo dahinter liegen.
Ihr Zuhause.
Ihre Wohnung.
Das verschlossene Kinderzimmer.
Alles, was von ihrem alten Leben noch übrig war.
„Ich will nach Hause.“
Matthias sah sie lange an.
Dann fiel sein Blick auf die schlafende Sofia in ihren Armen.
Als er wieder sprach, war seine Stimme leise.
„Genau deshalb werden Sie nicht nach Hause fahren.“
Lenas Herz begann zu rasen.
„Was soll das heißen?“
Matthias trat einen Schritt näher.
„Es bedeutet, Frau Hoffmann, dass Sie heute Nacht etwas getan haben, das Sie in eine Angelegenheit hineingezogen hat, von der Sie bis vor zwanzig Minuten nichts wussten.“
Er nahm sein Telefon zurück.
„Und bis ich weiß, wer bereits nach Ihnen sucht und warum, werden Sie nie wieder allein nach Hause gehen.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 4, um weiterzulesen.**







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