Unterhaltung

Ich stillte das verhungernde Baby eines Mafiabosses im Privatjet – dann sagte er, ich würde nicht nach Hause kommen

Lena las den Namen ein zweites Mal.

Dann ein drittes.

Jonas Hoffmann.

Die Buchstaben veränderten sich nicht.

„Das kann nicht stimmen.“

Matthias zoomte in den Datensatz.

„Warum nicht?“

„Weil Jonas bei einem Autounfall gestorben ist. Warum sollte in irgendeinem Medikamentenregister sein Name stehen?“

„Genau das werden wir herausfinden.“

Lena zwang sich, die Zeile vollständig zu lesen.


Patientenkennung.

Chargennummer.

Datum.

Das Datum lag vier Tage vor Jonas' Unfall.

„Vielleicht war er krank.“

„War er das?“

„Nein.“

„Hat er regelmäßig Medikamente genommen?“

„Nicht einmal Blutdrucktabletten.“

Matthias griff nach seinem Telefon.


„Gregor, ich brauche die vollständigen Daten dieser Charge.“

Die Antwort kam sofort.

„Bin schon dran.“

Lena ging zum Fenster.

Draußen lag das Anwesen still hinter Mauern und Bäumen.

Vor wenigen Stunden hatte ihr Leben noch aus einer Wohnung bestanden, deren Kinderzimmer sie nicht öffnen konnte, einem toten Ehemann und einer Trauer, von der sie geglaubt hatte, sie sei das Schlimmste, was ihr passieren konnte.

Jetzt wusste sie nicht einmal mehr, ob sie verstand, worum sie überhaupt getrauert hatte.

Hinter ihr öffnete sich die Tür.

Dr. Keller stand dort.

„Sofia ist wach.“


Matthias war sofort auf den Beinen.

Lena sah diese Veränderung erneut.

Eine Sekunde zuvor hatte er über möglicherweise manipulierte Medikamentenlieferungen gesprochen.

Jetzt war er nur Vater.

Sie folgten der Ärztin.

Sofia lag im Kinderbett und bewegte unruhig die kleinen Hände. Als Lena näherkam, drehte das Baby den Kopf in ihre Richtung.

Lena blieb stehen.

Der Reflex traf sie tiefer, als sie erwartet hatte.

„Sie riecht die Milch“, erklärte Dr. Keller leise.

Matthias sah Lena nicht an.


„Sie müssen nicht.“

Diese vier Worte überraschten sie.

Lena hatte erwartet, dass er verlangen würde, dass sie Sofia erneut stillte.

Stattdessen stand er neben dem Bett und wartete.

Lena nahm das Baby selbst hoch.

„Nur bis wir eine andere Lösung haben.“

Matthias nickte.

Dr. Keller ließ sie allein.

Während Sofia trank, setzte Matthias sich mit Abstand ans Fenster.

„Jonas hat mich in den letzten Wochen vor seinem Tod oft gefragt, ob ich glücklich bin“, sagte Lena plötzlich.


Matthias sah auf.

„Warum erzählen Sie mir das?“

„Weil ich damals dachte, er mache sich Sorgen wegen meiner Schwangerschaft.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Jetzt frage ich mich, ob er wusste, dass ihm etwas passieren könnte.“

Matthias schwieg.

„Am Morgen seines Unfalls“, fuhr Lena fort, „hat er mich ungewöhnlich lange umarmt.“

Die Erinnerung tat weh.

„Er sagte, falls irgendwann etwas seltsam wirke, solle ich nicht versuchen, alles allein herauszufinden.“

„Hat er gesagt, wem Sie vertrauen sollen?“


„Nein.“

Lena sah ihn an.

„Vielleicht deshalb diese E-Mail.“

Matthias lehnte sich zurück.

„Oder jemand möchte, dass wir genau das glauben.“

Lena verstand sofort.

„Sie glauben, die Nachricht könnte manipuliert worden sein.“

„Ich glaube, dass wir zwei Tote haben, dieselbe Medikamentenkennung und eine Sicherheitsfirma, die Sie überwacht. Ab jetzt nehme ich nichts als Wahrheit an, nur weil es auf einem Bildschirm steht.“

Sofia ließ von Lena ab.

Kurz darauf schlief sie wieder.


Lena legte sie vorsichtig zurück.

In diesem Moment erschien Gregor in der Tür.

„Wir haben Weber.“

Lena erstarrte.

Matthias stand auf.

„Wo?“

„Unten.“

„Hat er geredet?“

„Nur einen Satz.“

Gregor sah Lena an.


„Er sagt, Frau Hoffmann müsse sofort verschwinden, bevor Kronberg merkt, dass sie die E-Mail geöffnet hat.“

Matthias ging hinaus.

Lena folgte.

„Sie bleiben oben.“

„Nein.“

Er blieb stehen.

„Das ist keine Diskussion.“

„Dieser Mann hat mir gesagt, mein Mann sei tot. Wenn er weiß, was mit Jonas passiert ist, werde ich dabei sein.“

Matthias' Blick wurde hart.

Lena wich nicht zurück.


Schließlich ging er weiter.

„Hinter mir.“

Dr. Weber saß in einem kleinen Raum im Erdgeschoss.

Niemand hatte ihn geschlagen.

Niemand musste es.

Zwei Männer standen hinter ihm, und Matthias' bloße Anwesenheit genügte.

Als Weber Lena sah, sank sein Gesicht in sich zusammen.

„Sie hätten nicht in dieses Flugzeug steigen dürfen.“

Lena trat näher.

„Sie haben mir gesagt, Jonas sei tot.“


Weber schloss die Augen.

„Ich weiß.“

„Haben Sie gelogen?“

Keine Antwort.

„Sehen Sie mich an.“

Langsam hob er den Kopf.

Lena spürte, wie ihre Knie weich wurden.

„Haben Sie mir einen fremden Mann beerdigen lassen?“

Weber schüttelte sofort den Kopf.

„Nein.“

Lena atmete aus.

Dann sagte er:

„Aber ich habe auch nie bestätigt, dass Jonas beim Aufprall starb.“

Matthias trat näher.

„Erklären Sie das.“

Weber sah zur Tür.

„Sie verstehen nicht, mit wem Sie es zu tun haben.“

Matthias' Stimme blieb ruhig.

„Versuchen Sie es.“

Weber lachte einmal bitter.

„Sie denken, weil Menschen Ihren Namen fürchten, kontrollieren Sie alles.“

Sein Blick fiel auf Matthias.

„Diese Leute haben keine Angst vor Ihnen.“

„Wer?“

„Kronberg ist nur die äußere Schicht.“

Matthias sagte nichts.

Weber wandte sich wieder Lena zu.

„Jonas fand bei AdlerMed manipulierte Patientendaten. Medikamente wurden unter echten Namen registriert, aber an andere Orte geliefert. Manche Chargen existierten offiziell gar nicht.“

„Warum stand Jonas' Name darin?“

„Weil er sich selbst als Testdatensatz eingeschleust hat.“

Lena runzelte die Stirn.

„Warum?“

„Er wollte beweisen, dass jemand nachträglich medizinische Daten verändern konnte.“

Matthias verstand zuerst.

„Er markierte seinen eigenen Namen.“

Weber nickte.

„Eine digitale Falle. Wenn jemand den Datensatz veränderte, bekam Jonas eine Warnung.“

„Und jemand tat es.“

„Ja.“

„Vier Tage vor seinem Unfall?“

Wieder nickte Weber.

Lena setzte sich.

„Was hat das mit Eva zu tun?“

Bei ihrem Namen wurde Weber blass.

„Eva Wolf bemerkte Unregelmäßigkeiten in ihrer Klinik.“

Matthias' Hände ballten sich.

„Welche?“

„Medikamente, die laut System verabreicht worden waren, obwohl Patienten sie nie erhalten hatten. Sie begann Fragen zu stellen.“

„Und Jonas fand dieselben Chargen.“

„Ja.“

Matthias beugte sich über den Tisch.

„Wer hat meine Frau getötet?“

Weber sah ihm direkt in die Augen.

„Ich weiß es nicht.“

Gregor machte einen Schritt vor.

Weber hob sofort beide Hände.

„Das ist die Wahrheit. Aber Eva hatte Beweise. Jonas auch.“

Lena flüsterte:

„Wo sind sie?“

Weber sah sie an.

„Jonas versteckte seine Kopie.“

„In meiner Wohnung?“

„Nein.“

„Dann warum waren Sie dort?“

Weber schwieg.

Matthias legte beide Hände auf den Tisch.

„Das ist Ihre letzte Gelegenheit.“

Weber schluckte.

„Ich sollte den Umschlag holen.“

„Für wen?“

„Jonas.“

Lena starrte ihn an.

„Jonas ist tot.“

Weber sah sie lange an.

Dann sagte er:

„Das habe ich nicht gesagt.“

Niemand im Raum bewegte sich.

Lena hörte ihren eigenen Herzschlag.

„Was soll das heißen?“

Weber öffnete den Mund.

In diesem Moment ging im gesamten Haus das Licht aus.

Vollständige Dunkelheit.

Gregor fluchte.

Sekunden später sprang rote Notbeleuchtung an.

Matthias zog Lena instinktiv hinter sich.

Irgendwo im Haus ertönte ein Alarm.

Ein Leibwächter erschien in der Tür.

„Perimeterverletzung!“

„Wie viele?“

„Unbekannt. Kameras sind weg.“

Matthias drehte sich zu Gregor.

„Sofia.“

Lena rannte bereits.

Sie erreichte die Treppe fast gleichzeitig mit Matthias.

Oben stand Dr. Keller vor dem Kinderzimmer.

„Sie ist hier!“

Matthias stürmte hinein.

Sofia lag unverletzt im Bett.

Lena presste eine Hand gegen die Brust.

Dann vibrierte ihr Telefon.

Wieder die unbekannte Nummer.

Eine neue Nachricht.

**Weber darf Matthias nicht sagen, wo Jonas ist.**

Lena hob langsam den Kopf.

„Matthias.“

Er sah sie an.

Sie zeigte ihm den Bildschirm.

Noch bevor er etwas sagen konnte, krachte unten eine Tür.

Gregor rief.

Matthias drückte Sofia Lena in die Arme.

„Bleiben Sie hier.“

Er verschwand.

Lena hielt das Baby fest und hörte Schritte, Rufe, dann wieder Stille.

Eine Minute.

Vielleicht zwei.

Dann kam Gregor zurück.

Sein Gesicht war bleich.

„Chef.“

Matthias trat aus dem Flur.

„Was?“

Gregor sah erst ihn, dann Lena an.

„Weber ist weg.“

„Wie?“

„Der Raum war von innen verriegelt.“

Matthias' Gesicht verhärtete sich.

„Fenster?“

„Geschlossen.“

„Dann sucht das ganze Haus.“

Gregor bewegte sich nicht.

„Da ist noch etwas.“

Er hielt einen kleinen Gegenstand hoch.

Eine Speicherkarte.

„Die lag auf Webers Stuhl.“

Matthias nahm sie.

Auf der Vorderseite stand mit schwarzem Stift nur ein Datum.

Lena erkannte es sofort.

Der Tag von Jonas' Unfall.

Sie gingen zurück ins Arbeitszimmer und steckten die Karte in einen isolierten Laptop.

Eine einzige Videodatei erschien.

Gregor startete sie.

Das Bild war dunkel und verwackelt.

Ein Krankenhausflur.

Zeitstempel: zwei Stunden nach Jonas' angeblichem Tod.

Dann öffnete sich eine Tür.

Zwei Männer schoben eine Krankenliege durch den Flur.

Darauf lag ein Patient.

Das Gesicht war nur für einen Moment sichtbar.

Aber dieser Moment genügte.

Lena ließ einen erstickten Laut hören.

Matthias stoppte das Video.

Vergrößerte das Bild.

Lena trat näher.

Die Narbe über der rechten Augenbraue.

Das dunkle Haar.

Der Ehering.

Jonas.

Lebendig.

Zwei Stunden nachdem man Lena gesagt hatte, ihr Mann sei tot.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**

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