Lena starrte Matthias an.
„Sie können mich nicht einfach festhalten.“
„Ich halte Sie nicht fest.“
„Sie ändern die Flugroute, verweigern mir Frankfurt und sagen mir, ich könne nicht nach Hause. Wie würden Sie das nennen?“
Matthias antwortete nicht sofort.
Stattdessen nahm er Sofia vorsichtig aus ihren Armen. Das Baby bewegte sich kaum, schmiegte die Wange an seine Brust und schlief weiter.
Dieser Anblick machte alles noch verwirrender.
Der Mann vor Lena konnte seine Tochter halten, als wäre sie das Zerbrechlichste auf der Welt.
Und gleichzeitig konnte er einen ganzen Privatjet mit einem einzigen Satz in Angst versetzen.
„Gregor.“
Einer der Leibwächter trat vor.
„Überprüf die Anfrage. Jeden Server, jeden Zugang, jede Kamera in Frankfurt. Ich will wissen, wer Hoffmanns Namen weitergegeben hat.“
„Verstanden.“
Gregor verschwand nach hinten.
Lena stand auf.
„Ich möchte mein Telefon.“
Die Flugbegleiterin sah Matthias an.
Er nickte.
Lena nahm das Gerät mit zitternden Fingern entgegen.
Kein Empfang.
Natürlich.
Sie öffnete trotzdem ihre Nachrichten.
Nichts Ungewöhnliches.
Dann sah sie eine Benachrichtigung, die vor sieben Minuten eingegangen war.
Unbekannte Nummer.
Nur fünf Wörter.
**Steig nicht aus diesem Flugzeug.**
Lenas Magen verkrampfte sich.
„Matthias.“
Zum ersten Mal sagte sie seinen Vornamen.
Er reagierte sofort.
Sie hielt ihm das Telefon hin.
Er las die Nachricht.
Sein Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos.
„Wann kam die?“
„Vor sieben Minuten.“
„Haben Sie diese Nummer schon einmal gesehen?“
„Nein.“
Matthias reichte das Telefon einem zweiten Leibwächter.
„Ortung. Sofort.“
„Was passiert hier?“
„Das würde ich ebenfalls gern wissen.“
Lena fuhr sich über das Gesicht.
„Ich bin Verwaltungsassistentin. Ich habe keine Feinde. Ich habe nichts mit Ihrer Welt zu tun.“
Matthias sah sie scharf an.
„Vielleicht hat das nichts mit meiner Welt zu tun.“
Dieser Satz traf sie unerwartet.
„Was meinen Sie?“
Doch bevor er antworten konnte, kam Gregor zurück.
„Die Anfrage aus Frankfurt war echt.“
„Von wem?“
Gregor zögerte.
„Von einer Sicherheitsfirma.“
Matthias' Augen verengten sich.
„Name?“
„Kronberg Risk Management.“
Etwas veränderte sich in Matthias' Haltung.
Nur minimal.
Aber Lena bemerkte es.
„Sie kennen die Firma.“
„Ja.“
„Wer sind sie?“
„Leute, die normalerweise nicht nach verwitweten Verwaltungsassistentinnen suchen.“
Lena spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Dann finden Sie heraus, warum.“
„Das tun wir.“
Wenige Minuten später begann der Jet zu sinken.
Unter ihnen erschien keine beleuchtete Großstadt.
Nur Dunkelheit.
Dann einzelne Lichter.
Eine schmale Landebahn tauchte zwischen schwarzen Feldern auf.
Lena trat ans Fenster.
„Wo sind wir?“
„Süddeutschland.“
„Das ist keine Antwort.“
„Im Moment reicht sie.“
Die Reifen berührten die Landebahn.
Draußen warteten drei schwarze Fahrzeuge.
Keine Terminals.
Keine anderen Passagiere.
Keine Menschen mit Koffern.
Nur Männer in dunkler Kleidung.
Lena spürte echte Angst.
„Ich steige nicht aus.“
Matthias stand mit Sofia im Arm neben ihr.
„Dann bleiben Sie im Flugzeug.“
„Und was passiert dann?“
„Der Jet fliegt in vierzig Minuten weiter.“
„Nach Frankfurt?“
„Nein.“
Lena presste die Lippen zusammen.
Matthias sah sie an.
„Ich weiß, wie das aussieht.“
„Wie eine Entführung.“
„Wenn ich Sie entführen wollte, Frau Hoffmann, würden wir diese Unterhaltung nicht führen.“
„Das soll mich beruhigen?“
Zu ihrer Überraschung erschien für den Bruchteil einer Sekunde etwas fast Menschliches in seinem Gesicht.
„Nein.“
Dann begann Sofia sich zu bewegen.
Ihr Gesicht verzog sich.
Lena erkannte die Zeichen sofort.
„Sie wird wieder hungrig.“
Matthias sah auf seine Tochter.
Diese eine Bewegung genügte.
Die Entscheidung war gefallen.
Lena hasste sich ein wenig dafür.
Sie stieg aus.
Die kalte Nachtluft schlug ihr entgegen.
Sie wurden zu einem großen Anwesen gefahren, das fast vollständig hinter hohen Mauern und alten Bäumen verborgen lag.
Lena hatte erwartet, etwas Prunkvolles zu sehen.
Stattdessen wirkte das Haus wie eine Festung, die sich als Villa verkleidete.
Im Inneren wartete bereits eine Kinderärztin.
Dr. Miriam Keller untersuchte Sofia fast vierzig Minuten lang.
Lena blieb im Raum.
Das Baby war dehydriert, aber stabil.
„Wir müssen sie beobachten“, sagte Dr. Keller schließlich. „Sie braucht regelmäßige kleine Mahlzeiten. Wenn sie weiterhin jede Flasche verweigert, müssen wir andere Methoden versuchen.“
Matthias sah zu Lena.
Sie verstand sofort.
„Nein.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Sie mussten nichts sagen.“
Dr. Keller blickte zwischen ihnen hin und her.
Lena verschränkte die Arme.
„Ich helfe ihr heute Nacht. Danach brauchen Sie eine dauerhafte Lösung.“
Matthias nickte.
„Einverstanden.“
Es war kurz nach drei Uhr morgens, als Lena endlich ein Gästezimmer bekam.
Sie schloss die Tür ab.
Dann schob sie zusätzlich einen Sessel davor.
Erst danach setzte sie sich aufs Bett.
Ihre Hände zitterten.
Sie dachte an die Nachricht.
**Steig nicht aus diesem Flugzeug.**
Wer hatte sie geschickt?
Sie öffnete ihr Telefon erneut.
Diesmal gab es Empfang.
Sie wollte die unbekannte Nummer anrufen.
Doch bevor sie es konnte, bemerkte sie etwas.
Eine alte E-Mail war plötzlich als ungelesen markiert.
Absender:
**Jonas Hoffmann.**
Lena hörte auf zu atmen.
Ihr Mann war seit drei Monaten tot.
Sie hatte sein E-Mail-Konto nach der Beerdigung nicht mehr geöffnet.
Die Nachricht war jedoch nicht drei Monate alt.
Sie war für eine zeitversetzte Zustellung vorbereitet worden.
Betreff:
**Falls mir etwas passiert.**
Lenas Finger wurden eiskalt.
Sie öffnete sie.
Nur wenige Zeilen erschienen.
*Lena, wenn du das liest, bin ich wahrscheinlich nicht mehr da.*
*Bitte glaub nicht alles, was man dir über den Unfall erzählt.*
Ihr Herz schlug so heftig, dass sie die nächsten Worte zweimal lesen musste.
*Ich habe etwas entdeckt, das ich niemals hätte sehen dürfen.*
*Wenn jemand von Kronberg nach dir sucht, lauf nicht nach Hause.*
Lena sprang auf.
Der Sessel hinter der Tür kippte beinahe um.
Kronberg.
Die gleiche Firma.
Sie las weiter.
*Und wenn Matthias Wolf in deiner Nähe ist, sag ihm nur einen Satz:*
**Jonas wusste, was mit Eva passiert ist.**
Lena starrte auf den Namen.
Eva.
Sie hatte keine Ahnung, wer Eva war.
In diesem Moment klopfte jemand an ihre Tür.
Dreimal.
Langsam.
„Frau Hoffmann?“
Matthias.
Lena öffnete nicht.
„Was wollen Sie?“
Seine Stimme kam gedämpft durch die Tür.
„Gregor hat herausgefunden, wer die Suche nach Ihnen bei Kronberg angeordnet hat.“
Lena hielt das Telefon so fest, dass ihre Finger schmerzten.
„Wer?“
Eine kurze Stille.
„Ihr verstorbener Mann.“
Lena schloss die Augen.
Dann schob sie den Sessel weg und öffnete die Tür.
Matthias stand allein davor.
Sein Gesicht veränderte sich, als er das Telefon in ihrer Hand sah.
„Ich habe eine Nachricht von Jonas.“
„Jetzt?“
„Eine zeitversetzte E-Mail.“
Matthias wurde vollkommen still.
Lena wusste nicht, ob sie Jonas' Warnung vertrauen konnte.
Sie wusste nicht einmal mehr, ob sie dem Mann vertrauen konnte, dessen Beerdigung sie drei Monate zuvor organisiert hatte.
Aber sie erinnerte sich an die letzte Zeile.
Also sah sie Matthias direkt in die Augen.
„Jonas wusste, was mit Eva passiert ist.“
Für einen Moment geschah nichts.
Dann verlor Matthias Wolf jede Farbe im Gesicht.
Hinter ihm ließ einer seiner Männer ein Glas fallen.
Es zerbrach auf dem Marmorboden.
Matthias bewegte sich nicht.
„Woher“, fragte er schließlich mit einer Stimme, die Lena kaum wiedererkannte, „kannte Ihr Mann den Namen meiner Frau?“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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