Lena berührte den Bildschirm.
„Mach es noch einmal.“
Gregor spielte die Aufnahme erneut ab.
Die Liege erschien.
Die Männer.
Dann Jonas.
Lebendig.
Lena sah die Sequenz fünfmal.
Beim sechsten Mal konnte sie nicht mehr.
Sie trat zurück und presste beide Hände gegen den Mund.
Drei Monate.
Drei Monate hatte sie um einen Mann getrauert, der zwei Stunden nach seinem angeblichen Tod noch gelebt hatte.
„Wo bringen sie ihn hin?“
Gregor stoppte das Video einige Sekunden später.
Am Ende des Flurs verschwanden die Männer durch eine Metalltür.
„Wir prüfen den Grundriss der Klinik.“
„Das dauert zu lange.“
Matthias sah Lena an.
„Gregor wird finden, wohin diese Tür führt.“
„Und wenn Jonas längst woanders ist?“
„Dann finden wir auch das.“
Lena schüttelte den Kopf.
„Sie sagen das, als könnten Sie jeden Menschen finden.“
„Fast jeden.“
„Dann finden Sie meinen Mann.“
Es war keine Bitte.
Matthias hielt ihrem Blick stand.
„Das werde ich.“
Gregor vergrößerte inzwischen einen Ausschnitt des Videos.
„Chef.“
Einer der Männer, die Jonas' Liege schoben, trug einen Mitarbeiterausweis.
Das Bild war unscharf, doch ein Name ließ sich erkennen.
**Dr. Markus Weber.**
Lena schloss die Augen.
„Er hat Jonas selbst weggebracht.“
Matthias nickte.
„Und heute Nacht wollte er offenbar, dass wir dieses Video sehen.“
„Warum ist er dann verschwunden?“
„Vielleicht ist er nicht freiwillig verschwunden.“
Gregor überprüfte die Speicherkarte.
„Die Datei wurde gestern darauf kopiert.“
„Von wem?“
„Nicht feststellbar.“
Lena sah wieder auf ihr Telefon.
Die unbekannte Nummer hatte gewusst, dass Weber bei ihnen war.
Sie hatte sogar gewusst, was Weber Matthias sagen wollte.
„Jemand beobachtet uns.“
Matthias sah zu den Fenstern.
„Nicht nur uns.“
Er nahm ihr Telefon.
Diesmal protestierte Lena nicht.
Gregor verband es mit einem abgeschirmten Gerät.
Nach wenigen Minuten schüttelte er den Kopf.
„Keine klassische Ortungssoftware.“
„Dann woher wissen sie alles?“
Gregor sah Matthias an.
„Entweder haben wir jemanden im Haus.“
Stille.
„Oder sie sehen etwas, das wir nicht sehen.“
Matthias' Gesicht wurde hart.
„Alle Kommunikationsgeräte isolieren. Personal überprüfen. Niemand verlässt das Gelände.“
Gregor ging.
Lena blickte auf das Standbild ihres Mannes.
„Wenn Jonas überlebt hat, warum hat er mich nicht angerufen?“
Matthias antwortete vorsichtig.
„Vielleicht konnte er nicht.“
„Drei Monate lang?“
„Oder er wollte nicht, dass jemand weiß, dass Sie Kontakt haben.“
Das tat fast genauso weh.
Lena setzte sich.
„Unsere Söhne starben sechs Wochen vor seinem Unfall.“
Matthias sagte nichts.
„Danach war Jonas anders. Ich dachte, es sei Trauer.“
Ihre Stimme zitterte.
„Er schlief kaum. Er kontrollierte ständig die Fenster. Manchmal stand er nachts einfach im Flur vor dem Kinderzimmer.“
Sie sah auf den Bildschirm.
„Ich dachte, er vermisste sie.“
„Vielleicht tat er das.“
„Und vielleicht hatte er gleichzeitig Angst.“
Matthias setzte sich ihr gegenüber.
„Trauer und Angst schließen sich nicht aus.“
Lena sah ihn an.
Zum ersten Mal fragte sie sich, wie viel von seiner Ruhe nur eine andere Form derselben Verzweiflung war.
Dann kam Gregor zurück.
„Wir haben die Tür.“
Auf dem Laptop erschien der Gebäudeplan der Klinik.
Die Metalltür führte zu einem Versorgungskorridor und von dort direkt zu einer unterirdischen Ladezone.
Eine Kamera hatte dort in derselben Nacht einen Krankenwagen aufgenommen.
„Kennzeichen?“
„Gefälscht.“
„Route?“
Gregor öffnete eine Karte.
„Das Fahrzeug wurde dreiundvierzig Kilometer später noch einmal erfasst.“
Ein Punkt erschien.
Dann ein zweiter.
Schließlich endete die Spur an einem alten privaten Rehabilitationszentrum außerhalb von Stuttgart.
Matthias stand auf.
„Wem gehört es?“
Gregor brauchte nur Sekunden.
„Offiziell einer Stiftung.“
„Und dahinter?“
Gregor schwieg.
„Kronberg.“
Lena war bereits aufgestanden.
„Wir fahren hin.“
„Sie bleiben hier.“
„Nein.“
Matthias drehte sich zu ihr.
„Wenn Jonas dort ist, ist genau das der Grund, warum Sie nicht mitkommen.“
„Wenn Jonas dort ist, werden Sie mich nicht davon abhalten.“
„Lena.“
„Sie haben Ihre Frau verloren.“
Die Worte stoppten ihn.
„Wenn Ihnen jemand jetzt sagen würde, Eva könnte noch leben, würden Sie dann in diesem Haus sitzen bleiben?“
Matthias antwortete nicht.
Er musste es nicht.
Vierzig Minuten später saß Lena in einem gepanzerten Wagen.
Sofia blieb mit Dr. Keller und mehreren Wachleuten auf dem Anwesen.
Matthias hatte zweimal überprüft, ob jede Tür gesichert war, bevor er eingestiegen war.
Das Rehabilitationszentrum lag hinter einem Waldstück.
Kein Schild.
Kaum Beleuchtung.
Von außen sah es verlassen aus.
Doch Gregor zeigte auf eine Wärmebildaufnahme.
„Sieben Personen.“
Matthias sah Lena an.
„Sie bleiben im Wagen, bis ich Sie hole.“
Diesmal widersprach sie nicht.
Die Männer verschwanden zwischen den Bäumen.
Fünf Minuten vergingen.
Dann zehn.
Lena saß allein mit einem Fahrer.
Ihr Telefon lag ausgeschaltet in einer abgeschirmten Tasche.
Trotzdem leuchtete plötzlich das Display des Fahrzeugs auf.
Eine Textzeile erschien.
**LENA, GEH NICHT HINEIN.**
Sie erstarrte.
Der Fahrer sah ebenfalls darauf.
„Was zum—“
Eine zweite Zeile erschien.
**ER IST NICHT DER MANN, DEN DU SUCHST.**
Lena griff nach dem Türgriff.
„Bleiben Sie im Wagen“, sagte der Fahrer.
Dann hörte sie über Funk Gregors Stimme.
„Gebäude gesichert.“
Matthias meldete sich.
„Lena.“
Sie nahm das Funkgerät.
„Ja.“
Lange Stille.
„Sie sollten kommen.“
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Sie rannte.
Im Inneren roch es nach Desinfektionsmittel und feuchtem Beton.
Gregor führte sie durch einen Korridor.
Eine Tür stand offen.
Dahinter befand sich ein medizinisches Zimmer.
Ein Mann saß auf einem Bett.
Dünner als früher.
Das Haar länger.
Eine Narbe zog sich von seinem Hals unter den Krankenhauskittel.
Lena blieb in der Tür stehen.
Der Mann hob den Kopf.
Ihre Beine gaben beinahe nach.
„Jonas.“
Er sah sie an.
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Lena.“
Sie lief zu ihm.
Doch bevor sie ihn erreichen konnte, trat Matthias zwischen sie.
„Warten Sie.“
Lena fuhr herum.
„Gehen Sie aus dem Weg!“
„Seine Hände.“
Jonas hielt beide Hände auf der Decke.
Keine Eheringmarke.
Lena starrte darauf.
„Der Ring könnte—“
„Lena“, sagte Jonas.
Sie sah wieder sein Gesicht.
Es war seine Stimme.
Sein Gesicht.
Seine Augen.
„Sag mir etwas“, flüsterte sie.
„Was?“
„Etwas, das nur Jonas wissen kann.“
Der Mann begann zu weinen.
„Am Tag, an dem wir erfuhren, dass es Zwillinge werden, hast du im Parkhaus so laut gelacht, dass die Frau im Auto neben uns dachte, du wärst verrückt.“
Lena schwankte.
Niemand außer Jonas konnte das wissen.
Sie ging an Matthias vorbei und umarmte ihn.
Der Mann brach in ihren Armen zusammen.
„Es tut mir leid.“
Lena weinte gegen seine Schulter.
„Warum? Warum hast du mich glauben lassen, du wärst tot?“
Jonas hielt sie fest.
„Weil sie gesagt haben, dass sie dich töten würden.“
„Wer?“
Er blickte über ihre Schulter zu Matthias.
Sofort veränderte sich sein Gesicht.
Angst.
„Warum ist er hier?“
Lena löste sich.
„Jonas, Matthias' Frau ist tot.“
Jonas wurde bleich.
„Eva?“
„Du kanntest sie.“
Er schloss die Augen.
„Ich habe versucht, sie zu warnen.“
Matthias trat näher.
„Wovor?“
Jonas sah ihn an.
„AdlerMed war nie das eigentliche Geschäft.“
„Was dann?“
Jonas' Blick wanderte zu Lena.
„Patientendaten.“
„Für was?“
„Um Menschen zu finden.“
Lena runzelte die Stirn.
„Welche Menschen?“
„Menschen mit bestimmten genetischen Merkmalen. Schwangerschaften. Neugeborene. Seltene Blutgruppen.“
Matthias' Gesicht wurde vollkommen still.
„Warum?“
Jonas antwortete nicht sofort.
Dann sah er Lena direkt an.
„Unsere Söhne waren in ihrer Datenbank.“
Lena hörte auf zu atmen.
„Nein.“
„Lena—“
„Nein.“
„Ich fand ihre Akten sechs Tage nach ihrem Tod.“
Sie wich zurück.
„Unsere Kinder starben an Komplikationen nach der Frühgeburt.“
Jonas begann zu weinen.
„Das dachte ich auch.“
Matthias sah ihn scharf an.
„Was haben Sie gefunden?“
Jonas' Stimme brach.
„Die Medikamentenprotokolle wurden verändert.“
Lena schüttelte immer wieder den Kopf.
„Warum hätten sie unseren Babys etwas antun sollen?“
Jonas sah nicht sie an.
Er sah Matthias an.
„Weil ihre Daten zu einem Programm gehörten, das ich entdeckt hatte.“
Dann wandte er sich wieder Lena zu.
„Und Eva fand heraus, dass Sofia ebenfalls darin registriert war.“
Matthias erstarrte.
„Meine Tochter?“
Jonas nickte.
„Deshalb wollte Eva mit Ihnen reden.“
Matthias griff nach seinem Telefon.
„Gregor. Sofort das Anwesen anrufen.“
Gregor tat es.
Keine Antwort.
Noch einmal.
Nichts.
Matthias' Gesicht verlor jede Farbe.
Dann klingelte Gregors Telefon.
Dr. Keller.
Er stellte auf Lautsprecher.
Nur Atem war zu hören.
Dann die zitternde Stimme der Ärztin.
„Herr Wolf...“
„Wo ist Sofia?“
Stille.
„Dr. Keller, wo ist meine Tochter?“
Die Ärztin begann zu weinen.
„Sie haben das Haus nicht von außen angegriffen.“
Matthias bewegte sich nicht.
„Was meinen Sie?“
„Jemand war bereits hier.“
Ein Geräusch.
Dann sagte sie die Worte, die den ganzen Raum gefrieren ließen.
„Sofia ist verschwunden.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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