Lena brauchte einen Moment, um die Bedeutung seiner Worte zu begreifen.
„Eva war Ihre Frau?“
Matthias antwortete nicht.
Sein Blick blieb auf ihrem Telefon.
„Geben Sie mir die E-Mail.“
„Nein.“
Gregor hob den Kopf.
Lena sah sofort, wie ungewöhnlich dieses Wort in diesem Haus war.
Nein.
Zu Matthias Wolf.
Doch Matthias streckte nicht einmal die Hand aus.
„Dann lesen Sie sie mir vor.“
Lena zögerte.
„Er schrieb, dass ich nicht alles glauben soll, was man mir über seinen Unfall erzählt hat. Er habe etwas entdeckt, das er niemals hätte sehen dürfen.“
Matthias' Kiefer spannte sich an.
„Weiter.“
„Wenn Kronberg nach mir sucht, soll ich nicht nach Hause.“
Gregor fluchte leise.
„Und dann der Satz über Eva.“
Matthias blickte zur Treppe.
„In mein Arbeitszimmer.“
Lena blieb stehen.
„Ich möchte zuerst wissen, was hier passiert.“
„Genau das versuche ich herauszufinden.“
„Dann erklären Sie mir, wer Eva war.“
Für mehrere Sekunden sagte Matthias nichts.
Schließlich sah er zu Gregor.
„Niemand kommt auf diese Etage. Niemand verlässt das Grundstück.“
Dann ging er voraus.
Lena folgte ihm in ein Arbeitszimmer mit dunklen Holzregalen und hohen Fenstern. Matthias schloss die Tür.
Auf seinem Schreibtisch stand ein Foto.
Eva.
Lena erkannte sie sofort als Sofias Mutter, obwohl sie die Frau nie zuvor gesehen hatte. Das Foto zeigte eine junge Frau mit dunklem Haar, die ein neugeborenes Baby hielt.
Matthias blieb davor stehen.
„Eva starb vor zwei Tagen.“
„Sie sagten das bereits.“
„Was ich nicht gesagt habe, ist, wie.“
Lena wartete.
„Offiziell war es eine Lungenembolie.“
„Und Sie glauben das nicht?“
„Ich wusste nicht, was ich glauben sollte.“
Matthias öffnete eine Schublade und legte einen dünnen Umschlag auf den Tisch.
„Eva war gesund. Sieben Wochen nach der Geburt hatte sie einen Kontrolltermin. Danach sagte sie mir, sie fühle sich beobachtet.“
„Von wem?“
„Das wollte sie mir nicht sagen.“
„Warum?“
„Weil sie wusste, was passiert, wenn ich glaube, jemand bedroht meine Familie.“
Lena verstand.
Eva hatte vielleicht nicht geschwiegen, weil sie Matthias nicht vertraute.
Vielleicht hatte sie geschwiegen, weil sie wusste, wozu er fähig war.
„Am Abend vor ihrem Tod“, fuhr Matthias fort, „sagte sie, sie müsse mir etwas zeigen. Sie wollte warten, bis Sofia schlief.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Dazu kam es nie.“
Lena setzte sich langsam.
„Und Jonas?“
„Den Namen Ihres Mannes habe ich heute zum ersten Mal gehört.“
„Dann warum suchte Kronberg nach mir?“
Matthias öffnete seinen Laptop.
Gregor hatte bereits Dateien geschickt.
Auf dem Bildschirm erschien eine Tabelle mit Zeitstempeln.
„Kronberg hat Ihre Daten vor elf Wochen zum ersten Mal abgefragt.“
Lena starrte auf das Datum.
„Das war vor Jonas' Tod.“
„Ja.“
„Warum?“
Matthias scrollte weiter.
Ihr Name.
Ihre Adresse.
Ihr Arbeitsplatz.
Dann Jonas.
Neben seinem Namen standen mehrere Einträge.
„Ihr Mann war kein Kunde von Kronberg“, sagte Matthias. „Er wurde überwacht.“
Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Was hat Jonas beruflich gemacht?“
„IT-Sicherheitsberater.“
Matthias sah sie an.
„Für wen?“
„Verschiedene Unternehmen. Banken. Kliniken. Logistikfirmen.“
„Hat er je den Namen AdlerMed erwähnt?“
Lena dachte nach.
Dann erinnerte sie sich.
„Ja.“
Matthias beugte sich vor.
„Wann?“
„Ein paar Wochen vor dem Unfall. Er sagte, er müsse bei einem medizinischen Logistikunternehmen eine Sicherheitsprüfung durchführen.“
Matthias schloss kurz die Augen.
„Verdammt.“
„Was ist AdlerMed?“
„Das Unternehmen, das Evas Privatklinik mit Medikamenten beliefert.“
Lena wurde kalt.
Plötzlich waren es keine einzelnen Zufälle mehr.
Jonas.
Eva.
Kronberg.
AdlerMed.
Zwei Tote innerhalb von drei Monaten.
„Sie glauben, Jonas hat dort etwas gefunden.“
„Ich glaube gar nichts, bevor ich Beweise habe.“
Matthias' Telefon klingelte.
Gregor.
Matthias nahm ab.
Er hörte ungefähr zwanzig Sekunden schweigend zu.
Dann sah er Lena an.
„Sind Sie sicher, dass niemand Zugang zu Ihrer Wohnung hat?“
„Nur ich.“
„Keine Familie? Reinigungskraft? Vermieter?“
„Nein.“
„Dann haben wir ein Problem.“
Er schaltete den Lautsprecher ein.
Gregors Stimme erfüllte den Raum.
„Das Sicherheitssystem ihrer Wohnung wurde vor achtzehn Minuten deaktiviert. Danach ging die Haustür auf.“
Lena sprang auf.
„Jemand ist in meiner Wohnung?“
„Ja.“
„Rufen Sie die Polizei!“
Gregor schwieg.
Matthias antwortete.
„Schon geschehen.“
„Ich muss hin.“
„Nein.“
„Dort sind Jonas' Sachen. Die Sachen meiner Kinder.“
Ihre Stimme brach.
„Alles, was ich noch habe, ist dort.“
Matthias trat näher.
„Und genau deshalb gehen Sie nicht hin.“
„Sie verstehen das nicht.“
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Meine Frau ist seit zwei Tagen tot. Erzählen Sie mir nicht, dass ich nicht verstehe, was es bedeutet, wenn jemand die letzten Dinge berührt, die von einem Menschen geblieben sind.“
Lena verstummte.
Matthias drehte sich zum Telefon.
„Gregor, Kameras.“
„Bin dran.“
Sekunden später erschien ein Videofenster auf dem Laptop.
Die Kamera eines gegenüberliegenden Gebäudes zeigte den Eingang von Lenas Wohnhaus.
Ein schwarzer Wagen stand am Straßenrand.
Zwei Männer kamen heraus.
Dann ein dritter.
Lena kannte keinen von ihnen.
Gregor vergrößerte das Bild.
Einer trug eine Tasche.
Der zweite sprach ins Telefon.
Der dritte blieb draußen.
„Zeitstempel?“, fragte Matthias.
„Live.“
Lena legte eine Hand vor den Mund.
Dann erschien ein vierter Mann.
Er stieg aus der Beifahrerseite.
Lena hörte auf zu atmen.
„Nein.“
Matthias sah sie an.
„Sie kennen ihn?“
Lena ging näher an den Bildschirm.
Der Mann war älter geworden.
Das Haar grauer.
Aber sie kannte dieses Gesicht.
„Dr. Weber.“
„Wer ist das?“
„Der Arzt, der nach dem Unfall meines Mannes in der Klinik war.“
Matthias' Augen wurden schmal.
„Hat er Jonas behandelt?“
„Er war derjenige, der mir sagte, Jonas sei tot.“
Im Arbeitszimmer wurde es vollkommen still.
Gregor sagte über den Lautsprecher:
„Chef, da ist noch etwas.“
Ein zweites Fenster öffnete sich.
Eine vergrößerte Aufnahme zeigte Dr. Weber, wie er etwas aus seiner Jackentasche nahm.
Eine Zugangskarte.
Auf der Rückseite war ein Logo.
AdlerMed.
Lena musste sich am Schreibtisch festhalten.
„Er hat mir gesagt, Jonas sei sofort beim Aufprall gestorben.“
Matthias sah sie an.
„Haben Sie seinen Körper gesehen?“
Die Frage traf sie wie ein Schlag.
„Natürlich.“
Doch noch während sie antwortete, kamen die Erinnerungen zurück.
Das Krankenhaus.
Der sterile Flur.
Der geschlossene Leichensack.
Ein Mitarbeiter hatte ihr davon abgeraten, ihn zu öffnen.
Zu schwere Verletzungen.
Sie hatte nur Jonas' linke Hand gesehen.
Seinen Ehering.
Lena wurde blass.
„Ich habe sein Gesicht nicht gesehen.“
Matthias sagte nichts.
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Noch gar nichts.“
Doch Lena sah, dass auch er dieselbe Möglichkeit erkannt hatte.
Ihr Telefon vibrierte.
Wieder die unbekannte Nummer.
Diesmal war es kein Text.
Es war ein Foto.
Lena öffnete es.
Das Bild zeigte ihr Kinderzimmer.
Aufgenommen in diesem Moment.
Jemand stand in ihrer Wohnung.
Auf dem Boden zwischen den beiden leeren Kinderbetten lag ein weißer Umschlag.
Darauf stand ihr Name.
Darunter waren vier Worte geschrieben:
**Jonas hat etwas hinterlassen.**
Lena zeigte Matthias das Foto.
Er sah es nur eine Sekunde an.
Dann rief er Gregor an.
„Niemand berührt diesen Umschlag.“
„Verstanden.“
„Und bringt Weber lebend zu mir.“
Lena fuhr herum.
„Was wollen Sie mit ihm machen?“
Matthias' Blick blieb auf dem Bildschirm.
„Ihn fragen, warum ein Arzt, der den Tod Ihres Mannes bestätigt hat, drei Monate später nachts in Ihre Wohnung einbricht.“
Er ging zur Tür.
Doch Lena hielt ihn zurück.
„Matthias.“
Er drehte sich um.
„Wenn Jonas wirklich etwas über Eva wusste...“
Sie musste schlucken.
„Dann könnte sein Tod mit ihrem Tod zusammenhängen.“
Matthias sah zu Sofia, die auf dem Babyfon neben seinem Laptop friedlich schlief.
Als er wieder zu Lena blickte, war etwas Kaltes in seinen Augen.
„Das ist nicht das Schlimmste.“
„Was könnte schlimmer sein?“
Matthias drehte den Laptop zu ihr.
Gregor hatte inzwischen einen weiteren Datensatz geöffnet.
Eine Liste von AdlerMed-Lieferungen an Evas Klinik.
Neben mehreren Einträgen standen verschlüsselte interne Kennzeichnungen.
Matthias zeigte auf eine davon.
„Diese Nummer.“
Lena sah hin.
„Was ist damit?“
„Sie steht auf dem Bericht über das Medikament, das Eva wenige Stunden vor ihrem Tod bekommen hat.“
Er öffnete eine zweite Datei.
Dieselbe Nummer erschien erneut.
Doch diesmal gehörte sie zu einem ganz anderen Datensatz.
Lena las den Namen.
Und spürte, wie ihr Blut gefror.
**Jonas Hoffmann.**
Dasselbe Medikament war auch für ihren Mann registriert worden.
Drei Monate vor Evas Tod.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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