Matthias sagte kein Wort.
Für zwei Sekunden stand er vollkommen reglos da.
Dann verwandelte sich die Stille in Bewegung.
„Gregor, alle Ausgänge sperren. Niemand verlässt das Anwesen. Keller soll jede Person nennen, die Sofia berührt hat.“
„Wir sind fast eine Stunde entfernt.“
„Dann verschwende keine Sekunde.“
Matthias ging bereits zur Tür.
Jonas rief ihm nach.
„Wenn sie Sofia haben, bringen sie sie nicht zu AdlerMed.“
Matthias blieb stehen.
Langsam drehte er sich um.
„Wo dann?“
„Zu einem Ort, der offiziell nicht existiert.“
„Name.“
„Projekt Morgenrot.“
Gregor sah Jonas scharf an.
„Was ist das?“
Jonas setzte sich auf die Bettkante. Seine Hände zitterten.
„AdlerMed sammelte medizinische Daten nicht für Forschung. Die Datenbank identifizierte Neugeborene mit seltenen genetischen Profilen. Morgenrot war die interne Bezeichnung für das Netzwerk dahinter.“
Lena dachte an ihre Söhne.
„Was geschah mit Kindern, die in dieser Datenbank auftauchten?“
Jonas senkte den Blick.
„Nicht jedes Kind wurde angegriffen. Manche wurden nur überwacht. Andere medizinische Fälle wurden manipuliert, damit niemand bemerkte, dass Proben oder Daten verschwanden.“
„Und unsere Söhne?“
Jonas' Augen füllten sich mit Schmerz.
„Ich kann nicht beweisen, dass jemand ihren Tod verursacht hat.“
Lena erstarrte.
„Dann sag es auch nicht.“
„Ich sage nur, was ich weiß. Ihre Akten wurden nachträglich verändert. Das ist alles, was ich beweisen kann.“
Dieser Unterschied war klein.
Aber wichtig.
Lena zwang sich, ihn festzuhalten.
Keine Vermutung durfte die Wahrheit ersetzen.
Noch nicht.
„Warum hast du mich nicht gewarnt?“
„Weil ich zu spät verstanden habe, wie groß es war.“
„Du hättest mich trotzdem anrufen können.“
Jonas sah sie an.
„Nach meinem Unfall wachte ich in dieser Einrichtung auf. Weber sagte mir, Kronberg habe bereits Leute vor unserer Wohnung. Sie zeigten mir Fotos von dir. Beim Einkaufen. Vor dem Friedhof. Vor unserem Haus.“
Lena wurde übel.
„Sie sagten, wenn ich Kontakt zu dir aufnehme, würden sie dich töten.“
Matthias trat wieder näher.
„Und Weber?“
„Er arbeitete für sie. Dann bekam er Angst.“
„Warum?“
„Weil Eva starb.“
Jonas blickte Matthias direkt an.
„Weber hatte geholfen, medizinische Daten zu manipulieren. Er sagte sich, niemand werde verletzt. Als Eva starb, begriff er, dass das gelogen war.“
Matthias' Stimme wurde eisig.
„Wer gab den Befehl?“
„Das weiß ich nicht.“
„Wer leitet Morgenrot?“
„Ich habe nie einen Namen gefunden.“
Gregor unterbrach sie.
„Chef.“
Auf seinem Tablet erschien eine Nachricht vom Anwesen.
„Keller hat die internen Aufnahmen wiederhergestellt.“
Ein Video öffnete sich.
Lena trat neben Matthias.
Zeitstempel: zwölf Minuten nach ihrer Abfahrt.
Dr. Keller verließ Sofias Zimmer.
Eine Pflegerin kam hinein.
Gregor stoppte das Bild.
„Kennen wir sie?“
Matthias schüttelte den Kopf.
„Sie arbeitet nicht für mich.“
Die Frau trug medizinische Kleidung und eine Maske. Sie nahm Sofia hoch, wickelte sie in eine Decke und verließ das Zimmer.
Niemand hielt sie auf.
Weil sie sich bewegte, als gehörte sie dorthin.
„Gesichtserkennung“, sagte Matthias.
Gregor ließ das Programm laufen.
Keine Übereinstimmung.
Jonas trat näher.
„Zurück.“
Gregor spulte zurück.
„Stopp.“
Jonas zeigte auf das Handgelenk der Frau.
Unter dem Ärmel war für einen Moment ein kleines Symbol sichtbar.
Ein roter Kreis mit drei vertikalen Linien.
Jonas wurde bleich.
„Morgenrot.“
Matthias nahm sein Telefon.
„Wo bringen sie sie hin?“
„Ich kenne nur einen aktiven Standort.“
„Adresse.“
Jonas zögerte.
Matthias trat so nah an ihn heran, dass Lena dazwischengehen wollte.
„Meine sieben Wochen alte Tochter wurde entführt.“
„Matthias.“
Lenas Stimme stoppte ihn.
Jonas sah sie an.
„Die Anlage liegt unter einem stillgelegten Diagnostikzentrum bei Tübingen.“
Gregor war bereits am Tablet.
„Gefunden.“
Matthias wandte sich zur Tür.
Jonas stand auf.
„Ich komme mit.“
„Nein.“
„Ich kenne das System.“
„Sie können kaum stehen.“
„Dann setzt mich in ein Auto.“
Matthias wollte widersprechen.
Doch Lena sagte:
„Wir brauchen ihn.“
Vierzig Minuten später näherten sich zwei Fahrzeuge dem verlassenen Zentrum.
Kein großes Team.
Keine Sirenen.
Jonas hatte gewarnt, dass die Anlage bei einem erkannten Angriff automatisch verriegelt werden konnte.
Gregor fand einen Wartungszugang.
Jonas gab ihm einen alten Zugangscode.
Er funktionierte.
Das erschreckte Lena mehr, als wenn er abgelehnt worden wäre.
Unter dem Gebäude lag ein klinisch sauberer Komplex.
Weiße Korridore.
Verschlossene Türen.
Serverräume.
Keine Menschen.
„Zu ruhig“, flüsterte Gregor.
Dann hörte Lena etwas.
Ein Baby.
Ganz schwach.
Matthias hörte es ebenfalls.
Er rannte.
„Sofia!“
Der Laut kam aus einem Raum hinter einer Glastür.
Sofia lag in einem medizinischen Bettchen.
Allein.
Unverletzt.
Matthias versuchte die Tür.
Verriegelt.
Jonas eilte zu einem Bedienfeld.
„Warte.“
„Öffne sie.“
„Wenn ich den falschen Code eingebe, könnte der Raum abgeriegelt werden.“
Matthias' Hände zitterten.
Lena legte eine Hand an die Scheibe.
Sofia bewegte den Kopf.
Dann begann sie zu weinen.
Der gleiche hungrige Laut wie im Flugzeug.
„Bitte“, flüsterte Lena.
Jonas arbeitete am Bedienfeld.
Ein Signalton.
Grünes Licht.
Die Tür öffnete sich.
Matthias war zuerst bei seiner Tochter.
Er nahm Sofia hoch und drückte sie gegen seine Brust.
Zum ersten Mal sah Lena ihn vollkommen zusammenbrechen.
Er küsste Sofias Stirn immer wieder.
„Papa ist hier.“
Seine Stimme brach.
„Papa ist hier.“
Lena wandte sich ab.
Sie wollte diesem Moment etwas Privatsphäre geben.
Dabei bemerkte sie die Monitore.
Auf einem davon standen Namen.
Dutzende.
Vielleicht Hunderte.
Sie trat näher.
„Jonas.“
Er kam zu ihr.
Die Datenbank war noch geöffnet.
Kinder.
Geburtsdaten.
Kliniken.
Genetische Marker.
Statusangaben.
Gregor begann sofort, die Daten zu sichern.
Dann sah Lena zwei Namen.
Ihre Söhne.
**Noah Hoffmann.**
**Emil Hoffmann.**
Neben beiden stand:
**AKTE GESCHLOSSEN.**
Lena griff nach dem Tisch.
Jonas stellte sich neben sie.
„Es tut mir leid.“
Sie konnte nicht antworten.
Dann fand sie Sofia.
**Sofia Wolf.**
Status:
**TRANSFER ABGEBROCHEN.**
Darunter befand sich ein weiterer Eintrag.
Lena las ihn zweimal.
„Matthias.“
Er kam mit Sofia im Arm näher.
„Was?“
Lena zeigte auf den Bildschirm.
Unter Sofias Datensatz stand eine Autorisierung.
Nicht von AdlerMed.
Nicht von Kronberg.
Ein persönlicher Name.
**Eva Wolf.**
Matthias erstarrte.
„Nein.“
Gregor überprüfte den Datensatz.
„Die Autorisierung wurde vor acht Wochen erstellt.“
„Eva würde ihre eigene Tochter niemals—“
„Vielleicht bedeutet Autorisierung nicht, was wir denken“, sagte Lena.
Jonas scrollte durch die Datei.
Dann fand er eine versteckte Notiz.
„Hier.“
Eine verschlüsselte Textdatei.
Gregor öffnete sie.
Ein Video erschien.
Eva saß vor einer Kamera.
Lebendig.
Müde.
Verängstigt.
Matthias setzte sich, als seine Beine ihn nicht mehr tragen konnten.
Eva begann zu sprechen.
„Matthias, wenn du das siehst, ist etwas schiefgegangen.“
Er berührte den Bildschirm.
Eva fuhr fort.
„Ich habe Sofias Datensatz selbst in Morgenrot eingeschleust.“
Lena sah Matthias an.
„Warum?“
Das Video beantwortete die Frage.
„Ich musste herausfinden, wer auf ein Kind mit ihrem genetischen Profil reagieren würde. Es war die einzige Möglichkeit, die Personen hinter dem Netzwerk sichtbar zu machen.“
Matthias schloss die Augen.
Eva hatte ihre Tochter nicht ausgeliefert.
Sie hatte einen Köder geschaffen.
„Jonas Hoffmann hat mir geholfen“, sagte Eva auf dem Video. „Er hat eine digitale Spur eingebaut. Wenn jemand Sofias Akte öffnet, wird jede Bewegung protokolliert.“
Jonas trat näher.
„Ich wusste nicht, dass sie die Nachricht aufgenommen hatte.“
Eva blickte direkt in die Kamera.
„Wenn ich sterbe, sucht nicht bei AdlerMed nach dem Kopf des Netzwerks.“
Gregor stoppte das Video.
„Warum?“
Ein Alarm erschien auf seinem Tablet.
Jemand hatte die Anlage betreten.
Mehrere Personen.
Matthias hob sofort den Kopf.
Gregor überprüfte die Kameras.
„Wir haben Gesellschaft.“
Jonas deutete auf das Video.
„Lass es weiterlaufen.“
Gregor drückte auf Wiedergabe.
Eva sagte ihren letzten Satz:
„Der Mensch, der Morgenrot kontrolliert, sitzt näher an Matthias, als er jemals vermuten würde.“
Das Video endete.
Matthias sah zu Gregor.
Dann zu seinen Männern.
Misstrauen breitete sich im Raum aus.
Plötzlich schaltete sich die Hauptbeleuchtung aus.
Die Türen verriegelten sich.
Über die Lautsprecher erklang eine Männerstimme.
Ruhig.
Vertraut.
„Matthias.“
Matthias wurde kreidebleich.
Lena sah ihn an.
„Du kennst diese Stimme.“
Er antwortete nicht.
Die Stimme sprach weiter.
„Du hättest einfach mit deiner Tochter nach Hause fliegen sollen.“
Gregor hob seine Waffe.
Jonas wich zurück.
Matthias hielt Sofia enger.
Dann sagte Lena:
„Wer ist das?“
Matthias starrte auf den dunklen Lautsprecher.
Als er schließlich antwortete, klang seine Stimme anders als je zuvor.
„Mein Bruder.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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