Claire hielt den Atem an. Für einige Sekunden hörte sie nur das leise Rauschen des Rekorders und ihren eigenen Herzschlag, der plötzlich viel zu laut durch Ethans Arbeitszimmer zu dröhnen schien. Sie setzte sich langsam auf den Teppich neben dem Schreibtisch, als hätten ihre Beine vergessen, wie man stand. Die Stimme ihres Vaters war unverkennbar. Sie kannte jedes Zögern darin, jede kleine Veränderung seiner Tonlage, wenn er nervös wurde. Doch das Datum auf dem Rekorder lag neun Monate zurück. Damals hatte ihr Vater behauptet, den Namen Hartmann nur aus Wirtschaftsnachrichten zu kennen. Erst drei Wochen vor der Hochzeit, so hatte er gesagt, sei die Familie an ihn herangetreten.
Auf der Aufnahme entstand eine kurze Pause. Dann antwortete Ethan.
„Sie muss es irgendwann erfahren.“
„Nein.“ Die Stimme ihres Vaters klang schärfer. „Du verstehst nicht, was das mit ihr machen würde.“
„Ich verstehe mehr, als du glaubst.“
„Dann lass sie aus dieser Sache heraus.“
Ein Stuhl wurde hörbar zurückgeschoben.
„Dafür ist es zu spät“, sagte Ethan.
Claire presste eine Hand gegen ihren Mund.
Ihr Name. Ethan hatte ihren Namen schon vor seinem Unfall gekannt.
Nicht irgendeine verzweifelte Familie hatte sie neun Monate später zufällig als passende Braut ausgewählt. Zwischen Ethan und ihrem Vater hatte etwas existiert, lange bevor man ihr die Schulden und die Bedingungen der Stiftung erklärt hatte.
„Warum ich?“, flüsterte Claire in das leere Arbeitszimmer.
Auf der Aufnahme sprach ihr Vater wieder.
„Du hast versprochen, dass sie niemals für das bezahlen muss, was ihre Mutter getan hat.“
Claire erstarrte.
Ihre Mutter.
Ein dumpfer Schlag ertönte auf der Aufnahme. Danach Stimmen, zu undeutlich, um einzelne Wörter zu verstehen. Ethan sagte schließlich etwas, das Claire nur teilweise verstand.
„… Beweise … Konto … Vivian darf noch nichts wissen.“
Dann brach die Aufnahme plötzlich ab.
Claire drückte erneut auf Wiedergabe. Dasselbe Ende.
Sie sah auf das Gerät. Die Datei dauerte nur zwei Minuten und achtzehn Sekunden. Doch auf dem Display befanden sich weitere Aufnahmen.
Sie wählte die nächste.
DATEI BESCHÄDIGT.
Die nächste ebenfalls.
Nur die letzte Datei ließ sich öffnen.
Diesmal hörte Claire zunächst Motorengeräusche.
Dann Ethan, offenbar in einem Auto.
„22:47 Uhr. Ich fahre jetzt zum alten Lagerhaus in Deutz. Wenn Markus recht hat, liegt dort die Originalbuchhaltung.“
Markus.
Ihr Vater hieß Markus Weber.
Claire bekam kaum Luft.
„Jason weiß vermutlich noch nichts davon“, fuhr Ethan fort. „Und genau deshalb muss ich heute Nacht—“
Ein plötzliches Hupen.
Bremsen.
Ein erschrockener Fluch.
Dann ein metallisches Krachen.
Die Aufnahme endete.
Claire ließ den Rekorder beinahe fallen.
Das war Ethans Unfall.
Sie hatte gerade die letzten Sekunden gehört, bevor jener Mann, den sie heute geheiratet hatte, neun Monate seines Lebens verloren hatte.
Und ihr Vater hatte wenige Stunden zuvor mit ihm gesprochen.
Sie griff sofort nach ihrem Handy und wählte seine Nummer.
Markus nahm erst beim fünften Klingeln ab.
„Claire? Ist alles in Ordnung?“
Sie antwortete nicht sofort.
„Claire?“
„Woher kanntest du Ethan?“
Am anderen Ende wurde es still.
Keine überraschte Nachfrage. Kein verwirrtes Lachen.
Nur Stille.
Damit hatte er sich bereits verraten.
„Papa.“
„Wo bist du?“
„Beantworte meine Frage.“
„Nicht am Telefon.“
Ihre Finger schlossen sich fester um das Handy.
„Du hast mir gesagt, du hättest diese Familie erst vor drei Wochen kennengelernt.“
„Claire, hör mir zu. Geh zurück in dein Zimmer und tu so, als hättest du nichts gefunden.“
Ihr Blick fiel auf den Rekorder.
„Du weißt also, dass ich etwas gefunden habe.“
Wieder Stille.
„Was hat Mama getan?“
Diesmal hörte sie seinen Atem stocken.
„Wer hat dir davon erzählt?“
„Ethan.“
„Ethan ist im Koma.“
„Nicht mehr vollständig.“
Die Reaktion kam sofort.
„Was?“
Zum ersten Mal klang ihr Vater wirklich erschrocken.
Claire stand auf.
„Er hat heute gesprochen.“
„Was hat er gesagt?“
„Warum interessiert dich das plötzlich so sehr?“
„Claire, was hat er gesagt?“
Seine Stimme war jetzt so eindringlich, dass ihr kalt wurde.
Sie dachte an Ethans Warnung.
Vertrau Jason nicht.
„Nichts Verständliches“, log sie.
Ihr Vater schwieg lange.
Dann sagte er leise:
„Du musst dieses Haus verlassen.“
„Heute Morgen hast du mich noch gezwungen, hier einzuziehen.“
„Da wusste ich nicht, dass Ethan reagieren würde.“
Claire schloss die Augen.
Dieser Satz tat beinahe körperlich weh.
„Du hast also erwartet, dass er niemals aufwacht.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Fast.“
„Claire—“
Sie beendete das Gespräch.
Sekundenlang stand sie bewegungslos da. Dann öffnete sie das schwarze Notizbuch aus der Schublade. Die ersten Seiten enthielten Termine, Zahlen und Namen von Firmen. Weiter hinten änderte sich Ethans Handschrift. Kürzere Einträge. Fragen. Pfeile. Kontonummern.
Mehrfach tauchte ein Name auf.
Elena Weber.
Der Mädchenname ihrer Mutter.
Neben einem Eintrag stand:
E.W. – interne Revision, 2018–2021.
Claire musste sich am Schreibtisch festhalten.
Ihre Mutter hatte immer behauptet, als Buchhalterin für verschiedene mittelständische Unternehmen gearbeitet zu haben. Nie hatte sie erwähnt, für die Hartmanns tätig gewesen zu sein.
Auf der nächsten Seite befand sich eine handschriftliche Notiz:
Elena hat die fehlenden 42 Mio. entdeckt. Nicht Jason. Jemand über ihm.
Claire las den Satz dreimal.
Dann hörte sie draußen Schritte.
Sie klappte das Buch zu, steckte den Rekorder in die Tasche ihres Kleides und schob das Notizbuch zurück in die Schublade.
Die Türklinke bewegte sich.
Claire schaffte es gerade noch, die Schublade zu schließen.
Vivian trat ein.
Ihr Blick wanderte vom Schreibtisch zu Claire.
„Was machst du hier?“
„Ich wollte mehr über Ethan erfahren.“
Vivian betrachtete sie lange.
„Dann hast du den falschen Raum gewählt.“
„Warum?“
„Weil mein Enkel hier seine Geheimnisse aufbewahrte.“
Claire zwang sich zu einem schwachen Lächeln.
„Vielleicht möchte ich gerade die kennenlernen.“
Vivians Gesicht veränderte sich kaum, doch etwas in ihrem Blick wurde härter.
„Manche Geheimnisse haben Ethan beinahe das Leben gekostet.“
Claire wollte antworten, als plötzlich hastige Schritte durch den Flur kamen. Dr. Keller erschien in der Tür.
„Frau Hartmann.“
Vivian drehte sich um.
„Was ist passiert?“
„Ethan ist wieder bei Bewusstsein.“
Claire bewegte sich sofort.
Doch Keller hob die Hand.
„Es gibt noch etwas.“
„Was?“
Der Arzt sah Claire direkt an.
„Er weigert sich zu sprechen, bis seine Frau allein bei ihm ist.“
Wenige Minuten später betrat Claire das Schlafzimmer. Ethan lag noch immer schwach im Bett, doch diesmal waren seine Augen vollständig geöffnet. Dunkel, erschöpft, aber wach. Die Tür fiel hinter Claire ins Schloss.
Sie trat näher.
„Du kennst mich.“
Ethan sah sie lange an.
„Ja.“
„Schon vor unserem Hochzeitstag.“
Ein kaum sichtbares Nicken.
Claire zog den Rekorder aus ihrer Tasche und legte ihn auf die Bettdecke.
Sein Gesicht verlor augenblicklich jede Farbe.
„Wo hast du den gefunden?“
„Dort, wo Jason gesagt hat, dass ich suchen soll.“
Ethans Augen weiteten sich.
„Jason hat dir den Schlüssel gegeben?“
„Ja.“
Ethan versuchte sich aufzurichten, verzog jedoch sofort vor Schmerz das Gesicht.
„Claire, hör mir genau zu. Jason hatte diesen Schlüssel nicht.“
Sie verstand zunächst nicht.
„Er hat ihn mir gegeben.“
„Das ist nicht möglich.“
Ethan starrte auf den silbernen Schlüssel in ihrer Hand.
„Es gab nur zwei davon.“
Claire spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Wer hatte den zweiten?“
Ethan schwieg einen Moment.
Dann sah er sie direkt an.
„Deine Mutter.“
Claire konnte nichts sagen.
Ethan holte mühsam Luft.
„Und Claire … deine Mutter ist nicht an der Krankheit gestorben, von der dein Vater dir erzählt hat.“







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