Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, und Lukas blieb wie angewurzelt auf dem Gehweg stehen. Der Lärm der Stadt drang nur gedämpft zu ihm durch. Autos fuhren vorbei, irgendwo lachte eine Gruppe Studenten, und über dem Eingang der Hochschule flatterten noch die Banner der Abschlussfeier im Wind. Doch für Lukas schien die Welt plötzlich auf einen einzigen Menschen zusammengeschrumpft zu sein.
Eine Frau stand wenige Meter entfernt neben einem dunklen Wagen. Sie war vielleicht Ende fünfzig, trug einen beigefarbenen Mantel und hielt eine schmale schwarze Mappe an ihre Brust gedrückt. Als sie Lukas sah, veränderte sich ihr Gesicht. Nicht Überraschung. Nicht Unsicherheit. Es war etwas anderes.
Schuld.
Lukas bemerkte es sofort.
„Wer ist das?“, fragte er.
Keine der drei antwortete.
Die Frau ging langsam auf ihn zu. Ihre Augen blieben dabei auf Lukas gerichtet.
„Herr Weber?“
Lukas nickte misstrauisch.
„Ja.“
Sie schluckte.
„Mein Name ist Katharina Neumann.“
Der Name sagte ihm nichts.
„Wir kennen uns nicht“, sagte Lukas.
„Nein“, erwiderte sie leise. „Aber ich kenne Ihre Geschichte.“
Lukas spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Welche Geschichte?“
Katharina sah kurz zu Anna, Sophie und Lea. Dann öffnete sie die Mappe.
„Die Geschichte von drei Mädchen, deren Mutter im Krankenhaus gestorben ist. Und von einem Vater, der elf Tage später verschwunden ist.“
„Das weiß ich.“
„Nein“, sagte sie. „Das glauben Sie zu wissen.“
Lukas machte einen Schritt auf sie zu. „Was soll das heißen?“
Lea legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Lukas, bitte.“
„Nein.“ Seine Stimme wurde härter. „Jetzt erklärt mir endlich jemand, was hier passiert.“
Anna sah zu Boden. Sophie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
Katharina holte ein vergilbtes Dokument aus der Mappe.
„Ich habe vor zwei Wochen einen Anruf bekommen. Jemand wollte wissen, ob ich mich an den 17. März vor zweiundzwanzig Jahren erinnere.“
Lukas wurde blass.
„Woher sollten Sie dieses Datum kennen?“
Katharina sah ihn lange an.
„Weil ich an diesem Tag Dienst hatte.“
Die Luft schien plötzlich kälter zu werden.
„Wo?“
„Im St.-Marien-Krankenhaus.“
Lukas hörte nur noch seinen eigenen Herzschlag.
Dort war die Mutter der Mädchen gestorben.
Er erinnerte sich an den Flur. An das grelle Licht. An die Plastikstühle vor dem Zimmer. An seinen Bruder, der kaum gesprochen hatte. An die drei Babys hinter der Glasscheibe.
Und an die Ärzte, die ihm gesagt hatten, dass nichts mehr zu tun sei.
„Sie waren Krankenschwester?“, fragte er.
Katharina schüttelte den Kopf.
„Verwaltungsangestellte. Ich war damals für die Patientenakten zuständig.“
Lea trat näher.
„Zeigen Sie ihm das zweite Dokument.“
Katharina zögerte.
„Ich weiß nicht, ob er bereit ist.“
„Er hat zweiundzwanzig Jahre darauf gewartet“, sagte Lea. „Er ist bereit.“
Katharina zog ein weiteres Blatt heraus.
Lukas nahm es.
Oben stand der Name der Mutter.
Darunter ein Datum.
Darunter eine handschriftliche Notiz.
Lukas las sie einmal.
Dann noch einmal.
Seine Finger begannen zu zittern.
„Das ist nicht möglich.“
„Was steht da?“, fragte Sophie.
Lukas antwortete nicht.
Anna nahm ihm das Blatt vorsichtig aus der Hand. Ihr Blick wanderte über die Zeilen, und plötzlich wich die Farbe aus ihrem Gesicht.
„Lea…“
Lea nahm das Dokument.
Ihre Augen blieben an einer einzigen Zeile hängen.
Patientin verlangte kurz vor ihrem Tod, dass die drei Kinder nicht ihrem Vater übergeben werden.
Lukas hob langsam den Kopf.
„Nein.“
Katharina sagte nichts.
„Nein“, wiederholte er. „Das hätte sie mir gesagt.“
„Vielleicht“, sagte Katharina.
„Sie war meine Schwägerin.“
„Ich weiß.“
„Und mein Bruder hat die Kinder zu mir gebracht.“
„Auch das weiß ich.“
Lukas ballte die Hände.
„Dann erklären Sie mir, warum hier steht, dass sie meinen Bruder nicht als Vormund wollte.“
Katharina senkte den Blick.
„Weil es noch eine zweite Akte gibt.“
Lukas spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen unsicher wurde.
„Welche zweite Akte?“
Katharina antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Eine, die nie im Krankenhausarchiv hätte auftauchen dürfen.“
Lea sah ihre Schwestern an.
„Wo ist sie?“
Katharina blickte zu dem dunklen Wagen hinter sich.
„In meinem Haus.“
„Dann fahren wir hin“, sagte Lukas sofort.
Doch Katharina schüttelte den Kopf.
„Nicht heute.“
„Warum?“
Sie sah ihn direkt an.
„Weil heute Morgen jemand versucht hat, sie aus meinem Safe zu holen.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann vibrierte Sophies Handy.
Sie sah auf das Display.
Eine unbekannte Nummer.
Eine Nachricht.
Nur sechs Wörter.
Hört auf, nach eurer Mutter zu suchen.







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