Katharina saß reglos vor dem Bildschirm. Zwei Millionen Euro. Die Zahl war groß genug, um unwirklich zu wirken, doch nicht die Summe ließ ihr den Atem stocken. Es war der Satz darunter. Sicherstellung, dass Katharina König ohne leibliche Nachkommen bleibt. Elf Jahre Ehe, elf Jahre Tränen nach negativen Tests, elf Jahre, in denen Daniel sie nachts im Arm gehalten und behauptet hatte, sie würden „das gemeinsam durchstehen“. Plötzlich fragte sie sich, wie viel davon gespielt gewesen war.
„Das beweist noch nicht, was genau Daniel getan hat“, sagte Alexander vorsichtig.
Katharina drehte sich zu ihm. „Er wurde dafür bezahlt, dass ich keine Kinder bekomme.“
„Der Vertrag beweist eine Vereinbarung. Nicht die Methode.“
Dieser Unterschied war wichtig. Und gerade deshalb machte er Katharina noch größere Angst.
Sie zwang sich, weiterzulesen. Der Vertrag war zwölf Jahre alt, wenige Monate vor ihrer Hochzeit geschlossen worden. Die erste Zahlung über 500.000 Euro war unmittelbar nach der Eheschließung erfolgt. Weitere Überweisungen waren an Bedingungen geknüpft. Eine davon lautete: Fortbestehen der Ehe bei gleichzeitiger Verhinderung einer direkten Erbfolge.
„Warum sollte Friedrich wollen, dass Daniel mit mir verheiratet bleibt?“
Alexander scrollte durch die Seiten. „Vielleicht konnte Friedrich Ihr Erbe nur kontrollieren, solange bestimmte Bedingungen erfüllt waren.“
Katharina dachte an den abgebrochenen Satz ihrer Mutter: Sobald du ein leibliches Kind hast, verliert er…
„Wir brauchen das Testament.“
Alexander sah sie an.
„Das Originaltestament Ihres Großvaters ist seit Jahren verschwunden.“
„Dann finden wir es.“
Zum ersten Mal seit Daniel ihren Koffer vor die Tür gestellt hatte, hörte Katharina Entschlossenheit in ihrer eigenen Stimme.
Alexander ließ noch am selben Abend sämtliche verfügbaren Register durchsuchen. Gegen Mitternacht kam die erste Spur. Ein pensionierter Notar namens Dr. Matthias Reuter hatte vor mehr als zwanzig Jahren mehrere Angelegenheiten der Familie Falkenberg betreut. Er lebte inzwischen zurückgezogen am Starnberger See.
Am nächsten Morgen standen Katharina und Alexander vor einem alten Haus direkt am Wasser.
Reuter war über achtzig. Als Katharina ihren Namen nannte, wurde sein Gesicht schlagartig ernst.
„Elisabeths Tochter.“
Es war keine Frage.
„Sie kannten meine Mutter?“
„Ich kannte Ihre ganze Familie.“
Er ließ sie hinein.
Sein Arbeitszimmer roch nach Papier und altem Holz. Katharina legte die Kopie des Vertrags vor ihn. Reuter setzte seine Brille auf, las schweigend und schüttelte schließlich den Kopf.
„Friedrich.“
Nur dieses eine Wort.
„Warum durfte ich keine Kinder bekommen?“, fragte Katharina.
Reuter ging zu einem Schrank und holte eine Mappe hervor.
„Ihr Großvater misstraute seinem Bruder. Deshalb richtete er das Familienvermögen in einer besonderen Struktur ein. Friedrich erhielt nach seinem Tod die Verwaltung. Aber nicht dauerhaft.“
„Bis wann?“
Reuter sah Katharina direkt an.
„Bis Elisabeths Tochter einen leiblichen Nachkommen bekommt.“
Katharinas Hand wanderte unbewusst zu ihrem Bauch.
Alexander bemerkte es, sagte jedoch nichts.
„Was passiert dann?“
„Die Verwaltung fällt vollständig an die direkte Blutlinie zurück. Friedrich verliert die Kontrolle über die Stiftung, die Stimmrechte und einen erheblichen Teil der Vermögensverwaltung.“
Plötzlich ergab alles einen erschreckenden Sinn.
Katharinas Kinder waren nicht nur Daniels ungeborene Kinder.
Sie waren Friedrichs Ende.
„Meine Mutter wusste davon.“
Reuter nickte. „Kurz vor ihrem Tod kam Elisabeth zu mir. Sie glaubte, Friedrich manipuliere Unterlagen. Sie wollte ihn öffentlich entmachten.“
„Und dann starb sie.“
Der alte Mann senkte den Blick.
„Ja.“
Katharina holte tief Luft.
„Kannten Sie Daniel Hartmann?“
Reuter hob überraschend schnell den Kopf.
„Hartmann?“
„Meinen Mann.“
Der Notar stand auf und ging zu einem alten Aktenschrank. Nach mehreren Minuten zog er eine dünne Mappe heraus.
Darin befand sich eine Besucherliste.
Katharina fand Daniels Namen.
Dreimal.
Alle Termine lagen vor ihrer Hochzeit.
„Warum war er hier?“
„Er kam mit Friedrich.“
Katharina schloss kurz die Augen.
Daniel hatte sie also nicht zufällig kennengelernt.
Die Erkenntnis traf härter als der Seitensprung.
Ihre erste Begegnung auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung, sein charmantes Lächeln, die angebliche Verwechslung an der Garderobe – vielleicht war nichts davon Zufall gewesen.
Reuter blätterte weiter.
„Aber etwas stimmt nicht.“
„Was?“
„Daniel sollte Sie ursprünglich gar nicht heiraten.“
Katharina erstarrte.
Reuter zog ein handschriftliches Protokoll hervor.
„Friedrich wollte lediglich jemanden in Ihrer Nähe haben, der Ihre finanziellen und medizinischen Entscheidungen beobachten konnte. Eine Ehe war offenbar Daniels eigene Idee.“
Alexander runzelte die Stirn. „Warum?“
„Das weiß ich nicht.“
Auf der Rückfahrt sagte Katharina kaum ein Wort.
Am Nachmittag erhielt sie eine Nachricht von Daniel.
**Wir müssen reden. Allein. Heute 19 Uhr. Unser altes Café in Schwabing.**
Alexander riet ihr ab.
Katharina ging trotzdem.
Daniel saß bereits am hintersten Tisch. Er sah müde aus. Kein selbstsicherer Mann, der gerade sein neues Leben plante. Vor ihm stand ein unberührter Kaffee.
Katharina setzte sich.
„Du wolltest reden.“
Daniel sah auf ihre Hände.
„Woher kennst du Alexander Winter?“
Sie ließ sich nichts anmerken.
„Warum interessiert dich das?“
„Beantworte einfach die Frage.“
„Nein.“
Daniel presste die Lippen zusammen.
„Katharina, du verstehst nicht, worin du da hineingerätst.“
Fast hätte sie gelacht.
„Das sagst ausgerechnet du.“
Sein Blick schoss hoch.
Für einige Sekunden sagte keiner etwas.
Dann beugte Daniel sich vor.
„Hat Winter dir etwas über Falkenberg erzählt?“
Da war es.
Nicht Wer ist Falkenberg?
Daniel kannte den Namen.
Katharina spürte ihren Puls im Hals.
„Warum sollte er?“
Daniel lehnte sich zurück.
Er wusste, dass er sich verraten hatte.
„Hör mir zu. Unterschreib die Scheidung. Nimm Geld von mir. Geh irgendwohin, wo dich niemand kennt.“
„Warum?“
„Weil es sicherer ist.“
„Für wen?“
Daniel antwortete nicht.
Katharina betrachtete den Mann, mit dem sie elf Jahre geschlafen, gegessen, gestritten und Zukunftspläne gemacht hatte.
„Hast du mich jemals geliebt?“
Seine Miene veränderte sich.
Zum ersten Mal wirkte er nicht berechnend.
Nur erschöpft.
„Das war das Problem.“
Katharina schluckte.
Daniel beugte sich näher.
„Ich sollte dich beobachten. Mehr nicht. Dann habe ich mich in dich verliebt.“
„Und deshalb hast du mich elf Jahre glauben lassen, ich sei schuld daran, dass wir keine Kinder bekommen?“
Daniel wurde kreidebleich.
Jetzt wusste er, dass sie den Vertrag gefunden hatte.
„Katharina—“
„Zwei Millionen Euro.“
„Es ist nicht so, wie du denkst.“
„Dann erklär es.“
Daniel sah sich nervös im Café um.
„Friedrich wollte niemals, dass du schwanger wirst.“
„Das weiß ich inzwischen.“
„Nein.“ Seine Stimme wurde leiser. „Du verstehst es immer noch nicht.“
Er griff nach ihrer Hand, doch Katharina zog sie zurück.
„Die Behandlungen“, flüsterte Daniel. „Friedrich wusste von jedem Arzttermin. Von jeder Klinik. Von jedem Versuch.“
Katharina wurde eiskalt.
„Woher?“
Daniel öffnete den Mund.
In diesem Moment vibrierte sein Telefon.
Er sah auf das Display und erstarrte.
Eine Nachricht.
Daniel stand abrupt auf.
„Du musst gehen.“
„Was steht da?“
„Katharina, bitte.“
Sie griff nach seinem Telefon, bevor er reagieren konnte.
Auf dem Bildschirm war ein Foto zu sehen.
Es war vor wenigen Minuten aufgenommen worden.
Katharina beim Betreten des Cafés.
Darunter stand:
**Sie ist schwanger. Winter hat sie gestern in die Privatklinik gebracht.**
Und eine zweite Nachricht:
**Friedrich will wissen, ob das Kind von dir ist.**
Katharina hob langsam den Blick.
Daniel war plötzlich vollkommen bleich.
Dann flüsterte er:
„Wenn Friedrich weiß, dass du schwanger bist, bist nicht nur du in Gefahr.“
Seine Augen wanderten zu ihrem Bauch.
„Sondern jedes Kind, das du trägst.“







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