Daniel griff nach seinem Telefon, doch Katharina hielt es fest. Für einen Augenblick saßen sie einander gegenüber wie zwei Fremde, obwohl zwischen ihnen elf gemeinsame Jahre lagen. Das Stimmengewirr des Cafés, das Klappern von Tassen, selbst die Musik aus den Lautsprechern verschwammen zu einem dumpfen Hintergrundgeräusch.
„Wer hat das geschickt?“
„Gib mir das Telefon.“
„Wer, Daniel?“
Er sah zum Fenster. Draußen standen Menschen unter Regenschirmen, ein Fahrradkurier wartete an der Ampel, ein dunkler Mercedes rollte langsam vorbei.
„Friedrich hat Leute, die Informationen beschaffen.“
„Du meinst Leute, die mich überwachen.“
Daniel antwortete nicht.
Das genügte.
Katharina legte das Telefon auf den Tisch.
„Seit wann?“
„Seit deiner ersten Kinderwunschbehandlung.“
Ihr wurde übel.
„Elf Jahre?“
„Nicht ständig.“
„Ach, dann bin ich beruhigt.“
Daniel zuckte bei ihrem Ton zusammen.
„Ich habe versucht, dich zu schützen.“
„Indem du mich belogen hast? Indem du zugelassen hast, dass deine Mutter mich jahrelang als unfruchtbar bezeichnet?“
„Renate wusste nichts von Friedrich.“
„Und Vanessa?“
Wieder dieses winzige Zögern.
Katharina bemerkte es sofort.
„Was weiß Vanessa?“
„Nicht alles.“
„Was bedeutet das?“
Daniel rieb sich über das Gesicht. „Sie weiß, dass Friedrich ein Geschäftspartner meiner Familie ist.“
Katharina dachte an Vanessa auf ihrem Sofa, das Weinglas in der Hand, Renate daneben. Plötzlich erschien ihr selbst diese Szene weniger eindeutig.
„Warum hast du mich gerade jetzt verlassen?“
Daniel sah sie lange an.
„Weil Friedrich mir vor zwei Monaten gesagt hat, dass deine neue Ärztin etwas entdeckt hatte.“
Katharina erstarrte.
„Die Endometriose.“
Er nickte.
„Er wusste, dass die Behandlung erfolgreich sein könnte. Er verlangte, dass ich die Ehe beende, bevor du schwanger wirst.“
„Aber ich war bereits schwanger.“
„Das wusste ich nicht.“
Seine Stimme brach beinahe.
Katharina spürte einen gefährlichen Moment lang Mitleid. Dann erinnerte sie sich an ihren Koffer vor dem Tor.
„Du hättest Nein sagen können.“
„Ich habe vor Jahren versucht auszusteigen.“
„Und?“
Daniel sah auf seine Hände.
„Friedrich zeigte mir Fotos von dir. Auf dem Weg zur Arbeit. Beim Einkaufen. Vor unserem Haus. Er sagte, solange ich mich an die Vereinbarung halte, passiert dir nichts.“
Katharina schüttelte langsam den Kopf.
„Du erwartest ernsthaft, dass ich glaube, du hättest mich aus Liebe gedemütigt?“
„Nein.“ Daniel hob den Blick. „Ich erwarte überhaupt nichts mehr von dir.“
Zum ersten Mal lag keine Verteidigung darin.
Nur Scham.
„Aber du musst München verlassen.“
„Ich werde nicht weglaufen.“
„Dann wenigstens für ein paar Tage.“
„Damit Friedrich weiter mein Leben kontrolliert? Nein.“
Daniel beugte sich vor.
„Dann geh zu Winter. Er hat genug Sicherheit.“
Katharina wurde aufmerksam.
„Du vertraust Alexander?“
„Nein.“
Die Antwort kam sofort.
„Warum nicht?“
„Weil deine Mutter kurz vor ihrem Tod auch ihm nicht mehr vertraut hat.“
Katharina spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Woher willst du das wissen?“
Daniel öffnete den Mund, doch plötzlich stand ein Mann neben ihrem Tisch.
„Frau Hartmann?“
Katharina kannte ihn nicht. Etwa fünfzig, dunkler Mantel, unauffälliges Gesicht.
„Herr Winter bittet Sie, sofort mitzukommen.“
Daniel stand auf.
„Wer sind Sie?“
Der Mann zeigte kurz einen Dienstausweis von Alexanders Sicherheitsfirma.
Katharina zögerte.
Dann vibrierte ihr eigenes Telefon.
Alexander.
„Katharina, wo sind Sie?“
Sie nahm ab.
„Im Café.“
„Bleiben Sie dort. Einer meiner Männer ist unterwegs.“
Katharina blickte zu dem Fremden neben ihrem Tisch.
Ihr Blut gefror.
„Alexander“, sagte sie langsam, „hier steht bereits jemand, der behauptet, von Ihnen zu kommen.“
Stille.
Dann Alexanders scharfe Stimme:
„Gehen Sie nicht mit ihm.“
Der Mann begriff sofort.
Er drehte sich um und ging schnellen Schrittes zur Tür.
Daniel setzte ihm nach, doch Katharina packte seinen Arm.
„Nein!“
Draußen verschwand der Fremde in einem schwarzen Wagen.
Zehn Minuten später traf Alexanders tatsächlicher Sicherheitsdienst ein.
Katharina ließ sich in ein gesichertes Apartment bringen, dessen Adresse nur Alexander und zwei Mitarbeiter kannten. Daniel wollte mitkommen.
Katharina verweigerte es.
„Du hast elf Jahre lang Entscheidungen für mich getroffen. Damit ist Schluss.“
Daniel nickte nur.
Bevor sie ging, steckte er ihr etwas zu.
Einen kleinen Schlüssel.
„Mein Bankschließfach.“
„Was ist darin?“
„Meine Versicherung.“
„Gegen Friedrich?“
Daniel sah sie an.
„Gegen alle.“
Am nächsten Morgen öffneten Katharina und Alexander das Schließfach.
Darin lagen Kontoauszüge, Fotos, Tonaufnahmen und eine kleine schwarze Festplatte.
Die Kontoauszüge belegten Friedrichs Zahlungen an Daniel.
Aber ebenso Rücküberweisungen.
Daniel hatte seit fast sechs Jahren jeden erhaltenen Euro auf ein separates Treuhandkonto überwiesen.
Begünstigte: Katharina Hartmann.
„Warum hat er das getan?“, flüsterte sie.
Alexander antwortete nicht.
Auf der Festplatte befand sich eine Tonaufnahme von vor zwei Monaten.
Friedrichs Stimme war unverkennbar.
„Die Ärztin hat den Fehler gefunden. Wenn Katharina jetzt schwanger wird, verlieren wir die Kontrolle.“
Dann Daniel:
„Ich werde ihr nichts antun.“
„Das verlangt niemand.“
„Sie verlangen, dass ich sie verlasse.“
„Sie wird darüber hinwegkommen.“
„Und wenn sie bereits schwanger ist?“
Eine Pause.
Friedrich antwortete ruhig:
„Dann haben wir ein größeres Problem.“
Die Aufnahme endete.
Katharina schloss die Augen.
Daniel hatte gewusst, dass etwas passieren konnte. Vielleicht hatte er sie tatsächlich weggestoßen, weil er glaubte, sie dadurch schützen zu können.
Das entschuldigte nichts.
Aber es veränderte etwas.
Alexander öffnete die nächste Datei.
Eine Videoaufnahme erschien.
Daniel saß darin allein in seinem Arbeitszimmer.
Offenbar hatte er die Nachricht für den Fall aufgenommen, dass ihm etwas zustieß.
„Katharina“, sagte er in die Kamera, „wenn du das siehst, habe ich wahrscheinlich nicht mehr die Möglichkeit, dir selbst die Wahrheit zu sagen.“
Sie hielt den Atem an.
„Friedrich hat mich bezahlt. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Aber ich habe irgendwann verstanden, dass es nie nur um dein Erbe ging.“
Daniel legte ein Dokument vor die Kamera.
„Deine Mutter entdeckte vor ihrem Tod Geldbewegungen über eine Stiftung. Millionen verschwanden. Friedrich war beteiligt.“
Dann wurde Daniels Stimme leiser.
„Aber er war nicht allein.“
Alexander neben Katharina wurde plötzlich vollkommen still.
Daniel fuhr fort:
„Elisabeth hatte einen zweiten Namen in ihren Unterlagen. Jemanden, dem sie vertraute und der Zugang zu allem hatte.“
Katharina blickte zu Alexander.
Auf dem Video hob Daniel das Dokument näher an die Kamera.
Eine Unterschrift war deutlich zu erkennen.
**Alexander Winter.**
Katharina wich einen Schritt zurück.
Alexander sagte nichts.
Dann klingelte ihr Telefon.
Unbekannte Nummer.
Sie nahm ab.
Eine ältere Männerstimme sagte nur:
„Frau Hartmann, mein Name ist Friedrich von Falkenberg.“
Katharina erstarrte.
„Wenn Sie wissen wollen, warum Ihre Mutter wirklich gestorben ist, kommen Sie heute Abend zu mir.“
Eine kurze Pause.
„Und bringen Sie Alexander Winter auf keinen Fall mit.“







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