Katharina berührte den Umschlag nicht. Sie starrte nur auf die Handschrift ihrer Mutter, während sich im Salon niemand bewegte. Ausgerechnet Vanessa, die Frau, die wenige Tage zuvor mit einem Glas Wein auf ihrem Sofa gesessen hatte, stand nun vor ihr und hielt offenbar einen Teil der Wahrheit in den Händen, nach dem Alexander Winter jahrelang gesucht hatte.
„Woher hast du das?“, fragte Katharina.
Vanessa schluckte. „Von meiner Mutter.“
„Du hast gesagt, sie sei in derselben Nacht gestorben.“
„Ja. Aber nicht am Unfallort.“
Daniel trat neben Vanessa.
„Lass sie erzählen.“
Katharina warf ihm einen scharfen Blick zu. „Du hältst dich diesmal heraus.“
Vanessa setzte sich langsam. Zum ersten Mal sah Katharina keine selbstsichere Rivalin vor sich, sondern eine verängstigte junge Frau.
„Meine Mutter hieß Miriam Berger. Sie arbeitete damals als Krankenschwester in einer Privatklinik außerhalb Münchens. In der Nacht des Unfalls wurde eine schwer verletzte Frau eingeliefert.“
„Meine Mutter.“
Vanessa nickte.
„Sie war noch bei Bewusstsein.“
Katharina musste sich am Tisch festhalten.
Vierzehn Jahre hatte sie geglaubt, Elisabeth sei sofort gestorben.
„Sie hat gesprochen?“
„Mehrmals. Meine Mutter schrieb später alles auf.“
Vanessa zog einen zweiten Brief aus dem roten Buch.
„Elisabeth hatte dieses Buch bei sich. Sie bat meine Mutter, es zu verstecken und ausschließlich ihrer Tochter zu geben.“
„Warum hat sie es mir nie gegeben?“
Vanessas Augen wurden feucht.
„Weil meine Mutter am nächsten Morgen tot in ihrer Wohnung gefunden wurde.“
Stille.
„Offiziell eine Medikamentenvergiftung“, sagte Vanessa. „Meine Familie glaubte es nie. Jahre später fand ich ihre Aufzeichnungen in einem alten Koffer.“
Katharina sah Daniel an.
„Deshalb Vanessa?“
Er nickte.
„Sie hat mich vor knapp einem Jahr kontaktiert. Sie wusste, dass ich mit dir verheiratet war.“
„Und eure Beziehung?“
Vanessa senkte den Blick.
Daniel antwortete.
„War zunächst Teil eines Plans.“
Katharina lachte bitter.
„Natürlich. In meinem Leben scheint inzwischen alles Teil irgendeines Plans zu sein.“
„Später wurde es komplizierter“, sagte Vanessa leise.
Katharina sah sie an.
Der Schmerz war noch da. Daniel hatte sie betrogen. Keine Erklärung konnte das ungeschehen machen.
„Und deine Schwangerschaft?“
Vanessa wurde plötzlich still.
Daniel ebenfalls.
Katharina spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Du bist gar nicht schwanger.“
Vanessa schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Katharina schloss kurz die Augen.
Renates triumphierendes Gesicht erschien vor ihr.
„Warum die Lüge?“
Daniel antwortete diesmal.
„Friedrich musste glauben, dass ich endgültig mit dir abgeschlossen hatte. Er verlangte, dass ich dich verlasse. Eine Schwangerschaft machte die Geschichte glaubwürdig.“
Friedrich, der bisher schweigend am Kamin gestanden hatte, lachte trocken.
„Und ihr dachtet ernsthaft, ich würde das glauben?“
Vanessa sah ihn an.
„Sie haben es geglaubt.“
Friedrichs Gesicht verhärtete sich.
Katharina nahm endlich den Brief ihrer Mutter.
Die ersten Zeilen waren hastig geschrieben.
*Meine Katharina, wenn dieser Brief dich erreicht, habe ich wahrscheinlich verloren. Das rote Buch beweist, wer unser Vermögen geplündert hat. Friedrich gehört dazu. Aber er ist nicht derjenige, vor dem ich zuletzt am meisten Angst hatte.*
Katharina las weiter.
*Alexander hat mir geholfen, die ersten Beweise zu finden. Doch irgendwann entdeckte ich Überweisungen, die auch zu ihm führten. Ich weiß nicht mehr, ob er mich schützt oder benutzt.*
Darunter stand ein weiterer Satz.
*Am 17. Oktober werde ich ihn treffen und eine Erklärung verlangen.*
Katharina hob den Kopf.
„Das Foto.“
Friedrich nickte.
„Deshalb stieg Elisabeth in Alexanders Wagen.“
Katharina las weiter.
Dann kam eine Passage, die ihre Hände zittern ließ.
*Falls mir etwas passiert, suche nicht nur nach demjenigen, der den Unfall verursacht hat. Suche nach dem Menschen, der dafür sorgte, dass ich die Klinik nicht lebend verlassen konnte.*
Vanessa begann zu weinen.
„Meine Mutter glaubte, Elisabeth hätte überlebt.“
Katharina sah sie fassungslos an.
„Was?“
„Der Unfall war schwer, aber nicht sofort tödlich. Meine Mutter schrieb, Elisabeth sei stabilisiert worden.“
Friedrich trat näher.
„Das ist unmöglich.“
„Nein“, sagte Vanessa. „Sie starb fast drei Stunden später.“
Daniel nahm die medizinischen Notizen.
„Wer war in der Klinik?“
Vanessa öffnete eine Seite im roten Buch. Zwischen Kontonummern und Namen befand sich eine handschriftliche Liste.
Vier Personen hatten Elisabeth in jener Nacht besucht.
Ein Arzt.
Ein Polizeibeamter.
Alexander Winter.
Und ein vierter Name.
Katharina las ihn zweimal.
**Renate Hartmann.**
Sie hob langsam den Blick zu Daniel.
Er war genauso erschüttert wie sie.
„Meine Mutter?“
Friedrich trat an den Tisch.
„Warum sollte Renate Elisabeth kennen?“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Sie hat immer behauptet, Katharinas Mutter nie getroffen zu haben.“
Katharina erinnerte sich plötzlich an etwas.
Renate hatte während ihrer Ehe erstaunlich viel über ihre Vergangenheit gewusst. Welche Schule sie besucht hatte. Dass Elisabeth alleinstehend gewesen war. Sogar welche Blumen bei ihrer Beerdigung gelegen hatten.
Katharina hatte nie gefragt, woher sie das wusste.
Jetzt wurde ihr schlecht.
Daniel griff nach seinem Telefon.
„Ich rufe sie an.“
„Nein“, sagte Katharina.
Alle sahen sie an.
„Wir fahren zu ihr.“
Eine Stunde später standen Katharina und Daniel vor Renates Villa in Bogenhausen. Vanessa und Friedrich waren zurückgeblieben; ein Sicherheitsmann wartete draußen.
Renate öffnete selbst.
Als sie Katharina sah, verschwand jede Farbe aus ihrem Gesicht.
„Was willst du hier?“
Katharina hielt das rote Buch hoch.
Renates Blick fiel darauf.
Ihre Hand griff sofort nach der Perlenkette.
„Woher hast du das?“
Daniel erstarrte.
„Du kennst es.“
Renate wich zurück.
Katharina trat hinein.
„Du warst in der Klinik, als meine Mutter starb.“
Renate sagte nichts.
„Warum?“
„Katharina, du verstehst nicht—“
„Dann erklär es mir.“
Daniel stand neben ihr.
„Mutter.“
Renates Blick wanderte zwischen ihnen.
Dann setzte sie sich, als hätten ihre Beine plötzlich keine Kraft mehr.
„Ich wollte nie, dass es so weit kommt.“
Katharina spürte Wut in sich aufsteigen.
„Was hast du getan?“
Renate begann zu weinen.
Nicht laut.
Nur zwei Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Ich habe Elisabeth nicht getötet.“
„Warum warst du dort?“
Renate schloss die Augen.
„Weil sie mich angerufen hatte.“
„Warum dich?“
„Wir kannten uns.“
Daniel starrte seine Mutter an.
„Seit wann?“
Renate öffnete die Augen.
„Seit unserer Jugend.“
Dann sah sie Katharina an.
„Elisabeth und ich waren einmal beste Freundinnen.“
Katharina konnte kaum glauben, was sie hörte.
Renate stand auf und ging zu einem alten Sekretär. Aus einer verschlossenen Schublade holte sie ein Fotoalbum.
Auf einem Bild standen zwei junge Frauen vor dem Falkenberg-Anwesen.
Elisabeth.
Und Renate.
Zwischen ihnen stand ein junger Mann.
Friedrich.
„Er war damals nicht der Mann, den ihr heute kennt“, flüsterte Renate. „Und ich war dumm genug, ihn zu lieben.“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Was hat das mit Katharina zu tun?“
Renate blickte ihren Sohn an.
Plötzlich lag etwas in ihrem Gesicht, das Katharina Angst machte.
„Sehr viel.“
Sie nahm Daniels Gesicht zwischen ihre Hände.
„Ich habe dir dein ganzes Leben lang eine Sache verschwiegen.“
Daniel trat zurück.
„Welche?“
Renate öffnete den Mund, doch bevor sie antworten konnte, klingelte es an der Haustür.
Der Sicherheitsmann draußen meldete sich über Katharinas Telefon.
„Frau Hartmann, Sie müssen das Haus verlassen. Sofort.“
„Warum?“
„Alexander Winter steht vor dem Tor.“
Katharina sah Renate an.
Renate wurde kreidebleich.
„Lasst ihn nicht herein.“
Daniel runzelte die Stirn.
„Warum?“
Renate griff nach dem Foto von Friedrich.
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Weil Alexander nicht gekommen ist, um Katharina zu finden.“
Sie sah zu Daniel.
„Er ist gekommen, weil er endlich herausgefunden hat, dass du Friedrichs Sohn bist.“







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