Daniel stand vollkommen reglos da. Selbst als draußen erneut die Klingel ertönte, reagierte er nicht. Sein Blick blieb auf Renate gerichtet, als hätte sie gerade nicht nur einen Satz ausgesprochen, sondern seine gesamte Vergangenheit ausgelöscht.
„Sag das noch einmal.“
Renates Lippen zitterten.
„Friedrich ist dein leiblicher Vater.“
Daniel wich einen Schritt zurück. „Mein Vater hieß Heinrich Hartmann.“
„Heinrich hat dich großgezogen. Er hat dich geliebt. Aber biologisch…“
„Hör auf.“
„Daniel—“
„Hör auf!“
Katharina hatte ihn selten so erlebt. Seine Wut war nicht laut, sondern verzweifelt. Elf Jahre lang hatte er ihr vorgeworfen, ihm keine Familie schenken zu können, während seine eigene Familie auf einem Geheimnis aufgebaut gewesen war.
Draußen meldete sich der Sicherheitsmann erneut.
„Alexander verlangt, Frau Hartmann zu sprechen.“
Renate packte Katharinas Hand.
„Geh nicht zu ihm.“
„Warum?“
„Weil Elisabeth in jener Nacht genau denselben Fehler gemacht hat.“
Katharina zog ihre Hand nicht weg.
„Dann erzähl endlich alles.“
Renate sah zur Haustür und begann hastig zu sprechen. Als junge Frauen waren sie und Elisabeth unzertrennlich gewesen. Beide kannten Friedrich seit ihrer Jugend. Renate verliebte sich in ihn, doch Friedrich behandelte Beziehungen wie alles andere in seinem Leben: als etwas, das ihm dienen musste. Als Renate schwanger wurde, wollte er das Kind nicht öffentlich anerkennen. Heinrich Hartmann, damals bereits in Renate verliebt, heiratete sie und gab Daniel seinen Namen.
„Elisabeth wusste es?“, fragte Katharina.
„Ja.“
„Und meine Mutter rief dich nach ihrem Unfall an?“
Renate nickte.
„Sie hatte Angst. Sie sagte, Alexander habe sie zu einem Treffen gebracht, aber unterwegs hätten sie gestritten. Elisabeth stieg aus seinem Wagen und fuhr allein weiter. Wenig später kam der Unfall.“
„Alexander hat sie also nicht verursacht?“
„Das weiß ich nicht.“
„Was geschah in der Klinik?“
Renates Gesicht verhärtete sich.
„Als ich ankam, lebte Elisabeth. Miriam Berger war bei ihr. Elisabeth gab mir einen kleinen Schlüssel und sagte, ich müsse Katharina schützen.“
Katharina dachte sofort an Schließfach 317.
„Warum hast du es nicht getan?“
Renate senkte den Kopf.
„Weil Friedrich mich gefunden hat.“
Daniel sah seine Mutter fassungslos an.
„Was hat er getan?“
„Er sagte, wenn ich schweige, würde er dich niemals in seine Geschäfte hineinziehen. Wenn ich rede, würde er öffentlich beweisen, dass du sein Sohn bist und Heinrich alles nehmen.“
„Also hast du Katharina geopfert, um mich zu schützen.“
Renate begann wieder zu weinen.
„Ich dachte, Elisabeth würde überleben.“
„Aber sie starb.“
„Ja.“
Katharina trat näher.
„Wer war bei ihr, als sie starb?“
Renate hob den Blick.
„Alexander.“
Stille.
„Ich sah ihn aus ihrem Zimmer kommen.“
Katharina spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Und danach?“
„Ein Arzt rannte hinein. Wenige Minuten später war Elisabeth tot.“
Die Klingel ertönte wieder.
Diesmal ging Katharina selbst zur Tür.
Daniel folgte ihr.
„Was machst du?“
„Vierzehn Jahre lang haben alle entschieden, welche Wahrheit ich vertrage. Das endet heute.“
Sie öffnete.
Alexander stand draußen.
Sein Mantel war vom Regen dunkel geworden.
„Wir müssen reden.“
„Dann reden Sie.“
Alexander sah Renate hinter ihr und verstand sofort.
„Sie hat Ihnen erzählt, dass ich in der Klinik war.“
„Ja.“
„Hat sie Ihnen auch erzählt, warum?“
Renate wurde blass.
Alexander trat hinein.
„Elisabeth rief mich aus der Klinik an. Sie sagte, jemand habe versucht, sie von der Straße abzudrängen. Als ich ankam, war sie bei Bewusstsein.“
„Und dann starb sie.“
„Ja.“
„Während Sie dort waren.“
Alexander nickte.
„Weil jemand ihre Infusion manipuliert hatte.“
Renate starrte ihn an.
„Das wurde nie im Bericht erwähnt.“
„Weil der Arzt den Bericht änderte.“
Alexander zog einen USB-Stick aus der Tasche.
„Ich habe vierzehn Jahre gebraucht, um ihn zu finden.“
Auf Renates Fernseher öffneten sie eine alte Videoaufnahme. Ein Mann Anfang sechzig saß vor einer Kamera.
„Mein Name ist Dr. Martin Seidel. Ich war in der Nacht des 18. Oktober behandelnder Arzt von Elisabeth König.“
Katharina hielt den Atem an.
„Frau König war nach dem Unfall schwer verletzt, aber stabil. Gegen 23:40 Uhr verschlechterte sich ihr Zustand plötzlich. Später stellte ich fest, dass ein Medikament in ihre Infusion gelangt war, das ich nicht angeordnet hatte.“
Katharina griff nach Daniels Arm, ohne es zu merken.
Der Arzt sprach weiter.
„Ich wurde unter Druck gesetzt, den Befund zu ändern.“
„Von wem?“, flüsterte Daniel.
Auf dem Video schluckte Seidel.
„Von Friedrich von Falkenberg.“
Renate schloss die Augen.
Doch der Arzt war noch nicht fertig.
„Jahrelang glaubte ich, Friedrich habe den Tod angeordnet. Vor sechs Monaten fand ich jedoch heraus, dass die betreffende Zahlung nicht von seinem persönlichen Konto kam. Jemand benutzte eine Vollmacht.“
Alexander stoppte das Video.
„Diese Vollmacht gehörte mir.“
Katharina sah ihn an.
„Dann waren Sie es.“
„Nein.“
Alexander öffnete eine zweite Datei.
„Jemand hatte meine Unterschrift gefälscht.“
Ein Gutachten erschien.
Die Fälschung war bestätigt.
„Wer?“
Alexander sah Daniel an.
„Genau deshalb musste ich wissen, wer Daniels Vater ist.“
Daniel runzelte die Stirn.
„Was hat das mit mir zu tun?“
„Weil Friedrich nicht der einzige Falkenberg war, der von Elisabeths Tod profitierte.“
Katharina spürte, wie sich alles erneut verschob.
Alexander wandte sich an Renate.
„Sag es ihnen.“
Renate schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Vierzehn Jahre reichen.“
„Alexander.“
„Sag ihnen, wer damals noch Zugang zu Friedrichs Vollmachten hatte.“
Daniel sah seine Mutter an.
„Mutter?“
Renate sank auf einen Stuhl.
„Friedrich hatte eine Tochter.“
Katharina erstarrte.
„Eine Tochter?“
„Aus seiner ersten Ehe. Clara von Falkenberg.“
Alexander nickte.
„Elisabeths Cousine. Sie verwaltete damals mehrere Familiengesellschaften. Wenn Friedrich die Kontrolle verloren hätte, hätte Clara ebenfalls alles verloren.“
„Wo ist sie heute?“, fragte Katharina.
Niemand antwortete.
Dann hörten sie hinter sich eine Stimme.
„Hier.“
Vanessa stand in der offenen Haustür.
Neben ihr eine elegante Frau um die fünfzig.
Katharina hatte dieses Gesicht schon gesehen.
Nicht auf einem Falkenberg-Foto.
Sondern vor wenigen Tagen in ihrem eigenen Haus.
Die Frau nahm langsam ihre Sonnenbrille ab.
Renate sprang auf.
„Clara.“
Katharina sah zwischen ihnen hin und her.
„Ich kenne Sie.“
Clara lächelte.
„Natürlich.“
Dann begriff Katharina.
Diese Frau war bei mehreren Familienfeiern gewesen. Renate hatte sie immer als ihre alte Freundin Caroline Bergmann vorgestellt.
Clara trat in den Raum.
„Vierzehn Jahre lang habt ihr alle nach dem falschen Täter gesucht.“
Alexander stellte sich vor Katharina.
Clara lächelte nur.
„Keine Sorge. Ich bin nicht gekommen, um jemandem etwas anzutun.“
Sie legte einen versiegelten Umschlag auf den Tisch.
„Ich bin gekommen, weil Katharina schwanger ist und damit morgen um Mitternacht eine Klausel im Falkenberg-Testament aktiviert wird.“
Katharina spürte ihre Hand auf ihrem Bauch.
„Welche Klausel?“
Clara sah sie direkt an.
„Diejenige, wegen der deine Mutter wirklich sterben musste.“
Sie öffnete den Umschlag und legte das Originaltestament auf den Tisch.
„Sobald die Schwangerschaft einer direkten Erbin medizinisch bestätigt und dem Familiengericht gemeldet wird, endet Friedrichs Verwaltung.“
„Das wissen wir bereits“, sagte Alexander.
Clara schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Ihr kennt nur die erste Hälfte.“
Sie zeigte auf einen Absatz.
Katharina las.
Dann stockte ihr der Atem.
Nicht nur Friedrich verlor sämtliche Kontrollrechte.
Alle während seiner Verwaltung vorgenommenen Vermögensübertragungen mussten automatisch geprüft werden.
Vierzehn Jahre verschwundene Millionen.
Gefälschte Verträge.
Verdeckte Konten.
Alles würde ans Licht kommen.
„Deshalb musste meine Mutter sterben“, flüsterte Katharina.
Clara nickte.
„Sie wollte dieselbe Prüfung auslösen.“
„Und Sie haben sie aufgehalten.“
Claras Gesicht wurde ernst.
„Nein.“
Katharina sah sie an.
„Wer dann?“
Clara öffnete ihre Handtasche und zog eine alte Tonkassette heraus.
„Elisabeth wusste in ihrer letzten Stunde bereits, wer ihre Infusion manipulieren ließ.“
Alexander wurde blass.
„Woher hast du die?“
„Miriam Berger gab sie mir, bevor sie starb.“
Vanessa starrte Clara fassungslos an.
„Sie kannten meine Mutter?“
Clara nickte.
Dann sah sie Katharina an.
„Auf dieser Kassette nennt deine Mutter den Namen.“
Katharina streckte die Hand danach aus.
Clara gab sie ihr jedoch noch nicht.
„Bevor du sie hörst, musst du etwas wissen.“
Ihr Blick wanderte zu Daniel.
„Der Mensch, der Elisabeth töten ließ, tat es nicht wegen des Geldes.“
Eine Pause.
„Er tat es, weil Elisabeth entdeckt hatte, dass Katharina niemals Daniel Hartmann hätte kennenlernen dürfen.“







No comments yet