Unterhaltung

Das kleine Mädchen ruinierte die Schuhe des Mafiabosses – dann zeigte ihre Wachsmalzeichnung einen bewaffneten Mann vor seinem Tor

Ich schaltete das Aufnahmegerät aus.

Im selben Moment erschien ein Schatten unter der Tür.

Matteo zog seine Waffe, doch ich hob die Hand.

„Nicht.“

Sophie stand dicht hinter meinem Bein. Ich spürte ihre kleinen Finger im Stoff meiner Hose, während draußen erneut ein leises Knarren erklang.

Dann hörte ich Schritte.

Langsam.

Ruhig.

Nicht die Schritte eines Menschen, der vor Schüssen floh.

Die Schritte von jemandem, der glaubte, dieses Haus gehöre ihm.


„Antonio?“

Die Stimme meiner Mutter drang durch die halb geöffnete Tür.

Zwölf Jahre lang hatte ich sie nicht mehr in diesem Flur gehört.

Ich drehte mich zu Matteo.

„Bring Sophie weg.“

„Nein!“

Sophies Stimme war kaum mehr als ein Hauch, aber ihre Hand klammerte sich fester an mich.

„Sie kennt mich.“

Ich sah zu ihr hinunter.

„Wer?“


Sophie deutete zur Tür.

„Die Frau.“

Mein Magen zog sich zusammen.

Bevor ich weiterfragen konnte, öffnete sich die Tür.

Meine Mutter trat ins Arbeitszimmer.

Elena Romano war zweiundsechzig, doch die Jahre hatten ihr kaum etwas genommen. Ihr graues Haar war makellos hochgesteckt, über ihrem dunklen Kleid trug sie einen langen Mantel. Keine Panik. Kein Staub. Kein Zeichen dafür, dass draußen gerade Männer aufeinander schossen.

Ihr Blick fiel zuerst auf mich.

Dann auf das Aufnahmegerät.

Und schließlich auf Sophie.

Für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich ihr Gesicht.


Das genügte.

„Du solltest in Hamburg sein“, sagte sie.

„Und du solltest in Florenz sein.“

„Pläne ändern sich.“

„Offenbar.“

Matteo stellte sich leicht vor Sophie.

Meine Mutter bemerkte es.

„Was macht das Kind hier?“

Sophie drückte ihren Teddybären gegen die Brust.

„Sie hat mir das Leben gerettet“, sagte ich.


Meine Mutter lächelte beinahe.

„Kinder erzählen vieles.“

Ich nahm Sophies Zeichnung aus meiner Jackentasche und legte sie auf den Schreibtisch.

„Manchmal zeichnen sie es auch.“

Elena betrachtete Carlo mit dem roten X über dem Gesicht.

Kein sichtbares Erschrecken.

„Carlo ist Sicherheitschef. Natürlich steht er am Tor.“

„Mit einer Waffe und vier Männern, nachdem er Sophies Mutter gesagt hat, ich dürfe heute Nacht nicht zurückkommen?“

Ihre Augen wurden kälter.

„Du vertraust einem kleinen Mädchen mehr als deiner eigenen Mutter?“


Ich blickte auf das Geschäftsbuch meines Vaters.

„Im Moment vertraue ich Papier mehr als jedem Erwachsenen in diesem Haus.“

Draußen fielen zwei weitere Schüsse.

Dann Stille.

Matteos Funkgerät knackte.

„Matteo?“, flüsterte eine Stimme. „Westhof gesichert. Zwei Männer festgesetzt. Carlo ist verschwunden.“

Meine Mutter sah zur Tür.

Nur einen Augenblick.

Aber ich sah es.

„Er kommt hierher“, sagte ich.


Sie antwortete nicht.

Ich öffnete das Geschäftsbuch.

Seiten voller Zahlungen, Deckfirmen und Namen. Einige erkannte ich. Andere waren längst tot.

Doch am Rand mehrerer Seiten stand dasselbe Zeichen: ein kleiner roter Kreis.

Sophie trat plötzlich hinter Matteo hervor.

„Mama malt das auch.“

Alle sahen sie an.

„Was?“

Sie zeigte auf den roten Kreis.

„Das Zeichen.“


Ich kniete mich vor sie.

„Wo hast du es gesehen?“

„Auf den Zetteln von Mama.“

Meine Mutter machte einen Schritt auf uns zu.

„Antonio, das reicht. Das Kind gehört ins Bett.“

Matteos Waffe hob sich sofort.

Elena blieb stehen.

Sophie sah zwischen uns hin und her.

„Mama hat gesagt, ich darf die Zettel nie anfassen.“

„Weißt du, wo sie sind?“


Sie nickte.

„In unserer Wohnung.“

Meine Mutter atmete langsam aus.

„Ihre Mutter ist eine kranke Hausangestellte. Du willst doch nicht ernsthaft—“

„Wie heißt sie?“

Elena verstummte.

Ich richtete mich auf.

„Du leitest dieses Haus seit Jahren. Wie heißt Sophies Mutter?“

Keine Antwort.

Sophie sagte leise:


„Anna Weber.“

Meine Mutter sah sie an.

Diesmal war da etwas in ihren Augen.

Nicht Verachtung.

Angst.

Ein dumpfer Schlag kam aus dem Flur.

Matteo wirbelte herum.

Carlo stand am anderen Ende des Korridors.

Blut lief über seine Schläfe. Seine Pistole war noch in seiner Hand, aber der Lauf zeigte zum Boden.

„Boss“, keuchte er.


Matteo zielte auf seine Brust.

„Waffe fallen lassen.“

Carlo tat es sofort.

Die Pistole schlug auf den Boden.

„Sie müssen mir zuhören.“

„Auf die Knie.“

„Antonio!“ Seine Stimme brach. „Wenn Ihre Mutter hier ist, haben wir keine Zeit.“

Elena lachte leise.

„Wie bequem.“

Carlo sah sie an, und ich erkannte in seinem Gesicht etwas, das ich bei ihm noch nie gesehen hatte.

Furcht.

„Das Tor war keine Falle für Sie“, sagte er.

Ich blickte auf Sophies Zeichnung.

„Dann erklär mir die Waffe.“

„Ich wartete auf die Männer, die Sie töten sollten.“

„Deine Freunde?“

„Nein. Ihre.“

Er zeigte auf Elena.

Meine Mutter bewegte sich plötzlich.

Ihre Hand verschwand unter ihrem Mantel.

Matteo schwenkte die Waffe zu ihr.

„Hände sichtbar!“

Sie blieb stehen.

Carlo sah mich an.

„Ihr Vater wusste, dass jemand aus der Familie Geld verschwinden ließ. Er ließ mich so aussehen, als wäre ich beteiligt, damit der wahre Drahtzieher mich für käuflich hielt.“

Ich deutete auf das Aufnahmegerät.

„Er sagte, du bist ein Soldat.“

„Ja.“

Carlo schluckte.

„Seiner.“

Stille.

Zwölf Jahre lang hatte ich geglaubt, mein Vater sei gestorben, bevor er mir seine letzten Geheimnisse anvertrauen konnte.

Vielleicht hatte er es versucht.

„Warum hat er mir nichts gesagt?“

Carlo sah zu Sophie.

„Weil er niemandem mehr vertraute.“

Dann blickte er auf das Geschäftsbuch.

„Und weil das, was dort steht, nur die Hälfte ist.“

Meine Mutter wurde blass.

Zum ersten Mal wirklich blass.

Carlo bemerkte es ebenfalls.

„Die andere Hälfte hat Anna Weber.“

Sophie riss die Augen auf.

„Mama?“

In diesem Augenblick ertönte aus Matteos Funkgerät eine hektische Stimme.

„Boss! Im Personaltrakt ist jemand gewesen.“

Ich nahm das Gerät.

„Anna Weber?“

Rauschen.

Dann:

„Ihr Zimmer ist leer.“

Sophie begann zu zittern.

„Wo ist meine Mama?“

Niemand antwortete.

Ich griff nach meinem Mantel.

Da ertönte aus dem Erdgeschoss ein Schrei.

Eine Frauenstimme.

Sophie kannte sie sofort.

„Mama!“

Sie rannte zur Tür.

Ich fing sie gerade noch auf.

Dann krachte unten eine Tür zu.

Und eine unbekannte Männerstimme brüllte durch die Villa:

„Wir haben die Frau. Wenn Romano das Geschäftsbuch haben will, kommt er allein.“

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 4, um weiterzulesen.**

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