„Name.“
Carlo starrte auf Sophies Zeichnung.
„Dr. Markus Falk.“
Keller wurde vollkommen still.
Ich sah ihn an.
„Der Arzt?“
Er nickte langsam.
„Der Mann, den wir zu deinem Vater gerufen haben.“
Mir wurde kalt.
„Du hast gesagt, er konnte nichts mehr für ihn tun.“
„Das glaubte ich.“
„Und Carlo sagt, er hat ihn vergiftet.“
Keller sank zurück auf den Stuhl.
„Dann haben wir den Mörder selbst zu ihm gebracht.“
Sophie erschien in der Tür.
Niemand hatte bemerkt, dass sie dort stand.
„Ist Mama bei dem Mann?“
Ich faltete die Zeichnung zusammen.
„Ich hole sie zurück.“
Sie kam zu mir und drückte mir ihren Teddy in die Hand.
„Nehmen Sie ihn.“
„Warum?“
„Damit Mama weiß, dass Sie von mir kommen.“
Ich nahm den Teddy.
„Du bleibst bei Matteo.“
„Versprochen.“
Ich sah zu Matteo.
„Niemand kommt an sie heran.“
„Niemand.“
Carlo und ich verließen die Villa durch den Ostzugang.
Elena wollte mitkommen.
Ich ließ es nicht zu.
Wenn Vittorio zwölf Jahre lang Menschen in meiner Umgebung platziert hatte, nahm ich niemanden mit, den ich nicht unbedingt brauchte.
Während Carlo fuhr, öffnete ich die drei Ordner aus dem geheimen Schrank.
Der erste enthielt Konten.
Der zweite Namen.
Im dritten lagen medizinische Unterlagen.
Obenauf befand sich eine Kopie des toxikologischen Berichts meines Vaters.
Mehrere Werte waren mit roter Tinte markiert.
„Falk“, sagte Carlo.
„Was?“
„Er leitete damals eine Privatklinik. Vittorio nutzte sie für Leute, die keine Fragen stellen sollten.“
Ich blätterte weiter.
Eine handschriftliche Notiz meines Vaters fiel heraus.
**Falk arbeitet für V. Anna darf ihm niemals allein begegnen.**
Ich sah auf die Straße.
„Schneller.“
Das echte Grab meines Vaters lag auf einem kleinen privaten Grundstück am Rand eines Waldstücks außerhalb Berlins.
Kein Familienwappen.
Kein Marmor.
Nur ein schlichter Stein.
Als wir ankamen, stand dort bereits ein schwarzer Wagen.
Silbernes V auf der Tür.
Wie in Sophies Zeichnung.
„Bleiben Sie hinter mir“, sagte Carlo.
„Nein.“
Ich stieg aus.
Zwischen den Bäumen brannte eine einzelne Laterne.
Anna kniete vor dem Grab.
Vittorio stand hinter ihr.
Neben ihm wartete Dr. Falk.
Zwölf Jahre älter als auf den Fotos, aber unverkennbar.
„Antonio.“
Vittorio lächelte.
„Du bist endlich gekommen.“
„Lass Anna gehen.“
„Die Seite.“
„Zuerst Anna.“
Er schüttelte den Kopf.
„Dein Vater hatte dieselbe schlechte Angewohnheit. Er glaubte immer, Bedingungen stellen zu dürfen.“
Anna sah mich an.
Ihr Gesicht war bleich.
„Geben Sie ihm nichts.“
Falk packte ihre Schulter.
Ich machte einen Schritt vor.
Carlo hob seine Waffe.
Aus dem Wald erschienen zwei Männer.
Dann zwei weitere.
Vittorio lächelte.
„Carlo. Immer noch der treue Hund.“
Carlo zielte auf Falk.
„Lassen Sie sie los.“
„Du hast zwölf Jahre gebraucht, um herauszufinden, wer dein Feind ist.“
„Nein“, sagte ich. „Ein sechsjähriges Mädchen hat dafür eine Nacht gebraucht.“
Vittorios Lächeln verschwand.
Ich zog die fehlende Seite hervor.
Zumindest glaubte er das.
Was ich in der Hand hielt, war eine Kopie aus dem Ordner.
„Hier.“
Anna schüttelte heftig den Kopf.
„Antonio!“
„Du bekommst sie, wenn Anna bei Carlo ist.“
Vittorio dachte nach.
Dann nickte er Falk zu.
Falk löste Annas Fesseln.
Sie ging langsam auf uns zu.
Noch fünf Meter.
Drei.
Zwei.
Carlo zog sie hinter sich.
Ich warf die Seite auf den Boden zwischen uns.
Vittorio machte keine Bewegung.
Falk ging hinüber und hob sie auf.
Er betrachtete das Papier.
„Kopie.“
„Natürlich.“
Vittorio seufzte.
„Du bist wirklich der Sohn deines Vaters.“
„Und du bist wirklich der Mann, vor dem er mich gewarnt hat.“
Vittorio sah zum Grab.
„Dein Vater war schwach.“
Meine Hand spannte sich.
„Er wollte Frieden.“
„Er wollte Kontrolle aufgeben.“
„Also hast du ihn vergiften lassen.“
Vittorio antwortete nicht.
Falk tat es.
„Er hätte sowieso nicht lange überlebt.“
Anna sog scharf Luft ein.
Ich sah Falk an.
„Danke.“
Er runzelte die Stirn.
„Wofür?“
Ich öffnete meine Jacke ein Stück.
Das kleine Aufnahmegerät aus dem Arbeitszimmer blinkte rot.
Vittorios Gesicht veränderte sich.
„Du glaubst, eine Aufnahme reicht?“
„Nein.“
Hinter uns gingen Scheinwerfer an.
Dann weitere.
Nicht meine Männer.
Kellers.
Zwölf Jahre lang hatte der alte Anwalt offenbar nicht nur Dokumente versteckt.
Carlo lächelte zum ersten Mal an diesem Abend.
„Jetzt vielleicht.“
Vittorios Männer blickten nervös in den Wald.
Falk wich zurück.
Vittorio blieb ruhig.
„Du verstehst immer noch nicht, Antonio.“
„Dann erklär es.“
„Ich bin nicht der letzte Name.“
Anna wurde steif.
„Lügen Sie nicht.“
„Frag sie.“
Er zeigte auf Anna.
„Frag sie, warum dein Vater ihr wirklich vertraute.“
Ich sah zu ihr.
„Anna?“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Nicht hier.“
„Jetzt.“
Sie blickte auf das Grab.
„Ihr Vater wusste, dass er sterben würde. Er wollte nicht nur Beweise sichern.“
„Was noch?“
„Sie.“
Ich verstand nicht.
Anna zog etwas aus ihrer Manteltasche.
Ein alter Umschlag.
„Er schrieb diesen Brief in seinen letzten Stunden.“
Mein Name stand darauf.
Wieder die Handschrift meines Vaters.
Vittorio lachte leise.
„Lies ihn.“
Ich öffnete den Brief.
Der erste Satz ließ mich erstarren.
**Antonio, wenn Anna dir diesen Brief gibt, bedeutet das, dass du endlich die Wahrheit über Elena kennst.**
Ich las weiter.
Mein Vater schrieb, dass Elena Vittorio geholfen hatte.
Dass sie Konten freigegeben und Informationen weitergegeben hatte.
Aber dann kam der Satz, den niemand erwähnt hatte.
**Deine Mutter tat es nicht freiwillig.**
Vittorio hatte mich als Druckmittel benutzt.
Jahrelang.
Jeder Verrat, jede Unterschrift, jedes Schweigen war mit derselben Drohung erkauft worden.
Mein Leben.
Ich hob den Blick.
Vittorio lächelte nicht mehr.
„Du hast sie erpresst.“
„Deine Mutter traf ihre Entscheidungen.“
„Unter Todesdrohung gegen ihr Kind.“
„Jeder Mensch hat eine Schwäche.“
Ich faltete den Brief.
„Du hattest auch eine.“
„Welche?“
„Du dachtest, Angst hält ewig.“
Falk bewegte sich plötzlich.
Seine Hand fuhr unter den Mantel.
Carlo schoss zuerst.
Die Kugel traf Falk in den Arm. Seine Waffe fiel ins Gras.
Gleichzeitig brach ringsum Chaos aus.
Kellers Männer entwaffneten zwei von Vittorios Leuten.
Ein dritter floh in den Wald.
Vittorio drehte sich zum Wagen.
Ich holte ihn ein, bevor er die Tür erreichte.
Er schlug nach mir.
Ich fing seinen Arm ab und drückte ihn gegen das Auto.
Zwölf Jahre Wut lagen zwischen uns.
Doch ich erinnerte mich an etwas, das er selbst mir beigebracht hatte:
Niemals aus Wut entscheiden.
Also schlug ich nicht.
Ich nahm ihm nur die Waffe ab.
„Es ist vorbei.“
Vittorio lachte gegen die Autotür.
„Nein.“
Sein Blick wanderte zu Anna.
„Frag sie nach Sophies Vater.“
Anna wurde weiß.
Ich ließ Vittorio los und drehte mich zu ihr.
„Was hat Sophie damit zu tun?“
„Nichts“, sagte Anna sofort.
„Anna.“
„Sie ist ein Kind. Lassen Sie sie aus dieser Geschichte heraus.“
Vittorio richtete sich langsam auf.
„Das Kind ist längst Teil dieser Geschichte.“
Carlo drückte ihn wieder gegen den Wagen.
„Halt den Mund.“
Doch Vittorio redete weiter.
„Warum glaubst du, ist Anna nach Berlin zurückgekehrt? Wegen alter Konten? Wegen deiner Familie?“
Anna begann zu weinen.
„Bitte.“
„Sie kam zurück, weil sie erfuhr, dass Falk nach ihrer Tochter suchte.“
Ich sah Anna an.
„Warum?“
Sie schloss die Augen.
„Weil Sophies Vater etwas wusste.“
„Wer war er?“
Anna antwortete nicht.
Vittorio tat es.
„Der einzige Mann, der in jener Nacht gesehen hat, wer deinem Vater das Gift gegeben hat.“
Stille.
Ich sah zu Falk.
Sein Gesicht sagte mir alles.
„Wo ist Sophies Vater?“
Anna öffnete die Augen.
„Tot.“
„Falk?“
Sie nickte.
Carlo fluchte.
Anna wischte sich die Tränen ab.
„Deshalb kam ich zurück. Nicht um Rache zu nehmen. Ich wollte die Beweise finden, bevor Falk herausfand, dass Sophie existiert.“
Mein Telefon klingelte.
Matteo.
Ich nahm sofort ab.
„Was ist los?“
Zuerst hörte ich nur hektisches Atmen.
Dann Matteos Stimme.
„Boss ... wir haben ein Problem.“
Mein Blick ging zu Falk.
Er lächelte.
Und plötzlich wusste ich, dass wir etwas übersehen hatten.
„Sophie?“
„Sie ist sicher.“
Ich atmete aus.
„Was dann?“
„Elena ist weg.“
Ich sah Vittorio an.
Sein Gesicht veränderte sich.
Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte er nicht überlegen.
Er wirkte erschrocken.
„Boss“, fuhr Matteo fort, „sie hat etwas aus dem Arbeitszimmer mitgenommen.“
„Was?“
„Das ursprüngliche Geschäftsbuch.“
Vittorio riss sich plötzlich gegen Carlos Griff herum.
„Du Idiot!“
Er meinte nicht mich.
Er meinte Falk.
Dann vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht von meiner Mutter.
Nur ein Foto.
Elena stand vor einem Gebäude, das ich sofort erkannte.
Vittorios Berliner Hauptquartier.
In einer Hand hielt sie das Geschäftsbuch.
In der anderen den Messingschlüssel meines Vaters.
Darunter hatte sie geschrieben:
**Zwölf Jahre lang habe ich getan, was sie verlangten, damit du lebst. Heute Nacht entscheide ich selbst, wie es endet.**
Und hinter ihr stieg bereits Rauch aus einem Fenster.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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