Unterhaltung

Das kleine Mädchen ruinierte die Schuhe des Mafiabosses – dann zeigte ihre Wachsmalzeichnung einen bewaffneten Mann vor seinem Tor

Ich stieg in den Schacht.

„Sophie, geh nicht näher zu ihm.“

Keine Antwort.

Hinter mir wollte Matteo folgen.

„Bleib oben“, sagte ich. „Und sorg dafür, dass niemand diese Klappe erreicht.“

„Boss, Sie wissen nicht, wer dort unten ist.“

„Genau deshalb.“

Die Treppe war so schmal, dass meine Schultern beinahe beide Wände berührten. Feuchte Luft stieg mir entgegen. Nach zwölf Stufen verschluckte mich völlige Dunkelheit.

Dann sah ich Licht.

Ein schwacher gelber Schein fiel durch eine halb geöffnete Tür.


„Sophie?“

„Hier.“

Ich schob die Tür auf.

Der Raum dahinter war klein und fensterlos.

Regale bedeckten die Wände. Darauf standen Aktenordner, Kassetten und versiegelte Umschläge.

Sophie stand mitten im Raum.

Vor ihr saß ein alter Mann in einem Stuhl.

Seine linke Hand lag auf einem Gehstock. Das Gesicht war eingefallen, das Haar fast vollständig weiß.

Doch ich kannte ihn.

„Doktor Keller.“


Friedrich Keller war der Anwalt meines Vaters gewesen.

Und offiziell seit elf Jahren tot.

Er betrachtete mich lange.

„Du siehst ihm ähnlicher, als Elena lieb sein dürfte.“

Meine Waffe blieb erhoben.

„Sophie, komm zu mir.“

Sie lief sofort herüber.

Ich zog sie hinter mich.

„Wer hat Sie hierhergebracht?“

Keller lächelte müde.


„Dein Vater.“

„Mein Vater ist seit zwölf Jahren tot.“

„Das weiß ich.“

„Sie angeblich auch.“

„Das war notwendig.“

Ich wollte eine Antwort verlangen, doch aus der Decke drang ein dumpfer Knall.

Keller sah nach oben.

„Dann hat Elena endlich aufgehört, so zu tun, als wäre sie unschuldig.“

„Sie wussten davon?“

„Ich wusste, dass sie eines Tages zurückkommen würde, wenn das Geschäftsbuch auftaucht.“


Er zeigte auf Sophie.

„Ich wusste nur nicht, dass Anna ihre Tochter benutzen würde, um dich hierherzuführen.“

Sophie schüttelte heftig den Kopf.

„Mama benutzt mich nicht.“

Keller sah sie an.

„Nein. Das war schlecht formuliert.“

Dann blickte er wieder zu mir.

„Anna hat dich beschützt.“

„Wovor?“

„Vor deiner eigenen Familie.“


Die Worte trafen härter, als sie sollten.

Keller griff langsam in seine Jacke.

Ich richtete die Waffe auf seine Brust.

„Langsam.“

Er zog einen kleinen Messingschlüssel hervor.

Derselbe Schlüssel wie auf Sophies Zeichnung.

„Dein Vater gab mir diesen Schlüssel drei Tage vor seinem Tod.“

Sophie zeigte darauf.

„Den hat Mama gemalt.“

„Weil Anna wusste, dass er existiert.“


Ich nahm ihn nicht.

„Was öffnet er?“

Keller zeigte auf die hintere Wand.

Dort stand ein alter Stahlschrank.

„Die Wahrheit, wegen der dein Vater gestorben ist.“

Oben krachten weitere Schüsse.

Sophie presste den Teddy gegen ihr Gesicht.

Ich nahm den Schlüssel.

„Und warum haben Sie zwölf Jahre gewartet?“

„Weil dein Vater mir eine Bedingung stellte.“


„Welche?“

„Ich durfte dir die Unterlagen erst geben, wenn Elena selbst versuchte, dich töten zu lassen.“

Mein Blick wanderte zum Schrank.

„Er wusste es.“

„Er vermutete es.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Nein.“

Kellers Stimme wurde leiser.

„Deshalb brauchte er Beweise.“

Ich steckte den Schlüssel ins Schloss.


Ein Klick.

Im Schrank lagen keine Berge von Geld.

Keine Waffen.

Nur drei schmale Aktenordner und ein versiegelter Brief.

Auf dem Umschlag stand mein Name.

**ANTONIO.**

Ich erkannte die Handschrift meines Vaters sofort.

Meine Finger blieben einen Moment darauf liegen.

Dann öffnete ich den Brief.

Antonio,


wenn du das liest, habe ich versagt, dich vor einem Krieg zu schützen, der lange vor deiner Geburt begonnen hat.

Elena hat nicht allein gehandelt.

Ich las den Satz zweimal.

Keller beobachtete mich.

Ich las weiter.

Die verschwundenen Gelder waren nur ein Teil eines größeren Systems. Jemand hatte über Jahre Firmen unserer Familie benutzt, um Geschäfte zu finanzieren, von denen selbst mein Vater nichts wissen sollte.

Und Elena hatte geholfen, die Spuren zu verwischen.

Doch der letzte Name fehlte.

Die nächste Seite war herausgerissen.

„Wo ist sie?“


Keller sah zur Decke.

„Bei Anna.“

Plötzlich verstand ich.

„Deshalb haben sie sie.“

Er nickte.

„Anna besitzt nicht nur die zweite Hälfte des Geschäftsbuchs.“

„Sondern?“

„Die Seite mit dem Namen.“

Sophies Gesicht erschien neben meinem Arm.

„Mama hat gesagt, Namen können gefährlich sein.“

Ich kniete mich zu ihr.

„Hat sie dir gesagt, wo sie die Seite aufbewahrt?“

Sophie dachte nach.

Dann schüttelte sie den Kopf.

„Nur dass niemand sie finden kann.“

Oben hörten wir plötzlich Schritte im Schacht.

Ich löschte das Licht.

Sophie griff nach meiner Hand.

Eine Gestalt kam die Treppe herunter.

Ich hob die Waffe.

„Antonio“, flüsterte Carlo.

Ich ließ den Lauf sinken.

Carlo trat herein. Blut färbte seinen Ärmel.

„Anna lebt“, sagte er. „Matteo hat Brandts Männer zurückgedrängt.“

„Meine Mutter?“

„Verschwunden.“

„Brandt?“

Carlo schwieg.

Das genügte.

„Auch verschwunden.“

Er nickte.

„Sie kannten einen Ausgang, den wir nicht kannten.“

Keller lachte bitter.

„Natürlich kannten sie ihn.“

Carlo sah ihn an und erstarrte.

„Keller?“

„Hallo, Carlo.“

„Sie sind tot.“

„Heute höre ich das erstaunlich oft.“

Ich nahm die drei Ordner aus dem Schrank.

„Wir bringen Anna und Sophie aus der Villa.“

Sophie zog an meiner Hand.

„Aber Mama ist krank.“

„Deshalb kommt ein Arzt.“

„Kein Krankenhaus“, sagte Keller sofort.

Ich sah ihn an.

„Warum?“

„Weil Elena seit Jahren Menschen in deiner Organisation platziert. Wenn sie zwölf Jahre auf diese Nacht vorbereitet war, glaubst du wirklich, sie hätte keine Leute in Kliniken, bei der Polizei oder unter deinen Fahrern?“

Carlo fluchte leise.

Dann knackte sein Funkgerät.

Matteos Stimme.

„Boss, wir haben Anna.“

Ich atmete aus.

„Bringt sie in den Ostflügel.“

Rauschen.

Dann sagte Matteo:

„Sie verlangt nach Sophie.“

„Wir kommen.“

„Und Boss?“

Seine Stimme klang plötzlich anders.

„Sie sagt, Sie dürfen Ihrer Mutter nicht folgen.“

„Warum?“

Lange Stille.

Dann hörte ich Anna selbst im Hintergrund.

Schwach.

Aber deutlich.

„Weil Elena nicht flieht.“

Ich nahm das Funkgerät näher.

„Anna?“

Ein Husten.

Dann ihre Stimme:

„Sie holt den Mann, dessen Name auf der fehlenden Seite steht.“

Keller wurde bleich.

Carlo sah mich an.

„Wer ist es?“

Doch bevor Anna antworten konnte, brach die Verbindung ab.

Sophie drückte meine Hand.

„Ich weiß, wo Mamas Papier ist.“

Alle sahen sie an.

Sie öffnete den Rücken ihres alten Teddybären.

Zwischen der Füllwatte steckte ein mehrfach gefaltetes Blatt.

Sophie zog es heraus und reichte es mir.

„Mama sagte, Teddy muss immer bei mir bleiben.“

Ich faltete das Papier auseinander.

Oben stand die Handschrift meines Vaters.

Darunter Kontonummern, Daten und Unterschriften.

Und ganz unten ein Name.

Ich las ihn.

Dann noch einmal.

Der Raum schien plötzlich kleiner zu werden.

Denn der Mann, der hinter Elena stand, war kein Feind meiner Familie.

Er war der Mann, dem mein Vater nach seinem Tod offiziell alles anvertraut hatte.

**Mein eigener Pate.**

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.**

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