Auf der fehlenden Seite stand nur ein Name, aber er reichte aus, um zwölf Jahre meines Lebens neu zu schreiben.
**Vittorio De Luca.**
Mein Pate.
Der Mann, der mich nach der Beerdigung meines Vaters in den Arm genommen und gesagt hatte, ich sei jetzt sein Sohn.
Der Mann, der mir beigebracht hatte, niemals eine Entscheidung aus Wut zu treffen.
Der Mann, dessen Rat ich bei jedem großen Krieg eingeholt hatte.
Carlo las über meine Schulter.
„Verdammt.“
Keller schloss die Augen.
„Dann hatte dein Vater recht.“
Ich faltete die Seite zusammen.
„Was genau wusste er?“
„Dass Vittorio das Netzwerk aufgebaut hatte“, sagte Keller. „Aber nicht, wie tief Elena darin steckte.“
„Meine Mutter und mein Pate.“
„Es begann lange vor seinem Tod.“
Sophie sah zwischen uns hin und her.
„Können wir jetzt zu Mama?“
Ihre Frage holte mich zurück.
„Ja.“
Ich steckte die Seite in meine Innentasche und nahm Sophie auf den Arm.
Keller blieb sitzen.
„Sie kommen mit.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich würde euch nur aufhalten.“
„Sie haben zwölf Jahre überlebt. Heute sterben Sie nicht in einem Keller.“
Carlo half ihm auf.
Als wir den Ostflügel erreichten, lag Anna auf einem Sofa. Matteo hatte Decken über sie gelegt. Ein älterer Arzt aus meinem innersten Kreis untersuchte sie.
Sophie sprang aus meinen Armen.
„Mama!“
Anna öffnete die Augen.
„Mein Schatz.“
Sophie kroch vorsichtig neben sie.
„Ich hab Teddy nicht verloren.“
Anna sah den geöffneten Rücken des Teddybären.
Dann sah sie mich an.
Sie wusste sofort, was passiert war.
„Sie haben die Seite.“
„Ja.“
Ihre Augen schlossen sich kurz.
„Dann müssen wir hier weg.“
„Erst erklärst du mir, warum mein Vater dir vertraute.“
Sophie legte den Kopf auf Annas Schulter.
Anna strich ihr durchs Haar.
„Ich war damals nicht nur Archivarin.“
Ihre Stimme war schwach.
„Ihr Vater ließ mich interne Konten prüfen. Er hatte bemerkt, dass Geld über Unternehmen verschwand, die offiziell stillgelegt worden waren.“
„Und du fandest Vittorio.“
„Ich fand Elena.“
Das traf mich noch härter.
„Ihre Unterschrift war auf mehreren Freigaben. Aber sie war vorsichtig. Nie genug für einen direkten Beweis.“
Keller setzte sich gegenüber.
„Bis zur fehlenden Seite.“
Anna nickte.
„Ihr Vater kopierte sie in der Nacht vor seinem Tod.“
„Wie starb er wirklich?“
Niemand antwortete sofort.
Zwölf Jahre lang hatte ich dieselbe Geschichte gehört.
Herzversagen.
Plötzlich.
Unvermeidbar.
Anna sah zu Sophie.
Ich verstand.
„Matteo.“
Er nahm Sophie sanft auf den Arm.
„Komm. Wir holen dir etwas zu trinken.“
„Ich will bei Mama bleiben.“
Anna küsste ihre Stirn.
„Nur zwei Minuten.“
Nachdem die Tür geschlossen war, sah Anna mich an.
„Ihr Vater hatte kein natürliches Herzversagen.“
Meine Hände wurden kalt.
„Beweise.“
„Die medizinischen Unterlagen wurden verändert.“
„Von wem?“
„Ich weiß es nicht. Aber Ihr Vater hatte an diesem Abend vorgehabt, Vittorio mit den Unterlagen zu konfrontieren.“
Keller ergänzte leise:
„Er erreichte das Treffen nie.“
Ich ging zum Fenster.
Draußen bewegten sich meine Männer durch den Hof.
Zwölf Jahre hatte ich Feinde gejagt.
Vielleicht hatte ich die ganze Zeit neben dem Mann gegessen, der meinen Vater hatte töten lassen.
Mein Telefon vibrierte.
Unbekannte Nummer.
Eine Nachricht.
**KOMM ALLEIN ZUM WINTERGARTEN. DEINE MUTTER WARTET.**
Carlo sah mein Gesicht.
„Was?“
Ich zeigte ihm die Nachricht.
„Eine Falle“, sagte er sofort.
„Natürlich.“
„Dann gehen Sie nicht.“
Ich sah zu Anna.
„Vittorio braucht die Seite.“
„Und er glaubt, Elena könne sie ihm bringen.“
„Nein.“
Ich steckte das Telefon weg.
„Er glaubt, sie könne mich bringen.“
Fünf Minuten später ging ich allein durch den Westkorridor.
Zumindest sollte es so aussehen.
Matteo bewegte sich durch die Dienstbotengänge. Carlo nahm den Innenhof. Keller blieb bei Anna und Sophie.
Der Wintergarten lag am Ende der Villa.
Die Glastür stand offen.
Meine Mutter saß an einem Tisch.
Allein.
Vor ihr standen zwei Tassen Kaffee.
Wie früher.
„Setz dich“, sagte sie.
Ich blieb stehen.
„Wo ist Vittorio?“
Ihre Finger hielten mitten in der Bewegung inne.
Dann lächelte sie traurig.
„Also hat Anna die Seite behalten.“
„Zwölf Jahre.“
„Sie war immer klüger, als sie aussah.“
„Hast du Vater töten lassen?“
Das Lächeln verschwand.
„Nein.“
„Hast du gewusst, dass jemand es tun würde?“
Stille.
Das war Antwort genug.
„Warum?“
Sie blickte hinaus in den dunklen Garten.
„Dein Vater wollte alles zerstören, was unsere Familie aufgebaut hatte.“
„Indem er Diebstahl stoppte?“
„Du denkst immer noch in Geld.“
Sie sah mich wieder an.
„Es ging nie um Geld.“
„Worum dann?“
„Macht.“
Ein Geräusch hinter mir.
Ich drehte mich.
Nichts.
Elena nahm einen Schluck Kaffee.
„Vittorio kontrollierte Politiker, Unternehmen, Häfen. Dein Vater wollte aussteigen.“
„Und du?“
„Ich wollte, dass du überlebst.“
Ich lachte ohne Humor.
„Indem du heute Nacht befiehlst, dass ich nicht nach Hause zurückkehre?“
Zum ersten Mal brach ihre Fassade.
„Das war nicht mein Befehl.“
Ich dachte an die Aufnahme.
Ihre Stimme.
**Sorgt dafür, dass mein Sohn niemals nach Hause zurückkehrt.**
„Ich habe dich gehört.“
„Eine Aufnahme kann geschnitten werden.“
„Dann erklär sie.“
Sie öffnete den Mund.
In diesem Moment zerbarst eine Scheibe.
Ich warf mich zur Seite.
Die Kugel schlug dort in die Wand ein, wo mein Kopf gewesen war.
Meine Mutter schrie.
Ich zog die Waffe.
Draußen bewegte sich eine Gestalt zwischen den Bäumen.
Carlo rief über Funk:
„Schütze im Garten!“
Matteos Männer reagierten.
Schüsse.
Dann Stille.
Ich packte Elena am Arm und zog sie hinter eine Steinwand.
„War das dein Plan?“
Sie starrte mich an.
Echte Angst lag in ihrem Gesicht.
„Nein.“
Mein Telefon vibrierte erneut.
Diesmal war es eine Audiodatei.
Ich spielte sie ab.
Vittorios Stimme.
„Antonio. Wenn du das hörst, hat deine Mutter wieder einmal versagt.“
Elena schloss die Augen.
Die Aufnahme lief weiter.
„Bring mir die Seite vor Sonnenaufgang. Sonst erfährt Sophie Weber, warum ihre Mutter wirklich in deine Villa zurückgekehrt ist.“
Ich sah Elena an.
„Was meint er?“
Sie sagte nichts.
Ich packte ihr Handgelenk fester.
„Was weißt du über Anna?“
Meine Mutter flüsterte:
„Du stellst die falsche Frage.“
„Welche wäre die richtige?“
Sie sah zur zerbrochenen Scheibe.
„Warum hat eine Frau, die zwölf Jahre lang vor Vittorio fliehen konnte, freiwillig ihre kleine Tochter in das gefährlichste Haus Berlins gebracht?“
Hinter mir ertönte plötzlich Matteos Stimme aus dem Funkgerät.
„Boss, kommen Sie sofort zurück.“
„Was ist passiert?“
„Anna ist verschwunden.“
Mein Herz hämmerte.
„Und Sophie?“
Eine Sekunde Stille.
Dann:
„Sie ist noch hier.“
Ich drehte mich zu meiner Mutter.
Doch Elena sah nicht mich an.
Sie starrte auf den Tisch.
Dort lag etwas, das vorher nicht dort gewesen war.
Ein kleiner Umschlag.
Darauf stand mein Name.
Ich öffnete ihn.
Darin befand sich ein Foto.
Anna, deutlich jünger.
Neben ihr stand mein Vater.
Auf der Rückseite hatte er nur einen einzigen Satz geschrieben:
**Wenn mir etwas geschieht, vertraue Anna mit deinem Leben.**
Und darunter stand ein Datum.
Der Tag nach seinem offiziellen Tod.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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