Unterhaltung

Das kleine Mädchen ruinierte die Schuhe des Mafiabosses – dann zeigte ihre Wachsmalzeichnung einen bewaffneten Mann vor seinem Tor

Ich starrte auf das Datum, bis die Zahlen vor meinen Augen verschwammen.

Der Tag nach dem Tod meines Vaters.

Unmöglich.

„Woher kommt das?“

Elena antwortete nicht.

Ich hielt ihr das Foto hin.

„Woher?“

„Ich habe es noch nie gesehen.“

Diesmal glaubte ich ihr.

Nicht weil ich ihr vertraute.


Sondern weil sie das Datum genauso anstarrte wie ich.

Matteos Stimme knackte erneut aus dem Funkgerät.

„Boss?“

„Sperr das gesamte Anwesen. Niemand nimmt Sophie irgendwohin.“

„Verstanden.“

„Anna finden. Lebend.“

Ich steckte das Foto ein.

Elena stand auf.

„Antonio, wenn dieses Datum echt ist—“

„Dann hat mich jemand zwölf Jahre lang angelogen.“


„Uns beide.“

Ich sah sie an.

„Mach nicht den Fehler, dich neben mich zu stellen.“

Dann ging ich.

Sophie saß im Ostflügel auf dem Sofa und hielt ihren beschädigten Teddy fest. Als sie mich sah, sprang sie auf.

„Wo ist Mama?“

Ich ging vor ihr in die Hocke.

„Wir suchen sie.“

„Ist sie wieder bei dem bösen Mann?“

„Das weiß ich noch nicht.“


Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Sie geht nie weg, ohne mir Bescheid zu sagen.“

Keller saß in der Ecke.

Ich warf ihm das Foto zu.

Er fing es auf.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Woher hast du das?“

„Du kennst es.“

Er schwieg.

Ich packte die Armlehne seines Stuhls.


„Das Datum ist nach seinem Tod.“

Keller betrachtete Sophie.

„Nicht vor dem Kind.“

„Dann beweg dich.“

Wir gingen in den Nebenraum.

Carlo kam wenige Sekunden später herein.

Ich schloss die Tür.

„Jetzt.“

Keller legte das Foto auf den Tisch.

„Dein Vater starb nicht an dem Tag, der in seiner Sterbeurkunde steht.“


Keiner von uns sprach.

„Wie lange lebte er?“

„Sechsunddreißig Stunden.“

Ich spürte nichts.

Das war schlimmer als Wut.

„Wo?“

„In diesem Haus.“

Carlo fluchte.

„Das ist unmöglich. Ich war damals hier.“

„Du warst im Haupthaus“, sagte Keller. „Er war im Kellerarchiv.“


Ich dachte an den verborgenen Raum.

„Warum?“

„Weil wir nicht wussten, wem wir vertrauen konnten. Er war vergiftet worden. Anna fand ihn zuerst.“

„Und statt einen Arzt zu holen, habt ihr ihn versteckt?“

„Wir hatten einen Arzt.“

Kellers Stimme brach.

„Er konnte nichts mehr tun.“

Ich wandte mich ab.

Mein Vater hatte noch gelebt, während ich vor seinem angeblichen Leichnam gestanden hatte.

Während meine Mutter geweint hatte.


Während Vittorio seine Hand auf meine Schulter gelegt hatte.

„Warum wurde sein Tod früher bekannt gegeben?“

„Sein eigener Befehl.“

Ich drehte mich zurück.

„Warum?“

„Er wollte sehen, wer sich bewegt, sobald die Welt glaubte, er sei tot.“

Carlo verstand zuerst.

„Vittorio.“

Keller nickte.

„Innerhalb weniger Stunden wurden Konten geleert. Dokumente verschwanden. Männer wechselten die Seiten.“


„Und das Foto?“

„Anna nahm es am letzten Morgen auf.“

Ich sah meinen Vater darauf an.

Er wirkte müde, aber lebendig.

„Was geschah danach?“

Keller senkte den Blick.

„Er gab Anna die fehlende Seite. Mir gab er den Schlüssel. Carlo erhielt seine Rolle.“

Carlo nickte langsam.

Plötzlich ergab das gesamte System Sinn.

Drei Menschen.


Drei Teile der Wahrheit.

Keiner konnte allein alles beweisen.

„Und meine Mutter?“

Keller sah mich an.

„Dein Vater wusste nicht, ob Elena Mitverschwörerin oder Gefangene Vittorios war.“

Die Tür öffnete sich.

Elena stand dort.

Matteo hinter ihr.

„Dann hätte er mich fragen sollen“, sagte sie.

Keller wurde bleich.


„Elena.“

„Zwölf Jahre versteckst du dich unter meinem Haus und glaubst, du kennst meine Geschichte?“

„Ich kenne die Konten.“

„Du kennst Zahlen.“

Sie trat näher.

„Vittorio kontrollierte diese Familie lange bevor Antonio geboren wurde.“

Ich hielt ihren Blick fest.

„Dann erzähl den Rest.“

Elena schwieg lange.

„Als dein Vater aussteigen wollte, drohte Vittorio damit, dich zu töten.“

Mein Kiefer spannte sich an.

„Also hast du ihm geholfen.“

„Ich gab ihm Geld. Kontakte. Unterschriften.“

„Und die Aufnahme?“

Ihre Augen wurden feucht.

„Vittorio verlangte von mir, den Satz zu sagen.“

**Sorgt dafür, dass mein Sohn niemals nach Hause zurückkehrt.**

„Warum?“

„Weil du damals aus dem Ausland zurückkommen wolltest. Dein Vater war bereits vergiftet worden.“

Sie schluckte.

„Vittorio sagte, wenn du Berlin betrittst, stirbst du noch vor Sonnenuntergang.“

Ich dachte an die Aufnahme.

Nicht Schutz.

Nicht Verrat.

Ein Satz, der beides sein konnte.

„Warum hast du mir nie die Wahrheit gesagt?“

„Weil Vittorio immer jemanden in deiner Nähe hatte.“

Ihr Blick glitt zu Carlo.

Carlo spannte sich an.

„Nicht ich.“

„Das weiß ich inzwischen.“

„Wer dann?“

Elena sah mich an.

„Das wusste ich nie.“

Mein Telefon klingelte.

Anna.

Ich nahm sofort ab.

„Wo bist du?“

Nur Atem.

Dann:

„Antonio, hören Sie mir zu.“

„Wo bist du?“

„Ich musste gehen.“

„Warum?“

„Weil Vittorio mir geschrieben hat.“

„Was wollte er?“

„Mich.“

Ich schloss die Augen.

„Du hast die Seite nicht mehr.“

„Das weiß er nicht.“

„Anna, sag mir, wo du bist.“

Eine Pause.

„Bei Ihrem Vater.“

Niemand im Raum bewegte sich.

„Was hast du gesagt?“

„Bei seinem richtigen Grab.“

Keller stand so abrupt auf, dass der Stuhl umkippte.

„Anna, nein!“

Doch sie sprach weiter.

„Die Beerdigung vor zwölf Jahren war eine Inszenierung. Der Sarg war leer.“

Meine Mutter presste eine Hand auf den Mund.

„Wo liegt er?“

Anna nannte einen Ort außerhalb Berlins.

Keller flüsterte:

„Das war nur zwischen uns.“

„Nicht mehr“, sagte Anna.

Dann hörte ich im Hintergrund eine Autotür.

„Anna?“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Er ist hier.“

Die Verbindung brach ab.

Ich war bereits unterwegs.

Carlo und Matteo folgten mir.

„Boss, wenn Vittorio dort ist, ist das genau die Falle, die er will.“

„Ja.“

„Und Sie gehen trotzdem?“

Ich sah auf Sophies Teddybären, den ich unbewusst noch in der Hand hielt.

„Anna ist nicht allein gegangen, weil sie ihm vertraut.“

„Warum dann?“

Ich öffnete den Rücken des Teddys erneut.

Die fehlende Seite war weg.

An ihrer Stelle steckte ein kleiner Zettel.

Annas Handschrift.

**Antonio, falls ich verschwinde, sehen Sie sich Sophies erste Zeichnung noch einmal an. Nicht den Mann. Das Tor.**

Ich zog die Wachsmalzeichnung aus meiner Tasche.

Carlo beugte sich darüber.

Zum ersten Mal betrachtete ich nicht das rote X über seinem Gesicht.

Ich betrachtete das Eingangstor.

Sophie hatte dort etwas Kleines gezeichnet.

Ein Symbol auf einem der schwarzen Wagen vor der Villa.

Ein silbernes „V“.

Vittorio war an diesem Abend bereits dort gewesen.

Noch bevor ich nach Hause gekommen war.

Und unter dem Wagen hatte Sophie mit einem braunen Wachsmalstift eine zweite Gestalt gezeichnet.

Einen Mann, der sich im Schatten versteckte.

Carlo wurde kreidebleich.

„Den kenne ich.“

„Wer ist es?“

Er hob den Blick.

„Der Mann, der Ihrem Vater vor zwölf Jahren das Gift gegeben hat.“

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**

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