Unterhaltung

Das kleine Mädchen ruinierte die Schuhe des Mafiabosses – dann zeigte ihre Wachsmalzeichnung einen bewaffneten Mann vor seinem Tor

Sophie wand sich in meinen Armen.

„Mama!“

Ich hielt sie fest, während ihr Teddybär zu Boden fiel.

„Matteo.“

Er verstand sofort. Er hob den Teddy auf, nahm Sophie vorsichtig von mir und trug sie zurück ins Arbeitszimmer.

„Nein! Herr Romano, bitte!“

„Ich hole deine Mutter.“

„Versprochen?“

Ich sah ihr in die Augen.

„Versprochen.“


Dann schloss Matteo die Tür.

Carlo stand noch immer auf den Knien.

„Wie viele?“, fragte ich.

„Wenn es die Gruppe ist, die ich erwartet habe: mindestens drei im Haus. Vielleicht weitere draußen.“

„Wer führt sie?“

Carlo sah meine Mutter an.

„Fragen Sie sie.“

Elena hatte ihre Fassung zurückgewonnen.

„Du glaubst ihm tatsächlich?“

„Ich glaube im Moment niemandem.“


Ich hob Carlos Pistole vom Boden auf, entfernte das Magazin und schob die Waffe über den Teppich zu Matteo, der wieder aus dem Arbeitszimmer trat.

„Bleib bei Sophie.“

„Boss—“

„Das ist keine Bitte.“

Dann wandte ich mich Carlo zu.

„Du kommst mit.“

Wir gingen die Treppe hinunter.

Die Villa war unnatürlich still. Eine umgestürzte Lampe lag im Korridor, Glassplitter bedeckten den Marmor. Vom Innenhof drang der Geruch von Schießpulver herein.

„Warum Anna?“, fragte ich.

Carlo ging einen Schritt hinter mir.


„Ihr Vater vertraute ihr.“

„Sie arbeitet hier als Hausangestellte.“

„Heute.“

Ich blieb stehen.

Carlo senkte die Stimme.

„Vor zwölf Jahren arbeitete sie für Ihren Vater im Archiv.“

Ich drehte mich langsam zu ihm um.

„Warum wusste ich das nicht?“

„Weil sie nach seinem Tod verschwinden sollte.“

„Sollte?“


„Ihr Vater gab ihr Unterlagen und befahl ihr, Berlin zu verlassen, falls ihm etwas zustößt.“

„Aber sie ist hier.“

„Sie kam vor einigen Jahren zurück. Unter ihrem eigenen Namen, aber in einer Position, in der niemand sie ernst nahm.“

Das war entweder Wahnsinn oder die klügste Tarnung, die ich je gesehen hatte.

Aus der Eingangshalle kam ein gedämpftes Schluchzen.

Anna.

Wir erreichten die letzte Ecke vor dem Foyer.

Carlo packte meinen Arm.

Ich sah auf seine Hand.

Er ließ sofort los.


„Sie wollen, dass Sie durch die Mitte gehen.“

„Natürlich.“

„Dann tun wir das nicht.“

Er zeigte auf einen schmalen Durchgang hinter einer Wandvertäfelung.

Ich kannte ihn.

Mein Vater hatte mir die versteckten Wege der Villa gezeigt, als ich zehn gewesen war.

„Du zuerst.“

Carlo nickte.

Wir bewegten uns durch den engen Gang bis hinter die Bibliothek.

Durch einen Spalt sah ich Anna.


Sie saß auf einem Stuhl, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Ihr Gesicht war fiebrig und bleich.

Neben ihr stand ein Mann mit Pistole.

Ein zweiter bewachte den Haupteingang.

Der dritte hielt ein Telefon.

„Romano!“, rief er. „Eine Minute!“

Anna hob den Kopf.

„Antonio, nicht!“

Der Mann schlug gegen die Rückenlehne ihres Stuhls.

„Still.“

Meine Hand schloss sich um die Waffe.


Carlo flüsterte:

„Der mit dem Telefon heißt Viktor Brandt. Er erledigt seit Jahren Arbeiten, die offiziell niemand in Auftrag gibt.“

„Für meine Mutter?“

„Das wollte ich heute Nacht beweisen.“

Ich sah ihn an.

„Deshalb standest du am Tor.“

„Deshalb.“

„Und die vier Männer?“

„Meine Leute. Ich wollte Brandts Gruppe abfangen, bevor sie das Grundstück erreicht.“

Sophies Zeichnung hatte die Wahrheit gezeigt.


Nur nicht die ganze Wahrheit.

Ein Kind hatte einen bewaffneten Mann gesehen und daraus den einzigen Schluss gezogen, den ein Kind ziehen konnte.

„Noch dreißig Sekunden!“, rief Brandt.

Ich deutete auf Carlo.

„Den Eingang.“

Dann zeigte ich auf den zweiten Durchgang.

„Ich nehme Anna.“

Carlo nickte.

Doch bevor wir uns trennten, ertönte hinter Brandt eine Stimme.

„Es reicht.“


Meine Mutter trat in die Eingangshalle.

Alle drei Männer richteten sich sofort auf.

Nicht überrascht.

Respektvoll.

Brandt senkte sogar die Waffe.

Damit war jede letzte Hoffnung auf ein Missverständnis verschwunden.

Elena ging zu Anna.

„Wo ist es?“

Anna hob das fiebrige Gesicht.

„Zwölf Jahre, Elena.“


Meine Mutter erstarrte.

Anna lächelte schwach.

„Zwölf Jahre lang hast du danach gesucht.“

„Wo ist die zweite Hälfte?“

„An einem Ort, den du niemals finden wirst.“

Elena beugte sich zu ihr.

„Deine Tochter ist oben.“

Anna verlor augenblicklich jede Farbe.

Mein Finger spannte sich am Abzug.

„Wenn du Sophie auch nur—“

„Dann sag mir, wo die Unterlagen sind.“

Anna schloss die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, war etwas in ihrem Blick verändert.

„Sophie hat sie längst gefunden.“

Meine Mutter wich einen halben Schritt zurück.

Oben ertönte plötzlich ein dumpfes Geräusch.

Dann Matteos Stimme:

„Sophie?“

Stille.

„Sophie!“

Ich rannte.

Hinter mir brach Chaos aus.

Ein Schuss krachte.

Carlo stürmte aus dem Geheimgang.

Jemand schrie.

Doch ich nahm immer zwei Stufen auf einmal.

Als ich das Arbeitszimmer erreichte, stand Matteo am offenen Fenster.

„Sie war gerade noch hier!“

Mein Blick fiel auf den Boden.

Sophies Teddybär lag dort.

Daneben befand sich eine kleine Klappe in der Wand, die offenstand.

Ich kannte diese Klappe nicht.

Aber offenbar hatte Sophie sie gekannt.

Im Inneren führte eine schmale Treppe nach unten.

Auf der ersten Stufe lag ein Blatt Papier.

Eine weitere Wachsmalzeichnung.

Darauf waren Sophie und Anna zu sehen.

Zwischen ihnen stand mein Vater.

Und hinter meinem Vater hatte Sophie etwas gezeichnet, das ich sofort erkannte.

Einen Schlüssel.

Unter dem Bild standen in ungelenker Kinderschrift vier Worte:

**MAMA SAGT: NICHT ELENA GEBEN.**

Dann hörte ich tief unter uns Sophies Stimme.

„Herr Romano?“

Ich beugte mich in den dunklen Schacht.

„Sophie! Bleib stehen!“

Doch ihre Antwort ließ mich erstarren.

„Hier unten ist ein Mann.“

Eine Pause.

Dann sagte sie:

„Er kennt Ihren Namen.“

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**

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