Unterhaltung

Der Arzt Zeigte Mir Den Sechsfach Gebrochenen Kiefer Meiner Tochter – Dann Entdeckte Ich, Wer Den Angriff Vertuschen Wollte

Ich blieb die ganze Nacht bei Lena.

Jedes Mal, wenn sie im Schlaf zusammenzuckte, hob ich den Kopf.

Jedes Mal, wenn ein Monitor schneller piepte, spannte sich mein ganzer Körper an.

Kurz nach zwei Uhr morgens kam eine Pflegekraft herein, kontrollierte ihren Zugang und dimmte das Licht.

„Versuchen Sie, ein wenig zu schlafen, Herr Weber“, sagte sie leise.

Ich sah meine Tochter an.

„Das kann ich später.“

Die Pflegekraft zögerte einen Moment.

Dann nickte sie nur und ging.

Ich saß neben dem Bett und beobachtete Lenas Gesicht.


So geschwollen es auch war, ich erkannte noch immer das kleine Mädchen darin, das früher nachts zu mir gekommen war, wenn draußen ein Gewitter tobte.

Damals hatte ich ihr gesagt, dass sie keine Angst haben müsse, solange ich da sei.

Jetzt lag sie vor mir und konnte nicht einmal den Mund öffnen.

Und ich wusste nicht, wo ich gewesen war, als sie mich gebraucht hatte.

Gegen drei Uhr bewegte sie plötzlich die Hand.

Ich beugte mich sofort vor.

„Lena?“

Ihr unverletztes Auge öffnete sich einen Spalt.

„Ich bin hier.“

Sie versuchte, etwas zu sagen.


Ein heiseres Geräusch kam aus ihrer Kehle.

„Nicht sprechen“, sagte ich sofort. „Du musst nichts sagen.“

Doch sie hob schwach zwei Finger.

Dann zeigte sie auf den kleinen Tisch neben ihrem Bett.

Dort lag ihr Handy in einer durchsichtigen Kunststoffhülle.

Das Display war gesprungen.

Ich sah zur Tür.

Niemand war da.

„Willst du dein Handy?“

Lena blinzelte einmal.


Ja.

Ich nahm es vorsichtig aus der Hülle.

Es war noch eingeschaltet.

„Code?“

Ihre Finger bewegten sich langsam über die Bettdecke.

Vier.

Eins.

Neun.

Drei.

Ich gab die Zahlen ein.


Das Telefon entsperrte sich.

Der Hintergrund zeigte ein Foto von uns beiden am Steinhuder Meer aus dem vergangenen Sommer.

Für einen Moment musste ich wegsehen.

Dann vibrierte das Handy in meiner Hand.

Eine neue Nachricht.

Kein gespeicherter Kontakt.

Nur eine Nummer.

**Du hättest einfach schweigen sollen.**

Mein Herzschlag verlangsamte sich auf jene gefährliche Art, die ich aus früheren Einsätzen kannte.

Nicht aus Ruhe.


Aus Fokus.

Ich sah Lena an.

Ihr Auge war weit geöffnet.

Sie hatte die Nachricht ebenfalls gelesen.

„Kennst du die Nummer?“

Ihre Finger krallten sich in die Decke.

Dann nickte sie.

„Wer?“

Sie schloss das Auge.

Tränen liefen über ihre Schläfe.


Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.

„Ist es jemand von der Universität?“

Ein Nicken.

„Ein Student?“

Wieder ein Nicken.

„Jemand aus deinem Kurs?“

Diesmal bewegte sie den Kopf kaum merklich zur Seite.

Nein.

Dann begann ihre Hand zu zittern.

Ich legte das Telefon weg.


„Genug. Du musst jetzt nichts mehr erklären.“

Doch Lena griff nach meinem Ärmel.

Ihre Finger waren schwach, aber verzweifelt.

Sie deutete erneut auf das Handy.

„Da ist noch etwas?“

Ein Nicken.

Ich öffnete ihre Nachrichten.

Fast alle Gespräche wirkten normal.

Freundinnen.

Kommilitonen.


Eine Gruppe für ein Seminar.

Dann fiel mir ein Chat auf.

Der Kontaktname lautete nur:

**M.**

Die letzten Nachrichten waren zwei Tage alt.

**M:** Du verstehst nicht, mit wem du dich anlegst.

**Lena:** Ich habe gesehen, was ihr gemacht habt.

**M:** Lösch es.

**Lena:** Nein.

**M:** Dann bist du selbst schuld.


Ich las die Nachrichten zweimal.

Dann ein drittes Mal.

„Lena.“

Sie sah mich an.

„Was hast du gesehen?“

Ihre Atmung wurde schneller.

Sofort ertönte der Monitor neben ihrem Bett.

Ich legte eine Hand auf ihren Unterarm.

„Schon gut. Nicht jetzt.“

Die Tür öffnete sich.


Eine Ärztin kam herein.

„Alles in Ordnung?“

„Ja.“

Ihr Blick fiel auf das Handy.

„Sie braucht Ruhe.“

„Verstanden.“

Als sie wieder draußen war, machte ich Screenshots von dem gesamten Chat.

Dann fotografierte ich die unbekannte Nummer.

Erst danach legte ich das Handy zurück.

Um 06:18 Uhr erschienen zwei Polizeibeamte.

Ein Mann Mitte fünfzig stellte sich als Kriminalhauptkommissar Markus Feldmann vor.

Die jüngere Frau neben ihm hieß Nora Krüger.

Feldmann sprach ruhig, fast freundlich.

„Herr Weber, wir wissen, dass dies eine schwierige Situation ist.“

„Dann verschwenden wir keine Zeit.“

Sein Blick wurde etwas kühler.

„Wir möchten gern mit Ihrer Tochter sprechen, sobald es ihr Zustand erlaubt.“

„Sie kann nicht sprechen.“

„Natürlich.“

„Aber ich habe etwas.“

Ich zeigte ihm die Nachrichten.

Er las sie.

Keine sichtbare Reaktion.

Zu wenig Reaktion.

Krüger hingegen beugte sich sofort näher.

„Wann kam diese Nachricht?“

„Vor ungefähr drei Stunden.“

Feldmann hob den Blick.

„Warum haben Sie das Telefon angefasst?“

Ich starrte ihn an.

„Meine Tochter hat es mir gegeben.“

„Es handelt sich möglicherweise um Beweismaterial.“

„Dann nehmen Sie es auf.“

Er atmete langsam aus.

„Wir müssen zunächst feststellen, ob diese Nachrichten tatsächlich mit dem Angriff zusammenhängen.“

„Jemand schreibt meiner Tochter wenige Stunden nach einem beinahe tödlichen Angriff, dass sie hätte schweigen sollen.“

„Ich sehe den Zusammenhang.“

„Dann handeln Sie entsprechend.“

Krüger sah ihren Kollegen kurz an.

Es war nur ein Blick.

Aber ich bemerkte ihn.

Ein wortloses Unbehagen.

Feldmann tippte etwas in sein Tablet.

„Der Kontakt M. könnte jeder sein.“

„Dann finden Sie heraus, wer.“

„Das werden wir.“

„Und die Kameras?“

Er schwieg eine Sekunde zu lange.

„Welche Kameras?“

„Der Arzt sagte, dass die Aufnahmen des Campus überprüft werden.“

Wieder dieser kurze Blick zwischen den beiden Beamten.

Jetzt wusste ich, dass etwas nicht stimmte.

„Herr Weber“, begann Feldmann, „in dem Bereich, in dem Ihre Tochter gefunden wurde, gibt es leider ein Problem mit der Videoüberwachung.“

„Was für ein Problem?“

„Mehrere Kameras waren zum fraglichen Zeitpunkt außer Betrieb.“

Ich sagte nichts.

Feldmann fuhr fort.

„Laut Universität gab es seit dem Nachmittag eine technische Störung.“

„Mehrere Kameras gleichzeitig?“

„Ja.“

„Nur in diesem Bereich?“

Er antwortete nicht sofort.

Krüger tat es.

„Nach derzeitigen Informationen: ja.“

Ich sah sie an.

Zum ersten Mal wirkte jemand in diesem Raum genauso beunruhigt wie ich.

„Wie praktisch“, sagte ich.

Feldmann verzog keine Miene.

„Ich verstehe Ihre Frustration.“

„Nein.“

Meine Stimme blieb leise.

„Sie verstehen gar nichts.“

Ich stand auf.

„Meine Tochter wird bedroht. Die Kameras genau dort, wo sie zusammengeschlagen wurde, fallen zufällig aus. Und trotzdem stehen Sie hier und reden mit mir, als wäre das irgendeine Kneipenschlägerei.“

Feldmann trat einen halben Schritt zurück.

„Herr Weber, ich rate Ihnen dringend, sich aus den Ermittlungen herauszuhalten.“

Dieser Satz ließ etwas in mir erstarren.

Nicht weil er unvernünftig war.

Sondern weil ich ihn schon einmal gehört hatte.

In anderen Ländern.

In anderen Situationen.

Immer dann, wenn jemand hoffte, dass Fragen verschwanden, bevor Antworten auftauchten.

Ich sah ihn lange an.

„Dann ermitteln Sie schnell.“

Feldmann und Krüger verließen kurz darauf das Zimmer.

Ich wartete zehn Sekunden.

Dann ging ich hinterher.

Nicht nah genug, um aufzufallen.

Der Flur war fast leer.

Sie blieben am Ende des Korridors neben einem Fenster stehen.

Krüger sprach zuerst.

„Wir müssen die Universität sofort unter Druck setzen.“

Feldmann schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Markus, jemand hat ihr nach dem Angriff geschrieben.“

„Ich weiß.“

„Und die Kameras fallen genau in dem Zeitfenster aus.“

„Ich sagte, nein.“

Krügers Stimme wurde leiser.

„Wegen wem?“

Feldmann sah sich um.

Ich trat hinter eine halb geöffnete Tür.

Dann hörte ich seinen nächsten Satz.

„Weil der Name in der internen Meldung nicht auftauchen darf, bevor wir wissen, wer darüber informiert ist.“

Mein Atem stockte.

Krüger sagte etwas, das ich nicht verstand.

Dann hörte ich nur noch einen Namen.

Einen Nachnamen.

Klar genug.

Deutlich genug.

„Hartmann.“

Ich kannte diesen Namen.

Fast jeder in Hannover kannte ihn.

Professor Dr. Sebastian Hartmann.

Dekan eines der größten naturwissenschaftlichen Fachbereiche der Universität.

Regelmäßig in der Presse.

Mitglied mehrerer Hochschulgremien.

Und Vater eines Studenten namens Maximilian Hartmann.

Ich hatte ihn einmal getroffen.

Vor ungefähr sechs Monaten.

Lena hatte ihn mir auf dem Campus vorgestellt.

„Das ist Max“, hatte sie damals gesagt.

Er hatte mir die Hand gegeben, gelächelt und gesagt:

„Ihre Tochter ist wirklich außergewöhnlich, Herr Weber.“

Damals hatte ich nichts Besonderes darin gehört.

Jetzt erinnerte ich mich an etwas anderes.

An die Art, wie Lena nach dieser Begegnung plötzlich still geworden war.

Ich ging zurück in ihr Zimmer.

Sie war wach.

Ich setzte mich neben das Bett.

„Lena.“

Sie sah mich an.

Ich nahm ihr Handy und öffnete erneut den Chat mit M.

Dann sagte ich nur einen Namen.

„Maximilian Hartmann?“

Lenas Gesicht veränderte sich sofort.

Keine Worte.

Keine Erklärung.

Nur nackte Angst.

Und damit hatte ich meine Antwort.

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