Die Schritte vor dem Haus kamen näher.
Sebastian Hartmann war nicht allein.
Durch das Fenster sah ich drei Männer.
Einer war derselbe Mann, der vor Miriams Wohnung gestanden hatte.
Die beiden anderen kannte ich nicht.
Felix Brandt versuchte aufzustehen.
Seine Beine gaben sofort nach.
„Hintertür?“, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf.
„Nur Küche. Aber sie führt direkt zum Garten.“
„Keller?“
„Ja.“
„Ausgang?“
„Alte Außentreppe.“
Endlich etwas Brauchbares.
Ich half ihm hoch.
„Können Sie gehen?“
„Wenn ich muss.“
„Sie müssen.“
Ich ging zur Eingangstür und drehte den Schlüssel herum.
Nicht weil sie dadurch lange aufgehalten würden.
Nur weil jede Sekunde zählte.
Dann lief ich zurück zum Auto.
Miriam hatte bereits die Tür geöffnet.
„Was ist passiert?“
„Brandt lebt. Hartmann ist hier.“
Ihr Gesicht wurde blass.
„Sebastian?“
„Ja.“
„Dann müssen wir weg.“
„Noch nicht.“
„Daniel—“
„Brandt kann nicht allein laufen.“
Wir holten ihn gemeinsam durch den Keller.
Oben krachte die Eingangstür.
Jemand rief:
„Felix!“
Sebastian Hartmann.
Keine Panik in seiner Stimme.
Wut.
Brandt zuckte zusammen.
„Er weiß, dass ich kopiert habe.“
„Dann weiß er nicht, wo.“
„Noch nicht.“
Wir erreichten die Außentreppe.
Das Holz war nass.
Brandt stolperte zweimal.
Miriam stützte ihn auf der anderen Seite.
Hinter dem Haus begann dichter Wald.
„Zum Auto“, sagte sie.
„Nein.“
Sie sah mich an.
„Warum nicht?“
„Die Straße ist blockiert.“
Ich hatte beim Blick aus dem Fenster gesehen, dass Hartmanns Männer ihre Wagen so abgestellt hatten, dass wir nicht einfach vorbeifahren konnten.
„Dann wohin?“
Brandt deutete schwach zwischen die Bäume.
„Forstweg.“
Wir gingen.
Nicht schnell.
Schnell war mit Brandt unmöglich.
Aber wir gingen.
Hinter uns hörte ich eine Tür schlagen.
Dann eine Stimme.
„Sie sind hinten raus!“
Miriam fluchte.
Brandt atmete schwer.
„Lassen Sie mich.“
„Nein.“
„Sie kommen wegen mir.“
„Sie kommen wegen der Daten.“
„Dasselbe.“
Ich packte ihn fester.
„Weiter.“
Der Weg führte bergab.
Nasser Boden.
Wurzeln.
Steine.
Brandt rutschte aus und fiel auf ein Knie.
Er schrie auf.
Hinter uns kamen die Schritte näher.
Miriam sah mich an.
„Wir schaffen das nicht.“
Ich sah mich um.
Links verlief der Hang steil nach unten.
Rechts dichtes Unterholz.
Vor uns machte der Weg eine Kurve.
Dann hörte ich einen Motor.
Nicht hinter uns.
Vor uns.
Ein Geländewagen kam langsam den Forstweg hoch.
Für einen Moment dachte ich, Hartmann hätte noch mehr Leute.
Dann sah ich das Blaulicht hinter der Windschutzscheibe.
Krüger.
Sie bremste hart.
Die Tür flog auf.
„Einsteigen!“
Ich schob Brandt auf die Rückbank.
Miriam sprang daneben.
Ich stieg vorn ein.
„Fahren.“
Krüger brauchte keine zweite Aufforderung.
Der Wagen setzte zurück, drehte auf dem schmalen Weg und beschleunigte.
Im Rückspiegel sah ich zwei Männer aus dem Wald kommen.
Einer hob sein Telefon.
Keine Waffe.
Das sagte mir viel.
Sie wollten keinen offenen Mord.
Nicht hier.
Nicht vor einer Polizeibeamtin.
„Woher wussten Sie, dass wir hier sind?“, fragte ich.
Krüger konzentrierte sich auf den Weg.
„Ich wusste es nicht.“
„Dann erklären Sie den Zufall.“
„Brandts Frau.“
Felix hob den Kopf.
„Katharina?“
„Sie hat mir gesagt, dass Sie dieses Haus besitzen.“
Brandt schloss die Augen.
„Feldmann war bei ihr.“
„Ich weiß.“
Krügers Stimme wurde hart.
„Deshalb bin ich direkt hergefahren.“
„Warum haben Sie ihn nicht festgenommen?“, fragte Miriam.
„Weil Verdacht keine Handschellen ersetzt.“
„Er warnt Hartmann.“
„Ich weiß.“
„Dann tun Sie etwas.“
Krüger schlug mit der Hand einmal gegen das Lenkrad.
„Ich versuche seit Wochen, etwas zu tun.“
Der Satz brachte Miriam zum Schweigen.
Ich drehte mich zu Brandt.
„Jetzt reden Sie.“
Er sah mich erschöpft an.
„Worüber?“
„Alles.“
Krüger warf ihm einen Blick im Spiegel zu.
„Das wäre auch für mich interessant.“
Brandt lachte bitter.
„Jetzt plötzlich?“
„Sie können später entscheiden, wem Sie misstrauen. Im Moment haben Sie vielleicht zehn Minuten, bevor Hartmann weiß, wohin wir fahren.“
Brandt schwieg.
Dann begann er.
„Die Studie war am Anfang sauber.“
„Wann änderte sich das?“, fragte ich.
„Vor ungefähr elf Monaten.“
„Warum?“
„Die Nebenwirkungen wurden schlimmer.“
„Und warum wurde nicht gestoppt?“
Brandt sah aus dem Fenster.
„Weil der Fördervertrag an bestimmte Zwischenziele gekoppelt war.“
„Geld“, sagte Miriam.
„Nicht nur Geld.“
„Was dann?“
„Karrieren. Institute. Patente. Arbeitsplätze.“
Ich starrte ihn an.
„Drei Menschen sind tot.“
„Ich weiß.“
„Und das ist Ihre Erklärung?“
„Nein.“
Seine Stimme brach.
„Es ist meine Schande.“
Niemand sagte etwas.
Brandt fuhr fort.
„Sebastian wollte Zeit gewinnen. Erst sollten nur einzelne Werte neu bewertet werden.“
„Gefälscht“, sagte Miriam.
„Ja.“
„Dann mehr.“
„Ja.“
„Und Max?“
Brandts Gesicht verhärtete sich.
„Max hatte im Projekt offiziell fast nichts zu suchen. Er half seinem Vater bei organisatorischen Dingen.“
„Und inoffiziell?“
„Er fing an, Studenten einzuschüchtern.“
„Warum ließ Hartmann das zu?“
„Weil es funktionierte.“
Das war die Antwort, die ich erwartet hatte.
Nicht weil Sebastian seinen Sohn kontrollierte.
Sondern weil er von dessen Verhalten profitierte.
„Hat Sebastian Lena bedroht?“
„Nicht direkt.“
„Max?“
Brandt sah mich an.
„Mehrmals.“
Ich spürte, wie sich meine Finger schlossen.
„Wie?“
„Nachrichten. Begegnungen auf dem Campus. Einmal hat er sie in einem Seminarraum eingeschlossen.“
Miriam fuhr herum.
„Was?“
„Sie hat es mir erzählt.“
„Warum uns nicht?“
„Weil sie nicht wollte, dass ihr aussteigt.“
Das klang ebenfalls nach Lena.
Sie hatte versucht, die anderen zu schützen.
Und dabei sich selbst allein gelassen.
„Was geschah in der Nacht des Angriffs?“, fragte Krüger.
Brandt antwortete nicht sofort.
„Ich war nicht dabei.“
„Aber Sie wissen etwas.“
„Lena wollte Material aus dem Archiv kopieren.“
„Allein?“
„Ja.“
„Warum nachts?“
„Weil Sebastian bei einer Veranstaltung war und Max eigentlich ebenfalls dort sein sollte.“
„Aber Max war auf dem Campus“, sagte ich.
Brandt nickte.
„Er muss erfahren haben, dass Lena zurück ins Institut gegangen war.“
„Von wem?“
„Das weiß ich nicht.“
Keine neue Figur.
Gut.
Vielleicht Feldmann tipped? But he wasn't university. We can leave unknown for later existing channels. Need consequence: police internal oversight, Lena moved protected, Jonas found maybe injured alive, Tobias missing. Need harvest clue perhaps part7. Continue.
„Und die drei anderen, die Lena erwähnt hat?“, fragte ich.
Brandt sah mich verwirrt an.
„Welche drei?“
„Jonas, Miriam und Tobias.“
„Sie wussten von den Daten.“
„Lena schrieb: Vier wissen es.“
Brandt wurde still.
Dann sah er mich an.
„Dann meinte sie nicht die vier Studenten.“
„Wen dann?“
„Lena, Jonas, Tobias und mich.“
Miriam erstarrte.
„Ich wusste nicht alles?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil Lena darauf bestand.“
Miriam sah verletzt aus.
Brandt sprach weiter.
„Sie sagte, je weniger Menschen den vollständigen Datensatz kennen, desto besser.“
„Dann gibt es vier Personen, die wissen, wo die Beweise liegen?“
„Nein.“
„Was bedeutet es dann?“
„Vier Personen wussten, dass die Todesfälle vertuscht wurden.“
„Und jetzt?“
Brandt schloss die Augen.
„Jetzt vielleicht nur noch drei.“
Jonas.
Der Gedanke traf mich sofort.
„Sie glauben, Jonas ist tot?“
„Ich weiß es nicht.“
Krüger griff zum Funkgerät.
„Wir haben sein Telefon bereits orten lassen.“
Ich sah sie an.
„Und?“
„Es wurde vor knapp zwanzig Minuten in einem Industriegebiet im Norden Hannovers eingeschaltet.“
„Warum haben Sie mir das nicht gesagt?“
„Weil ich erst sicher sein wollte.“
„Dann fahren wir hin.“
„Nein.“
„Krüger—“
„Nein.“
Sie sah mich kurz an.
„Sie sind kein Ermittler.“
„Er wurde wegen meiner Tochter entführt.“
„Und genau deshalb sind Sie nicht objektiv.“
Ich hätte widersprechen können.
Tat ich aber nicht.
Sie hatte recht.
Das machte es nicht leichter.
„Was passiert jetzt mit Brandt?“
„Er kommt unter Schutz.“
Brandt lachte trocken.
„Bei Ihrer Polizei?“
Krüger ignorierte ihn.
„Und Lena wird verlegt.“
Ich drehte mich zu ihr.
„Wohin?“
„In einen gesicherten Bereich.“
„Feldmann weiß davon?“
„Nein.“
Das war die erste Antwort an diesem Morgen, die mir gefiel.
„Und Tobias?“
Krüger schwieg.
„Was ist mit Tobias?“
„Sein Handy wurde am Bahnhof gefunden.“
Miriam wurde blass.
„Wo?“
„In einem Mülleimer.“
„Blut?“
„Nein.“
„Kamera?“
„Wir prüfen es.“
Miriam schlug die Hände vor das Gesicht.
Innerhalb weniger Stunden war aus einer Gruppe Studenten etwas anderes geworden.
Eine verletzte Lena.
Ein entführter Jonas.
Ein verschwundener Tobias.
Und Miriam saß neben einem Mann, dem sie nicht mehr wusste, ob sie vertrauen konnte.
Das waren die Konsequenzen.
Nicht irgendein abstrakter Skandal.
Menschen.
Krüger brachte uns nicht zur Polizeidirektion.
Stattdessen fuhren wir zu einer kleineren Dienststelle außerhalb des Zentrums.
Zwei Beamte warteten bereits.
Brandt wurde medizinisch versorgt.
Miriam bekam einen separaten Raum.
Ich verlangte ein Telefon.
„Lena“, sagte ich.
Krüger nickte.
„Sie ist bereits verlegt worden.“
Ich bekam eine gesicherte Verbindung.
Als ich ihre Stimme nicht hören konnte, sagte ich trotzdem:
„Ich bin hier.“
Am anderen Ende hörte ich nur ihr Atmen.
„Du bist sicher.“
Ein leises Geräusch.
Vielleicht wollte sie antworten.
„Ich habe Brandt gefunden.“
Stille.
„Er hat mir erzählt, was mit der Studie passiert ist.“
Ihre Atmung wurde unruhiger.
„Und ich weiß jetzt, dass Max dich bedroht hat.“
Lange Pause.
Dann hörte ich ein Kratzen.
Eine Pflegekraft sprach im Hintergrund.
„Sie schreibt etwas.“
Wenige Sekunden später las die Frau vor:
„Papa soll nicht Max suchen.“
Ich schloss die Augen.
„Sag ihr, dass ich es verstanden habe.“
Die Pflegekraft wartete.
Dann:
„Sie schreibt noch.“
Ich hörte den Stift über Papier.
„Sie sagt: Max ist gefährlich, aber er hat Angst vor seinem Vater.“
Ich öffnete die Augen.
Das war neu.
Nicht ein neuer Beweis.
Eine neue Bedeutung.
„Noch etwas?“
Wieder Kratzen.
Dann sagte die Pflegekraft:
„Ja.“
Eine Pause.
„Sie schreibt: Papa, frag Brandt nach dem Keller.“
Ich sah durch die Glasscheibe zu Felix Brandt.
Er saß auf einer Liege und hielt einen Kühlbeutel an seine Schläfe.
„Welcher Keller?“
Die Pflegekraft fragte Lena.
Diesmal dauerte es länger.
Dann:
„Der Keller unter dem alten Institutsgebäude.“
Ich sah Krüger an.
Sie hatte mein Gesicht gelesen.
„Was?“
Ich beendete das Gespräch nicht sofort.
„Lena, ich rufe wieder an.“
Dann legte ich auf.
„Sie sagt, wir sollen Brandt nach einem Keller unter dem alten Institutsgebäude fragen.“
Krügers Blick veränderte sich.
Ich ging direkt in den Nebenraum.
Brandt sah mich kommen.
„Was ist im Keller?“
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
Keine Verwirrung.
Keine Überraschung.
Nur Angst.
„Wer hat Ihnen davon erzählt?“
„Lena.“
Er senkte langsam den Kühlbeutel.
„Dann hat sie mehr gesehen, als ich dachte.“
„Was ist dort?“
Brandt blickte zur Tür.
Krüger stand hinter mir.
„Felix“, sagte sie. „Jetzt ist der Moment, in dem Sie entscheiden, auf welcher Seite Sie stehen.“
Er atmete schwer.
Dann sagte er:
„Das Archiv.“
„Welches Archiv?“
„Nicht die offiziellen Studiendaten.“
„Was dann?“
„Die Rohakten.“
Mein Puls beschleunigte sich.
„Von den Probanden?“
„Ja.“
„Auch von den drei Toten?“
Brandt nickte.
„Und etwas anderes.“
„Was?“
Er sah mich an.
„Videoaufzeichnungen.“
Miriam war inzwischen an der Tür erschienen.
„Von den Tests?“
„Teilweise.“
„Was sonst?“
Brandt schluckte.
„Von den Fluren.“
Alles in mir wurde still.
„Aus der Nacht, in der Lena angegriffen wurde?“
Er antwortete nicht.
Er musste es nicht.
Krüger trat einen Schritt vor.
„Sie sagten, die Kameras seien abgeschaltet worden.“
„Die Universitätskameras.“
„Und diese?“
„Ein unabhängiges internes System.“
„Wer wusste davon?“
„Nur wenige.“
„Hartmann?“
Brandt nickte.
„Max?“
„Ich weiß es nicht.“
„Lena?“
Brandt sah mich an.
„Offenbar hat sie es herausgefunden.“
Zum ersten Mal seit Beginn dieser Nacht hatten wir nicht nur Hinweise.
Nicht nur Nachrichten.
Nicht nur Aussagen.
Vielleicht existierte eine Aufnahme davon, was meiner Tochter wirklich passiert war.
Krüger griff nach ihrem Telefon.
Ich hob die Hand.
„Wen rufen Sie an?“
Sie sah mich an.
„Nicht Feldmann.“
„Gut.“
Brandt schüttelte plötzlich den Kopf.
„Zu spät.“
„Was?“, fragte ich.
„Wenn Sebastian weiß, dass ich hier bin, weiß er, dass ich reden werde.“
„Und?“
Brandt stand trotz seiner Verletzungen auf.
„Dann wird er als Erstes das Archiv vernichten.“
Krüger sah auf die Uhr.
„Wie kommt man hinein?“
Brandt antwortete:
„Mit zwei Zugangskarten.“
„Wessen?“
„Meine.“
Er griff in seine Tasche.
Leer.
Sein Gesicht erstarrte.
„Sie haben sie mir abgenommen.“
„Und die zweite?“
Brandt sah mich an.
„Sebastians.“
In diesem Moment vibrierte Krügers Telefon.
Sie las die Nachricht.
Dann wurde ihr Gesicht vollkommen ausdruckslos.
„Was ist?“, fragte ich.
Sie drehte das Display zu uns.
Ein automatischer Feueralarm war im alten naturwissenschaftlichen Institutsgebäude ausgelöst worden.
Ort:
Untergeschoss.
Brandt flüsterte:
„Das ist kein Zufall.“
Nein.
War es nicht.
Und wenn Lena recht hatte, verbrannten in diesem Moment vielleicht die einzigen Aufnahmen, die zeigen konnten, wer ihr den Kiefer an sechs Stellen gebrochen hatte.







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