Unterhaltung

Der Arzt Zeigte Mir Den Sechsfach Gebrochenen Kiefer Meiner Tochter – Dann Entdeckte Ich, Wer Den Angriff Vertuschen Wollte

Lena begann zu zittern.

Nicht stark.

Nur dieses feine, kaum sichtbare Zittern, das durch ihre Finger lief und sich bis in ihren Arm zog.

Ich legte das Handy sofort weg.

„Ich werde ihm nichts tun.“

Ihr Blick blieb auf mir.

„Ich verspreche es dir.“

Das war nur die halbe Wahrheit.

Ich hatte nicht vor, Maximilian Hartmann anzufassen.

Aber ich hatte sehr wohl vor herauszufinden, warum meine Tochter bei der bloßen Erwähnung seines Namens aussah, als hätte jemand eine Waffe auf sie gerichtet.


Ich zog den Stuhl näher an ihr Bett.

„Du musst mir nichts erzählen, was du noch nicht erzählen kannst.“

Lena schloss kurz das Auge.

Dann hob sie langsam ihre rechte Hand.

Mit dem Zeigefinger schrieb sie etwas auf die Bettdecke.

Ein Buchstabe.

Dann noch einer.

Ich verstand es nicht.

„Willst du schreiben?“

Sie nickte.


Ich nahm einen Notizblock vom Tisch.

Der Kugelschreiber lag daneben.

Lena versuchte, ihn zu greifen.

Ihre Finger waren zu schwach.

Ich hielt den Block auf meinen Knien und führte den Stift vorsichtig in ihre Hand.

Die erste Zeile war kaum lesbar.

**Nicht nur Max.**

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.

„Wer noch?“

Sie setzte den Stift wieder an.


Ihre Hand zitterte.

**Vier.**

Ich sah sie an.

„Vier Personen?“

Ein Nicken.

„Vier haben dich angegriffen?“

Sie erstarrte.

Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

Nein.

Sie schrieb weiter.


**Vier wissen es.**

„Was wissen sie?“

Lena presste die Augen zusammen.

Der Stift rutschte ihr aus der Hand.

Ich hob ihn auf.

„Lena, was hast du gesehen?“

Sie öffnete das Auge wieder.

Dann zeigte sie auf ihr Handy.

Ich reichte es ihr nicht sofort.

„Ist es darauf?“


Ein Nicken.

Ich entsperrte das Gerät.

„Wo?“

Sie bewegte den Finger schwach über die Bettdecke, als würde sie nach einem Menü suchen.

Fotos.

Ich öffnete die Galerie.

Die letzten Aufnahmen waren harmlos.

Ein Kaffee.

Eine Seite aus einem Lehrbuch.

Ein Foto vom grauen Himmel über Hannover.


Dann nichts.

Ich scrollte weiter zurück.

„Sag mir, wenn ich richtig bin.“

Keine Reaktion.

Noch weiter.

Dann bewegte Lena plötzlich die Hand.

Stopp.

Auf dem Bildschirm war ein unscharfes Foto eines Flures.

Fluoreszierendes Licht.

Weiße Wände.


Eine Brandschutztür.

Auf den ersten Blick nichts Besonderes.

Ich vergrößerte das Bild.

Ganz hinten stand ein Mann.

Sein Gesicht war nur teilweise zu erkennen.

Aber Lena hatte nicht den Mann fotografiert.

Sie hatte die Tür hinter ihm fotografiert.

Darauf klebte ein Schild.

**Laborbereich – Zutritt nur für autorisiertes Personal.**

„Das Gebäude, bei dem sie dich gefunden haben?“


Sie nickte.

Das nächste Foto zeigte dieselbe Tür.

Diesmal offen.

Dahinter waren mehrere Personen.

Max Hartmann war einer von ihnen.

Ich erkannte ihn sofort.

Neben ihm stand ein älterer Mann in einem dunklen Mantel.

Professor Sebastian Hartmann.

Ich vergrößerte das Bild.

Auf einem Tisch zwischen ihnen lagen mehrere kleine, transparente Behälter.


Daneben Umschläge.

Bargeld.

Und etwas, das aussah wie versiegelte Probenbeutel.

„Was ist das?“

Lena konnte nicht antworten.

Ich ging zum nächsten Bild.

Es war deutlich schärfer.

Ein junger Mann reichte jemandem einen Umschlag.

Auf seiner Jacke war das Logo eines Forschungsprojekts zu erkennen.

Darunter stand ein Name.


**NeuroChem Hannover.**

Ich hatte davon gehört.

Ein Forschungsverbund zwischen Universität und mehreren privaten Unternehmen.

Lena studierte Chemie.

Plötzlich ergab etwas Sinn.

Noch nicht genug.

Aber etwas.

„Hast du das zufällig gesehen?“

Sie nickte.

„Und dann fotografiert?“

Wieder ein Nicken.

Ich scrollte weiter.

Das letzte Bild war kein Foto.

Es war ein Screenshot.

Eine interne E-Mail.

Absender:

**Prof. Dr. Sebastian Hartmann**

Empfänger waren drei Personen.

Maximilian Hartmann.

Dr. Felix Brandt.

Und jemand namens Julia Kern.

Der Betreff lautete:

**Probandendaten – Korrektur vor externer Prüfung**

Mein Blick blieb an einem Satz hängen.

**Die Abweichungen dürfen in der finalen Dokumentation nicht erscheinen.**

Darunter:

**M. kümmert sich um die studentische Hilfskraft.**

Ich las den Satz zweimal.

Dann sah ich Lena an.

„Bist du die studentische Hilfskraft?“

Sie nickte.

In meinem Kopf begann sich etwas zusammenzufügen.

Nicht vollständig.

Aber genug, um zu verstehen, dass es nicht um einen Streit zwischen Studenten ging.

Lena hatte etwas entdeckt.

Etwas, das mit Forschung, Daten und Menschen zu tun hatte, die offensichtlich viel zu verlieren hatten.

„Hast du für Hartmann gearbeitet?“

Sie schrieb langsam auf den Block.

**Seit Oktober.**

„Im Labor?“

Ja.

„Und du hast Daten gesehen, die nicht stimmen?“

Lena schrieb erneut.

**Sie haben Zahlen geändert.**

Ich spürte Kälte in meinem Rücken.

„Welche Zahlen?“

Sie brauchte lange.

Dann schrieb sie:

**Nebenwirkungen.**

Ich hörte den Regen draußen gegen das Fenster schlagen.

Plötzlich war das Krankenzimmer sehr still.

„Von Medikamenten?“

Lena nickte.

„Von Menschenversuchen?“

Sie zuckte zusammen.

Das war Antwort genug.

Ich lehnte mich zurück.

Während meiner Dienstzeit hatte ich gelernt, dass gefährliche Menschen nicht immer die waren, die schrien oder Waffen trugen.

Manchmal trugen sie Anzüge.

Manchmal hatten sie Titel vor dem Namen.

Und manchmal saßen sie in Gremien, hielten Vorträge über Verantwortung und ließen andere für sich die schmutzige Arbeit erledigen.

Die Tür öffnete sich.

Kriminalhauptkommissarin Krüger trat ein.

Allein.

Als sie mich sah, blieb sie stehen.

Dann bemerkte sie das Handy in meiner Hand.

„Herr Weber.“

„Wo ist Feldmann?“

„Im Präsidium.“

„Warum sind Sie allein hier?“

Sie schloss die Tür hinter sich.

Das gefiel mir nicht.

„Weil ich Ihnen etwas sagen muss, bevor mein Kollege zurückkommt.“

Ich stand auf.

„Dann sagen Sie es.“

Sie senkte die Stimme.

„Sie dürfen niemandem erzählen, dass ich mit Ihnen gesprochen habe.“

„Das entscheiden Sie nicht.“

„Wenn Sie wollen, dass Ihre Tochter geschützt bleibt, hören Sie mir zu.“

Das brachte mich zum Schweigen.

Krüger trat näher.

„Der Ausfall der Kameras war kein technischer Defekt.“

Ich sah sie an.

„Das dachte ich mir.“

„Jemand hat die Anlage manuell deaktiviert.“

„Wer?“

„Wir wissen es nicht.“

„Das glaube ich Ihnen nicht.“

Sie atmete aus.

„Die Abschaltung erfolgte mit einem Administratorzugang des Instituts.“

„Hartmann?“

Krüger zögerte.

„Der Zugang ist seinem Fachbereich zugeordnet.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Mehr kann ich im Moment nicht sagen.“

Ich trat näher.

„Meine Tochter liegt mit sechs Brüchen im Kiefer da, und Sie kommen hierher, um mir zu sagen, dass Sie mehr wissen, aber nichts sagen können?“

Ihre Stimme blieb ruhig.

„Ich komme hierher, weil ich glaube, dass jemand innerhalb der Universität versucht, die Ermittlungen zu beeinflussen.“

„Und Feldmann?“

Sie antwortete nicht.

Das reichte.

„Sie vertrauen Ihrem eigenen Kollegen nicht.“

„Ich habe das nicht gesagt.“

„Sie mussten es nicht.“

Krüger sah kurz zu Lena.

Dann sagte sie:

„Heute Morgen wurde eine erste Liste möglicher Zeugen erstellt.“

„Und?“

„Drei Namen wurden kurz danach entfernt.“

„Von wem?“

„Das Protokoll zeigt Feldmanns Benutzerkennung.“

Etwas in mir wurde vollkommen ruhig.

„Welche drei Namen?“

Krüger zog einen gefalteten Zettel aus ihrer Jackentasche.

Sie gab ihn mir nicht.

Sie hielt ihn nur so, dass ich lesen konnte.

**Jonas Keller**

**Miriam Vogt**

**Tobias Engel**

„Wer sind die?“

„Studenten.“

„Aus Lenas Fachbereich?“

„Ja.“

„Warum wurden sie entfernt?“

„Offizielle Begründung: kein unmittelbarer Zusammenhang.“

„Und die tatsächliche?“

„Finden Sie heraus, warum Lena diese drei Personen innerhalb der letzten Woche insgesamt siebzehnmal kontaktiert hat.“

Ich sah zu meiner Tochter.

Ihr Auge war geschlossen.

Aber eine Träne lief an ihrer Schläfe entlang.

Krüger faltete den Zettel wieder zusammen.

„Ich war nie hier.“

„Warum helfen Sie mir?“

Zum ersten Mal veränderte sich ihr Gesicht.

Nicht Angst.

Wut.

„Weil vor acht Monaten schon einmal eine Studentin aus demselben Forschungsprojekt ins Krankenhaus kam.“

Ich spürte, wie mein Herzschlag schneller wurde.

„Was ist mit ihr passiert?“

„Offiziell? Fahrradunfall.“

„Und inoffiziell?“

Krüger sah mich lange an.

„Sie behauptete, jemand hätte sie von einer Treppe gestoßen.“

„Wer?“

„Sie zog ihre Aussage zwei Tage später zurück.“

„Warum?“

„Keine Ahnung.“

Ich glaubte ihr kein Wort.

„Name?“

Krüger schwieg.

„Sie kommen hierher, nennen mir drei Zeugen, erzählen mir von manipulierten Kameras und einer zweiten verletzten Studentin, aber bei ihrem Namen ziehen Sie die Grenze?“

„Die Frau ist verschwunden.“

„Was soll das heißen?“

„Exmatrikuliert. Wohnung aufgegeben. Telefonnummer abgeschaltet.“

„Seit wann?“

„Seit sechs Monaten.“

Krüger drehte sich zur Tür.

„Herr Weber.“

Ich wartete.

„Wenn Ihre Tochter Kopien von irgendetwas gemacht hat, lassen Sie sie nicht hier.“

„Im Krankenhaus?“

Sie sah mich direkt an.

„Ich sagte nicht, dass das Krankenhaus unsicher ist.“

Eine kurze Pause.

„Ich sagte, dass die Kopien unsicher sind.“

Dann ging sie.

Ich blieb mitten im Zimmer stehen.

Lena öffnete langsam ihr Auge.

„Hast du Kopien?“, fragte ich.

Sie zögerte.

Dann nickte sie.

„Auf dem Handy?“

Nein.

„Auf deinem Laptop?“

Nein.

„Cloud?“

Wieder nein.

Ich setzte mich neben sie.

„Wo dann?“

Sie nahm den Stift.

Ihre Hand zitterte stärker als zuvor.

Sie schrieb nur zwei Wörter.

**Bei Jonas.**

In genau diesem Moment klingelte mein Handy.

Unbekannte Nummer.

Ich nahm ab.

„Daniel Weber.“

Zuerst hörte ich nur hektisches Atmen.

Dann eine männliche Stimme.

Jung.

Verängstigt.

„Herr Weber?“

„Ja.“

„Ich bin Jonas Keller.“

Ich stand sofort auf.

„Wo sind Sie?“

„Ich kann nicht lange reden.“

Im Hintergrund hörte ich Verkehr.

Dann ein Auto.

Eine Tür schlug zu.

Jonas fluchte leise.

„Ihre Tochter hat mir etwas gegeben.“

„Ich weiß.“

Schweigen.

„Dann wissen Sie auch, warum sie das getan haben.“

„Nein. Noch nicht alles.“

Jonas atmete schwer.

„Es geht nicht nur um gefälschte Daten.“

Mein Blick fiel auf Lena.

„Was dann?“

„Die Studie hätte vor Monaten gestoppt werden müssen.“

„Warum?“

Jonas sagte nichts.

„Jonas.“

Seine Stimme brach.

„Weil Menschen gestorben sind.“

Dann hörte ich Schritte.

Schnell.

Sehr nah am Telefon.

Jonas flüsterte:

„Scheiße.“

„Was ist los?“

„Sie haben mich gefunden.“

Ein Krachen.

Das Telefon fiel offenbar zu Boden.

Ich hörte eine Stimme in der Ferne.

Dann noch eine.

Und kurz bevor die Verbindung abbrach, hörte ich Jonas schreien:

„Die Festplatte ist nicht bei mir!“

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