Der Alarm aus der Asservatenstelle änderte alles.
Krüger griff sofort zum Funkgerät.
„Alle verfügbaren Kräfte zum Asservatenbereich. Niemand verlässt das Gebäude. Wiederhole: Niemand.“
Dann sah sie mich an.
„Sie kommen nicht mit.“
Ich antwortete nicht.
„Daniel.“
„Der Hoodie gehört meiner Tochter.“
„Und genau deshalb.“
„Wenn Max dort ist—“
„Dann wird er festgenommen.“
Ich trat näher.
„Und wenn Feldmann dort ist?“
Krüger schwieg einen Moment.
Das war genug.
Sie wusste genauso gut wie ich, dass wir es nicht mehr mit einer sauberen Trennung zwischen Täter und Ermittler zu tun hatten.
„Sie bleiben hinter mir“, sagte sie schließlich.
„Keine Heldentaten.“
„Ich habe nichts dergleichen vor.“
Wir fuhren mit zwei zivilen Fahrzeugen los.
Miriam und Brandt blieben zurück.
Während der gesamten Fahrt dachte ich nur an den blauen Hoodie.
An Weihnachten hatte Lena ihn ausgepackt, die Kapuze über den Kopf gezogen und gesagt, ich hätte zum ersten Mal in meinem Leben etwas gekauft, das nicht nach „Vatermode“ aussehe.
Ich hatte gelacht.
Jetzt jagten Männer dieses Kleidungsstück, weil darin vielleicht genug Wahrheit steckte, um ein ganzes System zu Fall zu bringen.
Als wir ankamen, standen bereits Streifenwagen vor dem Gebäude.
Ein Beamter kam Krüger entgegen.
„Seiteneingang aufgebrochen.“
„Jemand gesehen?“
„Ein Mitarbeiter meldete zwei Männer.“
„Beschreibung?“
„Einer älter, dunkler Mantel. Der andere jünger.“
Sebastian und Max.
„Feldmann?“
„Noch keine Sichtung.“
Krüger sah zu mir.
„Bleiben Sie hier.“
Diesmal tat ich es.
Zumindest zunächst.
Beamte verschwanden im Gebäude.
Minuten vergingen.
Dann fünf.
Dann zehn.
Plötzlich ertönte drinnen ein dumpfer Knall.
Kein Schuss.
Eher eine Tür.
Danach Rufe.
Krüger lief hinein.
Ich blieb draußen.
Noch dreißig Sekunden.
Dann kam ein junger Beamter aus dem Seiteneingang.
„Wir haben Hartmann!“
„Welchen?“, fragte ich.
„Den Professor.“
Mein Puls beschleunigte sich.
Sebastian wurde wenig später herausgeführt.
Keine Handschellen vor dem Körper.
Hände hinter dem Rücken.
Sein Mantel war zerrissen.
Er sah nicht zu den Kameras der Umstehenden.
Nicht zu den Beamten.
Er sah direkt zu mir.
Nur eine Sekunde.
Dann sagte er:
„Sie wissen nicht, was Ihr Kind getan hat.“
Ich machte keinen Schritt.
„Aber ich weiß, was Ihres getan hat.“
Sein Gesicht wurde hart.
„Max wollte sie nicht töten.“
„Sechs Brüche im Kiefer.“
Er sah weg.
„Es ist außer Kontrolle geraten.“
Da war es.
Keine Entschuldigung.
Keine Überraschung.
Nur die Sprache eines Mannes, der glaubte, Gewalt werde weniger schlimm, wenn man sie als Fehler bezeichnete.
„Und Sie haben geholfen, sie draußen abzulegen.“
Sein Blick kehrte zu mir zurück.
„Ich wollte meinen Sohn schützen.“
„Sie haben meine Tochter liegen lassen.“
„Sie hat gelebt.“
Ich spürte eine Welle von Wut.
Aber ich bewegte mich nicht.
„Genau deswegen werden Sie sich an alles erinnern können.“
Krüger kam aus dem Gebäude.
„Bringen Sie ihn weg.“
Sebastian wurde abgeführt.
„Max?“, fragte ich.
„Nicht gefunden.“
„Der Hoodie?“
„Fehlt.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Dann war er schneller.“
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
Krüger zeigte auf einen Beamten.
Er trug einen transparenten Beutel.
Darin lag ein Stück blauer Stoff.
„Die Innentasche wurde aufgeschnitten.“
Ich starrte darauf.
„Leer?“
„Ja.“
„Dann hat Max den Datenträger.“
„Nicht unbedingt.“
Ich sah sie an.
Krüger zog eine kleine Speicherkarte aus einer Beweismitteltüte.
„Die wurde unter einem Regal gefunden.“
Mein Herz schlug schneller.
„Aus dem Hoodie?“
„Das müssen wir prüfen.“
Ein Techniker nahm die Karte mit.
Diesmal wartete niemand Stunden.
Die Seriennummer passte zu einer Karte, die Brandt in seinem Sicherungssystem dokumentiert hatte.
Der Datenträger war echt.
Max hatte ihn entweder verloren.
Oder nicht gesehen.
Zum ersten Mal seit Tagen hatte ich das Gefühl, dass das Glück auf unserer Seite gestanden hatte.
Dann kam die nächste Nachricht.
Nicht Glück.
Tobias.
Er war gesehen worden.
Eine Verkehrskamera hatte einen Transporter erfasst, dessen Kennzeichen bereits im Zusammenhang mit Jonas’ Entführung überprüft worden war.
Der Wagen fuhr Richtung Norden.
Krüger sah auf die Karte.
„Industriegebiet Vahrenheide.“
„Jonas wurde dort gefunden.“
„Ja.“
„Dann ist Max dort.“
„Möglich.“
„Nein.“
Ich sah sie an.
„Wahrscheinlich.“
Krüger sagte nichts.
Sie wusste, dass ich recht hatte.
Diesmal fuhr ich nicht mit.
Sie ließ mich nicht.
Und ich akzeptierte es.
Nicht weil ich plötzlich weniger Vater war.
Sondern weil ich inzwischen verstanden hatte, dass mein Platz nicht dort war, wo ich meine Wut loswerden konnte.
Mein Platz war dort, wo Lena mich brauchte.
Ich fuhr ins Krankenhaus.
Als ich ihr Zimmer betrat, war ihr Gesicht noch immer geschwollen.
Aber ihr Auge war klarer.
Ich setzte mich.
„Wir haben den Hoodie.“
Sie sah mich an.
„Und die Speicherkarte.“
Tränen traten in ihr Auge.
„Sie ist sicher.“
Lena hob langsam die Hand.
Ich nahm sie.
„Sebastian Hartmann wurde festgenommen.“
Ihre Finger spannten sich an.
„Max noch nicht.“
Sie schloss die Augen.
„Aber wir wissen, wo er wahrscheinlich ist.“
Sie öffnete sie sofort wieder.
Panik.
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich gehe nicht hin.“
Ihre Hand entspannte sich etwas.
„Krüger kümmert sich darum.“
Ich blieb bei ihr.
Eine Stunde später kam die Nachricht.
Tobias war gefunden worden.
Lebend.
Verletzt, aber stabil.
Max nicht.
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann zeigte ich sie Lena.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Diesmal aus Erleichterung.
Doch Max war verschwunden.
Und Feldmann ebenfalls.
Kurz darauf erschien Krüger im Krankenhaus.
Ihr Gesicht war erschöpft.
„Tobias hat ausgesagt.“
„Was sagt er?“
„Max hielt ihn fest, weil er wissen wollte, wo die letzte Kopie ist.“
„Und Feldmann?“
„War dabei.“
Ich sah sie an.
„Dann leben beide noch frei.“
„Im Moment.“
„Was wissen wir über den Datenträger?“
Krüger setzte sich.
„Genug.“
„Was bedeutet das?“
„Die Rohdaten bestätigen systematische Manipulationen.“
„Die Todesfälle?“
„Alle drei.“
„Hartmann?“
„Seine Freigaben sind dokumentiert.“
„Brandt?“
„Seine internen Warnungen ebenfalls.“
Das überraschte mich nicht mehr.
Brandt war schuldig geworden, weil er zu lange mitgemacht hatte.
Aber irgendwann hatte er begonnen, Beweise zu sichern.
„Und Lena?“
Krügers Blick ging zu meiner Tochter.
„Sie hat die entscheidenden Änderungsprotokolle kopiert.“
Lena sah weg.
„Deshalb wollten sie sie zum Schweigen bringen.“
Krüger nickte.
„Ja.“
Ich fragte die einzige Sache, die noch fehlte.
„Was ist mit Max?“
Krüger holte ihr Handy hervor.
„Tobias hat etwas gehört, bevor er gefunden wurde.“
„Was?“
„Max und Feldmann haben gestritten.“
„Worüber?“
„Feldmann wollte verschwinden.“
„Und Max?“
„Max sagte, er müsse erst noch eine Sache erledigen.“
Lena wurde sofort angespannt.
Ich sah zu ihr.
Dann zu Krüger.
„Was für eine Sache?“
„Tobias hörte nur einen Satz.“
Krüger blickte mich an.
„Max sagte: Solange sie lebt, kann sie gegen mich aussagen.“
Im Raum wurde es vollkommen still.
Mein Blick ging automatisch zur Tür.
Zwei Beamte standen draußen.
„Er weiß, dass Lena hier ist.“
„Ja.“
„Dann wird er kommen.“
Krüger schüttelte den Kopf.
„Nicht durch den Haupteingang.“
Ich stand auf.
„Was wissen Sie?“
„Ein Fahrzeug wurde vor fünf Minuten im Parkhaus des Krankenhauses gemeldet.“
„Kennzeichen?“
„Gestohlen.“
„Fahrer?“
Krüger zeigte mir ein Standbild.
Max Hartmann.
Kapuze.
Kopf gesenkt.
Aber eindeutig.
Ich sah Lena an.
Sie hatte das Bild ebenfalls gesehen.
Angst lag in ihrem Auge.
Ich nahm ihre Hand.
„Dieses Mal bist du nicht allein.“
Draußen wurden Schritte laut.
Beamte bewegten sich durch den Flur.
Krüger zog ihre Dienstwaffe, blieb aber hinter der Tür.
Dann fiel plötzlich das Licht aus.
Nur die Monitore neben Lenas Bett leuchteten weiter.
Notstrom.
Aus dem Flur ertönte ein Alarm.
Jemand hatte eine Brandschutztür ausgelöst.
Krüger fluchte.
„Er versucht, die Etage zu teilen.“
Dann hörten wir eine Stimme.
Ganz nah.
Hinter der nächsten Tür.
„Lena?“
Max.
Meine Tochter erstarrte.
Ich stand zwischen ihrem Bett und dem Eingang.
Nicht mit erhobenen Fäusten.
Nicht als Soldat.
Als Vater.
Die Türklinke bewegte sich langsam nach unten.







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