Vincent hob zwei Finger, und die Männer hinter ihm verteilten sich lautlos auf beide Seiten des Flurs. Ich hätte ihnen folgen müssen. Jeder Instinkt, der mich durch zwanzig Jahre Krieg, Verrat und Blut geführt hatte, schrie danach, hinauszugehen und selbst herauszufinden, wer es gewagt hatte, bis an Daniels Krankenbett vorzudringen. Doch dann sah ich meinen Sohn. Seine kleine Brust hob sich unregelmäßig unter der Decke, das Piepen des Monitors beschleunigte sich, und Elena presste eine Hand an die Sauerstoffmaske, als könnte sie allein durch Willenskraft verhindern, dass ihm noch einmal jemand die Luft nahm. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich zwischen zwei Schlachtfeldern gefangen.
„Gabriel“, sagte Vincent scharf vom Türrahmen aus. „Bleib hier.“
Ich sah ihn an. In all den Jahren hatte er mich niemals bei meinem Vornamen genannt, wenn andere dabei waren. Nicht einmal, als man uns in Neapel beinahe erschossen hatte. Seine Stimme verriet mir mehr als die Schüsse draußen.
„Was ist passiert?“
„Einer unserer Männer ist tot. Der andere lebt noch. Und die Angreifer tragen Krankenhauskleidung.“
Elena hob ruckartig den Kopf.
„Einer von denen, die hier waren, trug auch einen weißen Kittel.“
Ich wandte mich zu ihr.
„Beschreiben Sie ihn.“
Sie zögerte. Nicht aus Angst vor mir. Sie versuchte sich zu erinnern.
„Groß. Vielleicht Mitte vierzig. Dunkle Haare. Eine Narbe am rechten Handgelenk. Er hatte keine normale Krankenhauskarte. Die Karte war grau, nicht blau.“
Vincent und ich wechselten einen Blick.
Ich kannte diese Farbe.
„Externe Sicherheitsfreigabe“, sagte Vincent.
Mein Magen zog sich zusammen. Solche Karten wurden nicht an Besucher ausgegeben. Sie gehörten Technikern, Sicherheitspersonal oder Menschen, deren Zugang auf höherer Ebene genehmigt worden war.
Jemand hatte die Angreifer nicht hereingelassen.
Jemand hatte sie eingeladen.
Plötzlich öffnete Daniel die Augen.
Nur einen Spalt.
„Papa?“
Meine Waffe fiel beinahe aus meiner Hand.
Ich war mit drei Schritten bei ihm und kniete neben seinem Bett. Alles in mir, was die Welt als Gabriel Moretti kannte, verschwand in diesem Moment. Kein Boss. Kein Mann, vor dessen Namen andere flüsterten. Nur ein Vater, der nicht wusste, ob sein Sohn die nächste Minute überleben würde.
„Ich bin hier, piccolo.“
Daniels Blick wanderte langsam zu Elena.
„Die Frau… hat mich gerettet.“
Elena drehte den Kopf weg.
Vielleicht, damit niemand sah, wie ihre Augen glänzten.
Dann kam ein Arzt ins Zimmer, flankiert von zwei Pflegerinnen und einem meiner Männer. Vincent kontrollierte ihn, bevor er überhaupt in die Nähe des Bettes durfte. Der Arzt protestierte nicht. Offenbar hatte sich bereits herumgesprochen, wer Daniels Vater war.
„Wir müssen ihn sofort untersuchen“, sagte er. „Seine Sauerstoffsättigung ist instabil.“
„Dann tun Sie es.“
„Dafür müssen Sie zurücktreten.“
Ich blieb stehen.
Elena sah mich an.
„Gehen Sie einen Schritt zurück“, sagte sie ruhig.
Der Arzt erstarrte.
Vincent hob eine Augenbraue.
Niemand befahl mir etwas.
Doch ich tat es.
Während die Ärzte Daniel untersuchten, setzte sich Elena zum ersten Mal. Nicht freiwillig. Ihre Knie gaben einfach nach. Ich fing sie am Arm auf, bevor sie den Boden berührte.
Sie zuckte sofort zusammen.
„Lassen Sie mich.“
„Sie bluten.“
„Ihr Sohn auch fast.“
Die Worte trafen mich härter, als sie es vermutlich beabsichtigt hatte.
Ich setzte sie auf einen Stuhl. Unter dem Riss ihrer Uniform an der Schulter zeichnete sich eine tiefe Schnittwunde ab.
„Das hat einer der Männer gemacht?“
Sie nickte.
„Mit einem Skalpell.“
„Und trotzdem sind Sie geblieben.“
Elena lachte kurz, bitter.
„Was hätte ich tun sollen? Weglaufen und ein sechsjähriges Kind sterben lassen?“
Ich wusste keine Antwort.
Menschen in meiner Welt liefen ständig weg. Sie verkauften Freunde, Familie, Prinzipien, manchmal ihre eigene Seele, nur um selbst zu überleben.
Diese Frau hatte nichts mit Daniel zu tun.
Und war trotzdem geblieben.
Vincent kam zurück ins Zimmer. Auf seiner Jacke war Blut, aber nicht seines.
„Einen haben wir“, sagte er. „Der zweite ist über das Treppenhaus verschwunden.“
„Lebend?“
„Ja.“
Elena wurde blass.
„Ist es der Mann mit der Narbe?“
Vincent schüttelte den Kopf.
„Nein. Der Jüngere.“
Ich sah auf Daniel, dann wieder zu Vincent.
„Wo?“
„Behandlungsraum am Ende des Ostflügels.“
Ich stand auf.
Elena griff plötzlich nach meinem Ärmel.
Es war eine kleine Bewegung, aber sämtliche Männer im Raum spannten sich an.
„Warten Sie.“
Ich blickte auf ihre Hand.
Sie ließ sofort los.
„Der Mann, den ich niedergeschlagen habe“, sagte sie leise. „Bevor er bewusstlos wurde, hat er etwas gesagt.“
„Was?“
„Ich dachte zuerst, er spricht mit mir. Aber jetzt glaube ich, dass es eine Nachricht war.“
Vincent trat näher.
„Welche Nachricht?“
Elena sah zwischen uns hin und her.
„Er sagte: ‚Sag Moretti, der Junge sollte heute Nacht nie aufwachen.‘“
In mir wurde etwas kalt.
„Sonst noch etwas?“
Sie nickte langsam.
„Dann sagte er einen Namen.“
Vincent wartete.
Ich ebenfalls.
Elena öffnete den Mund.
Doch bevor sie sprechen konnte, ertönte vom Flur ein dumpfer Knall. Eine Sekunde später schrie jemand.
Vincent riss die Tür auf.
Ein Mann kam ihm entgegen, bleich im Gesicht.
„Der Gefangene“, stieß er hervor. „Er ist tot.“
Ich ging einen Schritt auf ihn zu.
„Wie?“
„Gift. Irgendetwas war in seinem Zahn versteckt.“
Vincent fluchte.
Doch der Mann war noch nicht fertig.
„Boss… kurz bevor er starb, hat er etwas auf die Wand geschrieben.“
Wir folgten ihm bis zum Behandlungsraum. Der Gefangene lag reglos auf dem Boden. Neben seiner Hand zog sich mit Blut ein einziges Wort über die weiße Wand.
Ich blieb stehen.
Vincent ebenfalls.
Denn dort stand kein Name eines rivalisierenden Clans.
Dort stand:
MARGARETE.







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