Peter antwortete mir nicht sofort. Er starrte mich einfach nur an, und sein selbstsicheres Lächeln war einem Ausdruck gewichen, der beinahe an Fassungslosigkeit grenzte. Zum ersten Mal seit Jahren schien der Mann, der ganze Vorstandsrunden mit einem einzigen Satz beherrschte, nicht einmal ein einziges Wort zu finden.
Hinter uns setzte der Applaus wieder ein, lauter diesmal, weil die Gäste offenbar glaubten, sie hätten gerade einen besonders romantischen Moment erlebt. Ich lächelte weiterhin in die Kameras, während Peter seine Hand an meinen Rücken legte. Von außen sahen wir vermutlich aus wie ein frisch verheiratetes Paar, das sich gerade verliebt ansah. Niemand konnte erkennen, wie fest seine Finger sich in den Stoff meines Kleides krallten.
„Was hast du damit gemeint?“, fragte er zwischen zwei höflichen Lächeln.
„Mit welchem Teil?“
„Dass du mein Unternehmen vor Sonnenuntergang zerstören kannst.“
Ich sah ihn ruhig an. „Ich habe gesagt, dass ich es könnte. Nicht, dass ich es tun werde.“
Sein Blick wurde härter. „Das ist keine Antwort.“
„Dann stell bessere Fragen.“
Für einen Moment sagte er nichts. Der Pfarrer trat zu uns, gratulierte und bat darum, noch einige Fotos am Altar zu machen. Peter nickte automatisch. Ich wusste, dass er innerlich bereits sämtliche Möglichkeiten durchging. Wer hatte ihm Informationen verschwiegen? Was wusste ich? Was hatte mein Vater in den Vertrag geschrieben?
Mein Vater.
Allein der Gedanke ließ mein Lächeln schwächer werden.
Denn Peter war nicht der einzige Mann in dieser Kirche, dem ich heute nicht vollständig vertraute.
Nach den Fotos führte man uns durch eine Seitentür in einen kleinen Empfangsraum. Dort warteten Champagner, Blumen und zwei Mitarbeiter von Peters Sicherheitsdienst. Georg kam wenige Sekunden später herein. Sein Gesicht war angespannt.
„Peter, wir müssen—“
„Nicht hier“, unterbrach Peter ihn.
„Aber es geht um die Firma.“
Ich sah zwischen den beiden hin und her.
Peter bemerkte meinen Blick. „Georg, später.“
„Es kann nicht später sein.“
Georg zog einen Umschlag aus seiner Jackentasche und legte ihn auf den Tisch. „Das kam vor zehn Minuten aus dem Büro.“
Peter öffnete ihn. Während er las, verschwand langsam die Farbe aus seinem Gesicht.
Ich sagte nichts.
Er las das Schreiben ein zweites Mal.
„Was ist das?“, fragte ich.
Peter hob den Kopf. „Du weißt es.“
„Nein.“
„Dann lügst du.“
Ich trat näher. „Zeig es mir.“
Er zögerte, reichte mir das Papier aber schließlich.
Es war eine Mitteilung der Bank. Eine Überprüfung mehrerer Firmenkonten war eingeleitet worden. Bestimmte Transaktionen waren vorläufig eingefroren worden. Nicht genug, um die Steinbach-Gruppe zu Fall zu bringen.
Aber genug, um innerhalb weniger Stunden Panik auszulösen.
„Das warst du“, sagte Peter.
Ich sah ihn an. „Wenn ich das gewesen wäre, würdest du diese Mitteilung nicht erst jetzt bekommen.“
Georg wechselte nervös das Gewicht. „Peter hat recht. Irgendjemand hat Zugriff auf interne Unterlagen gehabt.“
Ich legte das Papier auf den Tisch.
„Dann sucht nicht bei mir.“
Peter trat einen Schritt näher. „Du erwartest ernsthaft, dass ich dir glaube? Du tauchst nach Jahren der völligen Abgeschiedenheit auf, heiratest mich, kennst Vertragsdetails, die du eigentlich nicht kennen dürftest, und behauptest gleichzeitig, du könntest meine Firma zerstören.“
„Ich bin nicht aufgetaucht“, sagte ich leise. „Du hast mich geheiratet.“
Sein Blick blieb an meinem Gesicht hängen.
„Und was genau hat dein Vater damit zu tun?“
Da war sie.
Die Frage, auf die ich gewartet hatte.
Ich wollte antworten, doch plötzlich klopfte es an der Tür.
Eine ältere Frau trat ein. Sie war elegant gekleidet, hielt eine kleine schwarze Handtasche in der Hand und sah nicht Peter an.
Sie sah mich an.
Ihre Augen wurden feucht.
„Adelaide“, sagte sie.
Ich erstarrte.
Ich kannte diese Stimme.
Nicht aus den letzten Jahren.
Aus meiner Kindheit.
Peter bemerkte meine Reaktion sofort.
„Wer ist das?“
Die Frau ging langsam auf mich zu. Ihre Hand zitterte.
„Du bist deiner Mutter so ähnlich.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Sie kennen meine Mutter?“
Die Frau nickte.
Dann sah sie zu Peter.
„Und wenn dein Vater dir wirklich erzählt hat, warum diese Ehe zustande kam, dann hat er dich angelogen.“
Peter wurde blass.
„Was wissen Sie über meinen Schwiegervater?“
Die Frau antwortete nicht sofort. Stattdessen öffnete sie ihre Handtasche und holte ein altes, gefaltetes Foto heraus.
Sie legte es vor mich.
Ich erkannte meine Mutter sofort.
Doch neben ihr stand ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Und auf der Rückseite des Fotos stand mit der Handschrift meiner Mutter nur ein einziger Satz:
**„Vertrau Peter niemals – aber heirate ihn trotzdem.“**







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