Unterhaltung

Der Restaurantleiter Feuerte Nina Vor Allen Gästen – Doch Dann Stand Der Neue Besitzer Auf Und Enthüllte Ein Geheimnis Über Ihren Toten Vater

Für einige Sekunden war nur das leise Klirren von Besteck zu hören. Jan Richter stand noch immer neben dem Servicetresen, Ninas zusammengefaltete Schürze in der Hand, doch die Selbstsicherheit in seinem Gesicht war verschwunden. Thomas Berger dagegen wirkte beinahe unverschämt ruhig. Er stellte sich nicht vor Jan, sondern neben Nina, als wolle er deutlich machen, auf welcher Seite er stand.

„Sie wollen das Restaurant übernehmen?“, fragte Jan schließlich.

„Wenn die letzten Prüfungen abgeschlossen sind, ja.“

Jan zwang sich zu einem kurzen Lächeln. „Dann wissen Sie sicher auch, dass Personalentscheidungen Sache der aktuellen Geschäftsführung sind.“

„Noch“, sagte Thomas.

Das eine Wort genügte. Kathrin senkte den Blick, doch Nina bemerkte, wie sich ihre Mundwinkel beinahe unmerklich bewegten. Jan hingegen wurde blass.

Nina verstand trotzdem nichts. Vor wenigen Minuten hatte sie noch geglaubt, nach sechs Jahren ihren Arbeitsplatz verloren zu haben. Jetzt stand ein fremder Mann neben ihr und behauptete, sie sei ein Grund dafür, dass er mehrere Millionen Euro in genau dieses Restaurant investieren wollte.

„Was meinen Sie damit, dass Sie wegen mir interessiert sind?“, fragte sie.

Thomas sah sie einen Moment an. Sein Blick war nicht neugierig. Eher prüfend, beinahe nachdenklich.

„Das erkläre ich Ihnen. Aber nicht hier.“

„Nein.“ Nina verschränkte die Arme. „Wenn mein Name hier vor allen Gästen benutzt wird, möchte ich auch hier erfahren, warum.“

Thomas nickte langsam. „Fair.“

Jan trat dazwischen. „Herr Berger, ich weiß nicht, welche Informationen Sie bekommen haben, aber Frau Hoffmann wurde wegen wiederholter Beschwerden—“

„Dann zeigen Sie sie.“

Jan verstummte.

Thomas streckte die Hand aus. „Die drei Beschwerden. Zeigen Sie sie uns.“

„Datenschutz.“

„Beschwerden können anonymisiert werden.“

„Die Unterlagen liegen im Büro.“

„Dann holen wir sie.“

Die ersten Gäste hatten längst aufgehört, so zu tun, als würden sie nicht zuhören. Jan bemerkte es ebenfalls. Seine Kiefermuskeln spannten sich an.

„Das ist kein Zirkus“, sagte er leise.

„Da sind wir uns einig“, erwiderte Thomas. „Deshalb sollten wir herausfinden, warum zwei Beschwerden gegen Frau Hoffmann erfasst wurden, obwohl sie laut Ihrer eigenen Serviceleiterin nicht einmal die betreffenden Tische bedient hat.“

Nina blickte zu Kathrin. Diese wirkte plötzlich nervös.

„Kathrin?“

Kathrin atmete tief ein. „Ich wollte es dir nach der Schicht sagen.“

„Was?“

„Es gab in den letzten Wochen noch mehr.“

Jan fuhr herum. „Kathrin.“

Doch diesmal wich sie seinem Blick nicht aus. „Beschwerden. Immer gegen dieselben Leute. Nina, Mehmet aus der Küche, vor zwei Wochen Lea.“

Nina erinnerte sich sofort. Lea hatte nach vier Jahren überraschend gekündigt. Damals hatte Jan erzählt, sie wolle studieren. Niemand hatte nachgefragt.

„Lea hat nicht freiwillig gekündigt?“

Kathrin schüttelte langsam den Kopf.

Jan legte Ninas Schürze auf den Tresen. „Das reicht.“

„Nein“, sagte Nina. Zum ersten Mal an diesem Abend wurde ihre Stimme härter. „Jetzt fängt es gerade erst an.“

Thomas beobachtete Jan. „Ich möchte die Beschwerden sehen.“

Zehn Minuten später standen sie zu viert im kleinen Büro hinter der Küche. Jan setzte sich demonstrativ an den Computer und öffnete das interne Beschwerdesystem. Drei Einträge erschienen unter Ninas Personalnummer.

Nina las den ersten.

Ein Gast behauptete, sie habe Wein über seinen Mantel verschüttet.

„An dem Tisch war Daniel“, sagte Kathrin sofort.

Der zweite Eintrag beschrieb eine falsche Rechnung.

„Mein Tisch“, sagte Kathrin.

Beim dritten blieb Nina still. Angeblich hatte sie einen Stammgast beleidigt.

Thomas beugte sich näher zum Bildschirm. „Wann wurde das eingetragen?“

Jan antwortete nicht.

Nina sah auf die Uhrzeit.

23:48 Uhr am Donnerstag.

Sie spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.

„Gestern war ich nicht hier.“

Kathrin sah sie an. „Du hattest frei.“

Thomas richtete sich langsam auf.

Jan klickte hektisch das Fenster weg. „Das System übernimmt manchmal falsche Zeitstempel.“

„Nein“, sagte Kathrin. „Tut es nicht.“

Thomas zog sein Telefon hervor. „Ich möchte eine Kopie der Einträge.“

„Das dürfen Sie nicht.“

„Dann sichern Sie sie selbst. Morgen früh kommt mein Anwalt mit dem derzeitigen Eigentümer.“

Bei dem Wort Eigentümer veränderte sich Jans Gesicht.

Nina bemerkte es sofort.

Thomas ebenfalls.

„Sie wussten von dem Verkauf“, sagte Thomas.

Jan schwieg.

„Und Sie wussten, dass Personalakten Teil der Prüfung sein würden.“

Noch immer keine Antwort.

Plötzlich verstand Nina zumindest einen Teil davon. Wenn Thomas vor der Übernahme die Belegschaft prüfte, konnten schlechte Personalakten beeinflussen, wer bleiben durfte.

Aber warum ausgerechnet sie?

„Thomas“, sagte sie leise. „Sie haben meine Frage noch immer nicht beantwortet.“

Er sah zu ihr.

„Warum ich?“

Thomas steckte das Telefon ein. „Vor ungefähr acht Monaten bekam ich regelmäßig Berichte über dieses Restaurant. Servicequalität, Gästebindung, interne Abläufe. Ihr Name tauchte ungewöhnlich oft auf.“

„Von wem?“

„Das wusste ich zunächst selbst nicht.“

Nina runzelte die Stirn.

„Jemand schickte mir jeden Monat detaillierte Aufzeichnungen“, fuhr Thomas fort. „Nicht nur über Sie. Über das gesamte Haus. Aber bei Ihnen standen Dinge, die in keiner offiziellen Statistik auftauchen. Dass Sie einer älteren Stammkundin jeden Dienstag denselben ruhigen Tisch reservieren. Dass Sie einem neuen Küchenhelfer geholfen haben, obwohl Ihre Schicht längst vorbei war. Dass Gäste ausdrücklich nach Ihnen fragen.“

Nina wurde unruhig. Diese Dinge konnten nur Menschen wissen, die regelmäßig hier waren.

„Wer hat Ihnen das geschickt?“

Thomas schwieg einen Moment zu lange.

Dann nahm er einen gefalteten Ausdruck aus der Innentasche seines Sakkos.

„Heute Nachmittag kam die letzte Nachricht.“

Er legte das Blatt auf den Schreibtisch.

Oben stand nur ein einziger Satz:

Wenn Nina Hoffmann heute Abend entlassen wird, fragen Sie Jan Richter nach dem Kellerarchiv.

Kathrin wurde kreidebleich.

Jan sprang so plötzlich vom Stuhl auf, dass dieser gegen die Wand schlug.

Und genau diese Reaktion verriet Nina, dass das Kellerarchiv offenbar etwas enthielt, das mit ihrer Kündigung sehr viel mehr zu tun hatte als drei erfundene Beschwerden.

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