Unterhaltung

Der sterbende Mafiaboss feuerte jede Krankenschwester – bis die gehörlose Tochter einer Reinigungskraft sein verbotenes Zimmer betrat

Der Schlüssel lag zwischen Anton Falk und dem Bett wie ein Geständnis, das niemand auszusprechen wagte.

Maria spürte, wie Lina sich fester an ihr Bein drückte. Das kleine Mädchen verstand vielleicht nicht jedes Wort, doch sie verstand Gesichter. Und Antons Gesicht hatte sich verändert.

Seine professionelle Ruhe war verschwunden.

„Das ist nicht, wonach es aussieht“, sagte er schließlich.

Damian bewegte sich kaum. Nur seine Augen wanderten vom Schlüssel zu Anton.

„Dann erklären Sie mir, wonach es aussieht.“

Anton zwang sich zu einem Lächeln.

„Ich behandle Sie seit zwanzig Jahren. Ich habe Zugang zu Bereichen dieses Hauses, von denen die Hälfte Ihrer Männer nichts weiß.“

„Nicht zu meinem Weinkeller.“

Stille.


Draußen prasselte der Regen gegen die hohen Fenster.

Anton sah kurz zur Tür.

Damian bemerkte es.

„Wenn Sie darüber nachdenken wegzulaufen“, sagte er ruhig, „würde ich Ihnen empfehlen, schneller zu denken.“

Anton griff plötzlich in seinen Mantel.

Maria zog Lina instinktiv zurück.

Doch bevor Anton etwas hervorholen konnte, erschienen zwei Männer im Türrahmen. Viktor Brandt, Damians Sicherheitschef, war der Erste. Hinter ihm stand ein weiterer Wachmann.

Viktor sah Damian an.

„Chef?“

Damian deutete auf Anton.


„Durchsuchen.“

Antons Gesicht verhärtete sich.

„Damian, das ist Wahnsinn.“

„Das habe ich schon öfter gehört.“

Viktor packte Anton an den Armen. Der Arzt wehrte sich zunächst nicht, doch als der zweite Wachmann in seine Manteltasche griff, spannte sich sein ganzer Körper an.

Zum Vorschein kam eine kleine braune Ampulle.

Maria hielt Lina die Augen zu.

Damian sah die Ampulle lange an.

„Was ist das?“

Anton antwortete nicht.


„Ich frage nur einmal.“

„Ein Medikament.“

„Für mich?“

„Für Notfälle.“

Damian blickte zu Viktor.

„Rufen Sie niemanden aus seinem medizinischen Team. Holen Sie Dr. Keller aus der Privatklinik. Nur ihn. Und lassen Sie Wasser, Medikamente, Infusionen und Lebensmittel in diesem Zimmer sichern.“

Viktor nickte.

Anton lachte plötzlich leise.

„Du glaubst wirklich, ich hätte dich vergiftet?“

Damian sah ihn an.


„Ich glaube gar nichts mehr.“

Lina zog vorsichtig an Marias Ärmel.

Dann deutete sie auf Anton.

Ihre kleinen Finger bewegten sich schnell.

Maria kannte diese Gebärden sofort.

Sie wurde blass.

Damian bemerkte es.

„Was sagt sie?“

Maria wollte antworten, brachte aber zunächst keinen Ton hervor.

„Maria.“


„Sie sagt, sie kennt ihn.“

Anton drehte den Kopf ruckartig zu Lina.

Damian richtete sich trotz der Schmerzen etwas höher auf.

„Woher?“

Maria kniete sich vor ihre Tochter.

„Lina, wo hast du den Mann gesehen?“

Das Mädchen zeigte nach unten.

Dann machte sie eine Bewegung, als würde sie etwas Schweres tragen.

Maria runzelte die Stirn.

„Unten?“


Lina nickte.

Sie formte mit beiden Händen einen Kreis, hob ihn an und stellte ihn unsichtbar vor sich ab.

Maria verstand.

„Eine Kiste.“

Lina nickte wieder.

Anton wurde noch blasser.

Damian sah es.

„Welche Kiste?“

Maria fragte weiter.

Lina zeigte auf Anton, dann nach unten, dann hielt sie einen Finger vor die Lippen.


Schweigen.

„Sie hat ihn offenbar irgendwo unten gesehen“, sagte Maria. „Mit einer Kiste. Und jemand sollte still sein.“

„Wann?“

Maria sah ihre Tochter fragend an.

Lina hob vier Finger.

Maria schüttelte den Kopf.

„Vier Tage?“

Lina verneinte.

Dann zeigte sie auf Maria und machte die Bewegung, mit der sie jeden Morgen das Wischen der Böden nachahmte.

Maria erinnerte sich.


Ihr Magen zog sich zusammen.

„Vor vier Arbeitstagen.“

Damian blickte zu Viktor.

„Kellerkameras.“

Viktor griff nach seinem Telefon.

Anton verlor endgültig die Fassung.

„Sie werden nichts finden.“

Niemand hatte ihn gefragt.

Damian lächelte nicht, doch etwas Kaltes erschien in seinen Augen.

„Interessant.“


Anton schloss für einen Moment die Augen.

Er wusste, dass er sich verraten hatte.

Viktor telefonierte leise. Dann hob er den Blick.

„Es gibt ein Problem.“

„Welches?“

„Die Aufzeichnungen aus dem Kellergang fehlen.“

Damian sagte nichts.

„Genau für den Zeitraum vor vier Arbeitstagen“, fügte Viktor hinzu.

Jetzt veränderte sich die Atmosphäre im Zimmer vollständig.

Es ging nicht mehr nur um einen verdächtigen Arzt.


Jemand hatte Kameras gelöscht.

Jemand hatte Zugang zum Weinkeller gehabt.

Und dieser Jemand kannte die Sicherheitsstruktur des Falkenhofs.

Damian wandte sich Anton zu.

„Wer hat Ihnen geholfen?“

„Niemand.“

„Falsche Antwort.“

„Du kannst mich einsperren, bedrohen oder deine Männer auf mich loslassen. Es ändert nichts.“

Damian wollte antworten, doch plötzlich verzog sich sein Gesicht.

Seine Hand schoss zur Brust.

Maria sah, wie sämtliche Farbe aus seinem Gesicht wich.

„Herr Wolff?“

Damian versuchte Luft zu holen.

Es gelang ihm kaum.

Lina löste sich aus Marias Armen und wollte zu ihm laufen.

„Nein!“

Maria hielt sie fest.

Damian sackte gegen das Kopfteil.

Viktor machte einen Schritt vorwärts.

Anton ebenfalls.

„Lasst mich zu ihm!“, rief er. „Er braucht sofort seine Medikamente.“

Damian öffnete mühsam die Augen.

Sein Blick fiel auf Anton.

Dann auf die Medikamente neben dem Bett.

„Nicht... anfassen.“

„Wenn ich ihn nicht behandle, kann er sterben!“, sagte Anton.

„Zurück“, befahl Viktor.

„Ihr versteht nicht, was mit seinem Herzen passiert!“

In diesem Moment kam Lina frei.

Sie lief nicht zu Damian.

Sie lief zum Nachttisch.

Maria wollte sie zurückholen, doch das Mädchen griff nach einer kleinen weißen Medikamentenschachtel.

Sie schüttelte sie.

Dann hielt sie sie an ihr Hörgerät.

Nichts.

Sie öffnete die Packung, nahm eine Tablette heraus und betrachtete sie.

Plötzlich rannte sie zu Marias Tasche, die noch neben der Tür lag.

Aus einer Seitentasche zog sie einen zerknitterten Kassenzettel und einen blauen Filzstift.

Sie malte zwei einfache Formen.

Eine runde Tablette.

Daneben eine längliche.

Dann zeigte sie auf die Tablette in ihrer Hand.

Länglich.

Damian beobachtete sie trotz seiner Schmerzen.

Maria verstand als Erste.

„Die Tabletten sehen anders aus.“

Anton erstarrte.

Viktor nahm Lina vorsichtig die Packung ab.

„Chef, nehmen Sie diese normalerweise?“

Damian nickte schwach.

„Seit... drei Wochen.“

Viktor sah Anton an.

Der Arzt sagte nichts mehr.

Wenige Minuten später stürmte Dr. Keller ins Zimmer. Er untersuchte Damian, ließ eine versiegelte Notfalltasche bringen und verabreichte ihm Medikamente, die nicht aus dem Falkenhof stammten.

Langsam stabilisierte sich Damians Atmung.

Dann nahm Keller eine der länglichen Tabletten mit einer Pinzette auf.

„Das ist nicht das Präparat, das auf der Verpackung steht.“

Maria bekam eine Gänsehaut.

Damian schloss kurz die Augen.

Drei Wochen.

Drei Wochen lang hatte er geglaubt, sein Körper würde nach der Vergiftung einfach versagen.

Vielleicht war das nie die ganze Wahrheit gewesen.

„Labor“, sagte Keller. „Sofort.“

Viktor übergab einem Wachmann die Packung.

Anton wurde zur Tür geführt.

Kurz bevor er den Raum verließ, blieb er stehen.

Er sah Damian an.

Nicht mehr wie ein Arzt.

Nicht einmal wie ein Freund.

„Du suchst an der falschen Stelle.“

Damian hob den Blick.

Anton lächelte schwach.

„Der Wein war nur der Anfang.“

Viktor zog ihn hinaus.

Die Tür schloss sich.

Maria stand regungslos da.

Sie wollte nur noch Lina nehmen und dieses Haus verlassen.

Doch Damian sagte ihren Namen.

„Maria.“

Sie drehte sich um.

„Packen Sie Ihre Sachen.“

Ihr Herz sank.

Natürlich.

Sie würde entlassen werden.

Ihre Tochter hatte das verbotene Zimmer betreten. Sie hatten Dinge gesehen, die niemand sehen sollte.

„Es tut mir leid, Herr Wolff. Ich—“

„Sie haben mich falsch verstanden.“

Damian sah zu Lina.

Das Mädchen stand neben seinem Bett und hielt ihren Stoffhasen fest.

„Sie beide verlassen heute nicht den Falkenhof.“

Maria wurde kalt.

„Was bedeutet das?“

Damian blickte zur geschlossenen Tür.

„Anton hatte zwanzig Jahre lang mein Vertrauen. Jemand hat Sicherheitsaufzeichnungen gelöscht. Meine Medikamente wurden ausgetauscht.“

Dann sah er Maria direkt an.

„Und Ihre Tochter hat gerade innerhalb von zwanzig Minuten Dinge bemerkt, die meine Männer seit Wochen übersehen haben.“

Viktor kam wieder herein.

Sein Gesicht war angespannt.

„Chef.“

„Was?“

Viktor hielt ein Tablet in der Hand.

„Wir haben die Sicherungskopie einer Kamera gefunden. Nicht aus dem Keller. Von der hinteren Zufahrt.“

Er legte das Tablet vor Damian.

Das Video war körnig.

Regen.

Ein schwarzes Fahrzeug.

Anton, der eine Kiste aus dem Kofferraum hob.

Dann erschien eine zweite Person im Bild.

Maria konnte nur einen Mantel und eine Hand erkennen.

Doch Damian erkannte etwas anderes.

An dem Finger der unbekannten Person glänzte ein massiver silberner Ring.

Damians Gesicht wurde vollkommen still.

„Stoppen.“

Viktor hielt das Bild an.

Damian starrte auf den Ring.

Maria sah, wie sich etwas in seinen Augen veränderte.

Diesmal war es keine Angst vor dem Tod.

Es war Verrat.

„Sie kennen diesen Ring“, sagte Viktor.

Damian antwortete erst nach mehreren Sekunden.

„Ja.“

„Wem gehört er?“

Damian blickte zu Lina, dann zu Maria.

„Jemandem, der keinen Schlüssel braucht, um in dieses Haus zu kommen.“

Und irgendwo tief im Falkenhof fiel eine Tür ins Schloss.

Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 4, um weiterzulesen.

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