Acht Jahre zuvor hatte Damian selbst angeordnet, dass niemand mehr über die Nacht von Gregors Tod sprechen durfte.
Jetzt sprach das ganze Haus davon.
Nicht mit Worten.
Mit Blicken.
Mit verschlossenen Türen.
Mit Wachleuten, die plötzlich nicht mehr wussten, wem sie vertrauen konnten.
Damian saß aufrecht im Bett, obwohl Dr. Keller ihm mehrfach gesagt hatte, er solle liegen bleiben.
Viktor stand vor ihm.
Maria und Lina waren inzwischen zurück im Zimmer. Damian hatte darauf bestanden. Wenn jemand die Geheimgänge kannte, wollte er die beiden nicht mehr außerhalb seines Blickfeldes wissen.
Auf dem Tisch lag das alte Foto.
Fünf Männer.
Fünf Ringe.
Damian nahm es in die Hand.
„Gregor war mein jüngerer Bruder.“
Maria sagte nichts.
„Er wollte nie dieses Leben. Mein Vater glaubte trotzdem, Blut sei wichtiger als Wille.“
Damian strich mit dem Daumen über Gregors Gesicht.
„Als unser Vater starb, wollte Gregor weg. Ganz weg.“
„Und Konrad?“, fragte Maria.
Damians Blick wurde härter.
„Konrad Weiss war für die Finanzen verantwortlich. Er kannte jede Firma, jedes Konto, jeden Mann, der uns etwas schuldete.“
„Was geschah in der Nacht des Unfalls?“
Damian schwieg lange.
Dann sah er zu Lina.
Das Mädchen saß auf dem Teppich und legte ihren Stoffhasen schlafen.
„Gregor rief mich an.“
Seine Stimme war leiser geworden.
„Er sagte, er hätte Beweise dafür, dass jemand Geld aus unseren Firmen abzweigte. Große Summen. Er wollte mich treffen.“
„Haben Sie ihn getroffen?“
„Nein.“
Damian blickte zum Fenster.
„Wir stritten am Telefon. Ich glaubte, er wollte nur einen Grund, alles hinter sich zu lassen.“
Maria verstand.
„Dann hatte er den Unfall.“
„Eine Stunde später.“
Viktor ergänzte ruhig: „Das Fahrzeug brannte vollständig aus.“
„Und Sie haben die Leiche identifiziert?“, fragte Maria.
Damian sah ihn an.
Viktor antwortete diesmal nicht sofort.
„Nicht direkt.“
Maria spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog.
„Was bedeutet das?“
„Die Identifizierung erfolgte über persönliche Gegenstände und zahnmedizinische Unterlagen.“
Damian drehte den Kopf zu ihm.
„Das höre ich zum ersten Mal.“
Viktor erstarrte.
„Anton kümmerte sich um die medizinische Bestätigung.“
Stille.
Anton.
Wieder Anton.
Damian legte das Foto langsam hin.
„Und Konrad?“
„Verschwand zwei Tage später.“
„Warum haben Sie mir das nie gesagt?“
„Sie wussten, dass er verschwunden war.“
„Nicht, dass Anton meinen Bruder identifiziert hatte.“
Viktor senkte den Blick.
„Damals vertrauten wir ihm.“
„Damals?“
Damian lachte bitter.
„Bis heute Morgen habe ich ihm vertraut.“
Dr. Keller kam vom kleinen Tisch am Fenster zurück.
Er hielt sein Telefon in der Hand.
„Das Labor hat die erste Analyse der Tabletten.“
Alle sahen ihn an.
„Sie enthalten tatsächlich nicht das verschriebene Medikament.“
„Was dann?“, fragte Damian.
„Eine Kombination, die Ihre Herzfrequenz beeinflusst und langfristig schwere Schwäche verursachen kann.“
Maria sah Damian an.
„Also wollte Anton Sie töten.“
Keller hob eine Hand.
„Das kann ich medizinisch nicht behaupten. Aber jemand hat Ihnen bewusst etwas anderes gegeben als das, was auf der Verpackung stand.“
Damian dachte nach.
„Warum langsam?“
Niemand antwortete.
Lina stand plötzlich auf.
Sie ging zu Damian.
Dann berührte sie vorsichtig sein Handgelenk.
Damian ließ es zu.
Das Mädchen fühlte einige Sekunden lang seinen Puls.
Dann lächelte sie.
Ein kleines, zufriedenes Lächeln.
„Besser?“, fragte Damian.
Lina nickte.
Zum ersten Mal an diesem Tag entspannte sich sein Gesicht.
Nur für einen Moment.
Dann klopfte Viktor auf den Tisch.
„Wenn Konrad lebt und dahintersteckt, müssen wir herausfinden, was er will.“
Maria betrachtete die Unterlagen aus dem geheimen Raum.
„Vielleicht steht es bereits hier.“
Sie nahm den medizinischen Ordner.
Zwischen zwei Seiten bemerkte sie eine ungewöhnlich dicke Stelle.
Sie fuhr mit dem Finger darüber.
„Hier ist etwas.“
Viktor nahm ein Messer und öffnete vorsichtig die verklebte Innenseite des Einbands.
Ein kleiner Speicherstick fiel heraus.
Niemand sprach.
Viktor brachte einen isolierten Laptop.
Der Stick enthielt nur einen Ordner.
GREGOR.
Darin lagen mehrere Dokumente.
Alte Kontoauszüge.
Firmenunterlagen.
Fotografien.
Und eine Audiodatei.
Datum: die Nacht des Unfalls.
Damian starrte auf den Bildschirm.
„Abspielen.“
Viktor zögerte.
„Chef—“
„Abspielen.“
Eine verrauschte Stimme erklang.
Gregor.
Damian erkannte sie sofort.
„Wenn du das hörst, ist etwas schiefgegangen.“
Damian schloss die Augen.
Acht Jahre verschwanden aus seinem Gesicht.
„Damian, ich habe mich nicht geirrt. Jemand stiehlt nicht nur Geld. Jemand baut innerhalb unserer Firmen eine zweite Struktur auf.“
Rauschen.
„Anton weiß davon.“
Maria sah zu Damian.
Die Aufnahme ging weiter.
„Ich weiß nicht, ob er beteiligt ist oder nur Angst hat. Konrad hat mir geholfen, die Konten zu finden.“
Damian öffnete die Augen.
Viktor beugte sich näher zum Laptop.
„Konrad wollte Gregor helfen“, sagte Maria.
Die Aufnahme lief weiter.
„Wenn ich es heute nicht zu dir schaffe, such nicht nach Konrad. Such nach dem Mann, dem du niemals misstrauen würdest.“
Dann endete die Datei.
Damian saß vollkommen still.
Viktor sagte: „Anton.“
Doch Damian schüttelte den Kopf.
„Zu einfach.“
Er spielte den letzten Satz erneut ab.
Der Mann, dem du niemals misstrauen würdest.
Maria blickte auf das alte Foto.
Damian.
Gregor.
Anton.
Viktor.
Konrad.
Dann sah sie Viktor an.
Er bemerkte es.
„Sie glauben, Gregor meinte mich?“
„Ich glaube gar nichts.“
Es waren fast dieselben Worte, die Damian zuvor zu Anton gesagt hatte.
Viktor zog langsam seinen eigenen Silberring aus der Tasche.
Er legte ihn auf den Tisch.
„Dann überprüfen Sie mich.“
Damian sah ihn lange an.
„Das werde ich.“
Viktor nickte.
Keine Beleidigung.
Kein Protest.
Genau in diesem Moment kam ein Wachmann herein.
„Wir haben Anton gefunden.“
Alle drehten sich um.
„Wo?“
„Im alten Heizraum.“
„Lebendig?“
Der Mann zögerte.
„Ja. Aber verletzt.“
Anton wurde wenige Minuten später auf einer Trage gebracht.
Eine Platzwunde zog sich über seine Stirn. Seine Hände waren gefesselt.
Als er Damian sah, begann er zu lachen.
„Jetzt hörst du endlich zu.“
Damian blickte ihn kalt an.
„Wer hat meine Medikamente ausgetauscht?“
Anton schwieg.
„Wer hat dich aus dem Sicherheitsraum geholt?“
Wieder Schweigen.
Damian zeigte auf den Laptop.
„Ich habe Gregors Aufnahme.“
Antons Lächeln verschwand.
„Dann weißt du es.“
„Nein.“
Damian beugte sich leicht vor.
„Ich weiß nur, dass du gelogen hast.“
Anton blickte zu Maria.
Dann zu Lina.
Etwas wie Schuld erschien in seinem Gesicht.
„Das Mädchen sollte niemals hineingezogen werden.“
Maria trat einen Schritt vor.
„Aber jemand hat sie fotografiert.“
Anton sah sie erschrocken an.
„Was?“
Maria hielt ihm das Foto hin.
Anton wurde kreidebleich.
„Das war nicht Teil des Plans.“
Damian hörte jedes Wort.
„Welchen Plans?“
Anton schloss die Augen.
„Dich krank zu halten.“
Maria hielt den Atem an.
„Nicht zu töten?“, fragte Damian.
„Nein.“
Anton sah ihn an.
„Wenn ich dich hätte töten wollen, wärst du längst tot.“
„Warum dann das Gift im Wein?“
Anton schüttelte den Kopf.
„Ich habe deinen Wein nie vergiftet.“
Damian erstarrte.
„Der Schlüssel.“
„Wurde mir untergeschoben.“
„Die Tabletten.“
Anton schluckte.
„Die habe ich ausgetauscht.“
Viktor trat näher.
„Warum?“
Anton sah Damian direkt an.
„Weil jemand dich bereits vergiftete.“
Niemand bewegte sich.
„Ich musste deinen Zustand kontrollierbar aussehen lassen“, fuhr Anton fort. „Wenn die Person glaubte, ihr Gift funktioniere, würde sie nicht die Dosis erhöhen.“
Damian starrte ihn an.
„Du hast mich wochenlang geschwächt, um mich zu schützen?“
„Ich brauchte Zeit.“
„Wofür?“
Anton blickte auf den Speicherstick.
„Um Gregor zu finden.“
Die Luft im Zimmer schien zu verschwinden.
Damian stand beinahe auf.
Dr. Keller hielt ihn zurück.
„Was hast du gesagt?“
Anton sah ihn an.
„Dein Bruder ist nicht in diesem Auto gestorben.“
Damian wurde weiß.
„Wo ist er?“
Anton öffnete den Mund.
Doch Lina drehte plötzlich den Kopf.
Sie hatte etwas gespürt.
Ihre Augen wanderten zur Wand hinter Damian.
Dann zum Boden.
Sie rannte zum Bett und zog an seinem Ärmel.
Damian verstand inzwischen genug.
„Jemand kommt.“
Lina nickte heftig.
Viktor zog seine Waffe.
Die Wachleute drehten sich zur Tür.
Doch Lina zeigte nicht dorthin.
Sie zeigte auf die Wand.
Ein dumpfes Klicken ertönte hinter der Holzvertäfelung.
Anton wurde panisch.
„Bringt Damian hier raus!“
Die Wand öffnete sich.
Eine Gestalt trat aus dem dunklen Gang.
Ein Mann mit grauem Haar.
Einer tiefen Narbe am Hals.
Und einem silbernen Wolfsring an der rechten Hand.
Damian hörte auf zu atmen.
Denn obwohl acht Jahre vergangen waren, erkannte er das Gesicht sofort.
„Gregor.“
Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.







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