Das Geräusch der zuschlagenden Tür hallte durch den Ostflügel.
Viktor reagierte sofort.
„Niemand verlässt das Anwesen.“
Er sprach bereits in sein Funkgerät, während er aus Damians Zimmer trat.
„Alle Tore schließen. Zufahrt blockieren. Personal bleibt an seinem aktuellen Standort. Niemand benutzt ein Fahrzeug, bis ich persönlich die Freigabe gebe.“
Maria sah zur Tür.
Vor einer Stunde hatte sie noch geglaubt, ihr größtes Problem sei, dass Lina gegen ihre Anweisung verstoßen hatte.
Jetzt war das gesamte Anwesen abgeriegelt.
Und irgendwo darin befand sich möglicherweise die Person, die Damian seit Wochen langsam vergiftete.
„Herr Wolff“, sagte Maria vorsichtig. „Ich möchte meine Tochter nach Hause bringen.“
„Das weiß ich.“
„Dann lassen Sie uns gehen.“
Damian schwieg.
Dr. Keller überprüfte seinen Puls und warf ihm einen warnenden Blick zu.
„Sie brauchen Ruhe.“
„Später.“
„Ihr Körper interessiert sich nicht für Ihren Zeitplan.“
Normalerweise hätte niemand im Falkenhof so mit Damian gesprochen.
Doch Damian widersprach nicht.
Stattdessen sah er Maria an.
„Wenn Anton wusste, dass Lina ihn gesehen hat, ist sie jetzt eine Zeugin.“
Maria zog ihre Tochter sofort näher an sich.
„Sie ist vier.“
„Genau deshalb unterschätzen Erwachsene, was Kinder sehen.“
Lina blickte zwischen ihnen hin und her.
Dann berührte sie Marias Hand und gebärdete eine Frage.
Warum sind alle böse?
Maria kniete sich hin.
„Niemand ist böse auf dich, mein Schatz.“
Das war nicht ganz wahr.
Anton hatte Lina angesehen, bevor Viktor ihn hinausgeführt hatte.
Maria erinnerte sich jetzt an diesen Blick.
Es war keine Verärgerung gewesen.
Es war Angst.
Damian wandte sich an einen Wachmann.
„Bereiten Sie das Gästezimmer gegenüber vor. Maria und Lina bleiben dort.“
„Ich brauche keine Unterkunft“, widersprach Maria.
„Heute schon.“
„Ich arbeite hier. Ich gehöre nicht zu Ihrer Familie und nicht zu Ihren... Angelegenheiten.“
Damian hielt ihrem Blick stand.
„Deshalb vertraue ich Ihnen im Moment mehr als den meisten Menschen in diesem Haus.“
Maria wusste nicht, ob sie sich dadurch sicherer oder noch beunruhigter fühlen sollte.
Viktor kehrte zurück.
„Alle Ausgänge sind gesichert.“
„Und Anton?“
„Im Sicherheitsraum. Zwei Männer bewachen ihn.“
„Zwei Männer, die seit mindestens drei Jahren für mich arbeiten?“
Viktor verstand die Frage.
„Ja.“
„Dann wechseln Sie sie.“
Viktor nickte.
Damian zeigte auf das eingefrorene Bild auf dem Tablet.
„Vergrößern Sie den Ring.“
Viktor tat es.
Das Bild wurde unscharf, doch das Muster auf dem schweren Silberring blieb erkennbar.
Ein Wolfskopf.
Darunter drei kleine Kerben.
Maria bemerkte, dass Damian die Luft anhielt.
„Was bedeutet das?“, fragte sie.
Damian antwortete nicht sofort.
„Dieser Ring wurde nur fünfmal angefertigt.“
Viktor blickte ihn an.
„Für die alte Führung.“
Damian nickte.
„Mein Vater ließ sie machen.“
Maria verstand nur einen Teil davon.
„Also gehört der Mann zu Ihrer Organisation?“
„Oder gehörte dazu.“
„Wer besitzt die fünf Ringe?“
Damian sah zum Fenster.
„Einer liegt im Grab meines Vaters.“
Eine Pause.
„Einen trage ich nicht mehr.“
„Und die anderen drei?“
Bevor Damian antworten konnte, klopfte es.
Viktor zog seine Waffe.
Maria stellte sich instinktiv vor Lina.
„Wer?“, rief Viktor.
„Keller.“
Der Arzt, der bereits im Zimmer gewesen war, runzelte die Stirn.
Alle sahen ihn an.
Dann kam die Stimme von draußen erneut.
„Dr. Keller. Ich habe die Laborergebnisse.“
Dr. Keller wurde bleich.
„Ich habe niemanden geschickt.“
Viktor bedeutete allen, still zu bleiben.
Er näherte sich der Tür von der Seite.
„Nennen Sie Ihren vollständigen Namen.“
Keine Antwort.
Dann Schritte.
Schnell.
Viktor riss die Tür auf.
Der Flur war leer.
Nur ein weißer Umschlag lag auf dem Boden.
„Nicht anfassen“, sagte Damian.
Viktor zog Handschuhe an und hob ihn auf.
Auf der Vorderseite stand nur ein Name.
LINA.
Maria spürte, wie ihr Körper kalt wurde.
„Nein.“
Sie nahm ihre Tochter auf den Arm.
„Wir gehen.“
„Maria—“
„Nein!“
Zum ersten Mal erhob sie in diesem Haus die Stimme gegen Damian Wolff.
„Sie sagten, sie sei hier sicher. Jemand kennt ihren Namen.“
Damian sah den Umschlag an.
„Genau deshalb können Sie jetzt nicht hinaus.“
„Das entscheiden nicht Sie.“
„Wenn jemand draußen auf Sie wartet, vielleicht doch.“
Maria wollte widersprechen.
Doch sie konnte nicht.
Denn Damian hatte recht.
Viktor öffnete den Umschlag vorsichtig.
Darin befand sich kein Brief.
Nur ein Foto.
Maria erkannte den Ort sofort.
Der kleine Personalraum hinter der Küche.
Auf dem Bild saß Lina auf dem Stuhl, ihren Stoffhasen auf dem Schoß.
Das Foto musste an diesem Morgen aufgenommen worden sein.
Noch bevor sie den verbotenen Flur entdeckt hatte.
Auf der Rückseite standen vier Wörter.
SIE HÄTTE BLEIBEN SOLLEN.
Maria presste Lina an sich.
Damian betrachtete das Foto.
Seine Hand ballte sich langsam zur Faust.
„Viktor.“
„Ja.“
„Wer wusste, dass Maria ihre Tochter heute mitbringt?“
Maria antwortete selbst.
„Niemand.“
Damian sah sie an.
„Überlegen Sie.“
„Ich habe niemandem davon erzählt. Meine Nachbarin, die normalerweise auf Lina aufpasst, wurde heute Morgen krank. Ich hatte keine andere Möglichkeit.“
„Wann haben Sie entschieden, sie mitzunehmen?“
„Kurz vor sechs.“
„Haben Sie jemanden angerufen?“
„Nur Frau Berger, meine Vorgesetzte. Ich wollte fragen, ob ich frei bekommen könnte.“
Viktor und Damian wechselten einen Blick.
„Was hat sie gesagt?“, fragte Viktor.
„Dass heute zu wenig Personal da sei. Sie sagte, ich müsse kommen.“
„Und Lina?“
„Ich sagte ihr, dass ich sie mitbringen müsste.“
Damian schloss kurz die Augen.
„Holen Sie Frau Berger.“
Viktor gab den Befehl weiter.
Lina bewegte sich plötzlich in Marias Armen.
Sie wollte herunter.
„Nicht jetzt.“
Doch Lina zeigte auf das Foto.
Dann auf den Stoffhasen in ihren Händen.
Foto.
Hase.
Foto.
Hase.
„Was ist?“, fragte Maria.
Lina zog an einem der langen Ohren des Stofftiers.
Dann zeigte sie auf das Foto.
Maria betrachtete es genauer.
Auf dem Bild saß Lina im Personalraum.
Der Stoffhase lag auf ihrem Schoß.
Aber etwas stimmte nicht.
„Die Schleife“, flüsterte Maria.
„Welche Schleife?“, fragte Damian.
Maria zeigte auf das Foto.
„Heute Morgen hatte der Hase keine Schleife.“
Auf dem Foto war um eines seiner Ohren ein dünnes schwarzes Band gebunden.
Maria nahm Lina den Hasen vorsichtig ab.
„Lina, hat jemand deinen Hasen genommen?“
Das Mädchen dachte nach.
Dann nickte sie.
Maria spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Wer?“
Lina konnte keinen Namen nennen.
Stattdessen strich sie mit beiden Händen über ihre Kleidung, als würde sie eine Schürze glätten.
Eine Frau.
Dann deutete sie auf ihr Haar und machte eine Bewegung nach hinten.
Zusammengebunden.
Maria dachte an die Angestellten.
„Frau Berger?“
Lina schüttelte den Kopf.
Maria nannte weitere Namen.
Immer wieder Nein.
Dann öffnete sich die Tür.
Viktor führte eine Frau herein.
Helene Berger, Leiterin des Hauspersonals, wirkte verwirrt und verängstigt.
„Was ist passiert?“
Lina sah sie an.
Keine Reaktion.
„Sie war es nicht“, sagte Maria.
Damian beobachtete das Kind.
„Lina.“
Das Mädchen sah zu ihm.
Damian zeigte auf das Foto und dann auf den Flur.
„Kannst du uns zeigen, wo du die Frau gesehen hast?“
Maria wollte sofort Nein sagen.
Doch Lina nickte.
Fünf Minuten später bewegte sich eine ungewöhnliche Gruppe durch Falkenhof.
Viktor vorne.
Zwei bewaffnete Wachleute dahinter.
Maria hielt Linas Hand.
Damian blieb wegen seines Zustands im Zimmer, während Dr. Keller bei ihm blieb.
Lina führte sie durch die Küche.
Am Personalraum vorbei.
Dann blieb sie vor einer schmalen Diensttreppe stehen.
Sie zeigte nach unten.
„Der Keller“, sagte Viktor.
Maria schluckte.
Lina ging drei Stufen hinab.
Dann blieb sie stehen.
An der Wand befand sich eine kleine Tür, die Maria in all den Monaten ihrer Arbeit nie beachtet hatte.
Viktor probierte den Griff.
Verschlossen.
Er nahm sein Funkgerät.
„Schlüssel.“
Lina schüttelte den Kopf.
Sie kniete sich hin und griff hinter eine Heizungsleitung.
Ihre Finger kamen mit etwas Kleinem zurück.
Ein Schlüssel.
Maria erkannte ihn sofort.
Dasselbe Wolfszeichen.
Viktor öffnete die Tür.
Dahinter lag kein gewöhnlicher Abstellraum.
Es war ein schmaler Überwachungsraum.
Monitore.
Kabel.
Ordner.
Und Dutzende ausgedruckte Fotos.
Damian im Garten.
Damian beim Essen.
Damian mit Anton.
Mitarbeiter.
Wachleute.
Maria.
Und Lina.
Viktor trat näher.
Auf einem Tisch lag eine Liste.
Neben mehreren Namen standen Uhrzeiten.
Lieferungen.
Medikamente.
Schichtwechsel.
Ganz unten befand sich ein Name, der rot unterstrichen war.
MARIA REYES.
Daneben stand:
6:20 – KIND KOMMT MIT.
Maria wich einen Schritt zurück.
Dann zeigte Lina plötzlich auf einen der Monitore.
Eine Liveaufnahme.
Damians Schlafzimmer.
Maria sah Damian im Bett.
Dr. Keller stand am Fenster.
Doch hinter Keller bewegte sich die Tür zum angrenzenden Badezimmer.
Langsam.
Fast lautlos.
Eine Gestalt trat heraus.
Maria erkannte zuerst nur die Hand.
Dann den silbernen Wolfsring.
Viktor griff nach seinem Funkgerät.
Doch bevor er sprechen konnte, wurde der Bildschirm schwarz.
Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.







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