Niemand senkte die Waffe.
Nicht einmal Viktor.
Gregor Wolff blieb im offenen Geheimgang stehen, beide Hände sichtbar vor dem Körper.
Acht Jahre hatten ihn verändert. Sein Gesicht war schmaler geworden. Graue Strähnen zogen sich durch sein Haar. Die Narbe an seinem Hals verschwand unter dem Kragen seines dunklen Mantels.
Aber Damian kannte die Augen seines Bruders.
„Du bist tot“, sagte er.
Gregor blickte ihn lange an.
„Das war der Plan.“
Damian versuchte aufzustehen.
Dr. Keller hielt ihn zurück.
„Bleiben Sie sitzen.“
„Fass mich nicht an.“
Seine Stimme brach fast.
Nicht vor Wut.
Vor etwas, das Maria bei ihm noch nie gesehen hatte.
„Acht Jahre.“
Gregor trat einen Schritt vor.
Viktor hob die Waffe höher.
„Stehen bleiben.“
Gregor gehorchte.
Sein Blick wanderte zu Anton.
„Du solltest nicht hier sein.“
Anton lachte bitter.
„Das könnte ich über dich sagen.“
Damian sah zwischen ihnen hin und her.
„Ihr habt miteinander gearbeitet.“
Anton schwieg.
Gregor antwortete.
„Ja.“
Damian starrte seinen Bruder an.
„Dann fang an zu reden.“
Gregor atmete langsam aus.
„In der Nacht des Unfalls sollte ich sterben.“
„Wer wollte dich töten?“
„Der Mann, dessen Konten ich gefunden hatte.“
„Name.“
Gregor sah zu Viktor.
Sofort spannte sich der Raum an.
Viktors Finger lag am Abzug.
Maria zog Lina näher zu sich.
Gregor sagte jedoch nicht Viktors Namen.
„Konrad.“
Damian runzelte die Stirn.
„Konrad hat dir geholfen.“
„Am Anfang.“
Gregor blickte auf den Laptop.
„Er half mir, die ersten Konten zu finden, weil er glaubte, ich hätte nur einen kleinen Betrug entdeckt. Als ich tiefer ging, verstand ich, dass die zweite Struktur ihm gehörte.“
„Warum hast du in der Aufnahme gesagt, man solle nicht nach ihm suchen?“
„Weil ich wusste, dass Konrad die Aufnahme finden könnte.“
Damian verstand langsam.
„Du hast gelogen.“
„Ich habe ihm eine falsche Spur gegeben.“
„Und mir gleich mit.“
„Du solltest nicht suchen.“
Damians Gesicht verhärtete sich.
„Du hattest nicht das Recht, das zu entscheiden.“
Gregor senkte den Blick.
„Nein.“
Das einfache Wort traf härter als jede Rechtfertigung.
Anton bewegte sich auf der Trage.
„Gregor kam in jener Nacht nicht zum vereinbarten Treffpunkt. Sein Wagen wurde von der Straße gedrängt. Er überlebte.“
„Und die Leiche?“, fragte Viktor.
Anton sah ihn an.
„Nicht Gregor.“
„Wessen Leiche lag im Wagen?“
„Die eines Mannes, der bereits tot war.“
Maria wurde kalt.
„Sie haben die Identität gefälscht.“
Anton nickte.
„Ich habe die zahnmedizinischen Unterlagen manipuliert.“
Damian sah ihn mit einer Mischung aus Zorn und Unglauben an.
„Du hast mich meinen Bruder begraben lassen.“
„Ich habe Konrad glauben lassen, Gregor sei tot.“
„Und mich gleich mit.“
„Ja.“
Damian wandte sich ab.
Maria sah, wie seine Hand zitterte.
Lina bemerkte es ebenfalls.
Sie löste sich von Maria und ging langsam zum Bett.
Niemand hielt sie auf.
Sie legte ihre kleine Hand in Damians.
Damian blickte hinunter.
Seine Finger schlossen sich vorsichtig darum.
Gregor beobachtete die beiden.
„Wer ist das?“
Damian antwortete, ohne aufzusehen.
„Das Kind, das heute mehr Wahrheit gefunden hat als alle Männer in diesem Haus.“
Lina blickte zu Gregor.
Dann auf seinen Ring.
Sie zeigte auf ihn.
Danach auf das alte Foto.
Gregor sah Viktor an.
„Sie ist aufmerksam.“
„Sehr“, sagte Viktor.
Damian hob den Kopf.
„Wenn Konrad hinter allem steckt, warum kommst du erst jetzt zurück?“
Gregor schwieg.
„Acht Jahre, Gregor.“
„Weil ich keine Beweise hatte, die dich erreicht hätten, ohne vorher durch seine Hände zu gehen.“
„Konrad ist seit acht Jahren verschwunden.“
Gregor lächelte traurig.
„Sein Name ist verschwunden.“
Damian sagte nichts.
„Seine Leute nicht.“
Gregor ging langsam zum Tisch.
Viktor folgte jeder Bewegung mit der Waffe.
„Die Firmenstruktur, die ich damals entdeckt habe, existiert noch. Andere Namen. Andere Konten. Aber dieselben Geldströme.“
„Warum mich vergiften?“
Gregor sah Anton an.
Anton antwortete.
„Weil Damian vor drei Monaten eine interne Prüfung angeordnet hat.“
Damian erinnerte sich.
„Die Hafenbeteiligungen.“
Gregor nickte.
„Du bist zu nahe gekommen.“
Maria blickte auf die medizinischen Unterlagen.
„Also sollte er sterben, bevor er etwas findet.“
„Nicht sofort“, sagte Gregor.
„Warum?“
„Weil Damians plötzlicher Tod Fragen ausgelöst hätte.“
Gregor zeigte auf die Akten.
„Aber ein Mann, dessen Gesundheit über Monate zerfällt? Ein Mann, der bereits einen Giftanschlag überlebt hat und immer schwächer wird? Irgendwann hätte niemand mehr gefragt.“
Damian sah Anton an.
„Und deshalb hast du meine Medikamente ausgetauscht.“
Anton nickte.
„Ich konnte das ursprüngliche Gift nicht identifizieren. Also habe ich versucht, die Symptome vorhersehbar zu machen und gleichzeitig nach der Quelle zu suchen.“
Dr. Keller schüttelte fassungslos den Kopf.
„Sie hätten ihn trotzdem töten können.“
Anton sah ihn an.
„Das weiß ich.“
Damian blieb kalt.
„Du erwartest keine Vergebung.“
„Nein.“
„Gut.“
Gregor trat näher.
„Das größere Problem ist, dass Konrad heute weiß, dass sein Plan gescheitert ist.“
„Woher?“
„Weil die Überwachung ausgefallen ist.“
Maria dachte an den geheimen Raum.
„Die Kameras.“
Gregor nickte.
„Dieser Raum gehört nicht mir.“
Viktor senkte die Waffe ein kleines Stück.
„Dann wem?“
„Konrad.“
Stille.
Maria sah zur offenen Wand.
„Sie sind durch seine Gänge gekommen.“
„Ja.“
„Und Sie wussten, dass er Damian beobachtet.“
„Seit heute Morgen.“
Damian wurde wütend.
„Du warst seit heute Morgen hier?“
Gregor sah ihn an.
„Ich kam, nachdem Anton mir eine Nachricht geschickt hatte.“
„Welche Nachricht?“
Anton schloss die Augen.
„Das Kind hat die Flasche bemerkt.“
Maria blickte sofort zu Lina.
„Sie wussten von ihr?“
„Nur, dass ein Kind etwas gesehen hatte, das wir übersehen hatten.“
„Und das Foto mit der Drohung?“
Gregor schüttelte den Kopf.
„Nicht von uns.“
Damian wandte sich an Viktor.
„Dann ist Konrad oder einer seiner Leute noch im Haus.“
Viktor griff zum Funkgerät.
Doch Lina zog plötzlich an Marias Hand.
Sie zeigte auf Gregors Mantel.
„Was ist?“
Lina deutete auf seine rechte Tasche.
Gregor sah hinunter.
„Da ist nichts.“
Lina bestand darauf.
Viktor trat vor.
„Leeren.“
Gregor griff langsam hinein.
Seine Hand kam mit einem kleinen schwarzen Gegenstand heraus.
Nicht größer als eine Münze.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das gehört nicht mir.“
Viktor nahm es.
Dr. Keller betrachtete das Gerät.
„Ein Sender?“
Gregor wurde bleich.
„Tracker.“
Alle verstanden gleichzeitig.
Konrad hatte Gregor nicht nur beobachtet.
Er hatte ihn bis hierher verfolgt.
Viktor fluchte und sprach sofort ins Funkgerät.
„Komplette Außensicherung. Jetzt!“
Keine Antwort.
„Tor Eins, melden.“
Stille.
„Tor Zwei?“
Nur Rauschen.
Dann gingen die Lichter aus.
Das gesamte Zimmer versank in Dunkelheit.
Maria hörte Lina erschrocken einatmen.
Notbeleuchtung sprang an.
Rotes Licht erfüllte den Raum.
Viktor zog Maria und Lina hinter eine massive Kommode.
„Runter.“
Draußen ertönte ein dumpfer Schlag.
Dann ein zweiter.
Damian sah Gregor an.
„Wie viele Männer hat Konrad?“
Gregor lauschte.
„Wenn er selbst gekommen ist?“
Ein weiterer Schlag.
Näher.
„Genug.“
Viktors Funkgerät erwachte plötzlich.
Eine fremde Stimme sprach.
„Damian Wolff.“
Niemand antwortete.
„Schön, dass die Familie wieder zusammen ist.“
Gregor wurde starr.
Damian erkannte die Stimme ebenfalls.
Konrad.
„Du willst mich?“, fragte Damian.
„Seit acht Jahren.“
„Dann komm herein.“
Ein leises Lachen.
„Du hast dich kein bisschen verändert.“
Damian blickte zur Tür.
„Du auch nicht. Du versteckst dich noch immer hinter anderen Männern.“
Stille.
Dann sagte Konrad:
„In fünf Minuten öffnet sich das Haupttor.“
Viktor sah auf seine Uhr.
„Wenn jemand versucht, es zu verhindern, werden die Beweise über eure gesamte Organisation vernichtet.“
Damian antwortete ruhig.
„Und wenn wir es öffnen?“
„Dann bekomme ich nur das, was mir gehört.“
„Was?“
Konrad lachte erneut.
„Gregor weiß es.“
Alle sahen zu ihm.
Gregor wurde bleich.
Damian bemerkte es.
„Was meint er?“
Gregor antwortete nicht.
„Gregor.“
Sein Bruder schloss kurz die Augen.
Dann griff er unter sein Hemd und zog eine dünne Kette hervor.
Daran hing ein kleiner Metallschlüssel.
„Die Konten waren nie das Wichtigste.“
Damian starrte ihn an.
„Was öffnet der Schlüssel?“
Gregor blickte zu Lina.
Dann zu Damian.
„Das Archiv deines Vaters.“
In diesem Moment begann Lina heftig den Kopf zu schütteln.
Sie zeigte nicht auf den Schlüssel.
Sie zeigte auf die Zimmerdecke.
Maria folgte ihrem Blick.
Ein kaum sichtbares rotes Licht blinkte dort.
Einmal.
Zweimal.
Viktor hob den Kopf.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das ist keine Kamera.“
Dr. Keller wich zurück.
„Was dann?“
Viktor packte Damian.
„Alle raus!“
Und aus dem kleinen Gerät über ihnen begann ein schneller Piepton.
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