Unterhaltung

Der sterbende Mafiaboss feuerte jede Krankenschwester – bis die gehörlose Tochter einer Reinigungskraft sein verbotenes Zimmer betrat

„Ostflügel! Sofort!“

Viktors Stimme donnerte durch das Funkgerät.

Noch bevor die Antwort kam, rannte er los.

Maria packte Lina hoch und folgte ihm bis zur Diensttreppe, doch einer der Wachleute stellte sich ihr in den Weg.

„Bleiben Sie hier.“

„Damian ist dort oben!“

„Genau deshalb.“

Auf dem schwarzen Monitor erschien für einen Sekundenbruchteil wieder ein Bild.

Damian lag noch im Bett.

Dr. Keller drehte sich gerade zur Badezimmertür um.


Dann verschwand das Signal erneut.

Maria sah zu Lina.

Das Mädchen starrte nicht auf den Monitor.

Sie starrte auf die Wand.

Dann legte sie ihre Handfläche dagegen.

„Was ist?“

Lina klopfte zweimal gegen den Putz.

Wartete.

Klopfte erneut.

Dann zeigte sie nach oben.


Maria verstand.

„Jemand bewegt sich in der Wand?“

Lina nickte.

Der Wachmann runzelte die Stirn.

„Hier gibt es keine Gänge.“

Maria sah auf die Überwachungsbilder, die überall im Raum verteilt waren.

„Sind Sie sicher?“

Der Mann antwortete nicht.

Lina ging zur hinteren Wand und strich mit den Fingern über die Holzvertäfelung. Schließlich blieb sie an einer kaum sichtbaren Fuge stehen.

Maria half ihr.


Gemeinsam drückten sie dagegen.

Nichts.

Dann bemerkte Maria einen kleinen Metallknopf unter einem Regal.

Sie drückte ihn.

Ein Teil der Wand sprang auf.

Dahinter lag ein schmaler, dunkler Gang.

Der Wachmann fluchte.

„Zurück.“

Er zog seine Waffe und leuchtete hinein.

Staub lag auf dem Boden.


Aber nicht überall.

In der Mitte verlief eine frische Spur.

Jemand hatte diesen Gang vor Kurzem benutzt.

Oben im Ostflügel stieß Viktor währenddessen die Tür zu Damians Schlafzimmer auf.

Dr. Keller stand neben dem Bett.

Allein.

„Wo ist er?“

„Wer?“

„Die Person aus dem Badezimmer.“

Keller sah ihn verständnislos an.


Viktor kontrollierte den Raum.

Badezimmer.

Schrank.

Fenster.

Niemand.

Dann bemerkte er hinter dem Spiegel im Badezimmer einen schmalen Luftzug.

Er drückte gegen den Rahmen.

Der Spiegel bewegte sich.

Dahinter befand sich eine Öffnung.

Damian sah vom Bett aus zu ihm.


„Das war früher ein Fluchtweg.“

Viktor drehte sich um.

„Früher?“

„Mein Vater ließ die Gänge nach seinem Tod versiegeln.“

„Offenbar nicht alle.“

Damians Gesicht wurde hart.

„Nein.“

Viktors Funkgerät knackte.

„Wir haben unten einen Zugang gefunden.“

Maria.


Viktor schloss kurz die Augen.

Das bedeutete, dass jemand im Falkenhof seit Jahren Wege benutzen konnte, die sein Sicherheitssystem nicht erfasste.

„Alle bekannten Baupläne“, sagte Damian. „Jetzt.“

„Die offiziellen Pläne werden diese Gänge wahrscheinlich nicht zeigen.“

„Dann suchen Sie die alten.“

Viktor wollte gehen.

„Und Viktor.“

Er blieb stehen.

„Anton bleibt am Leben.“

„Verstanden.“


„Ich möchte wissen, wer ihn bezahlen konnte, mich langsam sterben zu sehen.“

Im Keller war Maria inzwischen zurück in den Überwachungsraum gegangen.

Lina saß auf einem Stuhl und hielt ihren Hasen fest.

Plötzlich zeigte sie auf einen Ordner.

Maria nahm ihn herunter.

Auf dem Rücken stand:

MEDIZINISCH – WOLFF.

Sie öffnete ihn.

Darin befanden sich Kopien von Laborwerten, Medikamentenplänen und ärztlichen Berichten.

Einige kannte sie nicht.


Andere trugen Antons Unterschrift.

Doch auf mehreren Seiten waren Werte mit roter Tinte verändert worden.

Maria verstand die medizinischen Zahlen nicht.

Aber sie verstand Daten.

Die Veränderungen hatten Monate vor Damians Zusammenbruch begonnen.

„Viktor muss das sehen.“

Sie wollte den Ordner schließen.

Da fiel ein Foto heraus.

Es zeigte Damian viele Jahre jünger.

Neben ihm standen vier Männer.


Einer davon war Anton.

Ein zweiter war Viktor, ebenfalls deutlich jünger.

Der dritte Mann war ihr unbekannt.

Der vierte hatte den Arm um Damians Schulter gelegt.

Auf ihren Händen glänzten dieselben Wolfsringe.

Maria drehte das Foto um.

Fünf Namen waren handschriftlich notiert.

Damian Wolff.

Gregor Wolff.

Anton Falk.

Viktor Brandt.

Konrad Weiss.

Maria las die Namen noch einmal.

Gregor.

Wolff.

Als Viktor wenige Minuten später zurückkam, hielt Maria ihm das Foto entgegen.

„Wer ist Gregor?“

Viktor blieb stehen.

Sein Gesicht verriet die Antwort, bevor er sprach.

„Damians Bruder.“

Maria blickte wieder auf das Bild.

„Wo ist er?“

„Tot.“

„Seit wann?“

„Acht Jahre.“

„Sind Sie sicher?“

Viktors Augen wurden schmal.

„Ich habe seinen Sarg getragen.“

„Das habe ich nicht gefragt.“

Stille.

Viktor nahm ihr das Foto ab.

Dann betrachtete er die Liste der fünf Namen.

„Gregor starb bei einem Autounfall.“

„Und Konrad Weiss?“

„Verschwunden. Kurz nach Gregors Tod.“

Maria deutete auf die roten Markierungen in den medizinischen Unterlagen.

„Jemand hat Damian schon viel länger überwacht, als Anton heute zugegeben hat.“

Viktor blätterte durch die Seiten.

Sein Gesicht wurde immer düsterer.

Dann klingelte sein Telefon.

Er hörte schweigend zu.

„Wann?“

Pause.

„Sperren Sie den Raum.“

Er legte auf.

„Anton ist weg.“

Maria wurde kalt.

„Was?“

„Die beiden neuen Wachleute fanden den Sicherheitsraum leer.“

„Wie kann ein kranker Arzt aus einem verschlossenen Raum verschwinden?“

Viktor sah zur offenen Geheimtür.

„Vielleicht war er nie wirklich eingeschlossen.“

Sie liefen zurück in den Flur.

Der Sicherheitsraum lag nur zwei Korridore entfernt.

Die Tür war unbeschädigt.

Das Schloss funktionierte.

Innen stand ein leerer Stuhl.

An der Rückwand war jedoch eine Holzplatte geöffnet.

Noch ein geheimer Zugang.

Auf dem Boden lag Blut.

Nur wenige Tropfen.

Daneben Antons Brille.

Und mit Blut waren drei Buchstaben auf den Boden geschrieben worden.

K.

W.

D.

Viktor starrte darauf.

„Was bedeutet das?“, fragte Maria.

„Ich weiß es nicht.“

Aber seine Stimme klang nicht überzeugend.

Lina kniete sich hin.

Sie durfte das Blut nicht berühren, also hielt Maria sie zurück.

Das Mädchen zeigte stattdessen auf die Buchstaben.

Dann auf das Foto in Viktors Hand.

Ihr Finger landete auf einem Namen.

Konrad Weiss.

Viktor wurde still.

K.W.

Die ersten beiden Buchstaben.

Aber D?

Maria blickte auf Damian Wolffs Namen.

Dann verstand sie.

„Konrad Weiss. Damian.“

Viktor schüttelte langsam den Kopf.

„Oder Konrad Weiss lebt... und will Damian.“

Plötzlich ertönte über die Lautsprecher des Falkenhofs ein Knacken.

Eine Stimme erfüllte das gesamte Anwesen.

Verzerrt.

Tief.

„Damian.“

Maria erstarrte.

Viktor griff nach seinem Funkgerät.

Die Stimme sprach weiter.

„Du hast immer geglaubt, Verrat käme von Männern, die Geld wollen.“

Damian hörte dieselben Worte oben in seinem Zimmer.

Dr. Keller stand neben ihm.

Wachleute sicherten beide Türen.

Damian bewegte sich nicht.

„Aber Geld“, sagte die Stimme, „war nie der Grund.“

Dann wurde ein leises Geräusch übertragen.

Ein Atemzug.

Und danach ein Satz.

„Frag deinen Bruder, was in jener Nacht wirklich passiert ist.“

Damian wurde bleich.

Viktor starrte im Sicherheitsraum auf den Lautsprecher.

Maria sah ihn an.

„Gregor ist tot.“

Viktor antwortete nicht.

Oben hob Damian langsam den Kopf.

Zum ersten Mal, seit Maria ihn kannte, sah er nicht gefährlich aus.

Er sah erschüttert aus.

Denn es gab einen Teil von Gregors Tod, über den im Falkenhof seit acht Jahren niemand sprechen durfte.

Und nur drei Menschen hatten gewusst, warum.

Damian.

Anton.

Und Konrad Weiss.

Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.

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