Johannes schlief in dieser Nacht nicht.
Der einäugige Teddybär lag auf seinem Schreibtisch, genau dort, wo wenige Stunden zuvor noch Verträge und Berichte gelegen hatten. Er hatte alles andere beiseitegeschoben.
Nur dieses Stofftier nicht.
Sein Daumen strich über die ausgefranste Naht an der Unterseite.
**EMILY MERCER.**
Der Name war nicht aufgedruckt. Nicht später mit einem Stift ergänzt. Er war mit dunkelblauem Faden in den Stoff gestickt worden, ungleichmäßig und an zwei Stellen schief.
Johannes kannte jeden einzelnen Stich.
„Meine Mutter hat das gemacht“, sagte er.
Ralf stand auf der anderen Seite des Schreibtisches und schwieg.
Johannes hob langsam den Blick.
„Ich habe sie dabei gesehen.“
Für einen Moment war er wieder elf Jahre alt.
Emily war sechs gewesen und hatte sich darüber beschwert, dass ihr Teddy keinen Namen besaß. Ihre Mutter hatte gelacht, Nadel und Faden geholt und schließlich Emilys eigenen Namen unter den Bauch des Stofftiers gestickt, damit, wie sie gesagt hatte, niemand jemals vergessen konnte, wem er gehörte.
Johannes hatte sie dafür ausgelacht.
Emily hatte ihm den Teddy gegen den Arm geschlagen.
Am nächsten Abend hatte sie ihn vor seine Schlafzimmertür gesetzt.
Am Morgen danach war seine Schwester verschwunden.
Johannes schloss die Hand um das Stofftier.
„Audrey darf nicht wissen, dass wir darüber sprechen.“
Ralf nickte.
„Und das Mädchen?“
Johannes sah ihn scharf an.
„Vor allem Lina nicht.“
„Sie ist drei.“
„Genau deshalb.“
Ralf verstand.
Kinder erzählten Dinge, ohne zu wissen, dass sie Geheimnisse waren.
Johannes stand auf und ging zum Fenster. Hinter dem Glas lag das Anwesen still und schwarz. Die Kameras bewegten sich über das Gelände, dieselben mechanischen Augen, die seit Jahren jeden Winkel überwachten.
„Finden Sie heraus, woher der Teddy kommt.“
„Audrey fragen?“
„Nein.“
Johannes drehte sich um.
„Tristan.“
Ralf verzog kaum merklich das Gesicht.
„Wir suchen seit drei Wochen nach ihm.“
„Dann haben wir bisher nach einem Mann gesucht, der 187.000 Euro schuldet.“
Johannes blickte auf den Teddy.
„Suchen Sie jetzt nach einem Mann, der möglicherweise etwas über Emily wusste.“
Am nächsten Morgen bemerkte Audrey sofort, dass etwas anders war.
Niemand sagte etwas.
Das war beinahe schlimmer.
Doris stellte ihr wie gewöhnlich die Aufgabenliste hin, doch ihre Augen wanderten zweimal zur Küchentür. Werner, der sonst kaum von seiner Arbeit draußen aufsah, beobachtete Audrey durch das Fenster. Und als Ralf kurz nach sieben Uhr erschien, blieb er ungewöhnlich lange stehen.
„Hat Lina gut geschlafen?“
Audrey hielt mitten in der Bewegung inne.
In neun Tagen hatte Ralf noch nie nach ihrer Tochter gefragt.
„Ja.“
„Gut.“
Er ging.
Audrey sah ihm nach.
Ein kaltes Gefühl kroch ihr den Rücken hinauf.
Als sie später in ihr Zimmer zurückkehrte, saß Lina auf dem Boden und malte.
„Wo ist dein Teddy?“
Lina sah auf.
„Bei dem traurigen Mann.“
Audrey erstarrte.
„Bei Herrn Mercer?“
Lina nickte fröhlich.
„Er braucht ihn.“
Audrey kniete sich vor ihre Tochter.
„Lina, du darfst nicht mehr zu diesem Mann gehen. Hast du verstanden?“
Das Lächeln des Kindes verschwand.
„Warum?“
Audrey suchte nach einer Antwort, die eine Dreijährige verstehen konnte.
Weil gefährliche Männer manchmal freundlich aussehen.
Weil eine Pistole auf seinem Schreibtisch lag.
Weil Menschen in Hamburg seinen Namen nur leise aussprachen.
Weil dein Vater uns mit einer Schuld zurückgelassen hat, die uns in dieses Haus gebracht hat.
Stattdessen sagte sie: „Weil Mama dich beschützen muss.“
Lina sah sie lange an.
Dann fragte sie leise: „Ist er böse?“
Audrey erinnerte sich an Johannes’ Gesicht, als Lina ihn gefragt hatte, ob seine Narbe wehgetan hatte.
„Ich weiß es nicht.“
Das war die Wahrheit.
Am Nachmittag wurde Audrey in den Ostflügel gerufen.
Zum ersten Mal.
Ralf wartete am Ende des Flurs.
„Der Chef möchte mit Ihnen sprechen.“
Audreys Magen zog sich zusammen.
Sie trat in dasselbe Arbeitszimmer, in dem sie am Vortag ihre Tochter gefunden hatte.
Johannes saß hinter dem Schreibtisch.
Die Pistole war verschwunden.
Der Teddy ebenfalls.
„Setzen Sie sich.“
Audrey blieb stehen.
„Ich stehe lieber.“
Etwas flackerte in seinem Blick, doch er kommentierte es nicht.
„Wie lange waren Sie mit Tristan verheiratet?“
Die Frage traf sie unvorbereitet.
„Sieben Jahre.“
„Wo haben Sie ihn kennengelernt?“
„Was hat das mit meiner Arbeit hier zu tun?“
Johannes lehnte sich zurück.
„Beantworten Sie die Frage.“
Audrey presste die Lippen zusammen.
„In Lübeck. Ich arbeitete damals in einem Hotel. Er war dort wegen einer Baustelle.“
„Familie?“
„Keine, über die er gesprochen hat.“
„Freunde?“
„Ein paar.“
„Besitz? Alte Gegenstände? Dinge, die er mit in die Ehe gebracht hat?“
Jetzt wurde Audrey aufmerksam.
„Warum fragen Sie mich das?“
Johannes schwieg einen Augenblick zu lange.
Audrey spürte es sofort.
Das hier ging nicht um die Schulden.
„Was hat Tristan getan?“
„Das versuche ich herauszufinden.“
„Sie haben gesagt, er schuldet Ihnen Geld.“
„Das tut er.“
„Dann warum fragen Sie nach alten Gegenständen?“
Johannes’ Gesicht wurde wieder vollkommen ausdruckslos.
„Woher hat Lina ihren Teddybären?“
Audreys Atem stockte.
Jetzt verstand sie zumindest einen Teil.
„Von Tristan.“
Johannes bewegte sich nicht.
Nicht sichtbar.
Aber Audrey sah, wie sich seine Finger am Rand des Schreibtisches anspannten.
„Wann?“
„Kurz nach ihrer Geburt.“
„Hat er gesagt, woher er ihn hatte?“
„Nein. Er sagte nur, er hätte ihn schon sehr lange.“
Johannes’ Stimme wurde leiser.
„Wie lange?“
Audrey schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
„Denken Sie nach.“
„Ich denke nach.“
Zum ersten Mal lag Ärger in ihrer Stimme.
„Ich habe sieben Jahre mit einem Mann gelebt, der eines Morgens verschwunden ist und mir 187.000 Euro Schulden hinterlassen hat. Glauben Sie wirklich, ich hätte nicht jede Unterhaltung mit ihm hundertmal im Kopf wiederholt?“
Johannes sagte nichts.
Audrey atmete schwer.
Dann erinnerte sie sich.
Nicht an Tristan.
An eine Kiste.
„Es gab etwas.“
Johannes richtete sich auf.
„Was?“
„Eine alte Metallkiste.“
„Wo?“
„In unserer Wohnung.“
„Was war darin?“
„Ich weiß es nicht. Tristan hat sie immer abgeschlossen.“
Johannes stand auf.
„Ist sie noch dort?“
Audrey wich instinktiv einen Schritt zurück.
„Vielleicht.“
„Ralf.“
Die Tür öffnete sich sofort.
Johannes gab ihm nur einen Blick.
„Die Wohnung.“
Ralf nickte und verschwand.
Audrey starrte Johannes an.
„Was ist mit diesem Teddy?“
Johannes antwortete nicht.
„Herr Mercer.“
„Gehen Sie zu Ihrer Tochter.“
„Nein.“
Das Wort überraschte sie selbst.
Johannes’ Augen wurden kalt.
Doch Audrey blieb stehen.
„Mein Mann ist verschwunden. Meine Tochter besitzt offenbar etwas, das Sie nervös macht. Und plötzlich durchsuchen Ihre Männer meine Wohnung. Ich habe ein Recht zu erfahren, warum.“
Johannes sah sie lange an.
Dann öffnete er eine Schublade.
Er nahm den Teddy heraus und legte ihn vorsichtig auf den Tisch.
Drehte ihn um.
Audrey trat näher.
Sie sah die Stickerei.
**EMILY MERCER.**
„Wer ist Emily?“, fragte sie.
Johannes’ Gesicht veränderte sich.
Nur für einen Augenblick.
Aber diesmal sah Audrey den Mann hinter all der Kälte.
„Meine Schwester.“
Audrey blickte vom Namen zu ihm.
„Wo ist sie?“
Johannes’ Antwort kam erst nach mehreren Sekunden.
„Seit fünfundzwanzig Jahren verschwunden.“
In diesem Moment vibrierte Ralfs Telefon auf dem Schreibtisch.
Johannes nahm ab.
Er hörte schweigend zu.
Sein Gesicht wurde mit jedem Satz härter.
„Fassen Sie nichts an“, sagte er schließlich.
Dann legte er auf.
Audrey wusste sofort, dass etwas gefunden worden war.
„Was?“
Johannes sah sie an.
„Die Metallkiste war noch da.“
Audrey hielt den Atem an.
„Und?“
„Sie war offen.“
Er griff nach seiner Jacke.
„Jemand war vor uns dort.“
Audreys Herz begann schneller zu schlagen.
Johannes ging bereits zur Tür, blieb jedoch neben ihr stehen.
„Und Audrey?“
Sie sah zu ihm auf.
„In der Kiste lag ein Foto.“
„Von wem?“
Johannes’ Blick wanderte für einen Moment zu dem einäugigen Teddy.
Dann wieder zu ihr.
„Von Tristan.“
Eine Pause.
„Und meiner Schwester Emily.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 4, um weiterzulesen.**







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