Audrey brauchte mehrere Sekunden, um zu verstehen, was Johannes gerade gesagt hatte.
„Tristan kannte Ihre Schwester?“
Johannes antwortete nicht sofort.
Er nahm den Teddy vom Schreibtisch und legte ihn zurück in die Schublade. Diesmal schloss er sie ab.
„Das Foto beweist nur, dass sie irgendwann zusammen fotografiert wurden.“
„Ihre Schwester ist seit fünfundzwanzig Jahren verschwunden.“
„Ja.“
„Tristan ist siebenunddreißig.“
Johannes blieb stehen.
Audrey rechnete im Kopf.
„Dann war er damals ein Kind.“
„Zwölf.“
„Also kann dieses Foto nicht neu sein.“
„Nein.“
Ein unangenehmes Schweigen entstand.
Plötzlich wirkte Tristans Vergangenheit nicht mehr wie eine Reihe belangloser Lücken, die Audrey während ihrer Ehe akzeptiert hatte.
Sieben Jahre.
Sieben Jahre gemeinsames Frühstück, Rechnungen, Geburtstage, Streitigkeiten und Versöhnungen. Sie hatte geglaubt, einen verschlossenen Mann geheiratet zu haben.
Jetzt fragte sie sich, ob sie überhaupt gewusst hatte, wen sie geheiratet hatte.
Johannes öffnete die Tür.
„Sie kommen mit.“
„Wohin?“
„In Ihre Wohnung.“
Vierzig Minuten später hielt der schwarze Wagen vor dem Mehrfamilienhaus, das Audrey bis vor neun Tagen Zuhause genannt hatte.
Ralf wartete bereits oben.
Die Wohnungstür zeigte keine Einbruchsspuren.
Drinnen war alles fast genauso, wie Audrey es verlassen hatte.
Fast.
Ein Küchenstuhl stand falsch.
Eine Schublade war nicht vollständig geschlossen.
Und im Schlafzimmer lag Tristans Seite des Kleiderschranks offen.
Audrey bemerkte diese Kleinigkeiten sofort.
„Jemand war hier.“
Ralf nickte.
„Sehr wahrscheinlich.“
Die Metallkiste stand auf dem Bett.
Sie war kaum größer als ein Schuhkarton, dunkelgrau, an den Kanten verkratzt. Das kleine Vorhängeschloss, das Audrey jahrelang daran gesehen hatte, war verschwunden.
Johannes trat näher.
Auf dem Bett daneben lag ein altes Foto.
Audrey nahm es nicht in die Hand.
Sie musste es nicht.
Tristan war darauf vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt. Dünner als der Mann, den sie später geheiratet hatte, mit längeren Haaren und einem Gesicht, das noch nicht gelernt hatte, seine Gedanken zu verbergen.
Neben ihm stand ein kleines blondes Mädchen.
Sie hielt einen einäugigen Teddybären.
Audreys Magen zog sich zusammen.
„Emily?“
„Ja“, sagte Johannes.
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Auf dem Foto lächelte Emily.
Johannes nicht.
Er stand ebenfalls darauf.
Ein Junge am Rand des Bildes, elf Jahre alt, die Arme vor der Brust verschränkt.
Audrey blickte zu dem erwachsenen Mann neben sich.
„Sie kannten Tristan.“
Johannes’ Kiefer spannte sich an.
„Nein.“
„Sie stehen zusammen auf einem Foto.“
„Ich kannte den Jungen nicht unter diesem Namen.“
Audrey sah wieder auf das Bild.
Ralf zog ein Paar Handschuhe an und untersuchte die Kiste.
Darin lagen nur noch drei Dinge.
Ein leerer brauner Umschlag.
Ein alter Messingschlüssel.
Und ein zusammengefaltetes Stück Papier.
Ralf öffnete es vorsichtig.
Auf dem Papier standen vier Wörter.
**Frag Johannes nach Keller Drei.**
Audrey las den Satz zweimal.
Dann sah sie Johannes an.
Er war vollkommen still geworden.
„Was ist Keller Drei?“
„Nichts.“
Ralf hob langsam den Blick.
Das genügte.
Audrey bemerkte es.
„Sie lügen.“
Johannes wandte sich zu ihr.
„Passen Sie auf.“
„Nein. Sie haben mich hierhergebracht. Sie durchsuchen meine Wohnung. Mein verschwundener Mann kannte Ihre Schwester, und jetzt liegt in seiner Kiste eine Nachricht mit Ihrem Namen. Sagen Sie mir, was Keller Drei ist.“
Johannes trat näher.
Früher hätte Audrey wahrscheinlich zurückgewichen.
Diesmal tat sie es nicht.
„Es gibt unter dem Ostflügel drei Kellerräume“, sagte er schließlich. „Der dritte wurde vor fünfundzwanzig Jahren versiegelt.“
„Warum?“
Johannes sah auf das Foto.
„Weil dort Blut gefunden wurde.“
Audrey wurde kalt.
„Von Emily?“
„Das konnte damals niemand beweisen.“
Ralf unterbrach sie.
„Chef.“
Er hielt den braunen Umschlag gegen das Licht.
Auf der Innenseite war etwas geschrieben.
Eine Zahlenfolge.
Johannes nahm ihn.
„Was ist das?“, fragte Audrey.
Ralf antwortete diesmal.
„Ein Schließfach.“
„Wo?“
„Hamburg Hauptbahnhof.“
Johannes sah auf die Uhr.
„Wir fahren.“
„Und ich?“
„Sie zurück zum Anwesen.“
„Nein.“
Johannes drehte sich langsam zu ihr.
„Das war keine Einladung zur Diskussion.“
Audrey trat vor ihn.
„Tristan ist mein Mann.“
„Der Sie mit 187.000 Euro Schulden zurückgelassen hat.“
Der Satz traf.
Johannes sah es.
Doch Audrey hielt seinem Blick stand.
„Und Emily ist Ihre Schwester. Deshalb wissen Sie genau, warum ich Antworten brauche.“
Etwas veränderte sich zwischen ihnen.
Nicht Vertrauen.
Noch lange nicht.
Aber Johannes sagte diesmal nicht Nein.
Am Hauptbahnhof führte die Nummer zu einer Reihe alter Schließfächer nahe einem Seitengang.
Ralf benutzte den Messingschlüssel.
Das Schloss klickte.
Alle drei hielten inne.
Ralf öffnete die Tür.
Darin lag kein Geld.
Keine Waffe.
Keine Dokumententasche.
Nur ein kleines Aufnahmegerät.
Daneben ein Umschlag mit Audreys Namen.
Ihre Hände wurden kalt.
„Das ist Tristans Schrift.“
Johannes reichte ihr den Umschlag.
Audrey öffnete ihn.
Darin befand sich ein einzelner Zettel.
**Audrey, wenn du das hier gefunden hast, bin ich entweder weit genug weg — oder jemand hat mich gefunden. Hör dir die Aufnahme nur mit Johannes Mercer an. Vertrau sonst niemandem in seinem Haus.**
Audrey las den letzten Satz erneut.
Dann noch einmal.
Ralf stand direkt neben ihnen.
Sie hob langsam den Kopf.
Johannes hatte dieselben Worte gelesen.
Sein Blick wanderte zu Ralf.
Nur eine Sekunde.
Aber Ralf bemerkte es.
„Chef?“
Johannes nahm das Aufnahmegerät.
„Zurück zum Anwesen.“
Die Rückfahrt verlief schweigend.
Als sie durch das eiserne Tor fuhren, dachte Audrey nur an Lina.
Sie stieg aus, bevor der Wagen vollständig zum Stillstand gekommen war.
„Lina!“
Sie lief durch den Westflügel.
Das Zimmer war leer.
Das Bett unberührt.
Die Wachsmalstifte lagen auf dem Boden.
„Lina!“
Audreys Stimme brach.
Doris kam aus dem Flur.
„Sie war doch bei Ihnen.“
Audrey erstarrte.
„Was?“
„Ein Mann hat sie vor ungefähr einer Stunde abgeholt.“
Johannes war jetzt hinter Audrey.
Seine Stimme wurde gefährlich ruhig.
„Welcher Mann?“
Doris wurde blass.
„Einer von Ihren Leuten. Er sagte, das Kind dürfe jetzt zur Mutter.“
Ralf griff bereits nach seinem Telefon.
Johannes blickte zur Kamera über der Flurtür.
„Aufzeichnungen. Sofort.“
Wenige Minuten später standen sie vor dem Monitor im Sicherheitsraum.
Das Bild zeigte Lina, die mit kleinen Schritten durch den Flur ging.
Neben ihr lief ein Mann in dunkler Kleidung.
Sein Gesicht war unter einer Kappe verborgen.
Doch kurz bevor beide aus dem Kamerabild verschwanden, drehte Lina sich um.
Sie hielt die Hand des Mannes.
Und sie lächelte.
Audrey presste eine Hand vor den Mund.
Dann hörten sie Linas Stimme aus der Aufnahme.
Leise, aber deutlich.
„Papa hat gesagt, du holst mich.“
Niemand im Raum bewegte sich.
Johannes sah auf das Aufnahmegerät in seiner Hand.
Tristan hatte gewusst, dass etwas passieren würde.
Und irgendjemand innerhalb des Mercer-Anwesens hatte gerade bewiesen, dass seine Warnung berechtigt gewesen war.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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