Die Rückfahrt zum Mercer-Anwesen dauerte achtzehn Minuten.
Für Audrey fühlte sie sich länger an als die vergangenen drei Wochen.
Johannes telefonierte fast ununterbrochen. Zwei Männer sollten direkt zum dritten Stock. Zwei weitere zu Doris und Lina. Niemand durfte das Anwesen verlassen.
Ralf ging weiterhin nicht ans Telefon.
Beim vierten Versuch sagte Johannes nichts mehr. Er legte das Telefon neben sich und sah aus dem Fenster.
Audrey bemerkte seine rechte Hand.
Sie war zur Faust geballt.
„Sie glauben, Ralf hat etwas damit zu tun.“
„Ich glaube gar nichts mehr, bevor ich es beweisen kann.“
„Sie vertrauen ihm.“
Johannes sah sie an.
„Seit fünfzehn Jahren.“
„Dann kennen Sie ihn länger als Tristan mich.“
Johannes verstand, was sie meinte.
Menschen konnten jahrelang neben einem leben und trotzdem ganze Leben verbergen.
Als die eisernen Tore vor ihnen auftauchten, standen sie offen.
Johannes richtete sich sofort auf.
„Warum sind die offen?“
Niemand antwortete.
Der Wagen hielt vor dem Haupteingang.
Audrey sprang heraus.
„Lina!“
Johannes packte sie am Arm.
„Nicht allein.“
„Meine Tochter ist da drin.“
„Und genau deshalb.“
Sie wollte widersprechen, doch dann hörte sie ein Geräusch aus dem Haus.
Ein Schuss.
Audrey erstarrte.
Johannes zog sie hinter den Wagen.
Seine Männer liefen zum Eingang.
Ein zweiter Schuss kam nicht.
Dann erschien Werner in der Tür.
„Chef!“
Johannes hob die Waffe.
„Was ist passiert?“
„Einer Ihrer Männer wollte in den dritten Stock. Jemand hat von innen geschossen. Niemand getroffen.“
„Lina?“
„Bei Doris. Sicher.“
Audrey wartete keine weitere Sekunde.
Sie rannte hinein.
Doris hatte sich mit Lina in der kleinen Speisekammer neben der Küche eingeschlossen.
Als die Tür geöffnet wurde, sprang Lina ihrer Mutter entgegen.
„Mama!“
Audrey sank auf die Knie und hielt sie fest.
„Ich bin da.“
Lina zeigte über Audreys Schulter.
„Der traurige Mann auch?“
„Ja.“
„Gut.“
Audrey wusste nicht, warum dieses eine Wort ihr beinahe die Tränen in die Augen trieb.
Johannes erschien in der Tür.
Er sah Lina.
Erst nachdem er sich selbst überzeugt hatte, dass ihr nichts fehlte, wandte er sich ab.
„Niemand kommt hier rein.“
Dann ging er zum dritten Stock.
Audrey folgte.
Die Tür am oberen Ende der Treppe war aus schwerem Holz.
Das Schloss war aufgebrochen worden.
Johannes blieb davor stehen.
„Das Archiv liegt am Ende des Flurs.“
„Wer kannte es?“
„Mein Vater. Ich. Ralf.“
Audrey sah ihn an.
„Drei Menschen.“
„Ja.“
„Ihr Vater ist tot.“
Johannes’ Blick blieb auf der Tür.
„Das dachte ich über Heinrich auch.“
Sie gingen hinein.
Der dritte Stock wirkte anders als der Rest des Hauses. Keine Gemälde. Keine Dekoration. Nur verschlossene Türen und der Geruch von Papier und Staub.
Am Ende des Korridors lag ein Mann auf dem Boden.
Ralf.
Audrey hielt den Atem an.
Johannes war sofort bei ihm.
Blut lief von einer Wunde an seiner Schläfe.
„Ralf.“
Seine Augen öffneten sich.
„Chef…“
„Wer war hier?“
Ralf versuchte sich aufzurichten.
„Ich habe den Anruf bekommen, dass jemand die Archivtür geöffnet hat. Als ich hochkam, stand bereits jemand im Flur.“
„Wer?“
„Ich habe sein Gesicht nicht gesehen.“
Johannes blickte auf Ralfs Handgelenk.
Kein Lederband.
„Wie ist er rausgekommen?“
Ralf zeigte auf eine offene Tür.
Dahinter befand sich ein kleines Fenster.
„Feuertreppe.“
Johannes half ihm auf.
Dann gingen sie zum Archiv.
Die Tür stand offen.
Im Inneren reihten sich Metallschränke aneinander.
Dutzende.
Johannes ging direkt zur hintersten Reihe.
Schrank zwölf.
Offen.
Eine Schublade war herausgezogen.
Leer.
„Was war darin?“, fragte Audrey.
Johannes antwortete nicht.
Er prüfte die nächste Schublade.
Dann noch eine.
Unberührt.
Nur eine einzige Akte fehlte.
Ralf lehnte sich gegen die Wand.
„Welche?“
Johannes betrachtete das kleine Etikett.
**25. Oktober – E.M.**
„Emily“, sagte Audrey.
Johannes nickte.
Der Eindringling hatte nichts über Geld, Politiker oder Geschäfte genommen.
Nur die Akte über die Nacht, in der Emily verschwand.
„Vielleicht war das alles“, sagte Ralf.
„Nein.“
Audrey stand vor einem der Schränke.
Auf dem Boden lag ein einzelnes Blatt.
Der Eindringling musste es verloren haben.
Johannes hob es auf.
Eine Liste.
Namen.
Uhrzeiten.
Fahrzeuge.
Ganz oben stand das Datum von Emilys Verschwinden.
Johannes las schweigend.
Dann blieb sein Blick an einer Zeile hängen.
**23:41 – Fahrzeug 6 verlässt Nordausfahrt. Fahrer: H. Mercer. Beifahrer: E. Mercer. Ziel: Haus Falk.**
„Haus Falk“, sagte Audrey.
Tristan Falk.
Johannes fuhr mit dem Finger weiter.
Die nächste Zeile war teilweise verblasst.
**00:18 – Rückkehr Fahrzeug 6. E. Mercer nicht an Bord.**
Audrey sah ihn an.
„Emily wurde zu Tristans Familie gebracht.“
„Zumindest zuerst.“
„Dann wusste sein Vater mehr.“
Ralf nahm das Blatt.
„Vielleicht war deshalb Tristans Familie am nächsten Morgen verschwunden.“
Johannes blickte zum Fenster.
Fünfundzwanzig Jahre lang hatte er geglaubt, Emily sei aus diesem Haus entführt worden.
Nun deutete alles darauf hin, dass ein Mercer sie persönlich zu der Familie gebracht hatte, deren Sohn später Audrey heiraten würde.
„Warum?“, fragte Audrey.
Johannes antwortete leise.
„Das finden wir heraus.“
Hinter ihnen ertönte eine Stimme.
„Vielleicht sollten Sie dafür die Rückseite lesen.“
Alle drei drehten sich um.
Doris stand in der Tür.
Johannes’ Blick wurde scharf.
„Warum sind Sie hier?“
„Lina ist bei Werner.“
Audrey trat sofort vor.
„Sie sollten bei ihr bleiben.“
„Ich weiß.“
Doris sah auf das Blatt.
Ihre Hände zitterten.
„Aber ich kenne diese Liste.“
Johannes wurde still.
„Woher?“
Doris hob den Blick.
„Weil ich sie geschrieben habe.“
Niemand sprach.
Doris trat langsam ins Archiv.
„Ich war damals nicht in der Küche.“
„Was waren Sie?“, fragte Johannes.
„Sekretärin Ihres Vaters.“
Johannes’ Gesicht verhärtete sich.
Doris hatte seit Jahren in seiner Küche gearbeitet.
Und nie ein Wort gesagt.
„Sie waren in jener Nacht hier?“
„Ja.“
„Dann sagen Sie mir, was passiert ist.“
Doris sah ihn lange an.
„Ihr Vater wollte Emily retten.“
Johannes lachte bitter.
„Indem er sie verschwinden ließ?“
„Indem er verhinderte, dass Heinrich sie bekam.“
Stille.
Doris zeigte auf das Blatt.
„Drehen Sie es um.“
Johannes tat es.
Auf der Rückseite stand eine handschriftliche Notiz.
**H.M. fordert Übergabe des Kindes. Andernfalls Offenlegung sämtlicher Konten und Namen.**
Audrey runzelte die Stirn.
„Welches Kind? Emily?“
Doris schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Johannes sah sie an.
„Dann wen?“
Doris’ Gesicht wurde bleich.
„Das ist der Grund, warum Emily verschwinden musste.“
Bevor sie weitersprechen konnte, klingelte Johannes’ Telefon.
Unbekannte Nummer.
Er nahm ab.
„Mercer.“
Ein Mann lachte leise.
„Du bist deiner Mutter ähnlicher geworden, Johannes.“
Johannes erstarrte.
Ralf sah ihn an.
„Heinrich?“
Die Stimme am anderen Ende antwortete.
„Endlich.“
Johannes stellte den Lautsprecher an.
„Wo ist Emily?“
„Immer noch die falsche Frage.“
„Dann geben Sie mir die richtige.“
Eine kurze Pause.
„Frag, wen deine Schwester all die Jahre beschützt hat.“
Johannes blickte zu Doris.
„Wen?“
Heinrich lachte wieder.
„Doris weiß es.“
Alle Augen richteten sich auf sie.
Doris schloss die Augen.
„Sag es ihm“, befahl Heinrich.
Johannes ging auf sie zu.
„Was weiß sie?“
Doris öffnete die Augen.
Tränen standen darin.
„Emily hat niemanden entführt. Sie wurde auch nicht wegen Geld versteckt.“
„Warum dann?“
Doris sah auf das alte Dokument.
„Weil sie in jener Nacht etwas gesehen hat, das Heinrich niemals öffentlich werden lassen durfte.“
„Was?“
Doris wollte antworten.
Doch Heinrich sprach zuerst.
„Genug.“
Dann änderte sich seine Stimme.
„Johannes, du hast etwas, das ich will.“
Johannes blickte sofort zu Audrey.
„Lina bekommen Sie nicht.“
„Das Kind interessiert mich nicht.“
Audrey erstarrte.
Alle bisherigen Versuche, Lina zu benutzen, waren also Druckmittel gewesen.
„Was wollen Sie?“
„Den Teddy.“
Johannes’ Blick wanderte unwillkürlich nach unten.
„Warum?“
„Weil Tristan nie herausgefunden hat, was Emily wirklich darin versteckt hat.“
Audrey dachte an den abgewetzten Stoff.
Das fehlende Auge.
Die alte Naht.
Den eingestickten Namen.
Johannes sagte nichts.
Heinrich fuhr fort:
„Öffne das verbliebene Auge.“
Die Verbindung brach ab.
Sie liefen nach unten.
Johannes holte den Teddy aus der verschlossenen Schublade seines Arbeitszimmers.
Audrey stand neben ihm, während er das verbliebene Knopfauge untersuchte.
Es war größer, als es sein musste.
Johannes nahm ein kleines Messer.
„Vorsichtig“, sagte Audrey.
Er trennte nur zwei alte Fäden.
Der Knopf löste sich.
Darunter befand sich keine gewöhnliche Füllung.
Etwas Hartes glänzte im Stoff.
Johannes zog es mit zwei Fingern heraus.
Ein winziger Schlüssel.
Und ein eng zusammengerollter Papierstreifen.
Audrey entfaltete ihn.
Darauf standen keine Namen.
Nur eine Nummer.
**314.**
Darunter hatte jemand in kindlicher Handschrift einen einzigen Satz geschrieben:
**Mama sagte, dort liegt die Wahrheit.**
Johannes erkannte Emilys Schrift.
Seine Hände begannen zum ersten Mal zu zittern.
Doris setzte sich langsam.
„Oh Gott.“
Johannes sah sie an.
„Was bedeutet 314?“
Doris antwortete nicht.
„Doris.“
Sie hob den Kopf.
„Ihr Vater hatte ein privates Schließfach.“
Johannes wurde still.
„Nummer 314.“
„Wo?“
Doris schluckte.
„Nicht bei einer Bank.“
Sie blickte zur Kellertür.
„Unter diesem Haus.“
Wenige Minuten später standen sie wieder in Keller Drei.
Doris führte Johannes zu einer Steinplatte, an der er sein ganzes Leben vorbeigegangen war.
Der kleine Schlüssel passte in ein verborgenes Schloss.
Ein Klicken.
Johannes zog die Platte auf.
Dahinter lag ein schmales Metallfach.
Nummer 314.
Darin befanden sich ein Umschlag und eine alte Videokassette.
Auf dem Umschlag stand:
**Für Johannes. Wenn Emily eines Tages zurückkommt, sollt ihr beide das gemeinsam sehen.**
Johannes nahm die Kassette heraus.
Dann hörten sie oben Schritte.
Schnell.
Werner erschien außer Atem auf der Treppe.
„Chef.“
Audrey sah sofort sein Gesicht.
„Was ist passiert?“
Werner blickte zu ihr.
„Lina ist weg.“
Audreys Welt blieb stehen.
„Was?“
„Sie war direkt neben mir. Dann fiel für vielleicht dreißig Sekunden das Licht aus.“
Johannes griff nach seinem Telefon.
Doch Werner war noch nicht fertig.
„Als es wieder anging, lag nur das hier auf dem Boden.“
Er hielt einen zweiten Umschlag hoch.
Johannes riss ihn auf.
Darin stand eine Adresse.
Und ein Satz:
**Bring Kassette 314 allein. Dann bekommst du das Mädchen zurück — und deine Schwester wird dir selbst erklären, warum sie fünfundzwanzig Jahre lang nicht nach Hause gekommen ist.**
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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