Audrey hörte den Satz ihrer Tochter ein zweites Mal.
„Papa hat gesagt, du holst mich.“
Dann ein drittes.
Beim vierten Mal streckte Johannes die Hand aus und stoppte die Aufnahme.
„Genug.“
„Nein.“
Audreys Stimme zitterte.
Sie drückte selbst auf Wiedergabe.
Linas kleine Gestalt erschien wieder auf dem Monitor. Gelber Pullover, dunkle Hose, Haare lose über den Schultern. Ihre Hand lag vollkommen selbstverständlich in der Hand des fremden Mannes.
Keine Gegenwehr.
Keine Angst.
Das machte es schlimmer.
„Sie dachte, Tristan hätte ihn geschickt.“
Ralf stand bereits an einem zweiten Bildschirm und überprüfte die übrigen Kameras.
„Er kann nicht durch das Haupttor gegangen sein. Dort gibt es keine entsprechende Aufzeichnung.“
Johannes wandte sich sofort um.
„Dienstzufahrt?“
„Nichts.“
„Nordtor?“
„Seit gestern verschlossen.“
Audrey sah zwischen den Männern hin und her.
„Dann ist Lina noch hier?“
Ralf antwortete nicht.
Johannes schon.
„Oder jemand kennt einen Weg hinaus, den die Kameras nicht erfassen.“
Er ging zur Tür.
„Alle Tore schließen. Niemand verlässt das Grundstück.“
Ralf griff nach seinem Funkgerät.
„Auch das Personal?“
Johannes blieb stehen.
Tristans Nachricht lag noch immer wie eine unsichtbare Warnung zwischen ihnen.
*Vertrau sonst niemandem in seinem Haus.*
„Niemand“, sagte Johannes.
Audrey folgte ihm.
„Wo suchen wir?“
„Sie bleiben hier.“
„Vergessen Sie es.“
„Audrey.“
Sie trat so nah an ihn heran, dass sie die feine Spannung in seinem Kiefer sehen konnte.
„Das ist meine Tochter.“
Johannes hielt ihren Blick einen Moment.
Dann nickte er.
„Bleiben Sie bei mir.“
Innerhalb von Minuten verwandelte sich das stille Anwesen.
Türen wurden geöffnet. Zimmer durchsucht. Männer liefen über Treppen und durch Korridore. Werner überprüfte das Grundstück, während Doris und Margot im Westflügel bleiben mussten.
Doch von Lina fehlte jede Spur.
Johannes ließ die Aufnahme aus dem Flur Bild für Bild zurücklaufen.
„Da.“
Ralf stoppte.
Der Mann, der Lina führte, hatte für weniger als eine Sekunde den Kopf gehoben.
Nicht genug, um sein Gesicht zu erkennen.
Aber genug für etwas anderes.
An seinem rechten Handgelenk befand sich ein schmales Lederband mit einem kleinen silbernen Verschluss.
Johannes wurde still.
„Kennen Sie das?“, fragte Audrey.
„Vielleicht.“
„Wer trägt so etwas?“
Johannes sah Ralf an.
„Die Männer meines Vaters.“
Ralf erstarrte.
Audrey verstand nicht.
„Ihr Vater?“
„Ist seit vierzehn Jahren tot.“
Johannes vergrößerte das Bild.
Der Verschluss trug ein winziges eingeprägtes Zeichen.
Ein M.
„Früher bekamen nur Männer aus seinem engsten Kreis dieses Band.“
„Wie viele leben noch?“
„Zu viele.“
Johannes richtete sich auf.
Dann fiel sein Blick auf die Uhrzeit der Aufnahme.
14:17 Uhr.
Er sah zur nächsten Kamera.
„Zeigen Sie den Ostflügel um 14:20.“
Ralf wechselte die Ansicht.
Ein leerer Korridor.
14:21.
Nichts.
14:22.
Für einen kurzen Moment flackerte das Bild.
Dann sprang die Zeit auf 14:31.
Johannes beugte sich vor.
„Neun Minuten fehlen.“
Ralf fluchte leise.
„Jemand hat die Aufzeichnung manipuliert.“
Audrey spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
Neun Minuten.
Die neunte Nacht hatte Lina Johannes gefunden.
Und nun fehlten neun Minuten genau dort, wo niemand sein durfte.
„Der Ostflügel“, sagte Audrey.
Johannes sah sie an.
„Was?“
„Lina kennt ihn.“
Sie dachte an ihre Tochter, an ihre Neugier, an die Art, wie sie sich Wege merkte.
„Wenn der Mann ihr gesagt hat, dass Tristan ihn geschickt hat, wäre sie mitgegangen. Aber wenn sie irgendwann Angst bekommen hätte…“
Johannes beendete den Gedanken.
„Sie wäre an einen Ort gelaufen, den sie bereits kennt.“
Sein Arbeitszimmer.
Sie rannten.
Die Tür stand offen.
Niemand war darin.
Audrey sah unter den Schreibtisch, hinter die schweren Vorhänge, sogar in den kleinen Nebenraum.
„Lina!“
Keine Antwort.
Johannes blieb plötzlich vor seinem Bücherregal stehen.
Auf dem Boden lag etwas Blaues.
Ein Wachsmalstift.
Audrey hob ihn auf.
„Der gehört ihr.“
Johannes blickte auf das Regal.
Dann auf die Wand dahinter.
Etwas in seinem Gesicht veränderte sich.
„Ralf.“
Gemeinsam schoben die Männer das schwere Regal einige Zentimeter zur Seite.
Dahinter kam eine schmale Holztür zum Vorschein.
Audrey starrte sie an.
„Was ist das?“
„Ein alter Dienstgang.“
„Sie sagten, niemand könne unbemerkt hinaus.“
„Ich habe diesen Gang seit meiner Kindheit nicht benutzt.“
Johannes öffnete die Tür.
Dunkelheit.
Eine schmale Treppe führte hinab.
An der dritten Stufe lag ein weiterer blauer Wachsmalstift.
Audrey wollte sofort loslaufen.
Johannes hielt sie zurück.
„Hinter mir.“
Diesmal widersprach sie nicht.
Der Gang roch nach Staub und feuchtem Stein. Johannes leuchtete mit seinem Telefon voraus.
Weitere Wachsmalstifte lagen auf dem Weg.
Rot.
Grün.
Gelb.
Wie Brotkrumen.
„Sie hat sie absichtlich fallen lassen“, flüsterte Audrey.
Johannes sah sie kurz an.
„Kluges Mädchen.“
Der Gang endete vor einer schweren Metalltür.
Johannes blieb abrupt stehen.
Auf der Tür war eine verblasste Drei zu erkennen.
Audrey sah ihn an.
„Keller Drei.“
Johannes antwortete nicht.
Die Tür, die fünfundzwanzig Jahre lang versiegelt gewesen sein sollte, stand einen Spalt offen.
Ralf zog sie langsam auf.
Der Raum dahinter war leer.
Fast.
In der Mitte des staubigen Bodens saß Lina.
Allein.
Audrey schrie ihren Namen.
„Mama!“
Sie rannte zu ihr, fiel auf die Knie und zog ihre Tochter an sich.
„Bist du verletzt? Hat er dir wehgetan?“
Lina schüttelte den Kopf.
Audrey küsste ihr Gesicht, ihre Haare, ihre kleinen Hände.
Johannes blieb einige Schritte entfernt stehen.
„Wo ist der Mann?“
Lina zeigte auf die gegenüberliegende Wand.
„Da lang.“
Johannes leuchtete hinüber.
Eine zweite Tür stand offen.
Dahinter führte ein Tunnel weiter.
Ralf wollte ihm folgen.
„Nein“, sagte Johannes. „Er hatte genug Vorsprung. Schicken Sie Männer an alle möglichen Ausgänge.“
Dann bemerkte Lina etwas.
„Der Mann hat was verloren.“
Sie öffnete ihre kleine Faust.
Darin lag ein alter goldener Anhänger.
Johannes nahm ihn vorsichtig.
Auf der Vorderseite war dasselbe M eingraviert wie auf dem Lederband.
Auf der Rückseite standen zwei Initialen.
**H. M.**
Johannes wurde kreidebleich.
Ralf sah sie ebenfalls.
„Das kann nicht sein.“
Audrey stand mit Lina im Arm auf.
„Wer ist H. M.?“
Johannes antwortete nicht.
Sein Blick war auf den Anhänger geheftet.
Lina zupfte an seinem Ärmel.
„Der Mann hat gesagt, Papa wartet.“
Audreys Herz setzte einen Schlag aus.
„Wo, Schatz?“
Lina zeigte in den Tunnel.
„Da unten.“
Johannes hob sofort die Lampe.
Doch Lina war noch nicht fertig.
„Und er hat mit jemandem geredet.“
„Mit wem?“, fragte Audrey.
Lina runzelte die Stirn, als versuche sie, sich genau zu erinnern.
„Mit einer Frau.“
Johannes’ Hand schloss sich um den Anhänger.
„Was hat sie gesagt?“
Lina sah zu ihm auf.
„Sie hat gesagt: Johannes darf mich nicht finden.“
Die Luft schien aus dem Keller zu verschwinden.
Johannes starrte das Kind an.
„Hat der Mann ihren Namen gesagt?“
Lina nickte.
Audrey hielt sie fester.
„Welchen Namen?“
Das kleine Mädchen antwortete mit der Selbstverständlichkeit eines Kindes, das nicht verstehen konnte, warum plötzlich alle Erwachsenen so still geworden waren.
„Emily.“
Johannes bewegte sich nicht mehr.
Fünfundzwanzig Jahre lang hatte er geglaubt, seine Schwester sei verschwunden.
Jetzt hatte ein dreijähriges Mädchen gerade behauptet, dass irgendwo hinter den Mauern seines eigenen Hauses eine Frau mit ihrem Namen gesprochen hatte.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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