Johannes sagte lange nichts.
Audrey konnte sehen, wie er versuchte, aus einem einzigen Satz fünfundzwanzig verlorene Jahre herauszulesen.
„Emily“, wiederholte Lina.
Johannes ging vor ihr in die Hocke.
Seine Stimme war jetzt völlig anders als die, mit der er Männer Befehle erteilen ließ.
„Lina, hör mir gut zu. Hast du die Frau gesehen?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Nur gehört.“
„Wo?“
Lina zeigte auf den dunklen Tunnel.
„Da.“
„War sie nah?“
Lina dachte nach.
„Im Telefon.“
Johannes’ Blick schoss zu Ralf.
„Der Mann hatte ein Telefon?“
Lina nickte.
„Er hat gesagt: Wir haben das Mädchen.“
Audreys Arme schlossen sich fester um ihre Tochter.
„Und was hat die Frau gesagt?“
„Johannes darf mich nicht finden.“
Johannes senkte für einen Moment den Blick.
Das war kein Beweis dafür, dass Emily lebte.
Eine Stimme konnte aufgenommen sein. Ein Name konnte absichtlich benutzt werden. Jemand konnte genau gewusst haben, welche Wunde er damit aufreißen würde.
Doch der Teddy war real.
Das Foto war real.
Und der Tunnel war real.
„Wir gehen nach oben“, sagte Ralf.
Johannes schüttelte den Kopf.
„Noch nicht.“
Er betrachtete den goldenen Anhänger in seiner Hand.
**H. M.**
Dann sah er zur offenen Tür des Tunnels.
„Dieser Mann wusste, wie man Keller Drei erreicht. Er kannte die Kameras. Er wusste von den alten Dienstgängen.“
„Dann gehörte er früher zum Haus“, sagte Audrey.
Johannes sah sie an.
„Oder jemand im Haus hat ihm alles gegeben, was er brauchte.“
Ralf spannte den Kiefer an.
Tristans Warnung stand wieder zwischen ihnen.
*Vertrau sonst niemandem in seinem Haus.*
Johannes zog das Aufnahmegerät aus seiner Jackentasche.
„Wir hören es jetzt.“
„Hier?“, fragte Audrey.
„Genau hier.“
Er stellte das Gerät auf eine alte Holzkiste am Rand des Kellerraums.
Ralf schloss die zweite Tür zum Tunnel und blieb davor stehen.
Audrey setzte Lina auf ihren Schoß.
Johannes drückte auf Wiedergabe.
Zuerst kam nur Rauschen.
Dann Tristans Stimme.
Audrey hörte ihren Mann nach drei Wochen zum ersten Mal wieder.
Ihr ganzer Körper erstarrte.
„Audrey, wenn du das hörst, habe ich es nicht geschafft, dir selbst die Wahrheit zu sagen.“
Sie schloss die Augen.
Es war unverkennbar Tristan.
„Die Schulden sind echt. Ich habe das Geld genommen. Aber nicht aus dem Grund, den man dir erzählen wird.“
Johannes stand vollkommen still.
„Vor vielen Jahren hieß ich nicht Tristan Weber.“
Audrey öffnete die Augen.
„Mein Name war Tristan Falk. Meine Mutter arbeitete zeitweise für die Familie Mercer. Deshalb war ich als Junge auf dem Anwesen.“
Johannes blickte zum Foto, das Ralf noch immer bei sich trug.
Die Aufnahme lief weiter.
„Emily war meine Freundin. Wir waren Kinder. Ich war zwölf, sie war sechs. Sie vertraute mir, weil ich manchmal mit ihr spielte, wenn die Erwachsenen beschäftigt waren.“
Johannes’ Gesicht wurde hart.
„In der Nacht, in der Emily verschwand, habe ich etwas gesehen.“
Das Band knackte.
Dann wieder Tristans Stimme.
„Ich sah einen Mann mit ihr durch den alten Dienstgang gehen. Ich wollte hinterher. Mein Vater hielt mich auf.“
Ralf blickte zu Johannes.
„Mein Vater sagte, wenn ich jemals darüber sprechen würde, würde meine Mutter sterben.“
Audrey hielt den Atem an.
„Am nächsten Morgen waren wir weg. Neue Stadt. Später neuer Name. Ich habe jahrzehntelang geschwiegen.“
Johannes trat näher an das Gerät.
„Wer?“, flüsterte er.
Als könnte Tristan ihn hören.
„Vor einem Jahr bekam ich einen Umschlag. Darin war ein Foto von Emily als Erwachsene.“
Johannes’ Gesicht verlor jede Farbe.
Audrey sah zu ihm.
„Sie lebte“, sagte Tristans Stimme. „Zumindest zu dem Zeitpunkt, an dem das Foto aufgenommen wurde.“
Johannes stützte beide Hände auf die Holzkiste.
Die Aufnahme ging weiter.
„Jemand wollte 187.000 Euro. Für Informationen darüber, wo Emily gewesen war und wer sie versteckt hatte.“
Jetzt verstand Audrey.
„Deshalb das Geld“, flüsterte sie.
Tristan sprach weiter.
„Ich konnte nicht zur Polizei. Die Namen in dieser Sache reichen weiter, als Audrey ahnt. Also lieh ich mir das Geld dort, wo niemand Fragen stellte.“
Johannes lachte einmal bitter auf.
Tristan hatte Geld ausgerechnet aus Mercers Umfeld beschafft, um Informationen über eine Mercer zu kaufen.
„Ich bezahlte.“
Ein langes Rauschen.
„Aber ich bekam nicht Emily.“
Johannes’ Augen verengten sich.
„Ich bekam Beweise dafür, dass ihr Verschwinden organisiert worden war.“
Dann wurde Tristans Stimme leiser.
„Johannes, wenn du das hörst: Dein Vater hat dich belogen.“
Stille.
Johannes bewegte sich nicht.
„Das Blut in Keller Drei sollte euch glauben lassen, Emily sei hier verletzt worden. Sie wurde durch diesen Tunnel lebend hinausgebracht.“
Audrey sah unwillkürlich auf den Boden unter ihren Füßen.
Fünfundzwanzig Jahre zuvor war ein sechsjähriges Mädchen genau hier entlanggeführt worden.
„Von wem?“, sagte Johannes.
Auf der Aufnahme raschelte Papier.
„Ich kenne nicht alle Namen. Aber einer taucht immer wieder auf.“
Johannes öffnete langsam seine Faust.
Der goldene Anhänger lag darin.
**H. M.**
Dann sagte Tristan den Namen.
„Heinrich Mercer.“
Johannes’ Kopf hob sich.
Ralf wurde bleich.
Audrey sah von einem zum anderen.
„Wer ist Heinrich Mercer?“
Die Aufnahme beantwortete ihre Frage nicht.
Johannes schon.
„Mein Onkel.“
Audrey schluckte.
„Lebt er?“
„Offiziell starb er vor achtzehn Jahren.“
Ralf trat vom Tunnel weg.
„Bei einem Autounfall.“
Johannes sah auf den Anhänger.
„Es wurde nie eine Leiche gefunden.“
Das Aufnahmegerät rauschte erneut.
Tristan hatte noch etwas hinterlassen.
„Wenn Heinrich noch lebt, dann sucht nicht nur nach Emily. Fragt euch, warum sie verschwinden musste.“
Ein Geräusch war im Hintergrund zu hören.
Tristan unterbrach sich.
Dann sprach er schneller.
„Audrey, falls du dabei bist: Es tut mir leid. Ich hätte dir alles sagen müssen. Den Teddy habe ich behalten, weil Emily ihn mir in jener Nacht gab. Sie sagte, ich solle ihn verstecken, bis sie zurückkommt.“
Audrey sah zu Lina.
Drei Jahre lang hatte ihre Tochter mit einem Gegenstand geschlafen, der aus der Nacht stammte, in der Emily Mercer verschwunden war.
„Ich gab ihn Lina, weil ich irgendwann glaubte, Emily würde nie zurückkommen.“
Tristans Atem wurde hörbar.
„Dann kam vor sechs Monaten das zweite Foto.“
Johannes erstarrte.
„Darauf war Emily nicht allein.“
Die Aufnahme brach ab.
Nur Rauschen.
Johannes drückte mehrere Tasten.
Nichts.
„Das war alles?“
Ralf nahm das Gerät.
„Vielleicht ist die Datei beschädigt.“
Audrey stand auf.
„Was bedeutet nicht allein?“
Niemand konnte antworten.
Da zog Lina plötzlich an Audreys Ärmel.
„Mama.“
„Was ist, Schatz?“
„Der Mann hatte auch ein Bild.“
Alle sahen sie an.
„Welches Bild?“, fragte Johannes.
Lina zeigte auf Ralfs Jacke, wo das alte Foto herausragte.
„So eins.“
Johannes ging wieder in die Hocke.
„Was war darauf?“
Lina legte den Kopf schief.
„Eine Frau.“
„Wie sah sie aus?“
„Blonde Haare.“
Johannes atmete flach.
„War noch jemand darauf?“
Lina nickte.
„Papa.“
Audrey spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Tristan?“
„Ja.“
„Und sonst?“
Lina hob drei Finger.
„Ein Baby.“
Johannes und Audrey sahen einander an.
Tristans letzter Satz bekam plötzlich eine völlig andere Bedeutung.
*Darauf war Emily nicht allein.*
Ralf wollte etwas sagen, doch ein dumpfes Geräusch aus dem Tunnel ließ alle verstummen.
Johannes drehte sich sofort um.
Ein metallisches Schlagen.
Dann Schritte.
Nicht aus Richtung des Anwesens.
Von der anderen Seite der verschlossenen Tür.
Jemand war zurückgekommen.
Ralf griff nach der Klinke.
Johannes hob die Hand.
„Warten.“
Die Schritte stoppten direkt hinter der Tür.
Audrey zog Lina an sich.
Dann schob sich etwas durch den schmalen Spalt unter der Metalltür.
Ein weißer Umschlag.
Die Schritte entfernten sich sofort wieder.
Ralf riss die Tür auf und verschwand mit zwei Männern im Tunnel.
Johannes hob den Umschlag auf.
Auf der Vorderseite stand nur ein Name.
**JOHANNES.**
Er öffnete ihn.
Darin befand sich ein Foto.
Audrey sah zuerst Tristan.
Dann die blonde Frau neben ihm.
Und schließlich das kleine Kind in ihren Armen.
Johannes drehte das Bild um.
Auf der Rückseite stand ein Datum von vor sechs Monaten.
Darunter befanden sich sieben handgeschriebene Wörter:
**Wenn du Emily wiedersehen willst, bring Lina.**
Johannes las den Satz zweimal.
Dann zerriss er das Foto nicht.
Er schrie nicht.
Er wurde nur vollkommen ruhig.
Und Audrey begriff, dass jemand gerade versucht hatte, ihre dreijährige Tochter gegen eine Frau einzutauschen, nach der Johannes Mercer seit fünfundzwanzig Jahren suchte.
Johannes hob den Blick zu ihr.
„Niemand bekommt Lina.“
Seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.
„Nicht einmal für meine Schwester.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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