Unterhaltung

Die 3-jährige Tochter einer Haushaltshilfe sagte zum Mafiaboss: „Du bist hässlich, aber nicht böse“ — dann legte sie ihren Teddybären vor seine Tür

Johannes legte das Foto auf die Holzkiste.

„Niemand bekommt Lina.“

Audrey glaubte ihm.

Was sie nicht wusste, war, ob sie irgendjemandem in diesem Haus noch glauben durfte.

Ralf kehrte zwölf Minuten später zurück. Staub lag auf seinen Schultern.

„Der Tunnel teilt sich ungefähr zweihundert Meter weiter. Ein Ausgang endet hinter der alten Gärtnerei, der andere am Flussweg. Keine Spur.“

Johannes zeigte auf den Umschlag.

„Fingerabdrücke.“

„Ich kümmere mich darum.“

Ralf wollte das Foto nehmen.


Johannes legte die Hand darauf.

„Nein.“

Die beiden Männer sahen einander an.

Es dauerte nur einen Moment.

Doch Audrey bemerkte ihn.

Tristans Warnung hatte etwas verändert.

Johannes vertraute Ralf seit Jahren. Vielleicht länger als jedem anderen Menschen in diesem Haus.

Jetzt kontrollierte er selbst, was Ralf berühren durfte.

„Wir bringen Lina nach oben“, sagte Audrey.

Johannes nickte.


Diesmal widersprach er nicht.

In ihrem Zimmer setzte Audrey ihre Tochter aufs Bett und überprüfte noch einmal ihre Arme, Beine und den Hals.

Keine Verletzungen.

Lina beobachtete sie geduldig.

„Mama?“

„Ja?“

„Warum bist du traurig?“

Audrey strich ihr die Haare aus dem Gesicht.

„Weil ich Angst um dich hatte.“

„Der Mann war nett.“


Audreys Hand hielt inne.

„Was hat er zu dir gesagt?“

„Dass Papa mich sehen will.“

„Noch etwas?“

Lina dachte nach.

„Er wusste von Bruno.“

Audrey runzelte die Stirn.

„Bruno?“

Lina zeigte zur Tür.

„Mein Teddy.“


Audrey hatte seit Jahren nicht mehr an diesen Namen gedacht.

Bruno.

Tristan hatte ihn so genannt.

Lina selbst sagte fast immer nur Teddy.

„Was genau hat der Mann gesagt?“

„Dass Papa Bruno vermisst.“

Audreys Magen zog sich zusammen.

Das war kein Satz, den irgendein Fremder hätte kennen können.

Jemand hatte Informationen von Tristan.

Oder Tristan selbst hatte mit diesem Menschen gesprochen.


Eine halbe Stunde später saßen Audrey und Johannes wieder in seinem Arbeitszimmer.

Lina war bei Doris.

Nicht allein.

Zwei bewaffnete Männer standen vor der Tür, und Johannes hatte persönlich angeordnet, dass niemand das Kind ohne Audrey oder ihn bewegen durfte.

Das Aufnahmegerät lag geöffnet auf dem Schreibtisch.

Ralf hatte einen Techniker kommen lassen, der die Datei überprüfte.

„Sie ist nicht beschädigt“, sagte der Mann.

Johannes’ Blick wurde schmal.

„Dann warum endet sie dort?“

„Tut sie nicht.“


Audrey richtete sich auf.

Der Techniker zeigte auf die Anzeige.

„Es gibt eine zweite Audiospur. Sie wurde hinter die erste Datei geschrieben und als gelöschter Bereich markiert. Absichtlich.“

„Können Sie sie abspielen?“

„Ja.“

Johannes wartete, bis der Techniker gegangen war.

Dann schloss er die Tür.

Nur Audrey und er blieben zurück.

Er drückte auf Wiedergabe.

Mehrere Sekunden lang hörten sie nichts.


Dann kam Tristan zurück.

Seine Stimme war leiser als zuvor.

„Wenn ihr diesen Teil gefunden habt, müsst ihr verstehen, dass das zweite Foto alles verändert hat.“

Audrey beugte sich vor.

„Das Baby auf dem Bild ist nicht Emilys Kind.“

Johannes sah sofort zu Audrey.

Tristan sprach weiter.

„Zumindest glaube ich das nicht. Auf der Rückseite des Originalfotos stand ein Name. Ich habe ihn entfernt, bevor ich die Kopie versteckt habe.“

Ein Rascheln.

„Lina.“


Audrey hörte auf zu atmen.

Johannes’ Gesicht wurde vollkommen still.

„Nein“, flüsterte Audrey.

Die Aufnahme lief weiter.

„Ich weiß, wie das klingt. Lina war bei Audrey. Ich war bei ihrer Geburt. Es gibt keinen Zweifel daran, wer ihre Mutter ist.“

Audrey schloss die Augen.

Für einen schrecklichen Moment hatte sie etwas Unmögliches befürchtet.

„Aber jemand hatte ein Foto von Emily, auf dem sie ein Baby hielt, und auf der Rückseite stand der Name meiner Tochter.“

Johannes griff nach dem Foto aus dem Tunnel.

Das Baby darauf war vielleicht wenige Monate alt.


Das Bild selbst stammte angeblich von vor sechs Monaten.

Lina war damals bereits zweieinhalb gewesen.

„Dann ist das nicht Lina“, sagte Audrey.

„Nein“, antwortete Johannes.

„Warum ihr Name?“

Tristan beantwortete auch diese Frage.

„Ich glaube, es war eine Nachricht an mich.“

Seine Stimme wurde angespannter.

„Sie wussten, dass ich Emily suche. Sie wussten, dass ich eine Tochter habe. Und sie wollten, dass ich aufhöre.“

Audrey presste die Finger gegeneinander.


„Ich habe nicht aufgehört.“

Eine Pause.

„Das war mein Fehler.“

Johannes blickte zum Lautsprecher.

„Vor drei Wochen bekam ich eine Adresse und die Aufforderung, allein zu kommen. Ich wusste, dass es wahrscheinlich eine Falle war.“

Audrey spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Das war der Dienstagmorgen.

Der Morgen, an dem Tristan verschwunden war.

„Ich bin trotzdem gefahren.“

Rauschen.

„Falls ich nicht zurückkomme, sucht nach Heinrich. Aber sucht nicht nach einem Toten.“

Johannes hob den Blick.

„Sucht nach dem Namen, unter dem er jetzt lebt.“

Die Aufnahme knackte.

Dann sagte Tristan:

„Hermann Möller.“

Johannes öffnete langsam die Hand.

Auf dem Anhänger aus Keller Drei standen die Initialen:

**H. M.**

Audrey stand auf.

„Der Mann aus dem Tunnel.“

„Vielleicht.“

Johannes nahm sein Telefon.

Doch Audrey hielt ihn auf.

„Warten Sie.“

Sie hatte etwas erkannt.

Nicht auf dem Foto.

In Tristans Stimme.

„Spielen Sie die letzten Sekunden noch einmal.“

Johannes tat es.

*Hermann Möller.*

Dann Rauschen.

Dann ganz leise ein Geräusch.

Audrey beugte sich näher.

Eine Glocke.

Zweimal.

Danach ein tiefes Horn.

Audrey erstarrte.

„Ich kenne das.“

„Was?“

„Das Horn.“

Johannes spielte es erneut.

Audrey hatte es jahrelang gehört.

„Tristan arbeitete früher auf Baustellen am Hafen. Manchmal holte ich ihn ab.“

Sie zeigte auf das Gerät.

„Das klingt wie ein Schiffshorn vom Industriehafen.“

Johannes rief Ralf herein.

„Alles über Hermann Möller. Firmen, Grundstücke, Lagerhallen, Hafenverbindungen.“

Ralf brauchte keine zehn Minuten.

Er kam mit einem Tablet zurück.

„Es gibt einen Hermann Möller, achtundsechzig. Auf dem Papier ein Logistikunternehmer. Drei Firmen. Zwei wurden aufgelöst.“

„Die dritte?“

Ralf drehte den Bildschirm.

**Möller Kühltransporte GmbH.**

Firmensitz: Hamburg.

Ein Lagerhaus direkt am südlichen Hafenrand.

Audrey zeigte auf das Foto.

„Tristan könnte dort sein.“

Johannes griff nach seiner Jacke.

„Sie bleiben bei Lina.“

„Nein.“

„Audrey.“

„Wenn Tristan dort ist, komme ich mit.“

„Und wenn es eine Falle ist?“

„Dann wissen Sie wenigstens, warum er hineinläuft.“

Johannes sah sie lange an.

„Lina bleibt hier.“

Diesmal nickte Audrey.

Zwanzig Minuten später fuhren drei schwarze Wagen durch den Regen Richtung Hafen.

Das Lagerhaus wirkte verlassen.

Kein Licht.

Keine Fahrzeuge.

Johannes’ Männer verteilten sich.

Eine Seitentür war unverschlossen.

Drinnen roch es nach Metall, Öl und kalter Feuchtigkeit.

Audrey folgte Johannes durch einen langen Korridor.

Auf dem Boden fanden sie frische Fußspuren.

Dann Blut.

Nur wenige Tropfen.

Audrey wurde blass.

„Tristan.“

„Das wissen wir nicht.“

Am Ende des Korridors befand sich ein Büro.

Johannes öffnete die Tür.

Leer.

Ein Stuhl.

Ein Tisch.

Eine Kamera auf einem Stativ.

Und an der Wand dutzende Fotografien.

Johannes blieb stehen.

Audrey trat neben ihn.

Die Bilder zeigten das Mercer-Anwesen.

Johannes beim Verlassen eines Restaurants.

Ralf im Auto.

Audrey beim Einkaufen, Monate bevor Tristan verschwunden war.

Dann Lina.

Auf dem Spielplatz.

Vor dem Kindergarten.

In Audreys Armen.

„Sie haben uns beobachtet“, flüsterte Audrey.

Johannes ging zur letzten Reihe.

Dort hing ein Foto, das älter war als die anderen.

Eine blonde Frau stand vor einem Haus.

Emily.

Er erkannte sie sofort.

Er berührte das Bild nicht.

Unter dem Foto stand eine Adresse.

Bevor Johannes sie lesen konnte, hörten sie hinter sich ein Klicken.

Ein Bildschirm auf dem Tisch schaltete sich ein.

Tristan erschien.

Audrey stieß seinen Namen aus.

Er saß auf einem Stuhl.

Eine Verletzung war an seiner Stirn zu sehen, aber er lebte.

„Audrey“, sagte er in die Kamera.

Sie ging näher.

Dann begriff sie.

Es war eine Aufnahme.

„Wenn du das siehst, haben sie euch hierhergelockt.“

Johannes fluchte leise.

Tristan blickte direkt in die Kamera.

„Geht sofort zurück zum Anwesen.“

Audreys Blut wurde kalt.

„Warum?“

Als könnte er sie hören, antwortete Tristan:

„Das Lagerhaus war nie das Ziel.“

Johannes zog bereits sein Telefon heraus.

Auf dem Bildschirm sagte Tristan den nächsten Satz.

„Lina war es auch nicht.“

Audrey sah Johannes an.

Dann kam Tristans letzte Warnung.

„Sie wollten Johannes aus dem Haus bekommen.“

Johannes rief Ralf an.

Keine Antwort.

Noch einmal.

Nichts.

Dann klingelte Audreys Telefon.

Unbekannte Nummer.

Sie nahm ab.

„Hallo?“

Doris weinte am anderen Ende.

„Audrey…“

„Wo ist Lina?“

Nur Schluchzen.

„Doris, wo ist meine Tochter?“

„Sie ist hier. Lina ist bei mir.“

Audrey schloss für eine Sekunde die Augen.

Dann hörte sie Doris flüstern:

„Aber jemand hat die Tür zum dritten Stock geöffnet.“

Johannes erstarrte.

Audrey erinnerte sich an die Regeln ihres ersten Tages.

*Sie betreten den Ostflügel nicht.*

*Sie gehen nicht in die Nähe des dritten Stocks.*

Johannes nahm ihr das Telefon ab.

„Doris. Hören Sie mir zu. Verriegeln Sie das Zimmer und öffnen Sie niemandem.“

Dann legte er auf.

Audrey sah ihn an.

„Was ist im dritten Stock?“

Johannes antwortete nicht sofort.

Sein Blick wanderte zu dem alten Foto seiner Schwester an der Wand.

„Etwas, von dem ich dachte, dass nur drei Menschen wissen, dass es existiert.“

„Was?“

Johannes ging bereits zur Tür.

„Das Archiv meines Vaters.“

Audrey folgte ihm.

„Und was liegt darin?“

Johannes blieb stehen.

Seine Antwort erklärte plötzlich, warum jemand fünfundzwanzig Jahre lang bereit gewesen war, zu lügen, zu verschwinden und vielleicht sogar zu töten.

„Die Aufzeichnungen über jeden Menschen, den die Familie Mercer jemals bezahlt, erpresst oder geschützt hat.“

Er sah Audrey an.

„Einschließlich der Männer, die in der Nacht verschwanden, in der Emily verschwand.“

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 8, um weiterzulesen.**

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