Unterhaltung

Ein siebenjähriges Mädchen bot Leonid Korin drei Münzen, damit er die Monster in ihrem Haus vertreibt

Leonid las die Nachricht ein zweites Mal.

**Jemand wusste, dass Sie heute Abend hierherkommen.**

Er hob den Blick nicht sofort.

Das war eine Gewohnheit, die ihn am Leben gehalten hatte. Überraschung durfte man empfinden. Man durfte sie nur niemals zeigen.

„Schließen Sie die Wohnung“, sagte er.

Seine Männer reagierten augenblicklich.

Einer verriegelte die Eingangstür. Ein anderer zog die Vorhänge zu und überprüfte die Fenster. Der Sicherheitschef trat in den Flur und begann leise zu telefonieren.

Karin sah von einem zum anderen.

„Was passiert hier?“

„Das versuche ich gerade herauszufinden.“


Leonid wandte sich dem verletzten Mann zu.

„Name.“

Der Mann auf der Matratze zögerte.

„Matthias Reuter.“

„Der echte?“

„Dieses Mal ja.“

Leonid hielt den USB-Stick zwischen zwei Fingern.

„Was ist darauf?“

Matthias blickte zu Elsa.

„Nicht vor dem Kind.“


Karin reagierte sofort. „Elsa, komm.“

Doch Elsa wich zurück.

„Nein.“

„Schatz—“

„Nein.“ Ihre Stimme wurde lauter. „Immer sagen Erwachsene, ich soll weggehen. Und danach wird alles schlimmer.“

Karin erstarrte.

Elsa deutete auf Dennis.

„Bei ihm hast du auch gesagt, alles wird wieder gut.“

Dennis senkte zum ersten Mal den Blick.

Karin schien keine Antwort zu finden.


Leonid ging langsam vor Elsa in die Hocke.

„Du hattest recht.“

Das Mädchen sah ihn misstrauisch an.

„Womit?“

„Mit den Monstern.“

„Ich weiß.“

Fast hätte diese Antwort ihn zum Lächeln gebracht.

Fast.

„Aber manche Dinge sind gefährlich, wenn man sie weiß.“

„Dennis ist auch gefährlich.“


„Ja.“

„Und trotzdem musste ich mit ihm wohnen.“

Der Satz traf Karin sichtbar.

Leonid schwieg einige Sekunden.

„Dann machen wir einen neuen Vertrag.“

Elsas Augen wanderten sofort zu ihm.

„Was für einen?“

„Du gehst mit deiner Mutter für zehn Minuten in die Küche. Danach komme ich zu dir und sage dir, ob ihr heute Nacht hierbleiben könnt.“

„Und wenn nicht?“

„Dann bringe ich euch an einen sicheren Ort.“


„Versprochen?“

Leonid sah das Kind an.

Er dachte an die drei Münzen.

„Versprochen.“

Diesmal ging Elsa.

Karin folgte ihr erst, nachdem Leonid knapp genickt hatte.

Als die Küchentür geschlossen war, verschwand jede Wärme aus seinem Gesicht.

„Jetzt reden Sie.“

Matthias richtete sich unter Schmerzen etwas auf.

„Vor drei Jahren begann jemand, Ihre Transportwege weiterzugeben.“


Leonid sagte nichts.

„Zuerst Kleinigkeiten. Lagerhäuser. Lieferzeiten. Namen von Fahrern. Gerade genug, damit Konkurrenten Vorteile bekamen, aber nicht genug, damit Sie einen Verräter vermuteten.“

„Ich habe Verräter immer vermutet.“

„Dann haben Sie den falschen gesucht.“

Matthias deutete auf den Stick.

„Dort sind Konten, verschlüsselte Nachrichten und interne Zugriffsprotokolle. Jemand hat Informationen verkauft, die nur fünf Menschen in Ihrer Organisation kennen konnten.“

Leonids Augen wurden schmal.

Fünf.

Er kannte jeden einzelnen seit Jahren.

Männer, die neben ihm geblutet hatten.


Männer, deren Familien er kannte.

Männer, denen er sein Leben anvertraut hatte.

„Woher haben Sie die Daten?“

„Ich habe für eine Firma gearbeitet, die Geldströme verschleiert.“

„Welche Firma?“

„Nordhafen Consulting.“

Leonid kannte den Namen.

Eine unscheinbare Finanzberatung in der Hamburger HafenCity.

Zu unscheinbar.

„Vor vier Monaten“, sagte Matthias, „bekam ich Dateien, die niemals auf unserem Server hätten landen dürfen. Ich kopierte sie.“


„Warum?“

Matthias sah ihn direkt an.

„Versicherung.“

„Gegen wen?“

„Gegen jeden.“

Ein Geräusch kam aus dem Flur.

Leonid drehte sich um.

Dennis stand nicht mehr dort, wo seine Männer ihn festgehalten hatten.

Der Sicherheitsmann lag an der Wand, benommen, Blut an seiner Schläfe.

Die Wohnungstür stand offen.


„Verdammt.“

Leonid stürmte hinaus.

Schritte hallten im Treppenhaus.

Dennis rannte nach unten.

Leonid erreichte das Geländer gerade noch rechtzeitig, um ihn zwei Stockwerke tiefer verschwinden zu sehen.

„Nicht schießen!“, befahl er.

Zu viele Wohnungen.

Zu viele Unbeteiligte.

Seine Männer nahmen die Treppe.

Dann hörte Leonid einen Motor draußen aufheulen.


Sekunden später kam sein Sicherheitschef zurück.

„Ein Wagen hat Wagner abgeholt.“

„Kennzeichen?“

„Gestohlen.“

Leonid blickte zur offenen Wohnungstür.

Dennis war kein besonders kluger Mann.

Aber jemand hatte draußen auf ihn gewartet.

Das bedeutete, dass seine Flucht nicht improvisiert gewesen war.

Karin erschien hinter Leonid.

„Wo ist er?“

Leonid antwortete nicht.

Sie verstand trotzdem.

„Nein.“

Panik breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Sie verstehen nicht. Wenn Dennis weiß, dass Matthias noch lebt—“

„Dann wissen es jetzt auch die Menschen, denen er die Information verkaufen wollte.“

Karin presste eine Hand vor den Mund.

Aus der Küche kam Elsas Stimme.

„Mama?“

Karin zwang sich zur Ruhe.

Leonid ging zurück ins Schlafzimmer.

Matthias lag wieder flach auf der Matratze. Seine Atmung war schneller geworden.

„Wir müssen Sie verlegen.“

Matthias schüttelte schwach den Kopf.

„Zu spät.“

„Was bedeutet das?“

„Der Stick.“

Leonid sah ihn an.

„Öffnen Sie ihn nicht in Ihrem Netzwerk.“

„Warum?“

„Weil jemand darauf wartet.“

Leonid hielt inne.

Matthias griff nach seinem Handgelenk.

Seine Finger waren überraschend kräftig.

„Wenn dieser Stick online geht, erfahren sie, dass Sie ihn haben.“

„Wer?“

Matthias öffnete den Mund.

Doch bevor er antworten konnte, erlosch das Licht.

Die gesamte Wohnung versank in Dunkelheit.

Elsa schrie.

Leonid zog sofort seine Waffe.

„Karin! Bleiben Sie bei Elsa!“

Draußen im Hausflur gingen ebenfalls alle Lampen aus.

Kein gewöhnlicher Stromausfall.

Leonids Handy vibrierte.

Eine neue Nachricht.

Diesmal von einer unbekannten Nummer.

Er öffnete sie.

Nur ein Foto erschien.

Es zeigte das Haus, in dem sie sich befanden.

Aufgenommen vor weniger als einer Minute.

Darunter standen fünf Wörter.

**Gib uns Reuter. Dann gehen wir.**

Leonid betrachtete das Bild.

Dann hörte er draußen vor dem Gebäude mehrere Autotüren gleichzeitig zuschlagen.

Er steckte das Handy ein und blickte in die Dunkelheit des Flurs.

Elsa hatte ihn gebeten, ein Monster zu sein.

Offenbar würde er ihr heute Nacht zeigen müssen, was das wirklich bedeutete.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.**

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