Unterhaltung

Ein siebenjähriges Mädchen bot Leonid Korin drei Münzen, damit er die Monster in ihrem Haus vertreibt

Leonid brauchte drei Sekunden, um eine Entscheidung zu treffen.

„Alle weg von den Fenstern.“

Seine Männer bewegten sich sofort.

Karin zog Elsa in die Küche, doch das Mädchen klammerte sich an ihre Hand und starrte in die Dunkelheit des Flurs. Matthias lag im Schlafzimmer und kämpfte um jeden Atemzug.

Draußen war nichts zu sehen.

Genau das gefiel Leonid nicht.

Menschen, die einschüchtern wollten, zeigten Waffen.

Menschen, die töten wollten, zeigten gar nichts.

Sein Sicherheitschef trat neben ihn.

„Mindestens drei Fahrzeuge.“


„Unsere Ausgänge?“

„Vorne blockiert. Hinterhof wahrscheinlich ebenfalls.“

„Wahrscheinlich reicht mir nicht.“

Der Mann nickte und verschwand.

Leonid blickte auf die Nachricht.

**Gib uns Reuter. Dann gehen wir.**

Eine Lüge.

Wer auch immer draußen wartete, konnte Karin und Elsa nicht am Leben lassen. Beide hatten Matthias gesehen. Karin hatte ihn behandelt. Dennis wusste von ihm.

Und Leonid selbst war jetzt ebenfalls Teil des Problems.

„Herr Korin.“


Karin stand hinter ihm.

Ihre Stimme zitterte, aber sie hatte Elsa nicht mehr bei sich.

„Wo ist Ihre Tochter?“

„Im Bad. Keine Fenster.“

Gut.

Sie lernte schnell.

„Was wollen diese Leute?“

„Etwas, das Reuter besitzt.“

„Den USB-Stick?“

„Und danach jeden, der weiß, dass er existiert.“


Karin verstand.

„Also auch Elsa.“

Leonid sah sie an.

„Niemand kommt an Ihre Tochter.“

„Sie können das nicht versprechen.“

„Das habe ich bereits.“

Für einen Moment sagte Karin nichts.

Dann kam ein leises Geräusch von der Wohnungstür.

Klick.

Leonids Hand hob sich.


Seine Männer erstarrten.

Klick.

Jemand arbeitete von außen am Schloss.

Nicht hektisch.

Professionell.

Leonid zeigte auf den Flur.

Zwei Männer nahmen Position.

Dann hörte das Geräusch auf.

Fünf Sekunden.

Zehn.


Nichts.

Plötzlich zerbarst im Wohnzimmer ein Fenster.

Ein kleiner Gegenstand schlug auf dem Boden auf.

„Runter!“

Leonid trat ihn unter einen schweren Sessel.

Ein greller Blitz erfüllte den Raum.

Der Knall ließ die Wände erzittern.

Karin schrie Elsas Namen.

Im selben Moment wurde die Wohnungstür aufgestoßen.

Zwei Gestalten kamen herein.


Leonids Männer fingen sie im engen Flur ab.

Es ging schnell.

Ein dumpfer Schlag.

Ein erstickter Schrei.

Ein Körper prallte gegen die Wand.

Leonid packte den zweiten Eindringling am Mantel und riss ihn zu Boden.

Der Mann trug schwarze Kleidung, Handschuhe und keine sichtbaren Abzeichen.

Kein Amateur.

Leonid drückte ihn mit dem Knie auf den Boden.

„Wer hat Sie geschickt?“


Schweigen.

„Falsche Antwort.“

Der Mann lächelte.

Dann biss er plötzlich zu.

Leonid griff nach seinem Kiefer, doch zu spät.

Der Körper unter ihm begann zu zucken.

„Gift“, sagte sein Sicherheitschef.

Sekunden später bewegte der Mann sich nicht mehr.

Leonid starrte ihn an.

Menschen töteten sich nicht wegen eines gewöhnlichen Finanzskandals.


„Der andere?“

„Bewusstlos. Lebt.“

„Dann sorgen Sie dafür, dass das so bleibt.“

Aus dem Schlafzimmer kam ein schweres Keuchen.

Leonid ging hinein.

Matthias war blasser geworden.

Karin kniete bereits neben ihm und überprüfte seinen Puls.

„Wir brauchen einen Krankenwagen“, sagte sie.

„Nein.“

Sie fuhr herum.


„Er stirbt.“

„Ein Krankenwagen verrät unseren nächsten Standort.“

„Dann stirbt er hier.“

Leonid sah Matthias an.

„Wie lange?“

Karin zögerte.

„Vielleicht eine Stunde. Vielleicht weniger.“

Matthias öffnete die Augen.

„Korin.“

Leonid beugte sich zu ihm.


„Sie müssen… zum Hafen.“

„Warum?“

„Schuppen siebzehn.“

Karin drückte eine Kompresse gegen seinen Verband.

„Nicht sprechen.“

Doch Matthias packte Leonids Ärmel.

„Im Schließfach… zweihundertvier.“

„Was ist darin?“

„Das Original.“

Leonids Blick fiel auf den USB-Stick in seiner Hand.

„Das hier ist nicht das Original?“

Matthias schüttelte kaum sichtbar den Kopf.

„Nur ein Schlüssel.“

„Wozu?“

„Zum Öffnen.“

„Von was?“

Matthias versuchte zu antworten.

Ein weiterer Hustenanfall unterbrach ihn.

Als er wieder sprechen konnte, war seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

„Die Liste.“

Leonid spürte, wie sich etwas in seinem Magen zusammenzog.

„Welche Liste?“

Matthias sah ihn an.

„Die Namen der Männer, die für Ihren Tod bezahlt haben.“

Dann verlor er das Bewusstsein.

Karin überprüfte sofort seinen Puls.

„Er lebt.“

Leonids Sicherheitschef erschien in der Tür.

„Wir haben einen Weg raus. Keller, Versorgungsgang, Hintergebäude.“

„Fahrzeug?“

„In drei Minuten.“

Leonid nickte.

„Reuter kommt mit.“

„Und die beiden?“

Der Blick des Sicherheitschefs wanderte zu Karin und Elsa.

Leonid antwortete ohne Zögern.

„Auch.“

Karin stand auf.

„Moment. Sie bringen meine Tochter nicht in irgendeinen Krieg.“

„Der Krieg steht bereits vor Ihrer Haustür.“

„Dann bringen Sie ihn weg!“

Sie deutete auf Matthias.

„Vielleicht verschwinden sie, wenn er nicht mehr hier ist.“

Leonid ging einen Schritt auf sie zu.

„Dennis ist entkommen.“

Karin schwieg.

„Er kennt Ihren Namen. Ihren Arbeitsplatz. Diese Adresse. Er kennt Elsa.“

Ihre Wut wich langsam etwas Schlimmerem.

Verständnis.

„Sie können nicht mehr hierbleiben.“

Aus dem Badezimmer kam eine kleine Stimme.

„Mama?“

Karin schloss die Augen.

Leonid sah, wie sie sich zwang, nicht zusammenzubrechen.

Dann ging sie zu Elsa.

Weniger als vier Minuten später bewegten sie sich durch den Keller.

Einer von Leonids Männern trug Matthias. Karin hielt Elsa an der Hand. Leonid ging voraus.

Der Versorgungsgang führte zu einem Hintergebäude.

Fast geschafft.

Dann blieb Elsa plötzlich stehen.

„Mein Beutel.“

Karin zog an ihrer Hand. „Wir können jetzt nicht zurück.“

„Meine Münzen sind drin.“

„Elsa—“

„Ich brauche sie.“

Leonid drehte sich um.

Das Kind sah ihn an, als wären diese drei Euro das Einzige, was von ihrer alten Welt noch übrig war.

Er griff in seine Manteltasche.

Drei Münzen lagen darin.

Karin starrte ihn an.

Leonid hatte sie vom Tisch genommen, bevor sie die Wohnung verlassen hatten.

Er legte sie in Elsas Hand.

„Verträge sollte man nicht verlieren.“

Elsa schloss die Finger darum.

Dann hörten sie über sich Schritte.

Viele.

„Los.“

Sie erreichten das Fahrzeug und fuhren ab, Sekunden bevor bewaffnete Männer in den Hinterhof kamen.

Erst mehrere Straßen weiter erlaubte Leonid sich, zurückzublicken.

Elsa lag mit dem Kopf an Karins Schulter.

Karin hielt ihre Tochter fest und sah Leonid über sie hinweg an.

„Wohin bringen Sie uns?“

„An einen Ort, den nur Menschen kennen, denen ich vertraue.“

Sein Handy vibrierte.

Leonid sah auf das Display.

Sein Sicherheitschef hatte die Identität des überlebenden Angreifers überprüfen lassen.

Leonid öffnete die Datei.

Dann wurde sein Gesicht vollkommen still.

Der Mann war kein Söldner.

Kein Mitglied einer rivalisierenden Organisation.

Er arbeitete seit elf Jahren für Leonid.

In der Datei stand außerdem, wer ihn vor acht Monaten persönlich für den internen Sicherheitsdienst empfohlen hatte.

Leonid kannte diesen Namen besser als fast jeden anderen.

Viktor Malenkov.

Sein ältester Freund.

Der Mann, der vor zwanzig Jahren neben ihm gestanden hatte, als Leonid Korins Imperium überhaupt erst entstanden war.

Leonid schaltete das Display aus.

Der sichere Ort, zu dem sie gerade fuhren, gehörte Viktor.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.**

No comments yet