Unterhaltung

Ein siebenjähriges Mädchen bot Leonid Korin drei Münzen, damit er die Monster in ihrem Haus vertreibt

Leonid sagte kein Wort darüber, was auf seinem Display gestanden hatte.

Noch nicht.

Der Wagen glitt durch das nächtliche Hamburg. Regen hatte eingesetzt und zog glänzende Streifen über die Scheiben. Hinter ihnen wechselte das Begleitfahrzeug zweimal die Route, während der Sicherheitschef jede Kreuzung überprüfte.

Karin saß Elsa gegenüber und hielt Matthias’ Infusion hoch, die sie improvisiert an einem Griff befestigt hatte.

„Sein Puls wird schwächer.“

Leonid blickte zu seinem Sicherheitschef.

„Wie weit?“

„Acht Minuten.“

Acht Minuten bis zu Viktors Haus.

Acht Minuten bis zu einem Ort, den Leonid vor wenigen Augenblicken noch für sicher gehalten hatte.


„Planänderung.“

Der Sicherheitschef sah ihn im Rückspiegel an.

„Wohin?“

„Speicherstadt. Objekt Neun.“

Eine kurze Pause.

„Das benutzen wir seit Jahren nicht.“

„Deshalb fahren wir hin.“

Der Fahrer bog sofort ab.

Karin musterte Leonid.

„Was ist passiert?“


„Der sichere Ort ist nicht mehr sicher.“

„Woher wissen Sie das?“

Leonid sah aus dem Fenster.

„Weil ich mich möglicherweise in einem Menschen geirrt habe.“

Sie stellte keine weitere Frage.

Zwanzig Minuten später hielt der Wagen vor einem unscheinbaren alten Speichergebäude.

Von außen wirkte es verlassen.

Innen befand sich hinter zwei Stahltüren eine Wohnung, die Leonid vor Jahren für Notfälle eingerichtet hatte.

Karin brauchte weniger als eine Minute, um den Esstisch in eine provisorische Behandlungsfläche zu verwandeln.

„Licht.“


Einer der Männer brachte Lampen.

„Saubere Handtücher. Handschuhe. Den medizinischen Koffer.“

Leonid beobachtete sie.

Die erschöpfte Frau aus Wohnung 3B war verschwunden.

Hier war Karin Werner Krankenschwester.

Ruhige Hände.

Klare Befehle.

Keine verschwendete Bewegung.

Elsa saß auf einem Sofa und hielt die drei Münzen fest in der Faust.

Nach einigen Minuten kam Karin zu Leonid.


„Er braucht einen Arzt.“

„Ich lasse einen kommen.“

„Jemanden, dem Sie wirklich vertrauen.“

Leonid hielt ihrem Blick stand.

„Genau das ist im Moment das Problem.“

Karin verstand.

„Sie wissen nicht mehr, wem Sie vertrauen können.“

„Nein.“

„Dann vertrauen Sie mir.“

Der Satz überraschte ihn.


Karin deutete auf Matthias.

„Ich habe ihn sechs Tage am Leben gehalten. Ich hätte ihn jederzeit ausliefern können.“

„Sie haben ihn versteckt und dadurch Ihre Tochter gefährdet.“

Der Vorwurf traf.

Karin sah zu Elsa.

„Das weiß ich.“

Zum ersten Mal brach etwas in ihrer Stimme.

„Ich dachte, wenn ich einen Menschen rette, würde das Richtige daraus entstehen.“

Leonid folgte ihrem Blick.

„Das Richtige ist selten so ordentlich.“


Sein Sicherheitschef kam herein.

„Der Angreifer ist wach.“

Leonid ging in den Nebenraum.

Der gefangene Mann saß mit gefesselten Händen auf einem Stuhl.

Leonid kannte sein Gesicht.

Stefan Krüger.

Elf Jahre.

Geburtstagsfeiern. Beerdigungen. Nächte, in denen dieser Mann Türen bewacht hatte, hinter denen Leonid schlief.

Leonid stellte sich vor ihn.

„Viktor.“


Stefans Augen bewegten sich kaum.

Genug.

„Hat Viktor Sie geschickt?“

„Ich habe nichts zu sagen.“

„Sie sind heute in eine Wohnung eingedrungen, in der ein siebenjähriges Kind war.“

Stefan sah weg.

Leonid bemerkte es.

„Das wussten Sie nicht.“

Schweigen.

„Man sagte Ihnen, dort seien nur Reuter und meine Leute.“


Wieder diese winzige Reaktion.

Leonid beugte sich vor.

„Wer hat den Befehl gegeben?“

Stefan presste die Lippen zusammen.

Leonid richtete sich wieder auf.

„Dann anders.“

Er zog den schwarzen USB-Stick hervor.

Stefans Gesicht veränderte sich.

Nur für eine Sekunde.

Aber Leonid sah es.


„Sie wissen, was das ist.“

„Nein.“

„Die erste Lüge heute Abend, bei der Sie sich nicht einmal Mühe gegeben haben.“

Stefan atmete schneller.

„Was öffnet dieser Schlüssel?“

Keine Antwort.

Leonid steckte den USB-Stick wieder ein.

„Schuppen siebzehn. Schließfach zweihundertvier.“

Diesmal konnte Stefan seine Reaktion nicht verbergen.

„Gehen Sie dort nicht hin.“


Leonid wurde vollkommen still.

„Warum?“

Stefan schloss die Augen.

„Weil Reuter genau das will.“

Leonid hatte mit vielem gerechnet.

Nicht damit.

„Erklären Sie es.“

„Sie glauben, Sie hätten einen Verräter in Ihrer Organisation.“

„Habe ich nicht?“

Stefan lachte bitter.

„Sie haben mehrere.“

Leonid sagte nichts.

„Aber Reuter arbeitet nicht für Sie. Und er arbeitet auch nicht gegen Viktor.“

„Für wen dann?“

Stefan hob den Blick.

„Das weiß niemand.“

Aus dem Hauptraum kam plötzlich Karins Stimme.

„Leonid!“

Er war sofort draußen.

Matthias war wach.

Und panisch.

„Der Stick“, keuchte er. „Wo ist er?“

Leonid blieb einige Schritte entfernt.

„Bei mir.“

Matthias entspannte sich sichtbar.

Zu sichtbar.

Leonid bemerkte es jetzt.

„Warum ist Ihnen der Stick wichtiger als Ihr eigenes Leben?“

Matthias schwieg.

Karin blickte zwischen den Männern hin und her.

Leonid zog den USB-Stick hervor.

„Stefan sagt, Sie benutzen mich.“

Matthias’ Augen wurden kalt.

Die Schwäche verschwand nicht aus seinem Körper.

Aber aus seinem Blick.

„Stefan lebt?“

„Enttäuscht?“

Matthias antwortete nicht.

Leonid ging näher.

„Was befindet sich wirklich in Schließfach zweihundertvier?“

Matthias sah zu Elsa.

Dann zu Karin.

„Die Wahrheit.“

„Das ist keine Antwort.“

„Mehr bekommen Sie von mir nicht.“

Leonid steckte den Stick wieder ein.

„Dann gehen wir nirgendwohin.“

Zum ersten Mal zeigte Matthias echte Angst.

„Sie müssen.“

„Warum?“

„Weil das Schließfach morgen um sechs Uhr automatisch geleert wird.“

„Von wem?“

„Von einem Kurier.“

„Wessen Kurier?“

Matthias schwieg.

Leonids Handy klingelte.

Nicht vibrierte.

Klingelte.

Nur sehr wenige Menschen besaßen diese Nummer.

Auf dem Display stand ein Name.

**Viktor Malenkov.**

Leonid nahm ab.

„Viktor.“

Am anderen Ende hörte er schwere Atemzüge.

Dann die Stimme seines ältesten Freundes.

„Wo bist du?“

„Warum?“

„Weil jemand gerade mein Haus angegriffen hat.“

Leonid sah zu Stefan.

„Wer?“

„Ich weiß es nicht. Zwei meiner Männer sind tot.“

Viktors Stimme brach beinahe vor Wut.

„Und bevor einer der Angreifer starb, hatte er nur einen Namen auf den Lippen.“

Leonid wartete.

„Matthias Reuter.“

Im Raum veränderte sich die Luft.

Matthias hatte jedes Wort gehört.

Er versuchte plötzlich aufzustehen.

Karin drückte ihn zurück.

„Sie bewegen sich nicht.“

Doch Matthias kämpfte gegen sie.

„Wir müssen zum Hafen. Jetzt.“

Leonid legte auf.

„Warum?“

Matthias sah ihn an.

Zum ersten Mal war keine Berechnung mehr in seinem Gesicht.

Nur Angst.

„Weil ich mich geirrt habe.“

„Wobei?“

Matthias schluckte.

„Schließfach zweihundertvier enthält nicht nur die Liste.“

Leonid wartete.

„Darin liegt ein zweites Speichermedium. Wenn es geöffnet wird, kann man beweisen, wer Ihr Netzwerk seit drei Jahren infiltriert.“

„Und?“

Matthias sah zu Karin.

„Dennis hat davon erfahren.“

Karin erstarrte.

„Wie?“

„Er hat mich belauscht, als ich glaubte, er sei betrunken.“

Leonids Stimme wurde gefährlich ruhig.

„Was genau hat er gehört?“

„Die Nummer des Schließfachs.“

Karin wurde kreidebleich.

Leonid blickte auf die Uhr.

Noch vier Stunden bis sechs.

Dann kam Elsa vom Sofa auf sie zu.

„Mama.“

Karin drehte sich um.

Elsa hielt etwas Kleines in ihrer Hand.

„Das war in meinem Beutel.“

Leonid sah genauer hin.

Es war kein Geldstück.

Zwischen den drei Münzen lag ein winziger schwarzer Gegenstand.

Ein elektronischer Sender.

Karin starrte ihn an.

„Der gehört uns nicht.“

Leonid nahm ihn vorsichtig aus Elsas Hand.

Ein grünes Licht blinkte.

Einmal.

Zweimal.

Jemand hatte nicht nur gewusst, wohin sie gefahren waren.

Jemand wusste in diesem Moment genau, wo Elsa war.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**

No comments yet