Unterhaltung

Ein siebenjähriges Mädchen bot Leonid Korin drei Münzen, damit er die Monster in ihrem Haus vertreibt

Leonid schloss die Finger um den Sender.

„Seit wann ist der in deinem Beutel?“

Elsa schüttelte den Kopf. „Weiß ich nicht.“

„Hat jemand den Beutel angefasst?“

Das Mädchen dachte nach.

„Dennis.“

Karin erstarrte.

„Wann?“

„Gestern. Er hat ihn vom Tisch genommen und gesagt, ich soll meinen Müll wegräumen.“

Leonid sah zu Matthias.


„Dann wusste Dennis möglicherweise schon vor heute Abend, wo Reuter versteckt war.“

Matthias schloss die Augen.

„Und trotzdem hat er gewartet.“

Dieser Gedanke war schlimmer.

Dennis hatte nicht versucht, Matthias sofort auszuliefern. Er hatte Informationen gesammelt.

Vielleicht hatte er auf den höchsten Preis gewartet.

Leonid reichte den Sender seinem Sicherheitschef.

„Kannst du feststellen, wer das Signal empfängt?“

„Nicht schnell genug.“

„Dann geben wir ihnen etwas zu empfangen.“


Der Mann verstand sofort.

Fünf Minuten später verließ eines ihrer Fahrzeuge das Gebäude.

Der Sender lag darin.

Es fuhr Richtung Süden.

Leonid wartete.

Sieben Minuten.

Dann klingelte das Telefon des Sicherheitschefs.

Er hörte schweigend zu.

„Zwei Fahrzeuge folgen unserem Wagen.“

Leonid nickte.


„Gut.“

Karin sah ihn an. „Gut?“

„Jetzt schauen sie in die falsche Richtung.“

„Für wie lange?“

„Nicht lange.“

Leonid wandte sich Matthias zu.

„Deshalb fahren wir jetzt zum Hafen.“

Matthias nickte.

„Und wir?“, fragte Karin.

Leonid sah Elsa an.


„Sie bleiben hier.“

„Nachdem Sie gerade gesagt haben, dass dieser Ort gefunden wurde?“

Sie hatte recht.

Leonid hasste das.

„Dann kommen Sie mit.“

„Zum Hafen?“

„Nein. Bis zu einem zweiten Fahrzeug. Danach bringt Sie jemand weg.“

„Jemand, dem Sie vertrauen?“

Leonid antwortete nicht sofort.

Karin lächelte bitter.


„Genau.“

Eine halbe Stunde später standen sie in einer stillgelegten Werkstatt nahe der Elbe.

Viktor wartete bereits dort.

Als Leonid ihn sah, kamen zwanzig Jahre Erinnerungen gleichzeitig zurück.

Viktor hatte mehr graue Haare als früher. Blut klebte an seinem Hemdärmel.

Stefan wurde hinter Leonid hereingeführt.

Viktors Gesicht veränderte sich.

„Was macht er hier?“

„Er hat versucht, Reuter zu holen.“

Viktor starrte Stefan an.


„Du?“

Stefan hob den Kopf.

„Ich habe Befehle befolgt.“

„Meine?“

„Das dachte ich.“

Leonid wurde aufmerksam.

„Erklär das.“

Stefan sah Viktor an.

„Die Nachricht kam über deinen Sicherheitskanal. Deine Freigabe. Deine Signatur.“

Viktor zog sein Handy heraus.


„Unmöglich.“

„Genau wie der Zugriff auf meine Routen unmöglich war“, sagte Leonid.

Die beiden alten Freunde sahen einander an.

Misstrauen stand zwischen ihnen.

Matthias begann plötzlich zu lachen.

Schwach.

Aber deutlich.

Leonid drehte sich um.

„Was ist lustig?“

„Ihr sucht immer noch nach einem Verräter.“


„Sie sagten, es seien mehrere.“

„Sind es auch.“

„Dann Namen.“

Matthias schüttelte den Kopf.

„Nicht bevor wir das Schließfach haben.“

Viktor ging auf ihn zu.

„Zwei meiner Männer sind wegen dir tot.“

„Dann solltest du besonders daran interessiert sein, was darin liegt.“

Leonid stellte sich zwischen sie.

„Genug.“


Er blickte auf die Uhr.

4:38 Uhr.

Noch eine Stunde und zweiundzwanzig Minuten.

„Viktor kommt mit mir.“

Karin trat vor.

„Und Matthias?“

„Auch.“

„Er schafft das nicht.“

„Dann halten Sie ihn am Leben.“

Sie starrte Leonid an.


„Sie wollen, dass ich mitkomme.“

„Sie sind die einzige Person hier, von der ich weiß, dass sie Reuter nicht sterben lassen will.“

„Und Elsa?“

Viktor sah zum Mädchen.

„Sie kann hierbleiben. Meine Männer—“

„Nein“, sagte Leonid.

Viktor schwieg.

Leonid bemerkte die Verletzung in seinem Blick.

„Bis ich weiß, wer deine Systeme benutzt hat, vertraue ich niemandem mit ihr.“

Elsa zog an Karins Ärmel.

„Ich will bei dir bleiben.“

Damit war die Entscheidung gefallen.

Kurz nach fünf erreichten sie den Hafen.

Schuppen siebzehn lag zwischen Lagerhallen und Containern. Nebel hing über dem Gelände.

Viktor und Leonid gingen voraus.

Karin blieb mit Elsa und Matthias im Fahrzeug, geschützt von zwei Männern.

Schließfach 204 befand sich in einem alten Lagerraum.

Leonid steckte den USB-Stick in das elektronische Lesegerät.

Nichts.

Dann leuchtete das Display auf.

**ZUGANG BESTÄTIGT.**

Ein metallisches Klicken.

Die Tür sprang auf.

Darin lag eine schwarze Mappe.

Und ein zweiter Datenträger.

Leonid nahm die Mappe heraus.

Die erste Seite enthielt Kontonummern.

Die zweite Namen.

Auf der dritten blieb sein Blick stehen.

Viktor trat neben ihn.

„Was?“

Leonid sagte nichts.

Dort standen Namen aus seiner Organisation.

Stefan Krüger.

Zwei Fahrer.

Ein Buchhalter.

Ein Hafenmitarbeiter.

Daneben Summen und Daten.

Aber ganz oben stand ein anderer Name.

**Dennis Wagner.**

„Dennis arbeitet für sie“, sagte Viktor.

Leonid blätterte weiter.

Dann verstand er.

„Nein.“

„Was?“

„Er arbeitet für jeden.“

Zahlungen kamen aus drei verschiedenen Richtungen.

Dennis hatte Informationen gleichzeitig verkauft.

Über Karin.

Über Matthias.

Über Leonid.

Plötzlich ertönte draußen ein Schuss.

Leonid und Viktor zogen gleichzeitig ihre Waffen.

Ein zweiter Schuss.

Dann Karins Schrei.

Sie rannten hinaus.

Einer der Wachmänner lag verletzt neben dem Fahrzeug.

Die hintere Tür stand offen.

Karin kniete auf dem Boden.

„Elsa!“

Leonids Herz setzte einen Schlag aus.

„Wo ist sie?“

„Dennis.“

Karin zeigte mit zitternder Hand zwischen die Container.

„Er hat sie genommen.“

Leonid rannte los.

Zwischen den Metallwänden hallten Schritte.

Dann Dennis’ Stimme.

„Nicht näher!“

Leonid blieb stehen.

Dreißig Meter entfernt hielt Dennis Elsa vor sich.

Keine Waffe an ihrem Kopf.

Aber eine Hand lag fest um ihre Schulter.

Elsa weinte nicht.

Sie hielt immer noch eine der Münzen in der Faust.

„Lass sie gehen“, sagte Leonid.

Dennis lachte.

„Gib mir die Mappe.“

„Du bekommst sie.“

Viktor sah Leonid an.

Leonid hob eine Hand.

Nicht jetzt.

„Erst Elsa.“

„Hältst du mich für dumm?“

„Nein.“

Leonids Stimme wurde ruhig.

„Ich halte dich für gierig.“

Dennis’ Lächeln verschwand.

„Und deshalb weiß ich, dass du sie nicht verletzen wirst. Solange du glaubst, dass sie dir noch etwas einbringen kann.“

Dennis zog Elsa rückwärts weiter.

Dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Elsa öffnete ihre kleine Hand.

Die Ein-Euro-Münze fiel zu Boden.

Dennis blickte instinktiv hinunter.

Nur eine Sekunde.

Aber Elsa hatte bereits einmal gelernt, Erwachsenen auszuweichen.

Sie trat ihm mit aller Kraft auf den Fuß und riss sich los.

„Jetzt!“

Karin schrie.

Elsa rannte.

Dennis griff nach ihr.

Leonid war schneller.

Er erreichte das Mädchen, zog sie hinter sich und stieß Dennis gegen einen Container.

Viktor war Sekunden später da.

Dennis lag am Boden.

Diesmal gab es keinen Fluchtweg.

Karin rannte zu Elsa und nahm sie in die Arme.

Leonid sah auf Dennis hinunter.

„Wer hat dir den Sender gegeben?“

Dennis spuckte Blut auf den Beton.

„Du hast immer noch nichts verstanden.“

Leonid packte ihn am Kragen.

„Dann hilf mir.“

Dennis grinste.

„Warum glaubst du, dass das Mädchen ausgerechnet dein Restaurant gefunden hat?“

Leonid wurde reglos.

Hinter ihm verstummte Karin.

Elsa hob langsam den Kopf von der Schulter ihrer Mutter.

Dennis lachte.

„Sie wusste nicht einmal, wer du bist.“

Leonid sah Elsa an.

Dann erinnerte er sich an den Abend.

Das rote Kleid.

Den Stoffbeutel.

Drei Münzen.

Ein siebenjähriges Kind, das allein durch Hamburg gegangen war und genau vor seinem Tisch stehen geblieben war.

„Elsa“, sagte er ruhig.

„Woher wusstest du, wo du mich findest?“

Das Mädchen zögerte.

„Ich wusste es nicht.“

„Warum bist du dann in dieses Restaurant gegangen?“

Elsa blickte zu ihrer Mutter.

„Wegen dem Mann.“

Karin wurde blass.

„Welchem Mann?“

„Dem netten Mann vor unserem Haus.“

Leonids Magen zog sich zusammen.

„Was hat er dir gesagt?“

Elsa drückte sich enger an Karin.

„Dass dort ein Mann sitzt, vor dem sogar Monster Angst haben.“

Leonid sah zu Dennis.

Doch dessen Grinsen war verschwunden.

Denn offenbar hatte selbst Dennis diesen Teil nicht gewusst.

Elsa flüsterte:

„Er hat mir auch gesagt, dass ich ihm die drei Münzen geben soll.“

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 8, um weiterzulesen.**

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