Unterhaltung

Ein siebenjähriges Mädchen bot Leonid Korin drei Münzen, damit er die Monster in ihrem Haus vertreibt

Leonid hörte plötzlich nicht mehr den Wind zwischen den Containern.

Nicht die Motoren in der Ferne.

Nicht Karins hektischen Atem.

Nur Elsas letzten Satz.

„Er hat mir auch gesagt, dass ich ihm die drei Münzen geben soll.“

Leonid ging langsam vor ihr in die Hocke.

„Elsa, ich möchte, dass du dich ganz genau erinnerst. Wie sah der Mann aus?“

Sie drückte sich an Karin.

„Alt.“

„So alt wie ich?“


Elsa musterte Leonid ernst.

„Älter.“

Viktor schnaubte trotz der Situation beinahe.

Leonid ignorierte ihn.

„Haare?“

„Grau. Und er hatte einen langen Mantel.“

„Hat er deinen Namen gekannt?“

Elsa nickte.

Karin wurde noch blasser.

„Was genau hat er gesagt?“


Das Mädchen dachte nach.

„Er hat gesagt: Elsa, wenn die Monster wiederkommen, geh zum Restaurant am Wasser. Dort sitzt heute Abend ein Mann namens Leonid. Gib ihm drei Münzen und sag ihm, dass du Hilfe brauchst.“

Leonid richtete sich langsam auf.

Jemand hatte Elsa nicht zufällig zu ihm geschickt.

Jemand hatte gewusst, wo er essen würde.

Jemand hatte gewusst, dass Dennis eine Gefahr war.

Und jemand hatte offenbar darauf vertraut, dass Leonid auf ein verängstigtes Kind reagieren würde.

Er sah zu Matthias.

Der Verletzte saß im Fahrzeug und hatte alles gehört.

„Kennen Sie diesen Mann?“


Matthias schüttelte den Kopf.

Leonid ging auf ihn zu.

„Überlegen Sie gut.“

„Ich kenne ihn nicht.“

„Aber Sie wissen etwas.“

Matthias schwieg.

Leonid öffnete die schwarze Mappe.

„Ich habe langsam genug von halben Wahrheiten.“

Er hielt den zweiten Datenträger hoch.

„Was ist darauf?“


Matthias sah zu Dennis.

„Öffnen Sie ihn.“

„Sie haben mich davor gewarnt, irgendeines dieser Geräte mit einem Netzwerk zu verbinden.“

„Dieser braucht kein Netzwerk.“

Viktor brachte einen abgeschirmten Laptop aus dem Fahrzeug.

Keine Funkverbindung. Kein Internet.

Leonid steckte den Datenträger ein.

Nur ein Ordner erschien.

**KORIN / PROJEKT HEIMKEHR**

Viktor runzelte die Stirn.


„Heimkehr?“

Leonid öffnete ihn.

Dokumente.

Fotos.

Zahlungen.

Bewegungsprofile.

Seine Restaurants.

Seine Fahrzeuge.

Seine Häuser.

Menschen, mit denen er sich getroffen hatte.


Jemand hatte Leonids Leben über Jahre katalogisiert.

Dann erschien ein Foto.

Leonid erstarrte.

Es war Jahrzehnte alt.

Darauf stand ein Junge vor einem Wohnblock.

Vielleicht zwölf Jahre alt.

Dünn.

Ein blauer Fleck unter dem Auge.

Leonid selbst.

Karin trat näher.


„Wer hat dieses Foto gemacht?“

„Das weiß ich nicht.“

Leonid öffnete die nächste Datei.

Ein Bericht über seine Mutter.

Die Wohnung.

Den Mann, vor dem sie Angst gehabt hatte.

Den Schrank, in dem Leonid sich als Kind versteckt hatte.

Dinge, die niemand kennen sollte.

Nicht Viktor.

Nicht seine Männer.


Niemand.

Ganz unten stand ein Satz.

**ZIELPERSON REAGIERT BESONDERS STARK AUF HÄUSLICHE GEWALT GEGEN FRAUEN UND KINDER.**

Leonid spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Elsa.

Das rote Kleid.

Dennis.

Die drei Münzen.

Es war kein Zufall gewesen.

Es war ein Schlüssel gewesen.


Nicht für ein Schließfach.

Für ihn.

„Jemand hat gewusst, dass ich helfen würde“, sagte Leonid.

Matthias nickte.

„Ja.“

Leonid drehte sich zu ihm.

„Wer?“

„Der Mann, für den ich gearbeitet habe.“

„Name.“

Matthias sah auf den Bildschirm.


„Dr. Friedrich Albrecht.“

Viktor fluchte leise.

Leonid kannte den Namen nicht.

„Wer ist das?“

„Der Gründer von Nordhafen Consulting. Offiziell vor acht Jahren gestorben.“

„Und inoffiziell?“

„Hat er Menschen wie Sie untersucht.“

„Menschen wie mich?“

„Männer mit Macht. Männer mit Netzwerken. Männer, die Institutionen nicht kontrollieren können.“

Matthias deutete auf die Dateien.

„Albrecht glaubte, dass jeder mächtige Mensch einen emotionalen Zugangspunkt besitzt. Etwas, das stärker ist als Vorsicht.“

Leonid blickte zu Elsa.

„Und sie war meiner.“

Karin zog ihre Tochter näher an sich.

„Sie haben ein Kind benutzt.“

Matthias’ Stimme wurde leise.

„Ja.“

Karin ging auf ihn zu.

„Meine Tochter hätte sterben können.“

„Das sollte sie nicht.“

„Das sollte sie nicht?“

Ihre Hand schnellte vor.

Die Ohrfeige hallte durch die Lagerhalle.

Niemand hielt sie auf.

„Sie wussten davon“, sagte Karin.

Matthias hielt sich die Wange.

„Nicht alles.“

„Aber genug.“

„Ich wusste, dass Albrecht jemanden zu Elsa schicken würde. Ich wusste nicht, dass Dennis bereits verkauft hatte, wo ich war.“

Leonid begriff.

„Sie haben sich absichtlich von Karin finden lassen.“

Matthias antwortete nicht.

Das war Antwort genug.

Karin wich zurück, als hätte sie etwas Widerwärtiges berührt.

„Sie haben mich benutzt.“

„Sie haben mir das Leben gerettet.“

„Damit Sie meine Tochter als Köder benutzen konnten.“

„Nein.“

„Doch.“

Elsa sah zwischen den Erwachsenen hin und her.

Leonid wollte etwas sagen.

Dann bemerkte er Dennis.

Er lächelte wieder.

„Was?“, fragte Leonid.

Dennis sah auf den Laptop.

„Ihr seid alle so beschäftigt mit dem toten alten Mann.“

Leonid ging auf ihn zu.

„Albrecht lebt.“

Dennis’ Lächeln wurde breiter.

Matthias richtete sich trotz seiner Verletzungen auf.

„Das ist unmöglich.“

„Ich habe ihn getroffen.“

Stille.

„Wann?“, fragte Leonid.

„Vor zwei Tagen.“

Matthias wurde kreidebleich.

Dennis genoss jeden Augenblick.

„Er wollte wissen, ob alles vorbereitet ist.“

„Was vorbereitet?“

Dennis blickte zu Elsa.

Leonid packte ihn am Kragen.

„Sieh mich an.“

Dennis tat es.

„Was vorbereitet?“

„Dass du die Mappe findest.“

Leonids Griff lockerte sich.

„Warum sollte Albrecht wollen, dass ich sie finde?“

Dennis lachte.

„Weil die Namen darin nur die erste Hälfte sind.“

Viktor trat näher.

„Welche zweite Hälfte?“

Dennis deutete auf den Bildschirm.

„Öffnet den Ordner mit dem Datum von heute.“

Leonid fand ihn.

Passwortgeschützt.

„Passwort?“

Dennis sah zu Elsa.

„Drei Euro.“

Karin flüsterte: „Nein.“

Leonid tippte 3EURO ein.

Der Ordner öffnete sich.

Darin lag nur eine Videodatei.

Leonid startete sie.

Ein älterer Mann erschien auf dem Bildschirm.

Graues Haar.

Dunkler Mantel.

Elsa keuchte.

„Das ist er.“

Der Mann sah direkt in die Kamera.

„Leonid Korin. Wenn Sie diese Aufnahme sehen, hat Elsa ihren Teil erfüllt.“

Karins Gesicht verzerrte sich vor Wut.

„Falls Sie mich jetzt töten möchten“, fuhr Albrecht fort, „stellen Sie sich bitte hinten an.“

Viktor sah Leonid an.

Die Aufnahme lief weiter.

„Sie glauben wahrscheinlich, ich hätte Sie manipuliert. Das habe ich. Aber nicht, um Sie zu vernichten.“

Albrecht legte mehrere Fotos auf einen Tisch.

Leonid erkannte Gesichter aus seiner Organisation.

Dann Dennis.

Dann Matthias.

Und schließlich Viktor.

Viktor trat einen Schritt zurück.

„Was zum Teufel—“

Albrecht sprach weiter.

„Vor drei Jahren begann eine Gruppe innerhalb Ihres Netzwerkes, Ihre Organisation für etwas zu benutzen, das selbst Sie niemals erlaubt hätten.“

Leonids Gesicht wurde hart.

„Menschenhandel“, sagte Albrecht auf der Aufnahme.

Karin presste Elsa an sich.

„Ihre Routen. Ihre Lagerhäuser. Ihre korrupten Kontakte. Aber nicht Ihre Befehle.“

Leonid sah zu Viktor.

Viktor schüttelte sofort den Kopf.

„Ich wusste davon nichts.“

Auf dem Bildschirm erschien ein Hafenmanifest.

Container.

Daten.

Zahlungen.

„Ich habe Beweise gesammelt“, sagte Albrecht. „Reuter hat sie gestohlen, bevor meine Arbeit abgeschlossen war. Einige Namen in Ihrer Mappe sind Täter. Andere wurden bezahlt, ohne zu wissen, wofür. Wenn Sie jetzt blind Rache nehmen, töten Sie möglicherweise die Falschen.“

Leonid blickte zu Matthias.

Das erklärte dessen Schweigen.

Albrecht beugte sich näher zur Kamera.

„Aber es gibt einen Mann, der alles koordiniert.“

Das Bild wechselte.

Ein Foto erschien.

Leonid kannte das Gesicht.

Karin ebenfalls.

Ihr Mund öffnete sich.

„Nein.“

Auf dem Bildschirm war ein Mann in Krankenhauskleidung zu sehen.

Darunter stand:

**DR. MARKUS VOSS – LEITUNG PRIVATSTATION**

Karin sank beinahe zurück.

„Er ist mein Vorgesetzter.“

Albrechts Stimme erklang erneut.

„Dr. Voss benutzt seit Jahren medizinische Transporte und Korins Hafenrouten gemeinsam. Reuter entdeckte die Verbindung. Deshalb sollte er sterben.“

Leonid erinnerte sich an Karins Geschichte.

Der Anruf aus der Verwaltung.

Der falsche Besucher.

Die Privatstation.

Plötzlich passte alles zusammen.

„Wo ist Voss jetzt?“, fragte Viktor.

Karin griff nach ihrem Handy.

Mehrere ungelesene Nachrichten aus dem Krankenhaus.

Ihre Hände zitterten, als sie sie öffnete.

Dann blieb sie vollkommen still.

„Was?“, fragte Leonid.

Karin zeigte ihm die letzte Nachricht.

Sie war vor elf Minuten eingegangen.

**Karin, wir wissen, dass Sie Elsa bei sich haben. Kommen Sie bitte sofort ins Krankenhaus. Es geht um Ihre Tochter. – Dr. Voss**

Leonid sah zu Elsa.

Sie stand direkt neben ihrer Mutter.

Also konnte die Nachricht unmöglich wirklich Elsa betreffen.

Dann kam eine zweite Nachricht.

Ein Foto.

Karin verlor jede Farbe im Gesicht.

Darauf war Elsas roter Stoffbeutel zu sehen.

Er lag auf einem Krankenhausbett.

Daneben eine Patientenakte.

Auf dem Etikett stand ein Name.

**KARIN WERNER.**

Und darunter eine bereits vergebene Zimmernummer.

**Privatstation – Zimmer 417.**

Leonid verstand die Botschaft sofort.

Sie wollten Karin nicht ins Krankenhaus bitten.

Sie kündigten an, wo sie sie hinbringen würden.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 9, um weiterzulesen.**

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