Ich sah Isabella am Fenster an und wusste in diesem Moment nicht, was schlimmer war: dass sie meinen Vater erkannt hatte oder dass sie offenbar wusste, dass ich nicht im Wagen saß. Für einen kurzen Augenblick begegneten sich unsere Blicke. In ihrem Gesicht lag keine Überraschung. Keine Angst. Nur etwas, das ich bei ihr noch nie gesehen hatte: Berechnung.
Dann zog sie den Vorhang zu.
„Wir müssen hier weg“, sagte mein Vater.
„Nein.“
Er sah mich scharf an.
„Viktor.“
„Ich gehe nicht weg.“
„Du hast gerade gesehen, dass das Haus gegen dich arbeitet.“
„Und genau deshalb gehe ich hinein.“
Mein Vater packte meinen Arm. Seine Finger waren überraschend kräftig.
„Wenn du jetzt hineingehst, stirbst du vielleicht.“
Ich riss mich los.
„Das hast du schon einmal über mich entschieden.“
Sein Blick wurde hart.
„Ich habe dich damals gerettet.“
„Indem du mich glauben ließest, du wärst tot?“
„Indem ich dich von den Männern fernhielt, die deinen Sohn als Druckmittel benutzen wollten.“
Ich erstarrte.
„Meinen Sohn?“
Mein Vater sagte nichts.
„Du hast gesagt, er war nicht das Ziel.“
„War er auch nicht.“
„Dann wer?“
Er sah zur Villa.
„Du.“
Bevor ich antworten konnte, hörten wir Reifen auf Kies. Zwei schwarze Fahrzeuge kamen vom Hauptweg und stoppten vor dem Haus. Männer stiegen aus. Nicht meine Männer. Ich erkannte es sofort an ihrer Kleidung, ihrer Haltung und vor allem daran, dass keiner von ihnen nach den Sicherheitskameras sah.
Sie wussten, dass sie nicht mehr funktionierten.
„Wie viele?“, fragte ich.
„Sechs“, sagte mein Vater.
„Sieben“, korrigierte Sophie leise.
Wir sahen sie an.
Das Mädchen zeigte auf das zweite Fahrzeug.
„Einer ist noch drin.“
Mein Vater blickte sie lange an.
„Woher weißt du das?“
„Weil die Tür nicht aufgegangen ist.“
Mein Vater sah mich an.
Zum ersten Mal lag in seinem Gesicht etwas, das beinahe Bewunderung war.
„Dein Gärtner hat seiner Tochter beigebracht, besser zu beobachten als die meisten meiner Männer.“
„René weiß von alldem?“
„Er weiß genug.“
Ich wollte weiterfragen, doch aus dem Haus ertönte plötzlich ein dumpfer Knall. Keine Explosion. Eher das Geräusch einer schweren Tür, die zugeschlagen wurde.
Dann erschien Markus am Eingang.
Allein.
Sein Hemd war zerknittert, und an seiner linken Wange befand sich ein dünner roter Kratzer.
Ich griff sofort nach meiner Waffe, hielt aber inne. Ich wollte vor Sophie nicht zeigen, wie sehr meine Hände zitterten.
Markus hob beide Hände.
„Viktor.“
„Bleib stehen.“
Er blieb stehen.
„Wo sind die anderen?“
„Sie kommen nicht.“
„Warum?“
„Weil jemand ihnen befohlen hat, den Nordflügel zu sichern.“
„Wer?“
Markus sah kurz zu meinem Vater.
Und genau diese kleine Bewegung reichte.
Ich kannte Markus.
Er hatte meinen Vater nie kennengelernt.
Oder zumindest hatte er mir das zwölf Jahre lang erzählt.
„Du kennst ihn“, sagte ich.
Markus antwortete nicht.
Mein Vater dagegen sagte ruhig: „Er kennt mich.“
Ich sah Markus an.
„Seit wann?“
„Seit länger, als du glaubst.“
Etwas in mir brach.
Nicht laut.
Es war schlimmer.
Es war dieses lautlose Gefühl, wenn eine Wahrheit langsam durch all die Jahre sickert und plötzlich jede Erinnerung verdächtig macht.
„Warst du damals im Krankenhaus?“
Markus senkte den Blick.
„Ja.“
„In der Nacht, als mein Sohn geboren wurde?“
„Ja.“
„Warum?“
Er atmete tief ein.
„Weil ich deinen Vater schützen sollte.“
Ich machte einen Schritt auf ihn zu.
„Und wer sollte mich schützen?“
Markus schwieg.
Mein Vater antwortete.
„Niemand.“
Ich starrte ihn an.
„Das war das Problem.“
Sophie zog vorsichtig an meinem Ärmel.
„Herr Morell.“
Ich sah zu ihr.
Sie zeigte auf die Villa.
„Da ist jemand im Garten.“
Wir drehten uns gleichzeitig um.
Zwischen den Rosensträuchern bewegte sich eine Gestalt.
René.
Er kam nicht auf uns zu.
Er kniete am Boden und schob etwas unter einen Stein.
Dann stand er auf und sah direkt zu mir.
Mein Vater wollte losgehen, doch ich hielt ihn zurück.
„Nein.“
Ich ging selbst.
René wartete, bis ich bei ihm war.
„Herr Morell“, sagte er leise.
„Was hast du dort versteckt?“
Er sah zu Sophie.
„Sie hätte das nicht finden dürfen.“
„Was?“
René schloss die Augen.
„Den Schlüssel.“
Er holte einen kleinen Messingschlüssel aus der Tasche.
„Zu welchem Raum?“
„Zum Keller.“
Mein Herz schlug schneller.
„Es gibt keinen Keller unter diesem Flügel.“
René sah mich an.
„Doch.“
Dann blickte er zur Villa.
„Und dort liegt etwas, das Isabella seit Jahren sucht.“
„Was?“
René wollte antworten.
In diesem Moment klingelte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Zuerst hörte ich nur Atmen.
Dann Isabellas Stimme.
Doch sie klang nicht mehr kalt.
Sie klang erschöpft.
„Viktor, hör mir zu. Du darfst deinem Vater nicht glauben.“
Ich sagte nichts.
„Bitte“, flüsterte sie. „Wenn du wissen willst, warum ich das getan habe, komm allein ins Arbeitszimmer.“
„Warum sollte ich dir vertrauen?“
Am anderen Ende herrschte Stille.
Dann sagte sie einen Satz, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Weil ich deinen Sohn nicht töten lassen wollte.“
Die Verbindung brach ab.
Ich sah Markus an.
Dann meinen Vater.
Dann Sophie.
Und plötzlich hörte ich aus dem Inneren der Villa einen Schrei.
Ein Kind.
Mein Sohn war seit Jahren nicht mehr hier gewesen.
Doch ich kannte diese Stimme.
Ich rannte zur Hintertür.
Mein Vater rief meinen Namen.
Aber ich hörte bereits nicht mehr zu.
Denn aus dem Keller unter dem alten Flügel kam erneut die Stimme meines Sohnes.
Und diesmal rief sie meinen Namen.







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