Sophie schrie meinen Namen ein zweites Mal, und diesmal war in ihrer Stimme etwas, das ich noch nie gehört hatte: nackte Angst.
Ich rannte die Treppe hinauf.
„Viktor!“, rief mein Vater hinter mir. „Nicht allein!“
Doch ich war bereits im Korridor. Durch die offenen Fenster drang das Geräusch hastiger Schritte vom Garten herein. Dann ein dumpfer Schlag. Jemand fluchte. Ich stieß die Hintertür auf und sah René auf dem Boden knien. Einer der Männer hielt ihn am Arm fest, während der andere sich suchend zwischen den Hecken umsah.
Sophie war verschwunden.
Mein Herz blieb stehen.
„Wo ist sie?“
René hob den Kopf. Blut war keines zu sehen, aber sein Gesicht war vor Angst völlig verändert.
„Sie ist weggelaufen.“
„Wohin?“
„Zum Gewächshaus.“
Ich rannte los.
Das alte Gewächshaus stand am äußersten Ende des Grundstücks, halb von Efeu überwuchert. Dort hatte René früher die jungen Pflanzen gezogen, bevor er sie in den Garten setzte. Ich hatte diesen Ort seit Jahren nicht mehr betreten.
Die Tür stand offen.
„Sophie!“
Keine Antwort.
Ich trat hinein.
Es roch nach feuchter Erde und altem Holz. Töpfe lagen umgestürzt auf dem Boden. Ein Stuhl war zur Seite geschoben worden. Dann hörte ich ein leises Schluchzen.
„Sophie?“
„Herr Morell.“
Sie kam hinter einem Regal hervor.
Ich ging sofort in die Hocke.
„Bist du verletzt?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Gut.“
„Aber der Mann hat meinen Papa gefragt, wo Sie sind.“
Ich sah zur Tür.
„Hast du ihn erkannt?“
Sophie nickte.
„Er war schon einmal hier.“
„Wann?“
Sie dachte nach.
„Vor drei Wochen. Er hat mit Papa gestritten.“
Ich erstarrte.
„Was hat er gesagt?“
Sophie zog die Knie an die Brust.
„Er hat gefragt, ob Papa den Keller gefunden hat.“
Mein Blick wanderte durch das Gewächshaus.
„Welchen Keller?“
Sie zeigte auf den Boden.
„Den unter dem Haus.“
Hinter mir erschienen mein Vater und Markus.
Mein Vater sah Sophie an, dann mich.
„Wir müssen gehen.“
„Nein.“
„Viktor—“
„Nicht ohne Antworten.“
Markus schloss die Tür hinter sich.
„Die Männer draußen sind nicht allein.“
„Wie viele?“
„Mehr als zehn.“
Ich sah ihn an.
„Dann sag mir endlich, auf welcher Seite du stehst.“
Markus atmete langsam aus.
„Auf deiner.“
„Das sagst du seit zwölf Jahren.“
Er sah zu Boden.
„Weil ich dich sonst nicht hätte schützen können.“
„Du hast Elias den Stick gegeben.“
„Ja.“
„Warum?“
Markus zögerte.
„Weil Elias mir sagte, dass dein Vater ihm nicht mehr vertraut.“
Mein Vater wurde plötzlich blass.
„Das ist nicht wahr.“
Markus sah ihn an.
„Du hast ihm befohlen, die Liste zu vernichten.“
„Weil die Liste jeden Menschen getötet hätte, dessen Name darauf stand.“
„Nein“, sagte Markus. „Du wolltest sie behalten.“
Stille.
Ich sah meinen Vater an.
„Was bedeutet das?“
Er antwortete nicht.
Ich ging näher.
„Was hast du damals getan?“
Mein Vater blickte schließlich auf.
„Ich habe die Liste versteckt.“
„Wo?“
„Im Keller.“
Sophie flüsterte: „Dann ist sie noch dort.“
Mein Vater schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil Elias sie herausgenommen hat.“
Markus unterbrach ihn.
„Und deshalb wurde er verfolgt.“
Ich sah zwischen beiden hin und her.
„Was stand auf der Liste?“
Mein Vater sagte leise:
„Namen.“
„Das weiß ich.“
„Auch dein Name.“
Ich erstarrte.
„Mein Name?“
„Du warst damals nicht der Anführer dieser Stadt. Du warst ein Werkzeug. Elias wollte verhindern, dass du irgendwann genau das wirst, was du heute bist.“
Die Worte trafen mich härter als jeder Schlag.
„Er wollte mich retten.“
„Ja.“
„Und ihr habt ihn dafür sterben lassen.“
Mein Vater schloss die Augen.
Dann sagte er:
„Er ist nicht gestorben.“
Ich konnte nicht atmen.
„Was?“
Mein Vater sah zur Tür des Gewächshauses.
„Elias lebt.“
In diesem Moment vibrierte mein Handy.
Eine neue Nachricht.
Keine unbekannte Nummer.
Elias.
Darunter nur ein Satz:
„Wenn du wissen willst, warum Isabella dich heute töten musste, komm zum alten Hafen. Allein.“
Ich zeigte die Nachricht niemandem.
Noch nicht.
Denn unter dem Text befand sich ein Foto.
Elias stand darauf vor einem Lagerhaus.
Und neben ihm stand mein Sohn.
Doch das Foto war nicht aktuell.
Es war offensichtlich vor wenigen Stunden aufgenommen worden.
Ich sah auf die Uhr.
07:21 Uhr.
Mein Sohn war also nicht nur entführt worden.
Jemand hatte ihn dorthin gebracht, bevor der Angriff auf die Villa begonnen hatte.
Und plötzlich verstand ich etwas, das mir bisher entgangen war.
Der heutige Plan hatte nie davon abgehangen, dass ich in die Limousine stieg.
Die Limousine war nur dafür da gewesen, mich glauben zu lassen, ich hätte den Plan durchschaut.
Der eigentliche Köder war mein Sohn.







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