Für einen Moment glaubte ich, der Bildschirm müsse einen Fehler anzeigen. Ich starrte auf den Namen meines Bruders, bis die Buchstaben vor meinen Augen verschwammen.
Elias Morell.
Mein jüngerer Bruder war seit elf Jahren tot.
Zumindest hatte ich das geglaubt.
„Nein“, sagte ich.
Isabella bewegte sich nicht.
„Doch.“
„Elias ist bei dem Unfall gestorben.“
„Das war die Geschichte, die man dir gegeben hat.“
Ich drehte mich zu meinem Vater.
„Sag etwas.“
Er blieb still.
„Sag mir, dass das eine Lüge ist.“
Sein Schweigen war Antwort genug.
Ich schlug mit der Hand auf den Tisch. Der Ordner sprang auf, einige Blätter rutschten zu Boden.
„Ihr habt mich alle belogen.“
„Viktor—“
„Alle!“
Meine Stimme hallte durch den Keller. Irgendwo oben musste Sophie sie gehört haben. Sofort bereute ich es, so laut geworden zu sein.
Ich zwang mich zur Ruhe.
„Warum?“
Mein Vater sah auf den Bildschirm.
„Weil Elias nicht einfach dein Bruder war.“
„Was war er dann?“
„Derjenige, der wusste, wie tief alles ging.“
Isabella nahm die Videokassette.
„Wir sollten sie ansehen.“
„Du erklärst mir zuerst, warum du heute Morgen meinen Tod geplant hast.“
Sie schloss für einen Moment die Augen.
„Weil ich keine andere Möglichkeit mehr hatte.“
„Du hättest mich warnen können.“
„Dann hätten sie unseren Sohn genommen.“
„Wer?“
Sie sah mich an.
„Die Männer, für die Elias gearbeitet hat.“
Ich spürte einen Stich in der Brust.
„Mein Bruder hat für sie gearbeitet?“
„Nicht freiwillig.“
Mein Vater ging zum Bildschirm und stoppte die Aufnahme.
„Elias war vor elf Jahren dabei, eine Organisation zu zerstören, die größer war als alles, was du in Hamburg kennst. Er fand heraus, dass sie Menschen nicht nur mit Geld oder Drohungen kontrollierten. Sie sammelten Geheimnisse. Über Politiker. Geschäftsleute. Richter. Familien.“
Er deutete auf die Fotos an der Wand.
„Und über dich.“
Ich betrachtete die Bilder erneut.
Plötzlich ergaben die Aufnahmen einen anderen Sinn.
Nicht nur Überwachung.
Beweise.
„Was hat mein Sohn damit zu tun?“
Isabella antwortete diesmal.
„Elias hat etwas versteckt.“
„Was?“
„Eine Liste.“
„Welche Liste?“
Sie schwieg.
Ich trat näher.
„Welche Liste, Isabella?“
„Namen von Menschen, die für diese Organisation arbeiten. Und Beweise gegen sie.“
Mein Vater sagte leise: „Elias konnte die Liste nicht sicher außer Landes bringen. Also versteckte er sie dort, wo niemand danach suchen würde.“
Ich sah auf den Bildschirm.
„Bei meinem Sohn.“
„Nicht bei ihm“, sagte Isabella. „In ihm.“
Ich verstand es nicht.
Dann öffnete sie eine kleine Tasche und holte einen alten USB-Stick heraus.
„Bei der Geburt deines Sohnes wurde ihm ein winziger Datenträger unter die Haut implantiert.“
Ich starrte sie an.
„Was?“
„Es war kein medizinischer Eingriff, wie man dir gesagt hat.“
Meine Hände wurden kalt.
„Du willst mir erzählen, dass unser neugeborenes Kind als Versteck benutzt wurde?“
„Ich wollte es nicht.“
Ihre Stimme brach.
„Elias hat mich gezwungen.“
Ich sah sie an.
„Und du hast zugestimmt?“
Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Weil sie ihn sonst getötet hätten.“
„Wen?“
„Elias.“
Der Raum wurde still.
Ich dachte an die Beerdigung meines Bruders. An den Sarg. An die Blumen. An die Worte des Priesters. An meinen Vater, der damals keine einzige Träne vergossen hatte.
„Der Unfall“, sagte ich langsam. „Es gab nie einen Unfall.“
Mein Vater schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Ich ging zum Bildschirm.
„Dann wer ist in diesem Sarg gewesen?“
Mein Vater sah mich an.
„Ein Mann, dessen Gesicht nicht mehr zu erkennen war.“
Ich wich einen Schritt zurück.
Alles, was ich über meine Familie zu wissen glaubte, war plötzlich nichts mehr wert.
Isabella steckte den USB-Stick wieder ein.
„Viktor, wir haben nicht viel Zeit.“
„Warum?“
Sie sah zur Decke.
„Weil sie wissen, dass dein Vater zurück ist.“
In diesem Moment vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht.
Von einer unbekannten Nummer.
DU HAST FÜNF MINUTEN.
Darunter erschien ein Foto.
Sophie.
Sie stand im Garten neben René.
Hinter ihnen zwei Männer.
Einer hielt René am Arm.
Das zweite Bild kam sofort danach.
Mein Sohn.
Er saß allein in einem schwarzen Wagen.
Meine Finger begannen zu zittern.
„Wo ist er?“
Isabella trat näher.
„Ich weiß es nicht.“
Ich sah sie an.
„Dann finde es heraus.“
Mein Vater nahm mir das Handy aus der Hand.
„Nicht reagieren.“
„Sie haben meinen Sohn.“
„Genau darauf warten sie.“
Ich riss ihm das Telefon wieder aus der Hand.
„Dann sollen sie warten.“
Ich sah Markus an.
Er stand noch immer am Eingang des Kellers.
Doch sein Gesicht hatte sich verändert.
Er blickte nicht auf das Foto meines Sohnes.
Er blickte auf den USB-Stick in Isabellas Hand.
„Markus“, sagte ich langsam. „Warum siehst du den Stick an, als würdest du ihn kennen?“
Er antwortete nicht.
Ich ging einen Schritt auf ihn zu.
„Woher kennst du ihn?“
Markus senkte den Kopf.
Dann sagte er einen Satz, der alles veränderte.
„Weil ich ihn Elias vor elf Jahren gegeben habe.“
Plötzlich hörten wir oben das Gartentor aufbrechen.
Und Sophie schrie nach meinem Namen.







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